Alleingang über 100 Kilometer

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100 Kilometer – das ist schon mit dem Auto eine weite Strecke. Mit dem Rennrad kratzt diese Entfernung bei mir an der Leistungsgrenze und damit auch an der Grenze zum Spass haben. Trotzdem will ich es mal wieder wissen. Im Alleingang nehme ich eine Runde über den Ratenpass, hinunter nach Zug und zurück über Steinerberg in Angriff. 

Bisher habe ich das nur einmal geschafft, als wir über den Berninapass und Livigno nach Zernez eine super Tour gemeinsam gefahren sind. Alle anderen Touren endeten immer knapp vorher – auch wenn die Höhenmeter bei diesen Touren teilweise durchaus beachtlich waren.

100 Kilometer sind schon mit dem Auto weit

Nachdem das verregnete Wetter der Pfingsttage der Vergangenheit angehört muss ich nicht lange überlegen, was ich an diesem Tag unternehmen will – draussen und natürlich auf dem Velo unterwegs sein. Falko fällt leider immer noch aus und so starte ich meine kleine Challenge alleine.

Als Streckenvorlage dient mir mein Arbeitsweg plus ein paar Umwege für den Rückweg, um sicher zu gehen, dass ich auf die angepeilten 100 km kommen. Laut Google Maps ist die Strecke 103 km lang – also los!

Nach dem gemeinsamen Frühstück auf dem Balkon und Routen-Check rolle ich erst einmal bergab zum Sihlsee, weiter auf der Willerzeller Seite entlang, übers Viadukt und muss dann das erste mal für ein paar Meter nach Birchli hinauf treten. Alles super, nicht all zu viel los und auch das Wetter meint es gut mit mir. Sonne, Wolken, nur leichter und vor allem erfrischender Wind. Richtung Einsiedeln ist dann wie immer viel los an den Wochenenden und ich die vielen fahrtechnisch extrem begabten Klosterbesucher versetzen mich in höchste Alarmbereitschaft. Weiter geht’s durch die neue Unterführung bei der Milchmanufaktur vorbei, durch den Kreisverkehr hinüber zu den Schanzen Einsiedeln, um dann den ersten Anstieg nach Schnabelsberg hinauf zu strampeln. Der Blick über Einsiedeln sowie die Tatsache, dass ich mir die langweilige Kantonsstrasse nach Biberbrugg erspare, ist allerdings die Mühe wert.

An den Schanzen Einsiedeln vorbei nach Schnabelsberg

Die Abfahrt nach Bennau ist leider nur kurz und schon bin ich in Schwyzerbrugg und am Abzweig zum Ratenpass. Hier wartet der zweite Anstieg meiner Tour. Mit seiner moderaten Steigung ist der Ratenpass richtig schön zu fahren. Auch der Besucherverkehr hält sich gerade in Grenzen – wahrscheinlich sind die Ausflügler jetzt alle beim Z’mittag. Oben angekommen gibt es für mich einen kurzen Wasser-Müsliriegel-Stopp, bevor ich die Abfahrt über Alosen nach Ägeri unter die Reifen nehme.

In Oberägeri hätte ich die Chance, meine Tour ganz einfach auf 70 km zu verkürzen und über Morgarten nach Sattel zu fahren. Im Moment fühlen sich meine Beine aber noch fit an und so beschliesse ich an der Kreuzung bei der Kirche nach rechts Richtung Unterägeri und Zug abzubiegen und tatsächlich die 100 km zu wagen.

100 Kilometer – scheint irgendwie machbar

Am Ägerisee entlang und auf einer kleinen Nebenstrasse lege ich die nächsten Kilometer ohne grosse Höhenmeter zurück. Das enge und übersichtliche Stück durch Neuägeri kann ich leider nicht umgehen, bevor ich nach Allenwinden abbiege. Mit diesem kleinen Abzweiger umgehe ich die vielbefahrene Ägeristrasse und die Lorzentobelbrücke. In wenigen Minuten habe ich den kleinen Ort oberhalb von Zug erreicht und kann die aussichtsreiche Abfahrt geniessen, bevor ich wieder auf die Ägeristrasse stosse und kurz darauf das Ortsschild von Zug in der Abfahrt passiere.

Am Kolinplatz (gibt es eine noch chaotischere Kreuzung?) biege ich nach links und gebe ein bisschen Gas, dass ich schnellstmöglich aus dem Stadtgewusel herauskomme. Auf der Artherstrasse fahre ich genau dort hin, was der Name schon verrät – nach Arth. Bei der Strecke am Zugersee entlang geniesse ich die flache und aber aussichtsreiche Fahrt, vorbei an Ober- und Walchwil. In Arth schlage ich den Weg Richtung Tierpark ein und muss auf dem Weg dorthin endlich die nächsten Höhenmeter in Angriff nehmen. Kurz nach dem Parkplatz des Tierparks Goldau nehme ich die Strasse nach Steinerberg, um noch ein paar weitere Höhenmeter zu sammeln. Nach einem lichten Waldstück zieht die Strasse durch offenes Wiesengelände und ich komme in der Vormittagssonne ordentlich ins Schwitzen.

In Steinerberg brauche ich eine kleine Schattenpause, zudem ist mal wieder ein Müsliriegel fällig und auch meine Flasche muss ich auffüllen, bevor ich weiter Richtung Ecce Homo fahre. Wer mehr über den speziellen Namen dieses winzigen Dörfchens wissen möchte findet bei Wikipedia eine kurze Erklärung.

Mit müden Beinen durch Sattel

Mehr als barocke Kapellen interessieren mich im Moment aber die noch vor mir liegenden Höhenmeter, die ich bewältigen muss. Meine Beine fühlen sich mittlerweile gar nicht mehr so fit an, wie noch in Ägeri und ich muss schon ein bisschen kämpfen, um die (nicht all zu steilen) Anstiege hinauf zu kommen. Immer wieder ärgere ich mich über meine sinnfreie Idee, heute 100 km fahren zu wollen. Aber daas ist jetzt auch nicht mehr zu ändern – also heisst es: weiter treten! Während ich irgendwie versuche weiter vom Fleck zu kommen sinniere ich über die Frage nach, was wohl anstrengender ist – Kilometer oder Höhenmeter. Zu einem Schluss komme ich allerdings nicht wirklich, im Moment scheint mir beides unerträglich.

Als ich endlich in Sattel ankomme, fahre ich auf die grosse Hauptstrasse Richtung Rothenthurm. Ich mag die Strasse (zumindest in diese Richtung – also bergauf) nicht all zu gerne. Zwar hat sie zu Beginn einen Velostreifen, sobald die Strasse aber zweispurig wird, fällt dieser Weg und die Autos ziehen frisch fröhlich an mir vorbei, teilweise in haarsträubend geringen Abständen zu meinem Lenker. 1.5 m Abstand, liebe Leute!

In Rothenthurm angekommen lege ich am Bahnhof nochmals eine kleine Pause ein. Meine Beine sind entsetzlich schwer und jeder Tritt ist mittlerweile richtig anstrengend. Und ich weiss genau, wie weit es noch bis nach Hause ist – das macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Denn diesmal bin ich alleine unterwegs und habe keinen Falko an meiner Seite, der mir motivierend seinen Lieblingssatz unter die Nase reibt: „Es ist ja nicht mehr weit!“

Wieder zurück zur Ratenpassstrasse

Kurz nach dem Café Turm biege ich nach links ab, überquere die Bahngleise und fahre am Rand des Hochmoors von Rothenthurm auf einer kleinen, abgelegenen Strasse weiter. Vorbei am Steinstoss Stübli und nach einem kurzen Anstieg erreiche ich die Ratenpassstrasse. Diesmal kann ich sie aber mehr geniessen als noch vor ein paar Stunden. Ich rolle bergab Richtung Schwyzerbrugg und geniesse den Fahrtwind – eine kurze und dringende Erholungspause für meine müden Beine.

In Biberbrugg gelange ich auf die Kantonsstrasse, die mich Richtung Einsiedeln und Ybrig bringt. Noch knappe 20 km sind es jetzt bis nach Hause – eine endlos scheinende Distanz, wenn die Muskeln schon so müde sind. Und ein paar Höhenmeter sind da ja auch noch zwischen hier und meiner Haustür!

Via direttissima am Sihlsee

Mein Weg führt mich direkt über die Guggusstrasse nach Birchli, die Extrarunde um den Sihlsee fällt heute aus. Durch Gross und immer weiter am Sihlsee entlang komme ich meinem Ziel langsam aber sicher näher. Für den Anstieg nach Unteriberg brauche ich zwar eine gefühlte Ewigkeit, aber irgendwann bin ich auch dort angekommen und kann nach Oberiberg abbiegen.

Für die letzte Steigung nach der Jessenenbrücke hinauf nach Oberiberg habe ich heute wirklich keine Ambitionen mehr. Einziges Ziel – ankommen, egal wie! Mit müden Beinen, der Vorfreude auf eine entspannende Dusche und mordsmässigem Hunger komme ich endlich zu Hause an.

Eine schöne Tour, mit der ich die – für mich kritischen – 100 Kilometer auf dem Rennrad einmal mehr geknackt habe und die ich sicherlich auch morgen noch kräftig in meinen Beinen spüren werde!

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