Licht und Schatten in Venedig

#storyReise

Nachdem man so vieles über Venedig hört, haben wir uns im Juni 2017 auch zu einem Besuch in der Lagunenstadt entschlossen. An- und Abreise, Unterkunft und unser Programm haben wir uns selber zusammengestellt und überlegt. Insgesamt haben wir drei Tage in und um Venedig verbracht, plus zwei Tage für die An- und Abreise. Für die Übernachtung haben wir uns nach einigem Suchen gegen eine Unterkunft direkt in Venedig entschieden, sondern uns ein Zimmer im LaGare Hotel Venezia auf Murano genommen. Murano ist eine der kleinen Nebeninseln von Venedig und für seine Glasbläser-Kunst berühmt.

Aber der Reihe nach …

24. Juni: Anreise und erste Erkundungen auf Murano

Morgens um vier Uhr geht es los – eine Stunde, nachdem der Wecker uns unsanft aus dem Schlaf gerissen hat. Via Gotthard-Tunnel, der uns zu dieser frühen Stunde zum Glück vom Stau verschont, erreichen wir das Tessin und alsbald die Grenze bei Chiasso zu Italien. Noch sind die Temperaturen relativ angenehm und wir können es recht entspannt bis nach Mailand angehen lassen. Diese Entspanntheit ändert sich allerdings schlagartig, als wir die italienischen Autobahnen befahren und uns erst einmal an den Fahrstil (oder besser „Fahrstil“) unserer südlichen Nachbarn gewöhnen müssen. Es gibt zwar ein Tempolimit (lautes Gelächter), aber das ist wohl eher Makulatur.

Via Bergamo und Brescia, Gardasee und Padua erreichen wir nach rund fünf Stunden Fahrt bei Mestre unseren Zielpunkt und vertreiben uns die Zeit mit einem Spaziergang bei einer schier unerträglichen Hitze im Parco San Giuliano. Unseren bereits im Voraus gebuchter Parkplatz am Flughafen Marco Polo können wir erst in rund einer Stunde benutzen, und so können wir vom Ufer der Lagune einen ersten Blick auf Venedig werfen. Rechts von uns führt der Damm mit Strasse und Bahnlinie in die Stadt, über uns steuern im Minutentakt Flugzeuge den nahe gelegenen Flughafen an. In uns kochen 35° Celsius Hitze und was in den in vollem Tempo joggenden Mann gefahren ist, darüber kann man nur spekulieren.

An der Schranke wird unser Kennzeichen am Auto tatsächlich erkannt und wir steuern einen Parkplatz unter einem der wenigen Bäume an, um dem Auto wenigstens ein bisschen Schatten zu gönnen. Dann schultern wir unsere extra kompakt gepackten Gepäckstücke (die sich auf einen kleinen Rucksack und eine gelbe Expeditions-Reisetasche beschränken) und machen uns auf den Fussweg zum Bootsterminal, wo uns um 12.30 Uhr das vorbestellte Shuttle vom Hotel abholen soll. Das klappt auch reibungslos und kurze Zeit später legt das rund 8 m lange Boot vom Terminal ab, mit uns und noch einer kleinen Gruppe anderer Gäste aus Südtirol an Bord.

Durch eine Wasserstrasse, immer zwischen einer Reihe von Pfählen hindurch, geht die Fahrt für rund 20 Minuten nach Murano. Immer wieder kommen uns andere Taxis und Shuttles oder auch Linienschiffe entgegen – und hier gilt offenbar durchaus: wer schneller ist, ist der Bessere. Unser Capitano legt stellenweise einen Fahrstil zutage, dass es einem Angst und Bange werden könnte. Spannend sind immer die Momente, wenn uns ein Boot entgegen kommt. Das Ausgleichen der Wellen hinter dem entgegenkommenden Fahrzeug klappt nicht immer reibungslos und so krachen wir das ein oder andere Mal mit hoher Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche auf, um danach in fragiler Schräglage wieder an Fahrt zu gewinnen. Diese Wassertaxis erreichen auch durchaus ansehnliche Geschwindigkeiten, so dass es durchaus ratsam ist, sich entsprechend festzuhalten.

Als wir dann aber in den Canale Grande von Murano einbiegen, muss sich auch unser Speedy Gonzales an die geltenden Tempolimits halten. Beschaulicher geht’s nun die letzten Meter unter der Ponte Longo entlang bis an den Anleger kurz neben dem Hotel. Nach einem schwungvollen Anlegemanöver können wir ins Hotel gehen und einchecken. Da unser Zimmer aber noch nicht fertig ist, verstauen wir unser Gepäck und machen uns auf, Murano ein bisschen zu erkunden.

Bei brütender Hitze schlendern wir durch die kleinen Gassen und über einige der vielen kleinen Brückchen. Murano ist mit knapp 5000 Einwohner nicht besonders gross und wirkt auf den ersten Blick recht malerisch. Trotzdem sehen viele der Häuser recht heruntergekommen aus und könnten einen neuen Anstrich und diverse Restaurierungsarbeiten ganz gut vertragen. Wie wir aber in den nächsten Tagen sehen werden, ist das leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel …

Als uns die Hitze zu schlimm wird und sich langsam auch die leeren Mägen bemerkbar machen, suchen wir in einer kleinen Trattoria mit schattigem und ruhigem Innenhof Schutz und mampfen Tortellini und Insalata Caprese. Hier lässt es sich aushalten und so machen wir auch nicht viel mehr, bis wir später unser Hotelzimmer beziehen können. Den Abend lassen wir gemütlich mit Spaziergängen über die kleine Insel und bei einer Pizza in der sehr gemütlichen Osteria Al Duomo ausklingen. Auch hier können wir wieder gemütlich in einem schattigen Hof speisen und hervorragende Pizza essen.

25. Juni: Joggen, Gewitter und erste Venedig-Eindrücke

Der Morgen erwartet uns mit düsterem Himmel und etwas erträglicheren Temperaturen als gestern. Wir sind früh auf und machen uns noch vor dem Frühstück auf, bei einer Joggingrunde die Insel besser kennen zu lernen. Auf einer verwinkelten Tour durch die wie ausgestorben daliegenden Gassen, Brücken und Kanäle schaffen wir es mit Ach und Krach, eine rund sechs Kilometer lange Runde hinzubekommen. Aber es geht ja auch überhaupt nicht um Geschwindigkeit oder Distanz, sondern einfach nur darum, sich etwas zu bewegen und die etwas kühleren Morgentemperaturen für sportliche Aktivitäten zu nutzen. Es ist aber auch einfach schön, wenn es so ruhig und menschenleer ist. Nur ein paar Muraner (oder Muranesen? Gefällt mir persönlich besser) führen ihre Hunde spazieren, die sich hier aber im Gegensatz zu vielen Schweizer Kötern einen Dreck um Jopgger scheren. Braves Getier.

Nach einem Frühstück im Innenhof des Hotels schnappen wir uns unseren Rucksack, nehmen die gestern schon erworbenen Busfahrkarten und steigen in den Bus ein, der direkt vor dem Hotel abfährt. Bus bedeutet in Venedig, dass man in ein Vaporetto steigt, eines dieser teils recht klapprig wirkenden Boote, die im Linienverkehr Venedig und die umliegenden Inseln verbinden. Dann geht es gemütlich von Haltestelle zu Haltestelle. Wir haben uns entschieden, bis zum Bahnhof („Ferrovia“) zu fahren. Dort steigen wir aus dem Boot aus – und befinden uns in der Hölle. Zumindest ich empfinde das so, was wohl auch daran liegen mag, dass ich Ansammlungen von mehr als drei Personen als Menschenmassen bezeichne. Und ein Bahnhof ist natürlich ohnehin nicht gerade ein wenig besuchter Ort, aber hier ist schon durchaus ordentlich was los. Aber da wir uns nicht stressen müssen und viel Zeit haben, schlendern wir gemütlich im Strom der Japaner Touristen in Richtung Kreuzfahrtterminal. Nicht, weil da noch mehr Menschen sind, sondern weil Klein-Falko natürlich erst einmal Schiffchen gucken muss. Manche Angewohnheiten legt man auch als Erwachsener nicht ab. Neben einem Aida-Schiff (das sind die mit dem besoffenen Schiffsdesigner und dem albernen Kussmund am Bug) hat es auch ein Schiff der Costa-Reederei in den Hafen geschafft (alle Achtung! ), in zweiter Reihe türmen sich noch andere Schiffe in den Himmel auf. Wenn man bedenkt, dass auf solchen Schiffen schnell mal 3000 – 5000 Gäste an Bord sind und Venedig wahrscheinlich nur wenige Tage in der Saison ohne Kreuzfahrtschiffe auskommt, ahnt man schon, was sich in den nächsten Stunden bestätigen wird.

Anschliessend schlendern wir wieder in Richtung Stadt, erneut an der modernen Ponte della Constituzione vorbei und auf der südlichen Seite des Canale Grande entlang. Wir halten uns erst einmal am Ufer und beobachten das Gewusel der Vaporettos, Taxis, Gondeln und sonstigem fahrfähigen Material auf dem Kanal. Das was in der Seeschifffahrt Seemeilen als Abstand zwischen Schiffen sind, sind hier die gleichen Zahlen, allerdings in Zentimetern gerechnet. Es ist ein unablässiges Gehupe (und wahrscheinlich auch Gefluche), alles drängt sich hier entlang und das Wasser im Kanal ist aufgewühlt wie der Skagerak in einem Wintersturm.

Nach einer Weile verlassen wir dieses Treiben und biegen rechts ab, hinein in eine der engen, kleinen Gassen, die teilweise auf Gehwegen neben kleine Kanälen entlang führen. Wir befinden uns hier im Stadtteil San Polo und bewegen uns grob in Richtung Campo San Polo. Interessant ist, dass es einige Stellen und Ecken gibt, die offenbar auf den üblichen Touristenrouten liegen und wo man sich mit vielen anderen Besuchern der Stadt im Schneckentempo durch die Gassen schiebt. Biegt man dann aber einfach mal irgendwo ab und verliert sich in den vielen kleinen und verzweigten Wegen, ist man ruckzuck völlig alleine.

In einer kleinen Bäckerei kaufen wir uns zwei mit hervorragendem Schinken belegte Semmeln und lassen uns kurz darauf an einem kleinen Kanal nieder. Hier können wir in Ruhe zu Mittag essen und die ersten Eindrücke Revue passieren lassen. Auffallend waren die vielen heruntergekommenen Häuser – was auf der Vorderseite vom Canale Grande noch zumindest teilweise recht nett aussah, entpuppte sich bei näherem Hinsehen oftmals als vollkommen in die Jahre gekommene Fassade. Viele Häuser scheinen leer zu stehen, der Putz bröckelt wo man nur hinschaut und die ganzen Gebäude sind in einerm erbärmlichen Zustand. Dieser Eindruck nimmt nur noch mehr zu, sobald man in die kleinen Gassen einbiegt. Das erinnert irgendwie stark an Gebäude in den neuen Bundesländern in Deutschland, die seit der Wiedervereinigung keine Pflege oder Restaurierung mehr gesehen haben. Eigentlich müsste Venedig doch durch die Unmengen an Touristen im Geld schwimmen, sollte man meinen. Aber vielleicht sind ein Grossteil der Besucher eher Tagestouristen und die lassen sicherlich nicht besonders viel Geld liegen, speziell die Kreuzfahrttouristen haben ja durch den Zeitdruck quasi keine Zeit, um Geld ausgeben zu können.

Nach unserer kleinen Mahlzeit setzen wir den Weg fort und marschieren kreuz und quer durch das Stadtviertel San Polo, bis wir schlussendlich wieder am Canale Grande herauskommen und mit dem Vaporetto zwei Stationen fahren, um auf die nördliche Seite des Kanals zu kommen. Über den Canale Grande führen nicht viele Brücken und wir befinden uns jetzt an einer Stelle, wo es keine Brücke in direkter Nähe gibt. An der Gallerie dell‘ Accademia vorbei fahren wir bis zum Anleger S. Maria del Giglio. Hier steigen wir bereits wieder aus der Linie 1 aus und lassen uns weiter treiben in Richtung San Marco. Man merkt durchaus, dass wir uns jetzt den touristischen Highlights von Venedig nähern. Die Menge an Menschen nimmt stetig zu, die Anzahl an Schirmen und Reisegruppen ebenso. An den Seiten reihen sich die üblichen Geschäfte auf (mit unserer Meinung nach völlig unnötigem Krempel à la Prada, Gucci & Co.) und man hat den Eindruck, dass viele froh sind, sich in bekannten Sphären zu bewegen. Mir ist das nicht ganz klar, denn bis auf die vereinzelten Kanäle könnte das auch die Innenstadt von Stuttgart oder was auch immer sein, aber gut. Geschmäcker sind verschieden.

Diese Tatsache bestätigt sich denn auch gleich wieder, als wir vor einem von aussen ziemlich dürftig aussehenden Schuppen stehen, der aber aus irgendeinem Grund von vielen Menschen fotografiert und beobachtet wird. Das Gebäude sieht aus wie ein Plattenbau in der ehemaligen DDR, wunderschön in tristem beige/grau gehalten. Davor tummeln sich Unmengen von Gondelführern und Touristen und ein Blick auf das Schild belehrt uns, dass wir es hier mit dem Hotel Bauer zu tun haben. Das ist so ungefähr das beste Haus am Platz – wobei wir uns wirklich fragen, wie es mit diesem Aussehen zu dieser Ehre kam?! Da würde man doch nicht einmal mit einem Gutschein absteigen, denken wir uns und schieben uns an Omega, Cartier und anderen Geschäften vorbei, bis wir kurz darauf in einem Säulendurchgang stehen, der in der riesigen Piazza San Marco mündet. Rechterhand steht der rötliche Campanile di San Marco, auf dem Platz stehen tausende Menschen und wir bleiben gar nicht erst gross stehen, sondern flüchten vor dem Rummel in eine Seitengasse, die uns eher wieder nördlich weg von diesem Disneyland bringt. Wir haben beschlossen, dass wir morgen direkt nach dem Frühstück hierher fahren wollen und dass es dann vielleicht etwas weniger voll ist. Denkste.

Jetzt sieht man uns erst einmal in Richtung Rialto-Brücke gehen, wobei wir uns natürlich wiederum erst einmal durch viele kleine Gassen und über ein paar Brücken bewegen müssen. Auch hier gilt wieder: wenn die Menge der Menschen zunimmt, ist man auf dem richtigen Weg. Vom Fähranleger Rialto, bei dem wir wieder den Canale Grande erreichen, hat man einen guten Blick über die wohl berühmteste aller venezianischen Brücken. Da wir von Baukunst ungefähr so viel verstehen wie von dem Züchten von Koi-Karpfen, ist es für uns mehr oder weniger nur eine weitere Brücke. Sicherlich ganz nett, vor allem die vielen Souvenirläden in der Mitte, aber letzten Endes kommt man von einer Kanalseite auf die andere. Hauptproblem ist sowieso, dass man mehr Menschen als Brücke sieht. Nachdem wir uns unseren Weg gebahnt haben, beschliessen wir unweit der Rialtobrücke, uns etwas zu Trinken zu gönnen und das ganze Gewusel mit sicherem Abstand zu betrachten. Direkt am Kanal finden wir eine Bar, wo wir uns hinsetzen und gerade rechtzeitig vor dem sich anbahnenden Gewitter eine Cola und einen Kaffee zu uns nehmen können. Als es anfängt zu regnen, flüchten wir unter die Arkaden des Gebäudes, es gibt aber auch andere, die einfach unter dem Schirm weiter essen. Geht natürlich auch.

Nachdem wir uns überlegt haben, wie es weitergehen soll, beschliessen wir, erneut mit einem Vaporetto auf die andere Kanalseite überzusetzen. Vom Anleger Rialto Mercato fahren wir also mit der überfüllten 1 hinüber zu Ca d’Oro und schlagen uns erneut in die Büsche Häuserschluchten. Wir kreuzen kurz darauf die Strada Nova und sieh da – der McDonalds hat es auch schon bis hierher geschafft. Und gut besucht ist er obendrein. Ist ja auch wirklich schwierig, in Italien etwas gutes zu Essen zu finden. Wir überqueren die wiederum sehr touristische Gasse nur und verschwinden gleich auf der anderen Seite wieder. Uns immer nördlich haltend, erreichen wir nach einigen weiteren kleinen Brücken und ruhigen Gassen die Chiesa dei Guiti, eine katholische Kirche mit interessanter Architektur: die Vorderseite ist pompös und mit vielen Ornamenten verziert, die drei anderen Seiten sind – naja. Sagen wir mal, sie existieren. Sonst wäre es ja nur eine Wand. Aber das scheint ein Stil zu sein, der sich durch ganz Venedig hindurch zieht.

Wir erreichen nun aber erst Fondamente Nove und springen auf das nächste Kursschiff, welches uns zurück nach Murano bringt. Dort steigen wir am Terminal Murano Colonna aus und laufen die Fondamente dei Vetrai entlang. Dort gibt es nämlich nach ein paar Häusern auch eine Gelateria. Kurz darauf sieht man uns also mit einem kleinen Eisbecher am Kanal stehen, wo wir uns über die Glaskunst von Murano unterhalten. Davor waren wir nämlich noch kurz in einem der unzähligen Glasläden und haben die teilweise schon tollen Kunstwerke bestaunt, die hier entstehen. Teilweise auch zu recht ambitionierten Preisen.

Nachdem wir dann endlich wieder das Hotel erreicht haben, machen wir uns einen gemütlichen Nachmittag und schlurfen Abends wieder in unsere Pizzeria von gestern, wo wir den Tag bei einem guten Essen ausklingen lassen.

26. Juni: Der Westen von Venedig und etwas Grabesstimmung

Erneut fahren wir heute mit dem Vaporetto vom Hotel aus los, dieses Mal aber in die andere Richtung. Das Boot bringt uns um San Pietro di Castello herum, am Hafengelände von Arsenale vorbei, bis zum Anleger Arsenale. Hier steigen wir aus und stürzen uns ins Getümmel. Wir wollen heute nochmal kurz einen Abstecher zum Dogenpalast und San Marco machen, gestern haben wir ja nur einen kurzen Blick erhaschen können. Bevor wir dort hinlaufen, machen wir aber einen kurzen Stop bei einem dieser grauenhaften Souvenirhändlern (ich schäme mich auch dafür), wo ich mir eine Mütze kaufe. Die Sonne brennt heute dermassen vom Himmel, dass es einfach nur unangenehm ist, wenn man nichts auf dem Kopf hat.

Nachdem dieses Problem behoben ist und ich eine schicke, beige-farbene Kappe auf dem Kopf habe (um noch mehr wie einer dieser in Venedig so beliebten Touristen auszusehen), tauchen wir noch eine schäbige Nebengasse ein, wo eine Toilette angezeichnet war. In Venedig gibt es immer wieder an verschiedenen Stellen öffentliche Toiletten, die für einen kleinen Obulus halbwegs saubere WC’s bieten. Einmal pinkeln macht 1.50 €, bitte.

Nun also der Palazzo Ducale. Reich verziert und monumental erhebt sich das Ding direkt über dem Canale Grande. Nur: man sieht eigentlich von hier gar nicht so viel. Es ist ein bisschen, wie wenn man auf dem Matterhorn steht: man sieht das Matterhorn nicht mehr im Panorama. Aber es ist trotzdem ganz interessant. Zwischen Horden von asiatischen Touristen versuchen wir, etwas weiter voran gehen zu können. Ich will mich ja wirklich nicht auf bestimmte Rassen, Volksgruppen oder sonstige Kategorisierungen einschiessen, aber kann es sein, dass japanische Touristen mühsam sind? Die Rücksichtslosigkeit, die wir teilweise mitbekommen haben, ist schon beeindruckend. Dass sie nur zwei Wochen Jahresurlaub haben ist traurig – nur interessiert das hier halt niemanden. Da sollten sie ihre Hektik vielleicht irgendwie in den Griff bekommen.

An der Nationalbibliothek vorbei gelangen wir erneut in Richtung Hotel Bauer. Wir biegen aber kurz davor ab und machen noch einen Abstecher zur Piazza San Marco. Wir überqueren den riesigen Platz und halten uns dann wieder in Richtung Canale Grande. Am Ufer entlang geht es nun ostwärts in Richtung Arsenale. Wir biegen in die Via Giuseppe Garibaldi ein, die im vorderen Teil ein zugeschütteter Kanal ist. Hier ist es deutlich ruhiger (man merkt, dass man sich abseits der Touristenmagneten befindet, und sei es nur wenige hundert Meter) und wir schlendern die breite Strasse entlang. Unter anderem halten wir langsam Ausschau nach etwas Essbarem, da es mittlerweile 12 Uhr ist und sich unsere Mägen bemerkbar machen. Nach zwei Dritteln der Strasse fängt das Wasser wieder an und wir streifen auf der rechten Seite des Kanals weiter in Richtung San Pietro di Castello, einer kleinen Insel mit wenigen Häusern. Hier befinden wir uns aber auch in reinen Wohngebieten und so kehren wir um, marschieren wieder retour und setzen uns in ein kleines Restaurant, La Nuova Perla, direkt vorne am Canale Grande, aber trotzdem an einer ruhigeren Ecke. Man hat eine schöne Aussicht auf den Kanal, sitzt aber dank grosser Sonnenschirme trotzdem im Schatten. Anders ginge es bei dieser Hitze auch fast gar nicht.

Nach einem entspannten Mittagessen spazieren wir in Richtung Parco della Rimembranze, eines der wenigen grünen Fleckchen in Venedig. Hier spenden grosse Bäume Schatten und es gibt viele gemütliche Bänke und einen Haufen Mücken. So währt unser Ausflug auf eine der Bänke nur kurz und wir machen uns wieder auf den Weg zurück ans Ufer, wo wir am Anleger St. Elena das nächste Vaporetto besteigen und uns von ihm südlich von Guidecca entlang, am Kreuzfahrtterminal vorbei zurück in Richtung Murano bringen lassen.

An der Friedhofsinsel Cimitero di San Michele steigen wir allerdings nochmal aus und verbringen einige Zeit auf diesem speziellen Friedhof. Die ganze Insel wird quasi nur dafür genutzt und bietet eine willkommen Ruhe zum Rummel in Venedig. Neben vielen klassischen Gräbern gibt es auch einige (für uns) unbekannte Formen, die wie riesige „Schubladen“ aufgebaut sind und teilweise mehrere Meter hoch sind. Auch viele Familiengräber, einige eher Häuser als Gräber, sind zu sehen. Hauptsächlich geht es uns aber um Schatten und Ruhe und davon finden wir hier glücklicherweise einiges.

Nach der Rückfahrt auf Murano und dem obligatorischen Eis geht es wieder ins Hotel und am Abend in die Trattoria Au Vetrai da Adino, die direkt an einem kleinen Kanal liegt. Hier gönnen wir uns mal ein Essen jenseits von Teigwaren und Pizza und Marina wagt sich sogar an ein Stückchen Fisch! Das ist aussergewöhnlich, deshalb muss ich das hier unbedingt erwähnen.

27. Juni: Von Murano nach Burano und zurück

Wieder starten wir unseren Tag mit einer schwülwarmen Joggingrunde (die Strecke ist doch jedes Mal ein wenig anders, weil man immer neue Gässchen entdeckt), bevor uns das Schiff zum Anleger San Marco bringt (eine Station weiter als gestern). Dort warten wir eine gefühlte Ewigkeit auf die Linie 1, die uns nur ein oder zwei Stationen weiter auf die andere Seite zum Anleger Salute bringen soll. Das Schiff ist gerammelt voll und wir können beobachten, dass das Personal auch nicht zimperlich mit Personen sind, die sich doch noch wider den Anweisungen auf’s Schiff bewegen wollen. Überhaupt ist hier einiges spannendes zu beobachten. Eine dicke Frau direkt neben uns ist unentwegt damit beschäftigt, mit einem Selfie-Stick Fotos von sich zu schiessen. Davor wird jedes Mal die Frisur gezupft und weitere wichtige Tätigkeiten ausgeführt. Ich frage mich wirklich, wie egozentrisch diese ganzen Selfie-Stick-Vögel eigentlich sind. Fahren die irgendwo hin, um sich dort etwas anzuschauen oder fahren die irgendwo hin, um dann anderen zu zeigen, dass sie dort waren/sind??? Wen interessieren denn solche Fotos? Zum Beispiel eben die (wirklich nicht besonders ansehnliche) dicke Frau hier! Was sollen das für Bilder sein? Schwein mit Perücke und rosa Kleid vor einem Haus, Schwein mit Perücke und rosa Kleid vor einer Kirche, und so weiter und so fort. Ob man im Hintergrund überhaupt noch etwas erkennen kann, ist wohl höchst fraglich und man könnte sicherlich auch einfach ein Poster mit ein paar Venediger Motiven im Hintergrund aufhängen. Wie man unschwer erkenne kann: ich halte von Selfie-Touristen wenig. Und das ist noch zu viel.

Nachdem wir dem Gedränge auf dem Schiff endlich entfliehen können, laufen wir um die Spitze und die Punta della Dogana herum und setzen unseren Weg auf der Fondamente Zattere Allo Spirito Santo in westlicher Richtung fort. Hier ist es wieder ruhiger und wir laufen bis zum Anleger S. Basilio, wo wir gerade gleichzeitig mit einem Vaporetto eintreffen und so unseren Spaziergang mit einer Fahrt bis zum Bahnhof Venedig fortsetzen können. Hier steigen wir wieder aus und machen uns auf ins jüdische Viertel. Erst halten wir uns aber noch etwas nach links und streunen durch die Gassen, bis wir an das nördliche Ende von Venedig stossen und auf’s Wasser und Murano blicken können. Dann geht es via Fondamente Carlo Coletti für lange Zeit an einem Kanal entlang. Die Häuser hier sind fast in einem noch schlechterem Zustand und man bekommt den Eindruck, sich im ärmeren Viertel von Venedig zu befinden. Wobei das in ziemlicher Relation zum Zustand der Gebäuen in anderen Teilen der Stadt gesehen werden muss. Eigentlich ist da nichts mehr malerisch und schön, eigentlich ist es einfach nur heruntergekommen und dreckig.

Wir fühlen uns hier zumindest nicht besonders wohl und sind insgesamt froh, als wir nach einem Mittagessen in einer Pizzeria wieder aus der Innenstadt heraus und erneut am Anleger Fondamente Nove ankommen. Das Mittagessen war auch nicht gerade ein Hit, speziell der Kellner hatte ein sehr spezielles Verständnis von Freundlichkeit. Nun warten wir hier auf das Schiff, welches uns zur Insel Burano bringen soll. Diese eher kleine Insel liegt einige Kilometer entfernt und ist recht ruhig und von ländlichem Charakter. Mit dem Schiff, welches wieder einmal sehr voll ist, geht es für rund eine halbe Stunde durch die Lagune. Auf der Insel Mazzorbo steigen wir fast als einzige aus und sind froh, wieder mal eine Zeit lang unsere Ruhe zu haben. Hier gibt es nur einige wenige Häuser, dafür aber einen schönen Weg am Wasser entlang, mit schattigen Bänken und Aussichten auf die Lagune, Venedig am Horizont und Rentner in ihren Yachten, die sich die Bäuche bräunen.

Über einen Steg gelangen wir auf die eigentliche Insel Burano, die vor allem durch ihren schiefen Kirchturm auffällt. Das scheint übrigens auch insgesamt ein Merkmal von Venedig und seinen Inseln zu sein: Teilnahme am Wettbewerb „Welcher Kirchturm bleibt am längsten in Schieflage stehen?“. Der auf Burano hat gute Chancen auf den ersten Platz. Wir schlendern durch die Gassen, die voll sind mit Menschen (ja, hier sind dann wieder alle von den Kursschiffen) und bunten Häusern. Burano hat gegenüber Venedig zumindest äusserlich an den vielbesuchten Stellen etwas Farbe bekannt und wirkt dadurch für uns schöner als die tristen grau-braunen Bauten in der Stadt selber. Nichtsdestoweniger merkt man auch hier, dass vielerorts nur der äussere Schein gewahrt werden soll und bereits wenige Gassen weiter ist alles wieder beim alten.

Nach der Rückfahrt nach Murano folgt dann der letzte Besuch in der Gelateria, ein weiteres gutes Abendessen beschliesst unseren Urlaub. Am nächsten Vormittag geht es nach einer weiteren Jogging-Runde und einer etwas ruhigeren Shuttle-Überfahrt zurück an den Flughafen und wieder nach Hause.

Was bleibt, sind viele Bilder und zwiespältige Gefühle über den Besuch in Venedig. Dass die Stadt eine einzigartige Lage hat und durch ihre vielen Kanäle und dem damit verbundenen Verkehrssystem ein Alleinstellungsmerkmal besitzt, steht ausser Frage. Dass sie aber vollkommen überlaufen ist, zumindest an all den „typischen“ Touristenzielen und dadurch offenkundig extrem leidet, ist auch nicht zu übersehen. Zu selten findet man zum Beispiel Geschäfte, die das alltägliche Leben der Venezianer sicherstellen können. In der Überzahl handelt es sich um Touristengeschäfte oder Filialen der üblichen Verdächtigen. Die Masse an Menschen zieht den Gesamteindruck leider auch eher nach unten. Wir hoffen, dass wir uns mit unserer Art und Weise dort eher rücksichtsvoll verhalten haben und durch den Verzicht auf Airbnb & Co. nicht zum Überteuern von Stadtwohnungen beigetragen haben. Ob wir deshalb „gute Touristen“ waren oder vielleicht besser gar nicht in eine Stadt à la Venedig gefahren wären, da sind wir uns ehrlich gesagt selber nicht so ganz sicher.

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