Grenzüberschreitung an der Alpe di Neggia über dem Lago Maggiore

Verwinkelte italienische Strassen, eine Frau im rosa Kleid und eine steile Abfahrt erwarten uns bei unserer Tour über den Pass an der Alpe di Neggia oberhalb des Lago Maggiore. 

Wochenendausflug nach Italien, die Rennräder im Gepäck und die Sonne lacht. Nach einem aussichtsreichen Z’morge starten wir von unserer Ferienwohnung in Campagnano zu einer Radtour zur Alpe di Neggia. Nachdem die Räder zusammengeschraubt und sowohl Wasserflaschen als auch Müsliriegel verstaut sind, geht es los. Ganz entspannt, denn die ersten 120 Höhenmeter rollen wir erst einmal bergab.

Routensuche im Strassenwirrwarr

Nach wenigen Minuten und drei Serpentinen Abfahrt kommen treffen wir auf die Strasse, die sich von Maccagno zur Alpe di Neggia hinauf zieht. Auf der anderen Seite des Passüberganges in Gambarongo mündet sie wieder in die Seestrasse am Lago Maggiore. Ab jetzt geht es also bergauf. Die Steigung ist aber eher mässig und man kann gemütlich fahren. Nach wenigen Metern halten wir allerdings nochmal an und entledigen uns der unnötigen Kleidungsstücke. Luftig geht es nun weiter.

Ab hier fährt aber jeder für sich sein eigenes Tempo. Ich könnte Falkos Schnitt keinesfalls mehr als 200 Meter mithalten und er würde sich an meinem Hinterrad zu Tode langweilen. Schon bald verliere ich ihn aus den Augen und kann mich ganz auf meine Tour konzentrieren. Ich weiss ja, dass wir uns irgendwo – hoffentlich ziemlich weit oben – wieder treffen werden, wenn Falko am Pass umkehrt und wieder zu mir herunter fährt, um mich den Rest des Anstieges zu unterstützen.

Die kleine Strasse führt mich durch Garabiolo und Cadero, bevor die ersten Serpentinen auf dem Programm stehen. Aber selbst hier ist die Steigung angenehm und ich kann während des Radelns in aller Ruhe die Umgegung und die herrlichen Aussichten um mich herum geniessen. Da die Strecke grösstenteils durch bewaldete Hänge führt, ist es schattig und die Temperaturen sind perfekt zum Velo fahren.

Nach den ersten Serpentinen fahre ich durch Graglio und weiter nach Armio. Hier bin ich mir plötzlich nicht ganz sicher, ob ich den Abzweig nach links nehmen oder geradeaus fahren muss. Da ich kein Roaming nutze und somit kein Datennetz habe, die Schweizer Grenze dafür doch noch etwas zu weit weg ist und ich auch keine Offline Karte dabei habe, schreibe ich Falko kurz eine SMS. Da er diese direkt auf seinem Velocomputer angezeigt bekommt, muss ich auch nicht lange auf eine Antwort warten – immer schön gerade aus, auch wenn’s jetzt erst mal kurz bergab geht.

Rosarote Unterstützung am Berg

Nachdem ich Lozzo passiert habe, fahre ich am Ortsausgang an einer alten Frau in einem rosa Kleidchen vorbei, die gerade zu Fuss Richtung Biegno unterwegs ist. Mit meinen umfassenden Italienischkenntnissen grüsse ich sie mit einem freundlichen “Buon giorno” und erhalte dafür ein breites Lächeln retour. Kurz bevor ich Biegno erreiche, überholt mich ein Auto mit heruntergelassenem Beifahrerfenster und es winkt ein Arm heraus. Im letzten Augenblick sehe ich noch einen rosa Fetzen flattern.

Gut gelaunt komme ich also nach Biegno und bald darauf erreiche ich den Grenzüberganz zwischen der Schweiz und Italien. Viel kontrolliert wird hier aber nicht mehr. Das Grenzgebäude ist ziemlich heruntergekommen und ich glaube, dass die «Schmuggler» einfach mit miserablen Strassenverhältnissen auf dem nächsten Kilometer abgeschreckt werden. Auch eine Variante.

Im Anschluss erreiche ich Indemini. Die Strassenverhältnisse sind dort nicht besser, aber man arbeitet daran. Es gibt ziemlich viele Baustellen hier und als bergauf fahrender Fahrradfahrer ist man dort auf der schmalen Strasse ein etwas grösseres Hindernis. Wo es geht, versuche ich auf den holprig betonierten Streifen auszuweichen, um die Autos hinter mir durchzulassen. Manche müssen aber auch einfach hinter mir her zuckeln, bis ich eine geeignete Ausweichstelle finde.

Saftige Steigung im Schlussanstieg

Ab jetzt nimmt die Steigung deutlich zu und die nächsten 150 Höhenmeter bis zum kleinen Weiter Monti Idacca muss ich schon kräftig in die Pedale treten. Kurz vor den ersten Häusern kommt mir Falko wieder entgegen und von nun an habe ich also moralische Unterstützung beim Kampf gegen die nun sicher zweistelligen Steigungsprozente. Langsam werden meine Beine schwer, aber bis zur Alpe di Neggia sind jetzt nur noch drei Kehren zu durchfahren. Die langen Gerade hier oben gaukeln einem aber vor, dass es doch gar nicht so steil ist, wie es sich anfühlt und lassen einen schnell denken, man sei der letzte Trottel auf dem Velo. Aber so ist es nicht, die Beine geben genau die richtige Information. Es ist steil, auch wenn es nicht danach aussieht.

Und dann sind wir endlich oben an der Alpe die Neggia. Der Blick übers Tessin, auf die umliegende Bergwelt – einfach herrlich. Wir fahren ein paar Meter von der Strasse weg und stärken uns mit Müsliriegeln, Traubenzucker und Wasser. Ich habe etwas Bammel vor der Abfahrt, denn die Nordrampe ist um einiges steiler als der Anstieg von Süden her und Abfahren gehört bekanntlich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Abfahrt zurück an den Lago Maggiore

Wir starten also ganz vorsichtig und schauen, was uns erwartet. Bis nach Gambarogno sind es nun 1200 Höhenmeter, die es abzufahren gilt, bevor wir das Seeufer des Lago Maggiore erreichen. In einem engen Gewirr aus Serpentinen schrauben wir uns nach unten. Die Beine können sich entspannen, dafür sind nun Hände und Konzentration umso mehr gefragt. Die Abfahrt ist wirklich steil und wir halten immer wieder mal an, um die Felgen kurz abkühlen zu lassen. Ich bin sehr angespannt und bald schon tun mir die Finger und Handflächen vom ständigen Bremsen weh. Aber mit jeder Kurve kommt der unter uns liegende See etwas näher, es wird wärmer und nach den ersten 500 Höhenmetern wird die Strasse etwas breiter. Im allgemeinen ist die Qualität der Strasse hier herunter gar nicht so schlecht. Es gibt aber immer wieder Schlaglöcher, Steine oder überstehende Gullideckel, die höchste Aufmerksamkeit verlangen.

Bevor wir ganz unten an den See kommen, biegen wir in Fosano in Richtung Piazzogna ab, um noch ein Stück oberhalb der viel befahrenen Strasse rollen zu können. Zwischen Wohnhäusern und Palmengärten gelangen wir nach Vairano und fahren dort hinab nach San Nazzaro. Bevor wir nun endlich die SS394 erreichen, werden wir aber noch jäh gestoppt. Vor uns ist plötzlich ohne Vorwarnung eine Baustelle, die Bahngleise sind unterbrochen, der Schotter ist über die ganze Strasse verteilt und die Unterführung unter den Gleisen komplett abgerissen. Ratlos stehen wir vor diesem Loch. Zum Glück ist Sonntag – ein paar beherzte Schritte über den Schotter, das Rennrad auf der Schulter und mit etwas Herumeierei durch die Baustelle erreichen wir dann doch noch unser nächstes Ziel. Jetzt sind wir unten.

Flachetappe vor dem Schlussanstieg

Vorerst geht es mit einer Flachetappe weiter. Bis Maccagno fallen nicht sehr viele Höhenmeter an. Wir rollen am See entlang und geniessen die Ausblicke über’s Wasser. Wieder passieren wir die (unbewachte) Grenze, diesmal bei Direnella/Zenna. Auch auf der italienischen Seite geht’s immer weiter am See entlang, bis wir dann endlich Maccagno erreichen. Nach einem kurzen WC-Stop hinter dem Supermarkt treten wir den Anstieg nach Campagnano an. Unsere Ferienwohnung hat zwar eine wunderbare Aussicht, aber auch nur, weil sie locker 400 Höhenmeter über dem See liegt Und dort hinauf müssen wir nun also noch fahren.

Kaum sind wir Richtung Campagnano abgebogen, fährt jeder wieder sein eigenes Tempo und schnell ist Falko vor mir verschwunden. Ich schaue auf meinen Höhenmesser der im Moment ein wenig über 1000 gesamt zurückgelegte Höhenmeter anzeigt und denke mir dabei, dass ich bei insgesamt 1500 aufgestiegenen Höhenmetern auf jeden Fall am Ziel bin. Die Strasse liegt hier grösstenteils in der Sonne und da es bereits nach Mittag ist, brennt es richtig runter und es ist gnadenlos heiss.

Langsam aber stetig trete ich mich also Serpentine für Serpentine unserem Ziel entgegen. Nach einigen Höhenmetern werde ich für meine Mühe wenigstens schon mal mit den Ausblicken über den See belohnt. Die Zahlen auf dem Höhenmesser verändern sich nur langsam. Genau so langsam, wie ich im Moment von der Stelle komme. Aber Absteigen ist keine Alternative, also kämpfe ich tapfer weiter und beneide all die Velofahrer, die mir auf ihrem Weg ins Tal vom Passo di Neggia hier entgegen kommen. Einige von ihnen habe ich bereits in unserer eigenen Abfahrt auf der anderen Seite gesehen, als sie noch im Aufstieg waren.

Die 1500 voll machen…

Nach mehreren kurzen Kehren zieht sich die Strasse noch dreimal recht lange zwischen den Serpentinen dahin, bis ich endlich den Abzweig nach Campagnao erreiche. Ich biege ab und weiss, dass es jetzt wirklich nicht mehr weit ist. Der Blick geht zurück auf den Höhenmesser. Die Gesamtzahl der aufgestiegenen Höhenmeter ist nun auf über 1300 gestiegen. Von hier sind es noch circa 150 Höhenmeter bis zum Parkplatz bei der Unterkunft. 1500 Höhenmeter werden es also nicht ganz werden. Egal, erst mal zählt es dort hoch zu kommen.

Nach einigen Metern kommt mir dann Falko entgegen, der schon am Ziel war und mich die restlichen Höhenmeter wieder begleiten wird. Ich freue mich noch mal über diese zusätzliche Motivation und gemeinsam treten wir weiter. Die Strasse führt erst mal ein ganzen Stück nach Westen, bis endlich die zwei letzten Kehren in Sicht kommen und dann sind wir endlich am Auto. Mein Höhenmesser zeigt 1464 aufgestiegene Höhenmeter an. So will ich es nicht enden lassen, mein Ehrgeiz ist noch gross genug und so fahren wir am Auto vorbei und steigen die restlichen 36 Höhenmeter auf. Aber ich bin auch wirklich fertig und drehe auf der Stelle um, als endlich die erlösende 1500 auf dem Display erscheint.

Wir rollen also zum Auto zurück. Geschafft. Absteigen, Räder ins Auto packen, essen, duschen und des Rest des Tages auf dem Balkon faulenzen. Fast wie “richtige” Ferien!

Einen Platten zum Abschied

Am nächsten Tag wollten wir vor unserer Abreise eigentlich eine kleine Runde zum Lago Delio und über Forcora fahren. Beim Ausladen der Räder stellen wir allerdings fest, dass Falko seinen Hinterreifen ziemlich ramponiert hat – mit Schlauchwechsel ist da nichts zu machen und da wir keinen Ersatzreifen an Bord haben, heisst es Abschied nehmen. Ein Grund wieder zu kommen und die herrliche Aussicht und die kleinen Strassen ein weiteres Mal zu erkunden!

Details zur Route

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