Steigungsintermezzo am Passo del Mortirolo

Man hört ja so einiges über den Mortirolo in Rennradkreisen. Der schwerste Anstieg in den Alpen, ehrfurchtsvolle und jeden Helden in die Knie zwingende Steigungsprozente, etc. An blumigen Beschreibungen zu diesem verkehrtechnisch völlig unbedeutenden Übergang zwischen Monno und Grosio mangelt es im Internet nicht. Da uns unser Kurzurlaub über den Schweizer Nationalfeiertag 2017 nach Tirano in Italien führt, möchte ich mich auch einmal an diesem “Monster” versuchen. Die härteste Variante ist wohl die von Mazzo aus und präsentiert sich in Zahlen ungefähr so: man nehme eine sehr schmale, (immerhin…) geteerte Strasse, die mit einer durchschnittlichen Steigung von ~10% auf einer Strecke von knapp 13 Kilometer einen Höhenunterschied von 1300 Hm überwindet. Die Ibergeregg ab Schwyz, die ich des öfteren fahre, überwindet auf einer Strecke von 12 Kilometern knapp 900 Hm und ist durchaus als anspruchsvoll zu erachten. Könnte also spannend werden, dieser Mortirolo.

Zusammen mit Marina, die sich aber dieses Ungetüm nicht antun möchte und stattdessen einen Abstecher mit dem Rennrad ins Valle Grosina nach Eita macht, starten wir direkt von unserer Ferienwohnung aus. Wir fahren auf der südlichen Seite der hier kanalisierten Adda entlang, bis wir auf die vielbefahrene SS38 in Tirano stossen. Auf dieser geht es dann für einige Kilometer ansteigend bis kurz hinter Sernio, wo wir dann auf eine kleiner Nebenstrasse ausweichen können. Diese führt uns durch Lovero, Tovo di Sant Agata und einige Schlaglöcher hindurch bis nach Mazzo, wo sich unsere Wege nun trennen. Marina macht sich auf nach Grosio, wo der Anstieg ins Valle Grosina beginnt. Ich hingegen bin ganz cool direkt einmal an der gross angeschriebenen Beschilderung zum Mortirolo vorbeigefahren und muss nun erst einmal ein kleines Stückchen zurück. Das macht aber nichts, denn so kann ich noch ein kleines bisschen länger Angst vor dem Anstieg haben.

Nachdem ich erfolgreich die richtige Abzweigung in Mazzo genommen habe, verläuft die Strasse (oder besser das Strässchen) an einigen Häusern vorbei, bis sie sich in einem ersten Aufschwung in Richtung Passhöhe windet. Ist steil, aber machbar. Man merkt allerdings sofort, dass den Strassenerbauern hier eine effiziente Strassenführung für den Automobilisten oder sonstigen Befahrern relativ egal war. Keine Kurve möglich? Scheissegal, solange der Teer nicht vom Berg fällt, geht’s noch etwas steiler!

Nicht weit nach dem Ortsausgang macht besagte Strasse denn auch relativ bald ernst. Aus dem runden Tritt wird für die nächsten Kilometer eher ein Tritt, das runde ist irgendwo im Wald verloren gegangen. Schätzungsweise verläuft die Strasse hier konstant oberhalb von 10-11% Steigung, in einigen Spitzen sicherlich auch etwas mehr. Aber irgendwie geht es trotzdem recht gut. Das ich mich mit meiner 39-26er Übersetzung hier eher quälen werde, war mir durchaus von vornherein klar. Aber am Pragelpass ging es bisher auch immer ganz gut, warum also nicht auch hier, ne?

Ich befinde mich mittlerweile im Bereich San Matteo auf rund 800 m Höhe. Hier verläuft die wirklich schmale Strasse in einer Art riesigem “M” und irgendwo hier haben die Erbauer der Strasse auch einen Hirnschaden erlitten. Die Steigung ist mittlerweile konstant irgendwo oberhalb von 12% (das sind die Passagen zum Ausruhen) und eine vor mir liegende Rampe grinst mich mit einem der steilsten Stücke, die ich mich und meine Carbon-Mühle je hochgewuchtet habe, an. Ab hier kommt dann dank meiner Übersetzung die bewährte Methode des Schlangenlinienfahrens mal wieder zum Einsatz. Man muss ja schauen, wo man bleibt und in einer scharfen Rechtskurve sind mir die Autos hinter mir denn auch völlig egal: ich fahre auf der linken Strassenseite um die Kurve herum, wo die Strasse wenigstens kurz ein bisschen abflacht. Verkehrsregeln sind am Mortirolo (wie überhaupt in Italien) aber ohnehin völlig überbewertet. Zumindest haben die jugendlichen Spinner auf ihren Motorrädern offensichtlich die vernachlässigbare Menge an Resthirn auch noch im Tal gelassen und versuchen nun, sich mit irrsinnigen Geschwindigkeiten auf noch feuchter Fahrbahn hier um’s Leben zu bringen.

Nachdem ich dieses grauenhafte Steilstück hinter mir gelassen habe, kommt man trotzdem nicht wirklich zum ausruhen. An einigen Passagen befinde ich mich auch leider nicht im Wald, und die Sonne tut ihr übriges, um mich noch ein bisschen mehr zu fordern. Aber es gibt zwischendurch glücklicherweise auch immer wieder schattige und waldige Passagen. Ich krieche mit sagenhaften Geschwindigkeiten weiter den Berg hinauf (das ist glaube ich das erste Mal, dass ich kurzzeitig mal eine 6 vor dem Komma stehen hatte) und freue mich über jede Serpentine, die an der Aussenseite ein kurzes Erholen ermöglicht. Aber trotzdem muss ich sagen, dass es trotz der Quälerei und meiner sicherlich nicht angemessenen Übersetzung noch relativ gut geht. Relativ gut bedeutet nicht einfach, aber durchaus machbar.

Nach rund 400 weiteren Höhenmetern erreicht die Strasse von Mazzo aus dann die etwas grössere Strasse, die ab Grosio hier hinauf führt. Auch sie soll tierisch steil sein, auf jeden Fall ist sie etwas breiter als die gerade einmal Auto plus Velofahrer breite Strasse, die ich hinauf geschlichen bin. Damit und mit der Tatsache, dass man hier nun doch auch mal “normalere” Steigungsprozente vor sich hat, ergeben sich langsam wieder gewohnte Geschwindigkeiten. Es wechseln sich nun steile mit etwas flacheren (teilweise kann man sie sogar kurzzeitig wirklich als flach bezeichnen) Passagen ab und nach der Schinderei der letzten Kilometer fährt man diesen Teil fast spielerisch.

Für eine Weile führt die Strasse nun südwärts, bevor sie sich in den letzten acht Serpentinen bis hinauf auf die unspektakuläre Passhöhe des Mortirolo windet. Davor lande ich allerdings bei einer Alp wenige hundert Meter vor dem Pass mitten in einer Hundertschaft Menschen, alles ist mit Autos vollgeparkt und man fühlt sich wie bei einer Bergankunft beim Giro d’Italia (der hier aber gerade definitiv nicht stattfindet). Mir ist etwas unklar, was die Menschen hier alle tun, irgendeine sportliches Event scheint sich anzubahnen, zumindest sitzen alle da und starren auf eine Wiese. Ich sehe dort aber ausser der Wiese nichts und so strample ich weiter die letzten Minuten hinauf bis auf die Passhöhe.

Geschafft! Nun bin ich auch einmal den Mortirolo gefahren – er ist definitiv unerhört steil, aber meiner Meinung nach, wenn man fit ist und sich auch eine gewisse Zeit lässt, sicherlich fahrbar. Ob man eine 39-26er Übersetzung fahren muss, sei mal dahingestellt, aber das machen viele andere sicherlich schlauer.

Nach einem Müsliriegel an der Kreuzung, wo die südliche Auffahrt auf den Mortirolopass trifft, fahre ich eine kleine Strasse entlang, die einen grossen Fehler besitzt: sie führt erstmal wieder bergauf. Pfui Deibel! Langsam merke ich doch meine Beine. Aber die Strasse führt wirklich wunderschön auf rund 1800 m Höhe unterhalb von Cima Verda, Cima Cadi und Mott della Scala entlang. Ich komme an einigen Stellen vorbei, von denen man tolle Ausblicke auf die andere Talseite hat, wo Marina gerade irgendwo unterwegs sein muss. An einem winzigen See entlang geht es nun wieder in einer scharfen Kurve nach rechts und einige weitere Meter hinauf zum Passo di Guspessa. Dann führt mich mein Weg in einem grossen “U” südlich um den 2153 m hohen Monte Padrio herum und ich erreiche das Hochplateau von Trivigno. Einige Alpen und wenige Häuser stehen hier, dazwischen nur Kühe und einige Wanderer sowie Mountainbiker.

An einer Strassenkreuzung einige Kilometer weiter unten biete ich links ab und folge der verwundenen Strasse, die mich an der Alpe Marsaglia und Alpe Muran vorbei bis kurz vor einen kleinen Hügel namens Monte della Croce führt. Hier folgt nach einer Kehre eine weitere Abzweigung nach rechts, die mich mit einem kurzen, bissigen Anstieg (“Aua!”) auf einen weiteren kleinen Pass hinauf führt, dessen Namen ich vergessen habe. Danach macht die Strasse etwas ganz verwegenes: sie führt bergab. Und zwar wie! Laut einem Schild lauern hier bis zu 20% darauf, mich ins Jenseits zu schicken. Mit meiner Bremsen-Melk-Technik (links für einige Sekunden, rechts für einige Sekunden, in diesem sacksteilen Stück gerne auch mal beide permanent…) arbeite ich mich hinunter. In steilen Serpentinen verliere ich nun stetig und erschreckend schnell an Höhe und zweimal halte ich kurz an, um den glühenden Felgen eine kurze Abkühlphase zu gönnen. Ein durch die Hitze geplatzter Reifen hätte hier sicherlich Folgen, die dem Film “Fast&Furious” alle Ehre machen würden.

Das Gelände erinnert mich hier stark an die Auffahrt auf den Mortirolo, nur dass die steilen Strassenstücke nicht ganz so konstant sind. Aber auch hier hätte man bei der Bergauffahrt sicherlich seine Freude. Freude kommt jetzt bei mir auf, als ich nach einigen Kilometern felgenverschleissenden Fahrens an eine Kreuzung einer richtigen grossen Strasse gelange. Und das schöne: die Strasse von Aprica her kommend ist mal wirklich gut asphaltiert. Die Menge an mordlüsternen Schlaglöchern, die ich auf den vergangenen Kilometern überstehen musste, war teilweise wirklich nicht mehr schön. Aber die italienischen Strassen sind irgendwie häufig ohnehin nach dem Muster aufgebaut: in der Mitte ist die Strasse – nun ja, okay. Rechts am Rand, auf circa 1,50 Meter (richtig, dass ist der Bereich, den man als Velofahrer ganz gerne nutzt) hingegen tummeln sich Schlaglöcher, Rillen in Fahrtrichtung, Buckel und sonstige Erzeugnisse aus der Folterkammer für kleine Fahrradfahrer. Das ganze natürlich garniert mit der italienischen Fahrweise – Entschuldigung: “Fahrweise”, die um Begriffe wie “Bremse” oder “Rücksichtnahme” einen grossen Bogen macht.

Ich rausche also wonnevoll diese Autobahn hinunter, muss aber kurze darauf wieder scharf rechts abbiegen und schlängle mich nun auf einer kleinen, aber trotzdem gut geteerten Strasse hinunter bis nach Stazzona. Hier unten merkt man nun auch langsam wieder die Hitze, die sich im Talboden staut. Ich bin froh, dass ich damit heute früh keine Probleme hatte und nehme die letzten Kehren auf den Talboden hinunter in Angriff. Praktischerweise komme ich nun genau wieder an der Strasse raus, wo ich mit Marina zusammen heute morgen losgefahren bin und muss nur noch wenige Meter auf der vielbefahrenen Strasse bis zurück zu unserer Ferienwohnung rollen.

Eine halbe Stunde später kommt auch Marina von ihrer Tour wieder zurück und wir lassen den Tag bei einem kurzen Spaziergang im unglaublich heissen Tirano und Abends bei einem schönen Gewitter in einer Pizzeria ausklingen.

Details zur Route

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