Mit dem Velo ins Valle Grosina

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Nach unserer gestrigen Anreise nach Tirano sind wir heute bereit für unsere erste Tour. Falko hat sich den Mortirolopass vorgenommen. Kann er gerne machen – aber bei dem Pass muss ich passen! Die Steigungen sind mir zu ungeheuerlich und so habe ich mir eine „Softie-Tour“ ausgesucht. Ich will ins Valle Grosina, bis ganz hinten nach Eita!

Gemeinsam starten wir nach dem Frühstück an unserer Ferienwohnung von Villa di Tirano. Nach einem knappen Kilometer können wir die grosse, viel befahrene Strasse verlassen, den Fluss Adda überqueren und auf der dem Flusslauf aufwärts folgenden Strasse bis nach Tirano fahren. Im Zentrum gelangen wir auf die SS38, die uns weiter bis nach Sèrino führt. Dann endlich finden wir den Abzweig auf die SP27, eine ruhigere Landstrasse der wir bis nach Mazzo folgen. Dort verabschieden wir uns an einer Kreuzung und fahren für heute getrennte Wege. Falko muss erst wieder ein Stückchen retour fahren, weil er den Abzweig zum Mortirolo verpasst hat (*grins*). Mein Weg führt mich die SS38 kreuzend vorerst mit wenig Höhenmetern auf der SP27 nach Grisotto und anschliessend nach Gròsio hinein. Der kleine Ort wirkt quirlig und lebendig und ab hier beginnt mein Aufstieg nach Eita. 1000 Höhenmeter sind es ab jetzt ziemlich genau, bis ich mein Ziel erreiche. Da ich alleine für die Anfahrt hier her schon 300 Höhenmeter zurückgelegt habe, denke ich mir schon, dass das wohl nichts wird mit meiner „Softie-Tour“. Aber jetzt geht’s erst mal los.

Kurz nach der belebten 50m-Mini-Altstadt-Zone biege ich links ab. Fusino und Ravoledo sind schon angeschrieben und zeigen mir, dass ich in die richtige Richtung fahre. Gleich darauf geht’s nochmals links in die Via Ezio Vanoni – ab dann ist jegliche weitere Orientierungshilfe überflüssig. Bis nach Eita kann ich nun immer weiter der Strasse folgen. Über ein paar erste Kehren erreiche ich den Ortsteil Ravoledo, der mit Gròsino eine Ortschaft bildet. Erst nachdem ich die ersten 200 Höhenmeter nach Gròsio hinter mir gelassen habe, verlasse ich endlich bebautes Gebiet und tauche ein in die Natur. Ein Mix aus Wald und Wiesen umringt die Strasse und grosse Bäume spenden zwischen den Sonnen beschienenen Abschnitten immer wieder ausreichend Schatten. Im bewohnten Gebiet als auch an den einzelnen Häusern gibt es immer wieder Brunnen mit frischem Wasser und so sind die Temperaturen von ca. 27°C doch einigermassen zu ertragen.

Die nächsten 400 Höhenmeter verlaufen gleichmässig am Hang entlang und führen nun weg vom zum Tal ausgerichteten  Hang und hinein ins Valle Grosina. Nach mehreren winzigen Ansiedlungen komme ich nach Fusino. Als richten Ort kann man das aber nicht bezeichnen. Es stehen ein paar vereinzelte Häuser herum und es gibt einen winzig kleinen Stausee. Damit sind die Sehenswürdigkeiten von Fusion bereits aufgelistet.

Mein Weg lässt mich den kleinen Fluss Roasco überqueren, also die Talseite wechseln und führt mich in ein paar Kurven einige Höhenmeter weiter hinauf. Die Strasse führt nun grösstenteils in bewaldetem Gebiet und in nur leichten Kurven weiter ins Tal hinein, bis ich kurz vor den letzten Kehren endlich mein Ziel sehen kann. Wunderschön liegen die wenigen Häuser und die Kirche von Eita auf einer kleinen Geländekuppe in der Mitte des sich hier weit öffnenden Tals. Rings herum erheben sich die Berge wie ein riesiger Kessel.

Aber bevor ich mein Ziel erreiche, werde ich noch einmal richtig gequält. Diel letzten Höhenmeter haben es wirklich in sich und meine Uhr zeigt Steigungen von über 10% an. Das ist richtig gemein. Eigentlich dachte ich, dass es jetzt gleich geschafft ist. Aber da habe ich mich dann doch gute 100 Höhenmeter zu früh gefreut. Aber auch die sind irgendwann überstanden und ich stehe in Eita auf dem Wanderparkplatz.

Es herrscht ein reges Kommen und Gehen, ein paar Motorradfahrer, die mich kurz vorher überholt haben, parken ihre Maschinen und laufen Richtung Gasthaus (was für eine Leistung), Wanderer streben in und kommen aus allen Richtungen und auch ein paar andere, vereinzelte Radfahrer sind zu sehen. Nach ein paar Minuten im Schatten und dem Auffüllen der Energiereserven mit Müsliriegeln mache ich mich dann an die Abfahrt. Die ist nicht ganz so einfach. Die Strasse ist an viele Stellen aufgebrochen und holprig und der Asphalt schüttelt mich so richtig durch. Ich nehme mir einfach Zeit, fahre langsam und vorsichtig. Der ein oder andere Fotostopp in der Abfahrt tut sicherlich auch meinen geplagten Fingern und Bremsen gut und irgendwann erreiche ich dann wieder Gròsio. Hier unten ist es viel wärmer als hinten oben im Tal und ich bekomme die Nachmittagshitze so richtig zu spüren. Aber es hilft ja nichts, irgendwie muss ich noch nach Hause kommen.

Nachdem ich an einem Brunnen (mit ausgesetzten Forellen) im Dorf meinen Wasservorrat aufgestockt habe, trete ich also die letzten 20 Kilometer an. Diesmal finde ich die SP27 früher und kann auf der kleinen ruhigen Strasse gemütlich vor mich hin rollen. In Mazzo mündet die SP27 auf die Hauptstrasse. Eigentlich habe ich vor noch ca. 4 km auf der SP27 bis Lovero zu fahren und dort auf die SP26 abzubiegen, um nicht wieder auf die grosse „Kantonsstrasse“, oder wie man das eben in Italien so nennt, fahren zu müssen.

Da sich aber in Mazzo eine freche (und faule?) Gruppe italienischer Velofahrer an mein Hinterrad hängt und meinen Windschatten als Taxi missbraucht, verpasse ich vor lauter „genervt sein“ den Abzweig in Lovero und stehe plötzlich wieder an der Auffahrt zur SS38, die ich ja auf keinen Fall fahren will. Die Italiener sind sichtlich verwirrt. Sie sind mir einfach hinterher gefahren, in der Annahme, ich wüsste schon wo es lang geht. Nein – weiss ich nicht. Anstatt es den Landsmännern und -frauen gleich zu tun und in waghalsigen Aktionen die SS38 zu überqueren, entscheide ich mich dafür, nochmals ein paar Höhenmeter aufzusteigen, um durch eine Obstplantage bis hinauf zur über mir querenden SP26 zu gelangen. Oben angekommen bin ich fix und fertig, dafür kann ich von jetzt an gemütlich nach Tirano rollen und die Aussicht über das Tal geniessen – super! Und Autos sind hier auch keine unterwegs – da hat sich die Anstrengung nochmal gelohnt.

Ab Tirano folge ich wieder dem Atta Kanal bis zu meinem Abzweig, der mich nach Villa di Tirano und direkt zu unserer Ferienwohnung hinüber bringt. Nach über 4 Stunden Fahrtzeit, 73 km und guten 1.400 Höhenmetern ist meine „Softie-Tour“ dann endlich geschafft und ich freue mich auf eine erfrischende Dusche und eine leckere Brotzeit mit Falko, der bereits vom Mortirolo zurück ist.

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