Steile Rampen am Passo di Gavia

#storyVelo

Gestern waren wir getrennt unterwegs (Falko am Mortirolo-Pass, ich im Valle Grosina)- heute wollen wir die Lombardei zusammen erkunden. Wir packen die Räder ins Auto und fahren von Tirano in Richtung Bormio. Im kleinen Ort Le Prese (bei Sondalo) parken wir unser Auto, schrauben die Laufräder ein und schon kann es losgehen. Theoretisch befinden wir uns Luftlinie nur 10 km westlich vom Passo di Gavia. Um dort hinzukommen, müssen wir allerdings dem „Umweg“ über Bormio nehmen, bis zu unserem Ziel sind damit noch 40 km und einige Höhenmeter zu überwinden.

Im kühlen Schatten des schmalen Tales radeln wir also los. Bald werden wir auch froh sein über den Schatten, denn kaum haben wir die kleine Häusersiedlung verlassen, steilt die Strasse plötzlich überraschend auf und schon stecken wir in einer gemeinen 10% Rampe – und das ohne wirklich Zeit zum „Einfahren“ und Aufwachen gehabt zu haben. Die Strasse überquert hier auf der Ponte del Diavolo die Adda, deren ausgebauter Verlauf in ein künstlich stablisiertes Flusstal gelegt wurde. Eine Stufe im Flussverlauf bedingt eben dieses steile Strassenstück. Nach ein paar Minuten ist es aber geschafft und es geht ohne weitere Zwischenfälle oder unangenehme Überraschungen weiter bis nach Bormio.

Meine Beine haben heute, nach meiner „Softie-Tour“ von gestern, nicht so richtig Lust und es fällt mir schwer, auch nur kleine Steigungen hinauf zu fahren. Schlechte Voraussetzungen, um einen ausgewachsenen Alpenpass in Angriff zu nehmen. Die ersten 15 km nach Bormio liefen eher schlecht als recht und lassen mich zweifeln. Wir beschliessen aber, die Tour zu fahren und ich schaue einfach, wie weit ich kommen und wie es mir im Verlauf so geht.

Ab Bormio fährt also jeder von uns sein eigenes Tempo. Falko ist bald aus meinem Sichtfeld verschwunden und ich kämpfe alleine – gegen die Steigung, gegen müde Beine und gegen die Zweifel in meinem Kopf. Mit all dem bin ich ganz gut beschäftig – und komme zwar nur langsam, aber dafür stetig voran. Kleinvieh macht eben auch Mist. Ich komme durch Uzza und weitere kleine Siedlungen, die den Wegrand säumen. Wirklich viel bekomme ich von der Umgebung aber nicht mit – heute bin ich einfach eher mit mir beschäftigt.

Die Strasse führt jetzt am Fluss Frodolfo entlang durch bewaldetes Gebiet. Leider ist sie zu breit, als dass die Bäume Schatten spenden würden, aber die Temperaturen sind noch erträglich und es ist angenehm in der Sonne zu fahren. Auch die Steigungsprozente halten sich auf diesem Stück zurück und quälen mich nicht all zu sehr. Ich komme also ganz gut voran und schöpfe neuen Mut für diese Tour. Dann erreiche ich circa neun Kilometer nach Uzza den Ort Santa Caterina Valfurva. Das ist ein kleiner Skiort mit ein paar Liften, 40 km Skipiste und nicht all zu viel Charme. Zumindest gibt’s hier einen Brunnen mit frischen Wasser, der mir gerade recht einladend vom Strassenrand entgegen lächelt. Weiter hinten im Ort gibt es aber noch eine miese Velo-Falle. Gleich nach der dunklen Unterführung, die man durchfahren muss, lauern Glascontainer. Leider liegt gefühlt mehr Glas auf der Strasse als in den Containern selbst und ich vermute mal, dass der örtliche Sportladen einen Grossteil seines Sommergeschäftes mit Veloschläuchen verdient. Ich sehe die Sauerei zum Glück früh genug und weiche grossräumig aus. Notiz für die Abfahrt ist im Hinterkopf gespeichert!

Nach dem Ort beginnt nun die eigentliche Steigung zum Gaviapass. In kurz aufeinander folgenden Serpentinen schlängelt sich die Strasse immer den örtlichen Sessellift kreuzend den Hang hinauf. Auf 2050 m ü. M. verlässt sie das bewaldete Gelände und taucht in die offene Alplandschaft ein. Jetzt öffnen sich auch wunderbare Ausblicke auf die umliegende Bergwelt. Aber zum Ausblick geniessen habe ich im Moment nicht all zu viel Gelegenheit. Kurze steile Rampen, die immer wieder mehr als 10% Neigung auf meiner Uhr anzeigen, lassen mich immer wieder aus dem Sattel gehen und verlangen einen konzentrierte Fahrt. Die „hervorragenden“ italienischen Strassenverhältnisse tun ihr übriges, dass mein Fokus die allermeiste Zeit auf die paar Meter „Asphalt“ vor mir gerichtet ist, als auf die wunderschöne Landschaft, die mich umgibt. Ich wundere mich, dass es hier immer wieder so steil ist. Der flüchtige Blick auf das Steigungsprofil des Passo di Gavia auf quaeldich haben mich von einer angenehmen Tour ausgehen lassen, die nur im oberen Viertel nochmal aufsteilt. Aber das hier fühlt sich irgendwie anders an. Irgendwie viel anstrengender und nicht nach Zitat „einem der schönsten Alpenpässe“. Hätte ich den Detailbeschrieb der Nordrampe gelesen, hätte ich durchaus schon bei der Planung wissen können, dass es durchaus steil und nicht so ein Kindergeburtstag ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

Mit dem Übergang in offenes Gelände ist auch bald das Ende der Serpentinen erreicht. Ab jetzt führt die Strasse am Hang unterhalb des Monte Sobretta entlang. Steile Rampen hat es trotzdem immer wieder und ziehen meine Kraftreserven schneller leer, als mir lieb ist. Da können auch meine Müsliriegel und Traubenzucker nicht all zu viel ausrichten. Langsam steigen Zweifel in mir auf, ob ich das überhaupt bis oben schaffen kann. Ich habe noch knappe 400 Hm und 7 km vor mir, bis ich die Passhöhe erreiche. Aber ich will auch nicht umdrehen! Dazu ist mein Ehrgeiz im Moment zu gross. Also trample ich weiter. Rund ist mein Tritt schon länger nicht mehr und eigentlich geht es gerade eher darum, überhaupt irgendwie weiter zu kommen und an Höhe zu gewinnen.

Auf knapp 2300m ü. M. komme ich in ein kleines Tal, welches die Strasse in einem lang gezogenen „U“ durchläuft. Der Ausblick auf die grünen Matten der gegenüberliegenden Hänge sehen wahnsinnig schön aus und die Bergweilt hier oben ist faszinierend. Mein Blick fällt allerdings vor allem auf die in dem kleinen Tälchen gegenüberliegend weiterführende Strasse. Die führt in einer echt steilen Rampe hinauf, bevor sie hinter der nächsten Felsnase um die Ecke und damit aus meinem Sichtfeld verschwindet. Einen demotivierenderen Anblick könnte ich mir im Moment nicht vorstellen. So heisst es also auf dem flacheren Stück, auf dem ich mich gerade befinde, noch einmal Kräfte sammeln, bevor es dann in die Steigung geht. Kaum habe ich diese in Angriff genommen, kommt mir Falko entgegen. Er hat es also schon geschafft und meine Hoffnung ist, dass es nicht mehr all zu weit sein kann.

Naja, weit ist es auch nicht mehr, dafür aber richtig, richtig steil. Ich kämpfe mich diese miese Rampe hinauf und mehrmals gegen den Drang einfach abzusteigen. Mir tun die Beine weh, der Rücken – irgendwie fast alles… Und nicht nur dieses Stück, sondern auch die nachfolgende Strecke hat es durchaus in sich. Immer wieder geht es um kleine Kurven herum, neue wunderbare Ausblicke tun sich auf und immer wieder stehen wir vor kurzen, aufsteilenden Stücken und die 10% Marke wird kaum mehr unterschritten. Falko muntert mich aber auf, dass es bald besser wird, freut sich, dass ich es so weit geschafft habe und motiviert mich zum weiterfahren. Jetzt ist es auch quasi zu spät zum aufgeben.

Und dann ist das Schlimmste endlich überstanden. Die Steigung sinkt auf ein erträgliches Mass und bald kommt unser Ziel in Sichtweite. Dann passieren wir endlich den Lago Bianco und kommen an der Passhöhe an. Auf dem Parkplatz suchen wir uns ein etwas abgelegenes Plätzchen und ich muss erst mal einfach absteigen. Runter von dem Bock und eine andere Haltung einnehmen. Ich bin fix und fertig. Aber ich hab’s geschafft, ich bin oben. Und das trotz der müden Beine, und den ganzen Zweifeln! Ich bin geschafft, aber super froh, es geschafft zu haben!

Noch bevor ich meinen Müsliriegel auspacke und meine Jacke anziehe, werde ich aber schon wieder nervös. Der Gedanke an die Abfahrt über diese steilen Rampen, den bröckeligen Asphalt und die enge Strasse, die das alles noch schwieriger macht, macht mir zu schaffen. Aber jetzt muss ich erst mal essen!

Nach ein paar Minuten Verschnauf- und Fotopause machen wir uns dann also an die gefürchtete Abfahrt. Zuerst fahre ich voraus. Die Strasse ist für mich wirklich ein Graus und ich tue mich schwer, das richtige Tempo und die richtige Linie zu finden. Schlaglöcher, Motorräder, Autos und das Gefälle… Nicht gerade mein Lieblingsterrain. Nach ein paar Minuten übernimmt Falko die Führung. In ungewohnt langsamen Tempo arbeiten wir uns nun also Richtung Tal. Einmal linker Bremshebel, einmal rechter Bremshebel  – oder halt beide, wenns trotzdem immer schneller wird. Nach einiger Zeit gewöhne ich mich an Falkos Tempo und wir fahren langsam und sicher diese Buckelpiste hinunter. Zwischendurch machen wir mal hier, mal da eine kurze Pause, um die angestrengten Hände auszuschütteln und den glühenden Felgen eine Verschnaufpause zu gönnen.

Ab Santa Caterina (wo wir die Glascontainer wieder grossräumig umfahren) wird die Strasse dann zum Glück wieder etwas breiter und von der Qualität her besser. Unser Tempo wird etwas schneller und wir können es auch einfach mal laufen lassen. In einer gemütlichen Bergabfahrt geht es von hier über Sant Antonio und Uzza bis nach Bormio zurück.

Über eine kleine Nebenstrasse umgehen wir die Provinzstrasse Richtung Tirano und können ohne weitere Steigungen unserem Ziel entgegen fahren. Ich bin aber ganz schön kaputt und als wir im Tal oberhalb der Adda auch nicht richtig „schönen“ Gegenwind bekommen, mache ich das, was ich fast niemals tue – in Falkos Windschatten fahren. Er hat noch ein paar mehr Körnchen Reserve als ich und zieht mich als Windschatten-Taxi bis oberhalb der Ponte del Diavolo.

Und dann ist endlich der Moment da, auf den ich mich seit unserem Start heute morgen gefreut habe. Wir können die 10% Rampe, die uns heute früh so überrascht hat, in einem Affenzahn hinuntersausen! Super!!! Ein genialer Abschluss für dieses Tour, denn ohne weiter gross treten zu müsse, rollen wir in Le Prese ein. Müde, zufrieden, glücklich.

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