Geröllwüste am Prestholtskarvet

Nachdem wir vor zwei Jahren bereits eine Nacht in Havsdalsgrenda verbracht haben, ohne jedoch Zeit für eine Unternehmung zu haben, stehen uns dieses Jahr zwei volle Tage hier in diesem ganz dem Wintersport verschriebenen Ort zur Verfügung. Heute wollen wir den ersten Tag nutzen und eine Wanderung auf den Prestholtskarvet machen, einen 1859 m hohen Berg direkt hinter Geilo. Wir starten mit dem Auto und fahren ein kurzes Stück von der Unterkunft weg, werden aber direkt nach einer Abzweigung von einer Schranke gestoppt und müssen für die nicht geteerte Strasse erst einmal Mautgebühr bezahlen. Dann geht es für rund zehn Kilometer auf einem Hochplateau entlang bis Prestholtstølan, wo wir das Auto abstellen.

Nachdem wir unsere Schuhe angezogen haben (da wir ein Schneefeld auf der Route erwarten, haben wir uns mal für die Bergschuhe entschieden und nicht wie sonst eigentlich fast immer für die Trailrunning-Schuhe) starten wir auf einem gut markierten Wanderweg. Er führt uns von der Richtung her hinauf in eine gut sichtbare Scharte zwischen Prestholtskarvet und Skarvsenden. 2014 wurde der Weg neu angelegt und mit (angeblich, wir haben nicht gezählt…) rund 2000 Stufen aus dicken Granitplatten hinauf gebaut. Also steigen wir nun Stufe um Stufe nach oben, im Rücken das grossartige Panorama südlich von Geilo. Nach rund 300 Höhenmetern erreichen wir die Verzweigung, wo ein neu erstellter Weg rechts abzweigt und über eine kleine Rundtour via Skarvsenden zurück zum Ausgangspunkt führt.

Unser Weg führt uns aber erst einmal (nach einer kleine Essenspause) in Richtung des deutlich sichtbaren Schneefelds mit dem Namen Prestholdskardet, welches in einer lang ansteigenden Querung überwunden wird. Da wir eine gute Spur haben und der Schnee eine fast perfekte Konsistenz hat, fällt das aber nicht allzu schwer und auch die Neigung ist mit ~30° und ohne Absturzgelände im entspannten Bereich. Nach dem Schneefeld erreicht man – nun ja. Den Mond? Man könnte es fast meinen. Eine endlose Geröll- und Schuttlandschaft, ohne jegliche nennenswerte Vegetation erwartet uns nun auf den restlichen rund 200 Höhenmetern bis zum Gipfel. Ab hier bewegen wir uns nun auch mehr oder weniger weglos fort, nur ab und an sieht man diverse Steinmännchen, die grob die Richtung markieren.

Die folgenden knappen zwei Kilometer kann man ungefähr so beschreiben: man läuft eine geraume Zeit weglos zwischen und auf grossen (und erfreulich stabilen) Granitblöcken in Richtung der teilweise vorhandenen Steinmännchen (hinter einer Kuppe). Dort angekommen, stellt man fest, dass sich dahinter nun erneut viele hundert Meter Geröll und Schutt auftürmen – und man dort wieder das nächste Steinmännchen erkennen kann. Dieses Mal ist das dann aber ganz bestimmt der Gipfel.

Dieses Spielchen läuft dann circa drei- bis viermal hintereinander ab. Irgendwann ist man dann aber wirklich „oben“: man befindet sich auf einem riesigen (eher in Quadratkilometern denn in -metern zu bemessenden) Plateau, welches sich mehr oder weniger auf einer Höhe befindet. Hier den eigentlichen Gipfel auszumachen, dürfte ohne Messinstrumente schwierig werden. Dankenswerterweise steht aber nun ein riesiger Steinhaufen vor uns und wir vertrauen mal darauf, dass die Erbauer wirklich wussten, dass sich hier der höchste Punkt des Prestholdskarvet befindet.

Man könnte nun sagen, dass das Landschaftsbild eher trist ist: ringsherum soweit das Auge reicht flache, schier endlose Berge und langgezogene Rücken, es gibt quasi keine schroffen Berge wie man sie aus den Alpen kennt. Andererseits macht aber genau das auch den Reiz dieser Gegend aus und verleitet zu einer gewissen Gelassenheit: wo keine Grate und Felswände warten, muss man niemandem etwas beweisen und auf den Höher-Schneller-Weiter-Besser-Zug aufspringen, der sich im Alpenraum in voller Fahrt befindet (auch dort müsste man das nicht machen, aber das ist ein anderes Kapitel und wohl noch nicht jedem bewusst geworden).

Wir machen also nun erst einmal ganz entspannt Pause und setzen uns auf die windgeschützte Seite des Steinturmes. Im Moment sind wir noch völlig alleine (auf einer der wohl am meisten begangenen Wanderungen in dieser Gegend, wohlgemerkt!) und geniessen die Stille und die mondartige Atmosphäre hier oben. Zuhause wären wir jetzt gerade einmal knapp über Roggenstock-Gipfel-Höhe und würden voll im Grünen stehen, zwischen Nadelhölzern, Gras und Sträuchern (und Mutterkühen). Hier im Norden haben wir die letzte nennenswerte Pflanze 500 Meter tiefer gesehen und Tiere gibt es hier oben schon mal gar nicht (zumindest nichts, wovor ich im Moment Angst haben müsste ). 25 Kilometer weiter westlich können wir den gleich hohen oder sogar teilweise niedrigeren riesigen Gletscher auf dem Hardangerjokulen erkennen – das wäre etwas, auf den Voralpen-Gipfeln einen solch grossen Gletscher zu haben. Aber der Trend geht ja leider in die genau entgegengesetzte Richtung…

Mittlerweile haben wir unsere Brote gegessen und sind nun langsam am frieren. Es ist unser Sommerurlaub, wir (oder besser gesagt ich, Marina war nicht ganz so schlau… ) haben die Daunenjacke an und finden es toll! Neben uns sind nun auch noch ein paar wenige weitere Wanderer auf den Gipfel gekommen und nachdem wir unsere Sitznachbarn anhand eines aufgeschnappten „gliich“ als Eidgenossen entlarvt haben (die Welt ist irgendwie doch recht klein), machen wir uns auf den Rückweg und stapfen durch die Steinwüste zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind.

Für den Rückweg nutzen wir wo es geht die teilweise vorhandenen Schneefelder und kommen auf denen schnell und ohne grosses Herum-Balancieren vom Fleck. Den Prestholdskardet (das grosse zu querende Schneefeld) peilen wir etwas weiter oben an und können nun elegant und zügig eine kleine Firnabfahrt mit einbauen, die uns schnell zurück bringt an die Kreuzung des Weges. Hier machen wir nochmal eine kleine Pause und biegen dann hinter einigen anderen Wanderern ab, um über den Rundweg via Skarvsenden zurück zum Auto zu laufen.

Zuerst geht es noch einmal hinauf, dann folgen wir einem alten Ehepaar, dessen weibliche Komponente irgendwie mit dem weglosen Gelände ziemlich überfordert ist und von Stein zu Stein laviert wie eine Spinne auf dem Nagelbrett. Wir überholen dieses Desaster und gelangen so nach einiger Zeit in eine kleine Scharte, aus der der Weg steil, aber gut markiert nach Süden hinunter führt. Direkt unter uns liegt nun Prestholtstølan, wo das Auto steht. Der Weg macht aber noch einen Schwenk nach Osten und führt in einem grossen Bogen hinunter an die Strasse. Wir sind auch noch blöd genug, uns etwas zu verlaufen und kommen so in den Genuss einer kleinen Querfeldein-Passage, die aber offenbar auch schon der ein oder andere vor uns genommen hat (den Wegspuren nach zu schliessen). Die Markierungen sind aber auch teilweise etwas merkwürdig: an den Stellen, wo man einen gut erkennbaren Weg hat, stecken dann noch Holzpflöcke im Boden. Da, wo man den Weg kaum erkennen kann, gibt es dann keine Markierungen. Aber gut, war in dem Fall nicht weiter schlimm.

Wir sind nun mittlerweile an der Strasse angekommen und laufen diese nun in rund 20 Minuten zurück zum Parkplatz. Eine schöne, nicht allzu lange Wanderung mit einer tollen Aussicht über das Tal von Geilo und die Hardangervidda geht damit zu Ende und wir machen uns auf für die kurze Rückfahrt zur Unterkunft Havsdalsgrenda.

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