Kajak-Premiere zweier Greenhorns auf dem Sihlsee

Wasser

Irgendwann vor rund zwei Jahren sind wir während unseres Norwegen-Urlaubs auf dem Oldevatnet mit einem Boot herumgefahren. Zuerst mit einem Tretboot (grosses Kino für die beobachtenden Campingplatz-Gäste), dann mit einem Ruderboot (heilige Sch***, da muss man sich ja koordinieren…) und dann am Abend und unbeobachtet mit einem Kanu. Letzteres entpuppte sich als ziemlich entspannte Sache und hatte uns irgendwie unterbewusst doch so beeindruckt, dass wir dann vor einem Jahr begannen, uns Gedanken über das Paddeln zu machen. Irgendwie fanden wir Kajaks aber dann doch etwas cooler und haben angesichts des Platzbedarfs mit einem Faltkajak geliebäugelt. Nach einer Probefahrt in einem Klepper Aerius II, einem faltbaren Zweier im Bodensee wurde es dann aber ohnehin erst einmal Herbst und wir haben dann noch einen Winter und den halben Sommer Zeit gehabt, darüber nach zu denken.

Herausgekommen ist, dass ein Zweier vielleicht noch etwas zu altertümlich für uns ist und wir mit zwei Einern wohl mehr Spass haben werden. Auch sind wir vom Faltboot weggekommen und haben immer mehr zu Festbooten tendiert, auch wenn die zweifellos das ein oder andere Fragezeichen aufwerfen, wenn es um Themen wie Lagerung oder Transport geht. Im Sommer 2017 haben wir uns dann in Konstanz im Kanu- und Kajak-Geschäft LaCanoa nochmals ausführlich beraten lassen. Eine Woche später standen wir dann erneut in dem Laden und sind mit zwei Seekajaks, diversem anderen Material und leeren Konten wieder hinausmarschiert. Nach dem Zoll-Intermezzo geht die Fahrt über die Autobahn nach Hause, auf dem Dach zwei mehr als fünf Meter lange Kunststoff-Dinger und null Ahnung vom Kajakfahren.

Am nächsten Tag stehen dann diverse andere Besorgungen an, unter anderem besorgen wir uns noch zwei kleine Bootswägen, um den Transport der Kajaks an Land besser bewerkstelligen zu können. Ausserdem haben wir uns in der Nähe einen Abstellplatz für die Boote mieten können und können von dort aus nun entspannt mit den Kajaks auf den Bootswägen hinunter an den Sihlsee laufen.

Für den allerersten Versuch fahren wir aber erstmal an einen (möglichst unbeobachteten ) Abschnitt am Sihlsee, wo die Minster in den See mündet. Hier gibt es eine gute Stelle zum Einwassern und wir können vorsichtig die Boote das erste Mal besteigen. Wackelig und sicherlich geht es eleganter, aber es geht. Keiner liegt im Wasser und trotz des rechten Geschaukels (Seekajaks halt) wagen wir die ersten vorsichtigen Paddelschläge hinaus in die circa 100 Meter Durchmesser betragende Pfütze, in der wir uns hier befinden. Klein-Falko ist natürlich gleich wieder besorgt: gibt es hier Strömungen oder Wind, was passiert wenn einer kentert, gibt es Krokodile etc. Aber es geht alles gut und wir getrauen uns sogar, mal einige Meter in Richtung des eigentlichen Sihlsees zu fahren. Da wir aber vom Rennradfahren her die hier teilweise durchaus spannenden Winde kennen und nicht die Lokalzeitungen mit Meldungen à la “Unerfahrene Paddler vom Fallwind überrascht” füllen wollen, drehen wir vor dem See wieder um und beenden unseren ersten, kurzen Test. Auch das Aussteigen klappt, ohne dass der uns beobachtende Vater und sein kleiner Sohn etwas zu lachen gehabt hätten und wir freuen uns auf den nächsten Tag, wo wir mehr Zeit haben und bei ruhigem Wetter mal eine erste, etwas längere Fahrt unternehmen wollen.

Am folgenden Morgen sieht man uns mit den Booten von Gross aus los paddeln. Wir haben uns für Neoprenhosen entschieden, darüber ein Funktions-T-Shirt und die Paddeljacken liegen gut verstaut in den Gepäckluken. Den Einstieg haben wir schon erst mal wieder gut hinter uns gebracht und wir halten uns nach Norden in Richtung des Willerzeller Viadukts. An Gross vorbei, immer schön in Anfänger-tauglicher Nähe zum Ufer, arbeiten wir uns Paddelschlag für Paddelschlag nach Birchli vor. Der See liegt sehr glatt vor uns und es weht nur wenig Wind von vorne. Die groben Manöver haben wir nun schon ganz gut raus, das Kurvenfahren rechts und links sowie das Anhalten und auch Anlegen (wir haben an einem Steg zwischendurch mal ein wenig geübt) gelingen befriedigend. Sicherlich sind wir weit von einem Paddelstil à la Nigel Foster entfernt, aber für die ersten Schritte fühlen wir uns ganz wohl.

Unter dem Viadukt entlang (das ist mal eine ganz andere spannende Perspektive) paddeln wir bis zur Hüendermatt, wo wir in einer kleinen Bucht wenden. Wir beschliessen hier umzudrehen und uns am Ufer am dort entlang führenden Wanderweg einen schönen Platz zum Vespern zu suchen. Bei einer Bank landen wir am Ufer und geniessen die Sonne und die warme Luft bei unserer Pause. Sonne und warme Luft führen aber bei einem Bergsee zum dem Phänomen, dass sich im Tagesverlauf gewisse Winde bilden, die auch durchaus eine nicht zu unterschätzende Stärke erreichen können. Die Tatsache, dass wir nun Rückenwind haben, ist sicherlich angenehm, aber die vielen Kitesurfer lassen darauf schliessen, dass es mittlerweile recht aufgefrischt hat.

Mit den Wellen zu paddeln ist irgendwie ein komisches Gefühl, speziell wenn die Welle mich überholt. Man hat den Eindruck, dass man überhaupt nicht vom Fleck kommt und das Wasser an einem vorbei zieht. Nur der Blick ans nahe Ufer belehrt mich eines Besseren und auch der Blick auf die GPS-Uhr zeigt, dass wir uns mit circa 6-7 km/h fortbewegen. Kilometer um Kilometer fahren wir wieder zurück. Bei der Einfahrt in unsere kleine Bucht müssen wir noch ein wenig schräg zu den Wellen fahren, was wirklich eher unangenehm ist und uns ziemlich durchschaukelt. Das ausfahrbare Skeg am Boot hilft ein wenig, hier besser die Richtung zu behalten und nicht immer wieder in den Wind gedreht zu werden. Aber alles in allem sind wir ganz froh, als wir dann wieder ruhigeres Gewässer unter dem Boot haben und ans Ufer anlegen.

Von unserem Start- und Zielplatz machen wir in den kommenden Wochen noch hin und wieder einen kleinen Ausflug mit dem Boot, bis wir dann im September einen intensiven Tag bei einer Kanu- und Kajakschule in Konstanz einen Kurs belegen, um endlich etwas mehr über Technik und vor allem auch Rettungstechniken lernen zu können. Ein sicherlich lehrreicher Tag, vor allem auch was die Wiedereinstiegstechniken ins Boot anbelangt. Die Eskimo-Rolle war da natürlich noch nicht mit dabei, aber das kann ja alles noch kommen. Für mich auch sehr lehrreich (im negativen Sinne): es empfiehlt sich, bei einer gewissen Wellenhöhe den Blick nicht nur auf dem Kajaklehrer (und ohne selber in Fahrt zu sein) zu belassen, sonst wird es schneller im Kopf und Magen ungemütlich, als man sich das wünscht. So verbringe ich einen gewissen Teil der Zeit am Ufer und versuche, meinen inneren Horizont wieder mit der Realität in Einklang zu bringen. Man muss aber auch sagen, dass wir uns einen recht windigen Tag für den Kurs ausgesucht haben und die Wellenhöhe schon nicht gerade von Pappe war.

Wieder zuhause, stellen wir uns die Frage, welche Bekleidung für Fahrten auf einem Bergsee im Herbst, Winter und Frühjahr angebracht sein könnte. Bisher waren wir immer mit Neopren-Long John unterwegs, darüber je nach Wetterlage entweder Funktions-T-Shirt oder Paddeljacke. Das war soweit auch ganz okay und auch bei rund 17° C im Bodensee eine ganz gute Kombination. Aber nach allem, was man so liest und mitbekommt, sollte man ab 15° C Wassertemperatur damit wohl eher vorsichtig sein. Wir entscheiden uns daher nach einigem Überlegen, uns noch zwei Trockenanzüge zuzulegen. Die Dinger sind einfach komplett wasserdicht und sehen im Prinzip aus wie eine Gore-Tex-Jacke in Kombination mit einer entsprechenden Hose, sind aber aus einem Stück und haben wasserdichte Manschetten an den Händen und am Hals. Meistens besitzen sie auch noch angenähte, wasserdichte Füsslinge und sind nicht gerade ganz billig. Aber da wir gerne auch in der kälteren Jahreszeit hier auf dem Sihlsee unterwegs sein wollen und der mit seiner Höhe auf über 800 m ohnehin schnell recht kühl werden kann, sehen wir es als sinnvoll an, uns solche Dinger zuzulegen.

Das ist übrigens einfacher gesagt als getan, denn gerade für kleine Frauen wie Marina ist es unheimlich schwierig, passende Anzüge zu finden. Damenmodelle gibt es ohnehin nur wenige und auch bei mir ist es eher so, dass ich mich nicht über zu enge Bekleidung beschweren kann. Vorrätig hat das in der Schweiz sowieso keiner der drei Kajak-Läden und so bestellen wir uns zwei Palm Bora-Anzüge direkt aus England zu uns nach Hause. Praktischerweise passen sie auch gut und so unternehmen wir bald darauf unsere erste Paddeltour mit den neuen gelb-schwarzen Anzügen. Man kommt sich schon ein wenig vor wie in einer Ritterrüstung, gleichzeitig vermitteln sie aber auch irgendwie ein gutes Gefühl von Sicherheit. Am Schluss gehe ich damit mal noch ins Wasser – es ist schon erstaunlich, wie gut man in der Kombination Trockenanzug und Schwimmhilfe Auftrieb bekommt. Es ist fast schon schwierig, damit überhaupt zu tauchen, dicht scheint er auch zu sein, vor allem der grosse, aber komplett wasserresistente beziehungsweise sogar luftdichte Reissverschluss begeistert mich.

Mittlerweile haben wir uns schon einige Male damit auf dem See herumgetrieben und uns mit den Trockenanzügen angefreundet. Natürlich ist es bei direkter Sonne und Lufttemperaturen oberhalb von 12 – 13° C etwas warm, aber wenn man sich mal die Wassertemperaturen anschaut, war es sicherlich eine gute Entscheidung. Auch die Wind- und Wellenentwicklung auf dem Sihlsee haben wir mittlerweile besser kennen gelernt und sind bei entsprechenden Wetterbedingungen eher vorsichtig unterwegs. Für erfahrenere Kajakfahrer ist das sicherlich noch ein Kindergeburtstag, aber in so einer Nussschale sind auch 30 – 50 cm hohe Wellen schon nicht von schlechten Eltern. Und wenn ich eines von meinen vielen Bergtouren gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass die Natur immer stärker ist und einem das mit Vorliebe dann zeigt, wenn man sich gerade sehr sicher wähnt.

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