Panoramablick hoch über dem Rhonetal

#storyVelo

Auffahrt steht vor der Tür. In weiser Voraussicht entscheiden wir uns gegen den Gotthard und für’s Wallis. Nachdem wir kurzfristig eine hübsche Panorama-Ferienwohnung mit Blick über das Rhonetal gefunden haben, wollen wir ein paar schöne Tage im Wallis verbringen. Im Gepäck sind wieder einmal die Rennvelos.

Erinnerungen an Crans

Vor zehn Jahren habe ich für einige Sommer und Winter in Crans-Montana gearbeitet. Früher bin ich deshalb regelmässig die Strecke von Crans nach Sion oder Sierre mit dem Auto gefahren. Warum diese schönen Strecken nicht auch mal mit dem Rennvelo in Angriff nehmen?

Holpriger Start am Friedhof von Sion – fahren will gelernt sein.

Wir rollen mit dem Auto hinunter ins Rhonetal. Gestartet wird am Friedhof von Sion, wo wir auf einem kleinen Parkplatz unser Auto abstellen können. Schnell sind die Räder zusammengebaut und schon geht’s los. Die Abfahrt ist für mich gleich eine kleine (und nervige) Herausforderung: der Parkplatz liegt an einem leichten Gefälle – und wir müssen bergauf anfahren. Das mache ich nicht gerne und ich kann es auch immer noch nicht so gut. So gibt es gleich zu Beginn ein bisschen Gemotze meinerseits. Zudem bin ich mit meinem Sattel (geliehen von Falko) unzufrieden… Nicht der beste Start für mich. Aber irgendwie raufen wir uns zusammen und dann geht’s doch irgendwann voran.

Schnell erreichen wir die Rue du Rawil, die uns Richtung Champlan bringt. Ab hier beginnt auch die Steigung und ab jetzt fährt jeder sein eigenes Tempo. Ich kann vor mich hin leiden und Falko ist mich vorerst los. Prima Deal! Die ersten Kehren hier hinauf sind steil und schnell habe ich Falko aus den Augen verloren. Dafür kann ich schon hier – obwohl ich ja noch gar nicht lange im Sattel sitze – bereits eine super Aussicht über das Rhonetal geniessen.

Mit jeder Kehre und neuen Strassen kommen Erinnerungen an meine Zeit in Crans-Montana zurück und ich freue mich richtig, jetzt wieder einmal hier zu sein. Ich erkenne fast jede Kurve wieder und weiss noch ziemlich genau, was jetzt alles auf mich wartet. Schliesslich muss ich vom Talboden des Rhonetals bis Crans einen Höhenunterschied von 1’000 m überwinden.

Ich habe den Weg schon auf verschiedenste Weisen zurück gelegt. Mit dem Bus, zu Fuss, mit der Funiculaire und natürlich mit dem Auto. Endlich kann ich hier auch mal mit dem Velo fahren!

Bis Grimisuat schlängelt sich die Strasse zwischen den vielen Weinbergen entlang und die Aussicht über das Rhonetal ist einfach fantastisch. Die Steigung ist hier moderater und ich komme ganz gut voran.  Etwas später erreiche ich schon Botyre und kurz darauf Ayent. An der Kreuzung treffe ich Falko, der auf mich gewartet habe, damit ich den Abzweig nach Crans-Montana nicht verpasse. Als ob ich den Weg nicht kennen würde.

Gemeinsam fahren wir weiter nach Luc und in einem Bogen Richtung Icogne. Aus den grossen Wolken fallen die ersten Regentropfen, aber so richtig losregen will es dann zum Glück doch nicht. Am Scheitelpunkt des kleinen Taleinschnittes fahren wir ab nun ständig mit Blick zu Christ Rio – der Christus-König-Statue von Lens, die hoch über dem Rhonetal thront. Von Crans-Monatana ist dies übrigens ein schönes Ziel für eine Halbtageswanderung.

Falko fährt wieder sein eigenes Tempo und ich strample tapfer weiter vor mich hin. Der blöde Sattel ist doch besser als ich dachte – somit ist dieses Problem für heute wenigstens gelöst. Mit Christus im Visier peile ich also Lens an und hoffe, das Petrus auch mitspielt und den Regen für sich behält. In Lens bin ich kurz dazu geneigt kurz anzuhalten, um ein Foto vom Dorfweiher zu machen. Alle 20m ist dort ein grosses Schild mit der Aufschrift „pêche interdite“ – und mittendrin steht ein Mann mit Angelrute in der Hand und frönt seinem Hobby. Herrlich. Ich bin aber zu faul ein Foto zu machen und radle lieber weiter, schliesslich habe ich immer noch ca. 360 Höhenmeter vor mir.

Nach Lens taucht die Strasse in ein lichtes Waldstück ein. Am Abzweig nach Trionnaz mache ich im Schatten noch eine kurze Pause, verdrücke einen Müsliriegel und freue mich, bald oben zu sein. Aber ich weiss auch, dass sich die Auffahrt von dieser Seite durchaus noch ein wenig hinzieht… Wir nehmen auch nicht den direkten Weg nach Crans-Montana Centre, sondern über Crans-Ouest. In den letzten Jahren entstanden hier viele neue Chalet-Anlagen mit Prestige-Wohnungen. Ich glaube, ich will gar nicht wissen, was so ein Objekt kostet (vor allem in Hinblick darauf, dass sie dann wahrscheinlich für lediglich zwei Wochen im Jahr bewohnt werden).

Er sieht etwas besudelt aus. Manchmal lohnt sich langsam fahren eben doch.

Bei Les Esampilles kommt mir dann Falko entgegen und ich kann mal davon ausgehen, dass es jetzt wirklich nicht mehr all zu weit ist, bis wir oben sind. Er sieht ein bisschen besudelt aus. Während ich vorhin noch zwischen Icogne und Lens herumgekrochen bis, war er einfach zu schnell. Nach Lens ist er in einen Regenschauer gekommen und wurde einmal kräftig geduscht, während ich nur gerade fünf Tropfen abbekommen habe. Manchmal lohnt sich langsam fahren eben doch.

Gemeinsam ans Ziel

Es gibt nochmal eine gemeine Steigung zu überwinden die meine Oberschenkel brennen lässt, bevor wir anschliessend über die Rue du Pas-de-l’Ours zum Zentrum kommen. Unser „Ziel“ ist die Route du Rawyl 1 mit dem alten Carlton Hotel. Hier ist zwar gerade niemand, da die Saison noch nicht angefangen hat. Aber mit dem alten Gebäude verbinde ich viel Erinnerungen und es ist schön, wieder einmal hier zu sein und im Hof zu stehen. Da die Sonne jetzt aber hinter dicken Wolken verschwunden ist, hält es uns nicht lange. Wir wollen die 1’000 Höhenmeter nicht unbedingt im Regen abfahren und machen uns deshalb schnell an die Weiterfahrt.

Die klaffenden Löcher im Strassenbelag erwecken teilweise den Anschein, als könnte man sich darin verlieren, sollte man da hinein fallen.

Quer durch Crans fahren wir die Route de Rawyl entlang, am Etang Grenon vorbei und immer weiter bis zur Bergstation der Standseilbahn, die von Sierre hier hoch führt. Ab jetzt müssen wir vorerst kaum mehr in die Pedale treten. Nächstes Ziel ist Venthône. Die kurvenreiche Strasse schlängelt sich hier zwischen lockerer Bebauung und blühenden Wiesen hindurch. Die Schlaglöcher sind dafür weniger beschaulich. Der an vielen Stellen doch recht schlechte Strassenbelag, der beim Hochfahren noch relativ nebensächlich war, verlangt in der Abfahrt nun volle Konzentration. Die klaffenden Löcher im Strassenbelag erwecken teilweise den Anschein, als könnte man sich darin verlieren, sollte man da hinein fallen. Also fahren wir mit Bedacht und ganz vorsichtig dem Tal entgegen.

Kurz nach Anchettes tauchen wir wieder in die Weinberge ein und folgen in der nächsten Kurve nicht mehr der Hauptstrasse, die uns weiter Richtung Sierre bringen würde, sondern biegen Richtung Loc ab. An der Kreuzung legen wir noch eine kurze Pause ein, um uns mit Wasser, Müsliriegeln und Zucker zu versorgen, als ein Kleinwagen neben uns anhält. Darin sitzt ein Vater mit seinen zwei kleinen Jungs – die wollen wissen, warum wir denn eine Pause machen. Mit „Hopp, Hopp, Allez!“ wollen sie uns zum weiterfahren motivieren. Nach einer kurzen Erklärung, wo uns unsere Route bereits lang geführt hat, sind die zwei Jungs dann doch einverstanden, dass wir kurz pausieren.

Auf der kleinen Strasse fahren wir in Richtung Loc. Die Strasse führt mit einem geringen Gefälle wunderschön durch die Weinberge oberhalb des Rhonetals und wir geniessen die gemütliche Fahrt bei den immer wärmer werdenden Temperaturen. Kurz bevor wir den winzigen Ort Loc erreichen kommen wir noch an einer Kreuzung vorbei. Würden wir dort nach links Richtung Tal abbiegen, wären unsere Bremsen wahrscheinlich überfordert: das Gefälle auf dieser Strasse beträgt satte 40%!!! Wir entscheiden uns für die Normalvariante und rollen weiter nach Loc.

Kurz darauf müssen wir uns entscheiden, wie wir weiterfahren wollen – über Flanthey noch ein Stückchen bergauf und dafür auf kleinen ruhigen Strassen oder Richtung Ollon bergab, dafür den Rest im Talboden auf der grossen Kantonsstrasse. Da mir zu diesem Zeitpunkt das Wasser ausgeht, meine Oberschenkel brennen und ich gerade einfach wenig motiviert bin, in der Nachmittagssonne weiter bergauf zu fahren, entscheiden wir uns für Ollon.

Wir geniessen die letzten Kurven, die wir durch die Weinberge ins Rhonetal bergab rollen können, bevor es noch einmal durchhalten heisst. Auf der doch recht befahrenen Strasse gibt es wenigstens einen Velostreifen, auf dem wir uns die letzten sieben Kilometer durch die heisse Nachmittagshitze kämpfen. Dann ist es endlich geschafft.

Übung muss sein

Auf dem Parkplatz am Friedhof ist gerade wenig los und so nutzen wir die freie Flächen noch ein wenig für Techniktraining. Da meine Anfahrt am Morgen etwas holprig war, bekomme ich von Falko jetzt Tipps und Tricks gezeigt. Ziel ist es in einer Steigung einfacher anzufahren und vor allem dann auch in die Klickpedale zu kommen. Tja, Velofahren ist eben nicht nur draufsetzen und losfahren… Die Erkenntnis, dass ich mehr Gefühl für mein Velo brauche, wird bald noch weitere Konsequenzen nach sich ziehen, aber dazu bald mehr.

 

 

Menü