Bike’n Hike neu definiert am Corviglia Flowtrail

Aktivitäten, Mountainbike

Anstieg nach Corviglia via Alp Laret und Marguns

Wie schon bei unserer gestrigen Tour zur Alp Muntatsch und dem Trail nach Marguns starten wir ab dem Campingplatz Morteratsch und rollen mit unseren Bikes nach Pontresina. Dieses Mal fahren wir aber nicht oberhalb der Talstation der Muotas Muragl-Bahn entlang, sondern bleiben auf der linken Talseite. Dadurch müssen wir nicht direkt durch Pontresina hindurch fahren und uns unseren Weg durch fette Autos und dicke Touristen bahnen (die Adjektive können und dürfen nach Belieben vertauscht werden). Am kleinen Bahnhof von Pontresina vorbei geht es bis zu dem grossen Kreisverkehr, der die Autos entweder nach St. Moritz oder in Richtung Zernez bringt. Wir bleiben aber auf dem Radweg und erreichen nach kurzer Zeit Celerina. Die folgende Steigung soll uns wie bei der Abfahrt gestern hinauf nach Marguns und weiter bis zur Bergstation Corviglia bringen.

Nachdem wir durch den Ort hindurch gefahren sind, die Bahngleise unterquert haben und uns auf die übliche Vorgehensweise geeinigt haben (freie Fahrt für kleine Falkos), beginnt die eigentliche Steigung. Diese bringt uns in der ersten Etappe nach Marguns gute 500 Höhenmeter hinauf. Ich trample los und kann in den folgenden Kehren noch ein paar schöne Blicke auf Celerina werfen, bevor der Weg im Schatten spendenden Bergwald verschwindet. Schlaue Menschen (nicht wir) würden natürlich früher aufstehen und dadurch der beginnenden Mittagshitze entgehen, die weniger schlauen (wir) sind halt erst gegen elf Uhr am Start.

Ich begegne einer erstaunlichen Menge an anderen Bikern, die ebenfalls hier hinauf fahren. Und bis auf zwei tun sie dies auch auf eine durchaus ehrenhafte Art und Weise. Mein eigenes Tempo fahrend überhole ich so immer mal wieder jemanden auf dem Fahrweg, der sich in bisher recht angenehmer Steigung seinen Weg durch den God da Blais bis zur Alp Laret auf 2103 m Höhe sucht. Hier komme ich jetzt aus dem Wald heraus, fahre an zwei E-Bikern vorbei, die sich dann freundlicherweise ebenfalls auf den Weg machen und hinter mir herfahren. Was mich in den Genuss des penetrant surrenden Motorklanges bringt. Abgesehen davon ist es wenig motivierend, sich selber einen abzustrampeln und hinter sich den entspannten Gesprächen eines – jetzt brauchen wir wieder eines der Adjektive von oben, nehmen wir das freundlicher klingende – dicken Ehepaars lauschen darf. Wie auch immer, zur Überwindung der nun folgenden Steilstufe ist den Erbauern des Weges nichts anderes eingefallen, als die Steigung saftig anzuziehen, was mich langsam in den spannenden Bereich steigender Vorderräder bringt. Kies und Schotter sind in diesen Situationen auch nicht besonders hilfreich. Zum Glück gibt es aber auf der linken Seite einen schmalen Asphaltstreifen, den ich jetzt immer mal wieder nutzen kann.

Mit lichtgeschwindigkeitsnahen 5 – 6 km/h nähere ich mich dem Ende dieses Miststücks (manche schieben hier auch einfach, was ich durchaus völlig verstehen kann). Es folgt noch eine kurze S-Kurve und dann geht es erstmal entspannter auf die verbleibende Strecke bis nach Marguns. Eigentlich hatte ich vorgehabt, hier umzudrehen und erstmal wieder zu Marina zu fahren. Da ich allerdings befürchte, sie genau im Bereich des steilen Stückes anzutreffen und mich anschliessend meiner Verantwortung als Schuldiger dieses Tatbestands stellen müsste, trete ich die Flucht nach vorne an, was weitere 200 hitzige und steile Höhenmeter bis nach Corviglia hinauf bedeutet. Choose your battles.

Ein kleines Stück hinter Marguns werde ich mittlerweile zum dritten Mal von Mister und Misses Power auf ihren E-Bikes überholt (schneller zu sein hat manchmal mehr mit Effizienz zu tun als mit der Grösse der Akkuladung). An einem kurzen steilen Stück läuft bei Madame aber irgendetwas schief und sie muss leider von ihrem Rad absteigen. Der Göttergatte hat davon nichts mitbekommen und ist schon ein Stückchen weiter gesurrt, wodurch sie nun in die klägliche Situation gerät, ihr Gefährt selber schieben zu müssen. Nicht schön für sie, für mich dagegen bedeutet es a) wieder mal an ihr vorbeifahren zu dürfen und b) geht mir einer ab vor lauter Freude, wie sie sich offenkundig mit dem 20-25 kg schweren Panzer abmüht. Eine kleine, willkommene Abwechslung und Entschädigung für die Tatsache, dass es durchaus ziemlich anstrengend ist, hier aus eigener Kraft herauf zu fahren.

Nachdem ich an einer Kurve den wartenden und säuerlich dreinschauenden Herrn des Hauses Power passiert habe, geht es gewissermassen auf die Zielgerade. Der Weg gibt nochmal alles, aber langsam gehen die Steigungsprozente zurück. Vor mir tauchen erst die Gebäude von Corviglia und dann zwei bekannte, nicht schwitzende Rücken (“Hallöchen zum vierten Mal *grins*.”) auf. Kurz darauf erreiche ich die Bergstation und kann nun erstmal Pause machen und ein paar Kalorien einwerfen. Aus der Bahnstation ergiessen sich immer mal wieder Schwärme von Menschen mit und ohne Zweirädern, die sich mit erfrischender Leichtigkeit an die hier startenden Trails, Wanderwege und Schnitzel machen. Faszinierender Anblick.

Ich rolle nun erstmal wieder nach Marguns hinunter, um mich meiner Schuld zu stellen und verliere erschreckend rasch Höhenmeter um Höhenmeter. Nachdem ich die Mittelstation passiert habe und noch ein Stückchen in Richtung des giftigen Steilstücks gefahren bin (aber so, dass man mich dort noch nicht sehen könnte), treffe ich auf eine erstaunlich fidele und freundlich gesinnte junge Dame namens Marina und schliesse mich ihr an. Sie hat an der steilen Stelle kurz vorher auch einfach ein Stück geschoben und geniesst ansonsten den Anstieg. Das kurz daraufhin zu hörende Rumpeln, liebe Gemeinden St. Moritz und Celerina, war kein Steinschlag, sondern nur ein Stein, der mir vom Herz gefallen ist. Also keine Panik.

Bei Marguns machen wir gemeinsam eine kurze Pause und essen nochmal etwas, bevor wir uns an das Finale hinauf nach Corviglia machen. Es geht aber insgesamt recht gut und so erreichen wir ein paar Schweisstropfen später gemeinsam die Bergstation und das Ende unseres rund 750 Höhenmeter langen Aufstiegs. Da es nun definitiv Mittag ist und wir auch Hunger haben, geniessen wir auf der Terrasse der Quattro Bar ein Sandwich und einen leckeren Fleischkäse, bevor der spassige Teil beginnt.

Über den Flowtrail nach Chantarella

Von Corviglia führt bekanntermassen der Flowtrail (einer von mehreren Bike-Trails in dieser Gegend) hinunter bis Chantarella, dem oberen Ortsteile von St. Moritz. Knappe 500 Höhenmeter und von verschiedenen Personen als eher “leicht” eingestuft. Also perfekt geeignet für einen entspannten Abschluss unseres kleinen Urlaubs hier im Engadin?

Wir fahren zur Einfahrt des Trails. Und bestimmt kennt jeder dieses Gefühl, wenn man plötzlich bemerkt: hoppla, das ist ja doch gar nicht so flach und einfach, wie man es sich vorgestellt hat. Ich traue mir durchaus zu, den vor mir liegenden Trail zu fahren, obwohl ich auf dem Bike sicherlich nicht extrem ambitioniert unterwegs bin. Aber für Marina dürfte es eventuell spannend werden. Und das tut es auch prompt: “FALKO!!! WAS IST DENN DAS FÜR EINE SCHEISSE HIER, SOWAS FAHRE ICH SICHERLICH NICHT!!!”

Und sicher kennt auch jeder das Gefühl, wenn man sich wünscht, ganz klein zu sein und fliegen zu können. Weit, weit weg, dahin wo einen niemand sieht, oder?

Um es kurz zu machen: man kann den Flowtrail auch zu Fuss laufen, sein Bike schieben und dabei Gott und die Welt (und mich) verwünschen. Während ich fahre, halte ich immer wieder an, um auf Marina zu warten. Dabei schaue ich auch, ob jemand angerauscht kommt. Mit dieser Methode arbeiten wir uns Stück für Stück nach unten. Man muss allerdings fairerweise zugeben, dass die Streckenführung durchaus einen gewissen Anspruch in Bezug auf Fahrkönnen und -technik hat. Die Beschreibungen auf der Website vom Engadin mit “Eignung für die ganze Familie und Gross und Klein” erscheint mir schon etwas ambitioniert. Man sollte vielleicht doch voraussetzen, dass die Fahrer und Fahrerinnen schon den ein oder anderen steileren Trail gefahren sind.

Nach einer gefühlten Ewigkeit sind  wir dann endlich bei Chantarella. Ab hier geht’s auf asphaltierter Strasse weiter hinunter bis ins Zentrum von St. Moritz. Die folgenden Minuten können als “Die grosse Stille” zusammengefasst werden. Irgendwo auf dem Weiterweg nach Pontresina setzen wir uns dann auf eine Bank und ein bisschen gelingt es mir sogar, Marina wieder aufzubauen. Denn ehrlich gesagt bin ich relativ wenig davon beeindruckt, wenn jemand solches Zeugs herunter fährt. Ich bin beeindruckt, wenn jemand aus eigener Kraft grössere Anstiege hinauf fährt. Und das hat sie ja heute definitiv sehr gut gemacht.

Wir beschliessen, den Tag noch mit einem leckeren Eisbecher in Pontresina abzuschliessen und fahren nun entspannt bis zu einem schönen Café mit grosser Terrasse, rauchenden und stinkenden Tischnachbarn und einem leckerem Eis. Naja, man kann nicht alles haben.

Details zur Route

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Piz Surgonda

Anna und ich flüchten vor dem Nordstau ins Engadin und geniessen eine gemütliche Skitour auf den Piz Surgonda vom Julierpass aus.

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