Mit dem Rennrad im Regen auf das Sellajoch

Pässe im Regen und bei Gewitter zu befahren, erzeugt eine ganz eigenwillige Stimmung. Die nassen Strassen glitzern in der manchmal durchblitzenden Sonne und die Natur sieht aus wie frisch gewaschen. Eine Rennradtour auf das Sellajoch.

Heute spielt das Wetter nicht so richtig mit. Mal prasselt der Regen auf das Val di Fassa, dann kommt wieder die Sonne hervor. Da wir für Marina immer noch keine Regenjacke zum Rennradfahren bekommen haben, beschliessen wir, den Tag erst mal ruhig angehen zu lassen. Aber dann packt es mich doch. Während Marina es sich ausnahmsweise vor dem Fernseher in der grossen Sitzecke gemütlich macht und anschliessend noch in die Wellness-Landschaft unseres Hotels schlurft, will ich es doch noch mal wissen. Ich schlüpfe in die Radklamotten und mache mich auf in Richtung Sellajoch.

Gischt gibt es nicht nur am Meer

Über klatschnasse Strassen rolle ich vom Hotel aus hinunter nach Vigo di Fassa und biege auf die stark befahrene Strasse in Richtung Canazei ab. Die folgenden Kilometer, meistens leicht ansteigend, versuche ich, den Kopf einfach abzuschalten und trample vor mich hin. Diese Strasse hier (die SS48) ist einfach nicht besonders schön zu fahren. Die überfüllten Dörfer, durch die ich hindurch rolle, machen die Sache nicht unbedingt einfacher. Als kleines Schmankerl kommt durch die nassen Strassen vom letzten Regenguss noch eine permanente Dusche mit ins Spiel, so dass ich froh über meine Regenjacke und die Überschuhe bin. Sie halten mich trotz eher kühler Temperaturen warm und weitestgehend trocken.

Campestrin, Fontanazzo, Campitello di Fassa und dann Canazei. Endlich! Hier in Canazei beginnt nun der (hoffentlich) interessantere Teil meiner Route mit dem Aufstieg hinauf auf das Sellajoch. Am Kreisverkehr, an dem wir letztens zum Passo di Fedaia nach rechts abgebogen sind, halte ich mich dieses Mal links und starte direkt in den ungefähr 12 Kilometer langen Anstieg. Zum warm werden gibt es ein paar Haarnadelkurven, die mich schnell aus dem Ort heraus und in den Wald hinein bringen.

Sonne-Wolken-Mix im Aufstieg aufs Sellajoch

Es hatte bisher nicht besonders stark geregnet. Aber nun fängt es langsam an, immer mehr zu schütten und die Option “Jacke aus” rutscht in der Prioritätenliste kontinuierlich nach hinten. Dafür gewinnen Punkte wie “Wasser aus den Augen wischen” und “Warum genau habe ich kein Schutzblech?” an Bedeutung, dicht gefolgt von “BMW-Erlkönige nerven, schleicht euch verdammt nochmal!“.

Die Steigung ist insgesamt völlig in Ordnung. Ich mache konstant Höhenmeter, es ist aber nicht so eine brachiale Aktion wie an manch’ anderem Pass. Insgesamt läuft es ganz gut und der Regen sorgt zumindest dafür, dass mir nicht zu warm wird. Allzu lange Anhalten ist allerdings auch nicht angesagt, wie ich dann oben an der Passhöhe schnell feststellen werde, denn dann wird es kalt.

Mittlerweile habe ich die Abzweigung zum Pordoijoch rechts liegen gelassen und bin in den Genuss einiger hundert Meter markierten Fahrradstreifens gekommen. So etwas habe ich an einer Passstrasse auch noch nicht gesehen. Aber das Vergnügen hält leider nicht allzu lange an und schon finde ich mich wieder durch lichte Bergwälder pedalierend – momentan sogar kurzzeitig in der Sonne. Was nicht heisst, dass es aufgehört hätte zu regnen. Aber ab und an gibt es auch ein paar Sonnenstrahlen, die frech durch einzelne Wolkenlücken hindurch schauen. Und irgendwo weiter entfernt donnert es auch ziemlich. Das darf wegen mir auch gerne dort bleiben…

Während ich mir so meine Gedanken zum Wetter mache und konstant an Höhe gewinne, geniesse ich die Aussicht auf den markanten Piz Selva und die Torre di Siela. Gegen Ende meines Aufstieges folgt noch eine Baustelle mit Ampel, durch die ich aber elegant hindurch schlüpfen kann. Dann erreiche ich nach rund 700 Höhenmeter die Zielgerade auf der Passstrasse, die mich mit moderater Steigung zur Passhöhe am Sellajoch auf 2244 Meter Höhe bringt.

Donnergrollen im Hintergrund

Während ich mir die Umgebung mit den markanten Dolomiten-Riesen anschaue, merke ich, dass ich mich wohl am momentan einzigen trockenen Ort aufhalte. Ringsherum hängen dunkle Wolken und die Luft ist schleierverhangen, so wie es immer aus der Ferne aussieht, wenn es stark regnet. Über mir ist allerdings eine kleine, kecke Wolkenlücke, durch die mich die Sonne ein wenig wärmt. Das ist durchaus auch ganz angenehm. Denn sonst würde es wohl hier oben recht schnell kalt werden, so durchnässt wie ich von Regen und Schweiss im Moment bin.

Ich mache alle Löcher meiner Jacke wieder zu, setze eine Mütze unter dem Helm auf und werfe noch ein paar Kohlenhydrate ein. Danach will ich mein Glück mit dem Wetter nicht länger herausfordern und mache mich wieder auf den Rückweg.

Nun folgt der angenehmere Teil wieder zurück ins Tal. Nach der Baustelle muss ich mich zwar von ein paar Spinnern in ihren Autos überholen lassen, die dabei primär sich selbst gefährden (was für mich völlig okay ist, denn so könnte man den Bestand solcher Idioten kontinuierlich dezimieren…). Insgesamt kann ich aber trotz nasser Strassen, die ein gewisses Mass an Vorsicht beim Abfahren voraussetzen, ganz gut die Fahrt geniessen.

Bei solchen Verhältnissen bin ich immer wieder froh über meine Scheibenbremsen, die nicht so schnell das Problem des berühmt-berüchtigte Fadings von Felgenbremsen bekommen. Damit kann man die Bremssicherheit spürbar erhöhen. Gerade bei längeren Abfahrten von Pässen ist das für mich ein nahezu unbezahlbarer Gewinn an Sicherheit.

Ausgebremst

Leider erreiche ich schon bald eine Art kleinen Stau, der sich hinter einem LKW gebildet hat. Der fährt zwar auch bergab, aber natürlich ein ganz anderes Tempo als ein Auto, Motorrad oder eben auch ein Rennrad. Ich reihe mich also in die Schlange ein und rolle sehr gemütlich hinter dem Brummi weiter talwärts. An der ein oder anderen Stelle können manche Autos überholen. Mir ist das auf dem Velo dann aber doch zu riskant, da man oftmals nicht besonders weit vorausschauen kann. Und meine Beschleunigung ist natürlich auch nicht mit den 100+ PS eines Autos vergleichbar.

Aber irgendwann erreiche ich auch so wieder das Tal in Canazei. Und insgesamt bin ich fast ein wenig froh über die ungewollte LKW-Bremse. Denn so bin ich weniger schnell gefahren und damit auch weniger nass geworden. Es hat also auch manchmal etwas Gutes.

Nun folgen noch dieselben Strassen wie auf dem Hinweg durch das Val di Fassa. Der ein oder andere Regenguss kann es leider auch nicht lassen und weicht mich gehörig ein. Aber eine halbe Stunde später erreiche ich dann wieder Vigo di Fassa und nehme die letzten Meter hinauf zum Hotel in Angriff. Jetzt kann ich direkt unter die heisse Dusche und Strassendreck, Schweiss und Kälte abwaschen, bevor es am Abend wieder ein hervorragendes Menü im Hotel-Restaurant gibt.

Details zur Route

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