Piz d’Agnel und Abfahrt durch’s Val da Natons

Am Wochenende früh aufzustehen gehört nicht zu unserer Lieblingsbeschäftigung. “Grosse Touren” erfordern aber “grosse Taten”. Um dementsprechend auf den Piz d’Agnel zu steigen, steht uns eine lange Fahrt bevor und so quälen wir uns um 4.15 Uhr aus den Federn. Zum Glück haben wir genügend Zeit eingeplant und so gibt es erst einmal ein gemütliches Frühstück, um wach zu werden und um 5.30 Uhr gehts dann los nach Pfäffikon, wo wir Steph abholen. Anschliessend fahren wir zu dritt in Richtung Julierpass. Die Autobahnfahrt verläuft noch ruhig, was wohl auch auf die müden Gemüter zurückzuführen ist, aber ab der Passstrasse hinauf zum Julierpass werden wir endlich munter.

Ein Blick aufs Thermometer friert die Vorfreude auf die Tour aber etwas ein. Bei -12 °C und unangenehmem Wind steigen wir eine Kurve unterhalb des Julier-Hospiz auf 2200 m ü. M. aus dem Auto und machen uns startklar. Es ist noch früh, kurz vor 8 Uhr und unser Weg liegt noch im Schatten. Deshalb laufen wir erst mal zu – jeder so “schnell” er kann, um warm zu werden beziehungsweise zu bleiben. Als wir die ersten Sonnenstrahlen erreichen, gibts eine kurze Trinkpause und wir geniessen die Sonne und den blauen Himmel.

Wir steigen weiter durch das Val d’Agnel auf, das eine angenehm leichte Steigung hat und kommen ganz gut voran. Auf 2700 m ü. M. machen wir eine erste etwas längere Pause, werfen einen Blick auf die Karte und essen ein paar leckere Brote. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir schon drei Italiener getroffen, die einfach immer unserer Spur gefolgt sind, bis sie gemerkt haben, dass wir gar nicht zum Piz Surgonda wollen (was wahrscheinlich ihr Tourenziel gewesen ist). Lieber sich verlaufen, als einen Blick auf die Karte zu werfen. Vielleicht wird Tourenplanung in Italien überbewertet.

Wir wissen jedenfalls, wo wir hin müssen und laufen weiter zur Fuorcla d’Agnel, einer kleinen Lücken zwischen Piz d’Agnel und Piz Surgonda, die den Übergang zum Vadret d’Agnel, den Überresten des kleinen Gletschers, ermöglicht. Dort müssen wir die Felle kurz in den Rucksack packen und ca. 80 Höhenmeter abfahren. Nochmals wird aufgefellt, dann steigen wir noch 200 Höhenmeter in die Fuorcla da Flix auf. Von dort wären es nur noch 150 Höhenmeter bis zu unserem Ziel, dem Gipfel des Piz d’Agnel. Ich bin gerade aber ziemlich am Ende und der letzte Aufstieg hat mich so viel Kraft gekostet, so dass ich auf das Gipfelerlebnis verzichte. Ich will einfach nur sitzen.

Falko und Steph diskutieren über die Abfahrt. Eine Möglichkeit wäre, den gleichen Weg, den wir gekommen sind auch wieder zurück zu nehmen. Das würde bedeuten, dass wir wieder ein Stück abfahren, zurück in die Fuorcla d’Agnel aufsteigen und von dort über windgepressten Schnee abfahren. Die andere Möglichkeit liegt vor uns. Ein kurzes und steiles, felsdurchsetztes Stück, dann ein Grat, auf dem man angeblich auf der (von unserer Position aus nicht sichtbaren) nicht so steilen Seite abfahren kann und danach unberührte Hänge, die ins Tal führen bis nach Bivio. Für Steph und Falko sind beide Varianten okay, für mich auf den ersten Blick keine der beiden. Aber es muss eine Entscheidung fallen und da ich noch viel weniger wieder aufsteigen will, als mich irgendwo hinunter zu wagen, entscheiden wir uns also für die direkte Abfahrt nach Bivio.

Mit etwas Überwindung und Hilfe komme auch ich zu Fuss durch die Felsen und lande letzen Endes wieder auf meinen Ski. Die Passage bis zur Rückseite des Grates ist nicht gerade schön, einfach oder toll. Der Schnee ist vom Wind hart gepresst und  buckelig – aber ein paar kleine Kurven gelingen dann doch und dann stehen wir vor dem ersten Hang. Wir fahren alle einzeln und Steph wagt sich als Erster hinein. Er zieht ein paar Kurven und verschwindet dann recht hinter ein paar Felsen. Als nächstes bin ich an der Reihe. Auf los geht’s los und schon kurve ich durch den Hang. Unglaublich, im Gegensatz zum Aufstieg haben wir auf dieser Seite des Piz d’Agnel wunderbarsten, unberührten lockeren Schnee zum fahren. Nach ein paar Kurven komme ich zu Steph und auch Falko kommt gleich hinterher. So arbeiten wir uns durch das Val da Natons, das oberhalb von Marmorera liegt, und geniessen die wunderbarsten Pulverhänge. Perfekt weiss – unberührt – glitzernd!

Ein Blick auf die Karte sagt uns, dass wir uns am Ende des Val da Natons links halten müssen, um zur Alp Natons zu kommen, von der aus ein Wanderweg zurück nach Bivio führt. Um auf die linke Talseite zu kommen, müssen wir also einen kleinen Bach überqueren. Da wir leider die Brücke nicht gleich finden geht’s quer Feld ein. Der Bach ist leider nicht ganz zugeschneit und es fliesst kräftig Wasser darin. Egal, drüber müssen wir trotzdem. Nachdem die Herren mit Ski an den Füssen den Lauf mehr oder weniger elegant überquert haben beschliesse ich die Ski abzuschnallen. Allerdings habe ich die “Tiefe” des Baches unterschätzt und lande prompt mit den Skischuhen im Wasser – aber drüben bin ich trotzdem und dort gibt es erstmal eine kurze Zwangspause, um unsere Ski vom sofort angefrorenen Schnee zu befreien. Blöder Anfängerfehler. Bis zur Alp Natons sind es jetzt nur noch wenige hundert (Schiebe-) Meter. Wir geniessen dort die letzte Sonne und den Blick auf den Marmorerastausee.

Auf dem Wanderweg, der im Winter als Schneeschuhroute gekennzeichnet ist, finden wir gut ins Tal, auch wenn es auf den kleinen engen Wegen eher schlecht als recht zu fahren ist. Letzten Endes kommen wir doch alle zufrieden in Bivio an und während Steph und ich dort ungeduldig warten, kutschiert Falko mit einem italienischen Ehepaar per Autostop zurück zu unserem Auto, welches ja rund 400 Höhenmeter höher steht. Anschliessend holt er uns dann in Bivio wieder ab.

Details zur Tour

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