Rätschenflue

#storySchnee

Wieder mal klingelt der Wecker zu unmöglichen Zeiten, und wieder mal sammle ich Steph am Bahnhof in Pfäffikon auf. Wir fahren unter der Bewölkung hindurch nach Graubünden, genauer gesagt zur Rätschenflue nach St. Antönien im Prättigau. Wie erwartet haben wir dort noch bestes Wetter, die angekündigte Front wird sich aber ab dem Mittag vom Westen her nähern. Über eine steile, vom Pistenfahrzeug planierte Alpstrasse geht es bis hinauf nach Engi auf 1622 m (ein Auto mit 4×4 ist schon toll, hihihi …), wo wir das Auto abstellen und uns mit den Ski auf den Weg durch das Gafiatal machen.

Für die Abfahrt haben wir eine steile Variante nordostseitig der Rätschenflue im Sinn, bereits hier vom Aufstieg her können wir den Hang gut einsehen. Windzeichen gibt es nur sehr wenige, ein grösseres Triebschneeproblem scheint es in dem Hang nicht (mehr) zu geben. Die mässige Lawinengefahr des Lageberichts bestätigt sich bis jetzt völlig, teilweise ist der Schnee recht hartgepresst und die vorhandene Spur mühsam zu gehen, aber sonst gibt es keine Schwierigkeiten.

Über zwei etwas steilere Geländestufen geht es hinauf zum Unghürtschuggen – ein flacher Alpboden am Talende unterhalb des Madrisahorns. Dort kommen uns einige Skifahrer aus dem Skigebiet von Davos entgegen. Von da aus ist dieses Tal eine Variantenabfahrt, die allerdings im Moment nicht mehr besonders lohnend ist. Zu zerfahren ist alles schon, zu abgefahren und windgepresst der Schnee an den interessanten Hängen. In unserer geplanten Abfahrt hingegen sind aber erst zwei Spuren drin – nein halt! Ganoven! Da kommen gerade zwei hinunter! Scheint ganz gut zu gehen und Platz hat es trotzdem noch mehr als genug bei rund 300 – 400 m Hangbreite. Und wenn da schon vier Personen gefahren sind, scheint ja auch alles zu halten in dem Hang – oder?

Nein, so beurteilen wir das sicherlich nicht! Wer weiss schon, wie fähig die beiden waren, vielleicht haben sie einfach nur Glück gehabt. Aus jetziger Sicht spricht nichts gegen eine Befahrung, ein Schneeprofil des Schweizer Lawinenwarndienstes aus dem gleichen Gebiet zeigt aber eine dünne Eislamelle in rund 40 cm Tiefe. Das wäre ungünstig, denn so etwas bildet eine optimale Schwachschicht im Schneedeckenaufbau.

Unseren Gedanken nachhängend sind wir mittlerweile auf den Gafier Platten angelangt, ein variables Hochplateau, auf dem die letzten 400 Höhenmeter zum Gipfel zurückgelegt werden. Das Wolkenband im Westen kommt stetig näher, ich drängle Steph zu etwas mehr Eile, denn im ohnehin schon schattigen Nordosthang sind die Schneekonturen beim Fahren bei Bewölkung nochmal deutlich schlechter zu erkennen. Sprich, ich möchte auf jeden Fall den Hang befahren, bevor die Wolken hereinziehen.

Der letzte Aufstieg zum Gipfel zieht sich allerdings, immer noch eine Kuppe und noch eine Kuppe, bis wir endlich auf dem flachen Gipfelplateau stehen. Südlich bricht die Rätschenflue senkrecht über eine Felswand ab, das ist definitiv kein skitaugliches Gelände mehr. Wir machen nur eine recht kurze Pause, ich trete Steph ein bisschen auf den Füssen herum, um wieder loszukommen.

Die ersten Meter der Abfahrt verlaufen auf der Aufstiegsroute in wechselndem Schnee, später halten wir uns links zu einem kleinen Sattel auf rund 2500 m. Die Einfahrt, der einzige Schwachstelle in einem grossen Felsriegel, ist schnell gefunden, auch dank der schon vorhandenen Spuren. Wir schauen uns nochmal den Schnee an, es sieht aber alles gut aus und so rutschen wir vorsichtig die ersten, recht ausgesetzten und rund 45° steilen Meter in das Couloir hinein, das später in den riesigen breiten Nordosthang übergeht, den wir schon von unten gesehen haben. Der Schnee hier oben ist hart und nur mit Umspringen gut zu fahren, etwas anderes geht aber auch schon aufgrund der Steilheit kaum. Wenig später geht die Steilheit deutlich zurück und wir können quasi bis ins Tal hinunter auf rund 1800 m im besten Pulverschnee durchfahren. Ein schöner Rücken bietet sich an, um die Lawinengefährdung nochmals zu reduzieren und wir fahren einzeln in einem Stück bis zum Talboden. Die Oberschenkel brennen dann doch etwas, aber die Abfahrt war es wert. Ein gut zweistündiger Aufstieg und knapp zehn Minuten Abfahrt.

Wettermässig hat es gerade so gepasst: als wir in den Hang einfuhren, schoben sich schon die ersten Wolken vor die Sonne. Die Eile hat sich also gelohnt, bereits jetzt waren die Sichtverhältnisse nicht mehr ganz optimal.

Gemütlich rutschen wir noch die restlichen Meter in einer breit ausgefahrenen Spur, die vom Madriasjoch her kommt, wieder zurück zum Auto, legen noch eine LVS-Suchrunde ein und machen uns dann wieder auf die Heimfahrt.

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