Mutteristock

#storySchnee

Eigentlich wollte Falko mit Fabian auf den Piz Platta im Engadin, allerdings gab es dann für heute doch einen Lawinenlagebericht mit „erheblich“ statt „mässig“. Mit den steilen Rinnen ist den beiden diese Aktion dann zu riskant und einfach mal hinfahren und schauen – dafür ist es dann doch etwas weit.

Als Alternative wählen die beiden eine entspannte Tour, zusammen mit mir gehen sie auf den Mutteristock. Für mich die erste grössere Skitour der Saison und die 1400 Höhenmeter wollen auch erstmal gemacht werden. Um kurz vor 8 Uhr steht Fabian bei uns vor der Tür und wir fahren gemeinsam ins Wägital. An schönen Wochenenden bekommt man hier kaum noch einen Parkplatz, heute, bei starkem Wind, wolkenbedecktem Himmel und nicht so tollen Schneeverhältnissen steht nur ein einziges Auto am Startpunkt zum Mutteristock (und anderen Tourenzielen). Über etwas steileres Gelände und ein kleines Waldstück steigen wir auf und erreichen bald das freie Gelände bei der Rinderweid. Hier machen wir eine erste kurze Trinkpause und ich sehen zum ersten mal unser Tagesziel – den Mutteristock. An diesem Punkt liegen noch gute 900 Hm vor uns, aber ich lasse mich nicht entmutigen. Fabian und Falko legen ein Tempo vor, dass gut zu meinem Rhythmus passt. Wir kommen gut voran, aber es ist auch nicht zu schnell und ich kann meine Kräfte gut einteilen.

Es ist sehr warm, der Schnee unter unseren Skiern wird immer schwerer und der Wind pfeift uns je nach Position ganz schön um die Ohren. Bei unserem Aufstieg haben wir die steilen Flanken des Fluebrig im Rücken. Dort rauschen unentwegt Schneerutsche ins Tal, die ein unheimliches Getöse verbreiten. Am Mutteristock sind die meisten Hänge nicht so steil geneigt und wir können weiter aufsteigen. Die erste wirklich kritische Stelle im Aufstieg erreichen wir an der Torberglücke. Dort müssen wir einen Hang queren, der etwas steiler ist. Die beiden Herren beschliessen, den Hang einzeln zu queren, so geht Fabian voraus, danach folge ich ihm und Falko macht das Schlusslicht.

Jetzt fühle ich mich ganz schön ausgepowert. Aber der Gipfel ist in Sicht und bis dort hin sind nur noch 200 Höhenmeter zu überwinden. Also beisse ich die Zähne zusammen und laufe stur hinter Fabi her. Fünf Meter vor dem Gipfel schnallen wir die Ski ab und laufen die letzten paar Meter über den Grat zu Fuss. Gar nicht so einfach, denn hier oben bläst der Wind recht stürmisch und es ist ganz gut, die Skistöcke noch als Stütze dabei zu haben. Und dann endlich stehen wir oben. 1400 Hm! Meine bisher längste Skitour – ein super Gefühl.

Lange hält’s es uns aber nicht auf dem Gipfel. Der Wind ist einfach zu stark und schafft nicht gerade eine gemütliche Atmosphäre. Zurück am Skidepot suchen wir uns einen etwas windgeschützteren Platz, damit es uns die Felle nicht davon fegt, packen diese in den Rucksack und machen uns an die Abfahrt.

Ein paar Höhenmeter unterhalb des Gipfels gibt es eine Variante zum Abfahren, die uns ein Stück weiter unten wieder auf unsere Aufstiegsspur bringen würde. Der Einstieg zu diesem Hang ist allerdings relativ steil. Fabi und Falko prüfen den Schnee und sind eigentlich bereit dort abzufahren. Ich stehe fünf Minuten lang dort oben und schaue mir die Einfahrt an. Aber trau mich nicht. Ich müsste nur eine Kurve machen, um in etwas weniger steiles Gelände queren zu können, aber die traue ich mir einfach nicht zu. Diesmal ist meine Angst zu stürzen eben grösser und ich kann mich nicht überwinden, dort hinein zu fahren.

Die zwei akzeptieren meine Entscheidung aber und so fahren wir unsere Aufstiegsroute wieder ab. Nicht gerade ein Highlight. Schwerer, feuchter Schnee, in den man immer wieder einsinkt und wirklich nicht toll fahren kann. Naja, ich zumindest. Bei Fabi und Falko sieht die Abfahrt aus, als herrschten beste Verhältnisse. Ich sehe eher aus wie ein Kleinkind, das zum ersten Mal in seinem Leben auf Ski steht. Runter komme ich trotzdem irgendwie.

Wieder an der Torberglücke vorbei sehen wir ein Stück weiter unten, dass sich nach unserem Aufstieg ein Schneerutsch seitlich des Mutteristocks gelöst hat und die letzten Ausläufer bis über unsere Spur gerutscht sind. Da fängt man dann doch mal an nachzudenken, ob man im Aufstieg doch anders hätte gehen sollen. Soweit so gut, wir versuchen diese Stellen möglichst rasch zu durchfahren und am Ende des Mutteribergs, oberhalb der Lufthütte, erwarten uns dann die letzten zwei kritischen Querungen. Wieder fahren wir einzeln und es klappt auch alles super.

Aus den kritischen Hängen draussen „geniessen“ wir dann die Abfahrt ins Tal – nasser Schnee, brennende Oberschenkel und ungewachste Ski … ;)

Nach einem letzten winzigen Steilstück gelangen wir auf die Forststrasse, die uns bis zu unserem Auto leitet. Dort machen wir es uns erst mal gemütlich. Skischuhe aus, Brote auspacken, trinken, essen und die Tour Revue passieren lassen. Schon komisch, wenn man im Januar in einem Kälteloch mit dünnen Jacken draussen sitzen kann ohne gross zu frieren.

Wir möchten jetzt mal richtig Winter haben!

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