Chaiserstock und Blüemberg

#storySchnee

Nach einer Woche krankheitsbedingter Abstinenz von den Bergen werde ich heute mal einen Versuch wagen und schauen, ob ich wieder halbwegs zurande komme. Mit Fabian habe ich abgemacht, mich kurz nach sieben in Schwyz zu treffen. Wir fahren dann zusammen ins Muotatal hinter, wo wir mein Auto abstellen und dann mit seinem weiter fahren nach Riemenstalden, zur Talstation der Chäppelibergbahn. Von dort aus geht es mit der kleinen Vierergondel hinauf auf rund 1700 m. Vorher müssen wir uns jedoch überlegen, wie wir mit der Tatsache, dass Fabian sein LVS-Gerät vergessen hat, umgehen – konsequenterweise müssten wir dann das Event ausfallen lassen. Er kann aber auf Nachfrage bei einem Bergführer noch ein Gerät ergattern, welches wir dann heute Nachmittag hier an der Talstation wieder abgeben werden. Die Gruppe bleibt über Nacht oben auf der Lidernenhütte und so können sie das Ding dann am Sonntag wieder abholen.

Nachdem dieses Problem nun gelöst ist, fahren wir hinauf und stecken gleich mal im Nebel fest. Anfangs queren wir nun erstmal mehr oder weniger auf gleicher Höhe nach Osten, an der bewarteten Lidernenhütte vorbei geht es in Richtung Schmalstöckli. Hier biegen wir nun nach Süden ab und halten uns immer an den felsigen Wänden des Chaiserstocks entlang bis auf rund 2250 m. Mittlerweile sind wir nun auch dem Nebel entwichen und können blauen Himmel und Sonne geniessen. Hier starten wir nun in eine längere Querung hinüber durch die recht steile Südwestflanke des Chaiserstocks zum Chaisertor, einem kleine Grateinschnitt auf rund 2300 m Höhe. Fabian darf heute spuren, ich mache noch etwas piano und versuche mich weitestgehend zu schonen. Auch mal schön, nur „hinterherzustapfen“. Der Harschdeckel im Hang zeigt, dass durch die Sonneneinstrahlung hier häufige Veränderungen in der Schneedecke herrschen, auch ein paar oben am Felsrand gelegene Fischmäuler (Anrisse in der Schneedecke) erinnern uns daran, hier nicht gerade Pause zu machen. Einzeln queren wir nun hinüber, knapp unterhalb eines kurzen Couloirs zum Grat hinauf schnallen wir die Ski auf den Rucksack und stapfen die letzten 20 Meter hinauf ins Chaisertor. Nordostseitig sehen wir eine sehr coole Rinne, durch die wir nachher abfahren können.

Vorerst klettern wir aber noch ein Stück weiter hinauf, bevor wir die Ski deponieren und zu Fuss weiter Richtung Gipfel steigen. Der Anfang ist ein Grat mit einem Gemisch aus Schneewühlerei und leichter Kletterei, bevor wir dann nach dieser mit einem Drahtseil versicherten Passage auf den breiten Nordwestrücken des Chaiserstocks steigen und hier die letzten 150 Höhenmeter Schneestapfen in Angriff nehmen. Gipfelrundblick, etwas Essen und dann steigen wir wieder hinab zu unseren Ski. Wir fellen ab und schiessen dann in herrlichem Pulverschnee das noch nicht befahrene Couloir hinunter in ein kleines Hochtälchen zwischen Chaiserstock, Chronenstock und Blüemberg. Eine kurze Diskussion später, ob nun Zöpferl flechten oder lange Freeridekurven besser sind, fellen wir wieder auf und machen uns in der Autobahnspur, die zum Blüemberg führt, auf den Weg die letzten 300 Höhenmeter in Angriff zu nehmen. Irgendsoein Heini hat die Spur recht steil angelegt, was das Gehen nicht gerade besonders kommod macht. Wir haben jetzt aber auch keine Lust, noch eine neue Spur zu legen. Oben geht es die letzten 50 Höhenmeter noch zu Fuss, Ski tragend, hinauf. Dann stehen wir auf dem zweiten Gipfel und machen uns bereit für die Abfahrt ins Muotatal.

Fabian hat eine geniale Einfahrt in den Hang gefunden – er fackelt nicht lange und fährt respektive springt direkt mal rein in eine Halfpipe-förmige Geländestruktur, wo es erstmal rund zwei, drei Meter senkrecht hinunter geht, bevor es langsam flacher wird und am Gegenhang ausläuft. So ein Sack! Ich hab noch nicht so die Ambitionen, das Gleiche zu machen, aber wenn er das fährt, kann ich ja jetzt nicht die Eumelvariante aussen rum nehmen. Ich stehe eine Minute zögerlich herum, Fabian lacht sich unten kaputt. Also auf jetzt! Augen zu und durch – es funktioniert doch. Die Landung klappt erfolgreich, ich beschimpfe ihn nochmal kurz und dann fahren wir weiter die schon völlig zerfahrene Abfahrt hinunter. Ein kurzes Flachstück am Gross Achslenstock vorbei ist landschaftlich sehr schön, ein bisschen sieht der Felsturm aus wie in den Dolomiten. Direkt danach sieht nichts mehr irgendwie aus, der dichte Nebel hat uns wieder.

Wir halten uns an die vorhandenen Spuren, schauen aber auch alle paar Meter wieder selber in die Karte, einfach nur hinterherfahren ist nicht so der Hit und kann auch mal ziemlich ins Auge gehen. Insgesamt quert man hier weit nach Nordosten, bevor es wieder über verschiedene Alpen ins Tal hinunter geht. Wir haben nun die Nebelbank hinter uns gelassen und ackern uns nun von Hang zu Hang, die deutlichen Befahrungsspuren machen die Abfahrt nicht gerade angenehmer. Teilweise sind auch die Hänge sehr strukturiert und mit Steinblöcken übersäht, hin und wieder kriegt man gerade noch die Kurve um nicht ein, zwei Meter hinten runter zu fliegen. Es passiert dann aber doch, ich warte eine Weile, aber Fabian taucht nicht auf. Einige Minuten später kommt er dann ziemlich weiss angerutscht, irgendein Felsblock ist ihm zum Verhängnis geworden. Ein paar Meter weiter, wo man immer mal wieder eine kleine Alpstrasse quert, sehe ich mich plötzlich vor einem zwei, drei Meter hohen Abbruch, den ich von oben überhaupt nicht gesehen geschweige denn erwartet hätte. Machen kann ich nichts mehr, denn ich bin schon an der Kante, einzig die Knie anziehen klappt reflexartig noch. An den Einschlag erinnere ich mich nicht, ich „wache“ dann wieder auf, als ich schon im Schnee liege. Die Ski sind noch dran, ein Stock hat sich verselbstständigt. Ich bleibe erstmal ein paar Sekunden liegen, um mich wieder zu sammeln. Es scheint soweit alles dran zu sein, im Moment dröhnt mir tierisch der Kopf, Kinn und Kiefer tun weh und das linke Knie. Offenbar bin ich mit dem Kinn beim Aufprall dann auf das linke Knie gedonnert. Aber es scheint sonst alles okay zu sein, etwas benommen rutsche ich weiter hinunter zu Fabian, der auf mich wartet.

Die letzten Meter hinunter rutschen wir nun beide extrem vorsichtig, kurz verfahren wir uns noch, aber dann sind wir unten im Talboden und nach einer kurzen Skatingeinlage auf der Loipe an meinem Auto, das wir heute Morgen hier abgestellt haben. Nachdem wir unsere Sachen eingeladen haben und noch etwas gegessen haben, fahren wir zusammen wieder hinauf zu Fabians Auto und beschliessen die Tour zusammen mit Marina im Café in Schwyz – so wie sich das gehört.

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