Bindungsprobleme am Wäspen

#storySchnee

Eisige Bedingungen, harter Schnee und eine Skibindung, die sich selbstständig im Aufstieg öffnet: keine guten Voraussetzungen für eine zweitägige Durchquerung via Wäspen, Griessstock, Hüfihütte und Gross Düssi…

In den kommenden beiden Tage soll es eine kleine Durchquerung in der Zentralschweiz geben: zusammen mit Silvan und ein paar Freunden von ihm, die wir auf der Hüfihütte treffen werden, wollen wir heute über den Wäspen und auf den Mittleren Griessstock steigen, nach einem erneuten Aufstieg noch auf das Gross Schärhorn wuseln und dann zur Hütte abfahren. Morgen geht es dann über die Fuorcla da Cavrein und das Südcouloir auf den Gross Düssi und über die lange Westabfahrt ins Maderanertal, zurück in die Zivilisation.

Vereister Aufstieg auf den Wäspen

Soweit der Plan. Ich treffe mich mit Silvan in Schwyz und wir fahren zur Talstation der kleinen Alpseilbahn Ribi-Wannelen im Schächental, in der Nähe von Unterschächen. Von dort aus geht es hinauf auf rund 1600 m, von wo aus wir jetzt mit den Ski starten. Herrschte im Tal noch eine diffuse Nebeldecke, sind wir mittlerweile über den Wolken und können uns auf bestes Wetter freuen. Zusammen mit einigen anderen Tourengehern geht es in einer ausgetretenen Spur die ersten Höhenmeter hinauf in Richtung Wäspen.

Eine etwas mühsame und steile Querung beschert mir im harten Schnee, wo man den Ski mit etwas Kraft hinein rammen muss, um nicht abzurutschen, fast den Verlust des einen Skis. Ich kann ihn aber gerade noch aufhalten. Das ist mir jetzt schon einige Male passiert, unter anderem am Stoos, wo der Ski auch nur mit viel Glück am Hang liegen blieb.

Aber das dicke Ende kommt noch…

Für’s Erste sind die Bretter wieder da, wo sie hingehören, nämlich an meinen Füssen. Über teilweise eisig-harschige Schneehänge steigen wir weiter hinauf. Kurz unterhalb des Gipfels montiere ich vorsichtshalber die Harscheisen, um an einer weiteren harten Stelle nicht erneut einen Brettverlust hinnehmen zu müssen. Nach knapp eineinhalb Stunden stehen wir auf dem ersten Gipfel dieses Tages. Über uns steht der Griessstock, den wir nun nach der langen Querung eines grossen Hanges in Angriff nehmen wollen.

Flüche hallen im Talkessel wider

Die Querung ist westseitig ausgerichtet und dadurch noch völlig hart. Es müssen dabei einige Nassschneerutsche der vergangenen Tage überquert werden. Bei den eisigen Brocken ist es ein ziemliches Eiern, was wir da veranstalten. Wir queren den rund 150 Meter hohen Hang relativ weit oben zu einer Lücke, von der aus wir den weiteren Aufstieg auf den Griessstock starten möchten.

Vor einer weiteren eisigen Stelle denke ich mir gerade, dass ich jetzt eventuell wieder den Ski verlieren könnte. Ein beherzter Tritt mit der Skikante, die Bindung öffnet sich trotz eingelegter Verriegelung und dieses Mal kann ich den Ski nicht mehr stoppen. Er macht das, was ein auf Gleiten ausgelegtes Brett in einem steilen Hang machen muss und tritt die Reise ins Tal an. Ich verzichte jetzt darauf, die Verwünschungen wiederzugeben, die in diesem Moment im Talkessel zu hören sind. Erstmal muss ich mir jetzt „einskiig“ einen stabilen Stand im Hang suchen. Und der Ski? Tja, der liegt entspannt am unteren Auslauf des Hanges, ein ziemliches Stück unter uns. Ich schnalle den zweiten Ski ab, zusammen schauen wir uns die Bindung und den verfluchten Verriegelungshebel genauer an. Silvan hat die gleiche Bindung, alles sieht identisch aus. Nur dass der Hebel in der verriegelten Position einfach stabil sitzt und sich nicht durch seitliches Kanten öffnen lässt.

Lange Rede, kurzer Sinn. Für mich macht die Weiterführung der Tour so keinen Sinn. Wir werden noch einige Stellen wie diese mit hartem Schnee vor uns haben. Und speziell morgen am Gross Düssi muss ich mich zu 100% darauf verlassen können, dass der Ski am Fuss bleibt und nicht eine permanente Absturzgefahr besteht. Die Sache ist für mich gelaufen. Silvan wird schauen, dass er sich nach dem Griessstock mit den anderen, die eine andere Route gewählt haben, treffen kann. Ich werde zu Fuss den Hang runter gehen, meinen Ski wieder einsammeln und über das Brunnital zurück nach Unterschächen fahren.

Zu allem Überfluss auch noch Bruchharsch vom Feinsten

Den Ski habe ich nach einem Abstieg bald erreicht. Auf das Abfahren hat die Bindungsproblematik zum Glück keinen Einfluss. Anfangs kann ich noch in mässig tollem Schnee fahren. Bald aber wechselt der Untergrund zu „nicht mehr erwähnenswert“. Eine steile Passage ist völlig verhärtet und extrem mühsam zu fahren. Erst weiter unten im Talgrund wird der Schnee etwas besser.

Ab der Alp Brunni kann ich dann auf einer mit der Pistenwalze präparierten Forststrasse bis nach Unterschächen rutschen. Mit meiner Stimmung im Moment kommt mir das ganz gelegen. Auf beschissenen Schnee in der Abfahrt habe ich gerade wirklich keine Lust. Überhaupt soll sich die Familie da vorne mit ihren zwei Bälgern auf Schlitten an den Wegrand verziehen und ausserdem ist das ganze eine Riesenscheisse. Wegen so etwas bei bestem und stabilem Wetter eine Tour abbrechen zu müssen, kotzt mich schon ziemlich an. Das ich nach der Ankunft in Unterschächen noch eine Viertelstunde zu Fuss wieder zum Auto latschen muss, bessert meine Laune auch nicht gerade.

Wieder zu Hause vergleiche ich die Bindung nochmal mit einem anderen Ski, auf welchem ich das selbe Bindungssystem montiert habe. Der Unterschied beim seitlichen Belasten des Skischuhs (sprich Kanten) im Aufstiegsmodus ist deutlich. Die eine Bindung hält, die andere öffnet sich. Ich lasse noch am gleichen Tag die Bindung einschicken und von dem anderen Ski auf meinen „Hauptski“ ummontieren, um wenigstens in den kommenden Tage noch etwas unternehmen zu können. Auch so kann es leider einmal gehen. Im Nachhinein betrachtet geht aber die Welt deswegen nicht unter.

Menü