Föhnsturm am Gross Ruchen

#storySchnee

Nach dem Fiasko vor zwei Tagen konnte ich nun gestern mit einer Ersatz-Bindung am Roggenstock vorsichtig testen, ob damit das Problem des ungewollten Auslösens vorerst behoben ist. Da ich keine Schwierigkeiten mehr feststellen konnte, geht es heute an den Gross Ruchen, am hinteren Ende des Brunnitals gelegen. Es brauchte gestern etwas Überzeugungsarbeit, um Steph für die 2200 Höhenmeter Aufstieg zu motivieren, schlussendlich stehen wir nun aber (wieder mal ) kurz vor sieben Uhr in Unterschächen und machen uns bereit für den langen Aufstieg. Nach wie vor herrscht stabiles Hochdruckwetter, ab Morgen kommt dann aber der Föhn und wird die Schneebeschaffenheit weiter verändern.

Um Punkt sieben starten wir und laufen das Brunnital auf der gewalzten Forststrasse zur Alp Brunni hinter. Während der etwas eintönigen Stunde herrscht gesprächiges Schweigen, jeder hängt seinen Gedanken hinterher. Mich stört es nicht, ganz im Gegenteil – Schweigen ist Gold. An der Alp Brunni machen wir eine kurze Pause, essen und trinken etwas und steigen dann weiter in Richtung der markanten Ruch Chälen, dem Herzstück der Tour. Ein riesiger, rund 800 Höhenmeter überwindender Schlauch, der an seiner steilsten Stelle gute 40° steil ist. Oben endet dieses Couloir am Ruchchälenpass, vom dem aus dann noch einmal rund 600 Höhenmeter bis auf den Gipfel zurückzulegen sind. Wir befinden uns nun am Einstieg, der leichte Wind, der sich bisher angedeutet hat, wird nun markant stärker, als wir in das Couloir einbiegen. Sollte der Föhn etwa doch schon einen Tag früher zuschlagen?

Steph steigt in einem sehr gemässigtem Tempo vor mir auf, als zwei andere Tourengänger uns überholen, bleibe ich in einem ähnlichen Tempo an ihnen dran, da ich sonst nicht in einen Rhytmus finde. Anfangs geht es rund 500 Höhenmeter in mässig steilem Gelände hinauf. Der Schnee ist hart und durch den mittlerweile unangenehm starken Wind bilden sich kleine Minitriebschneeansammlungen, auf denen die Felle keinen guten Halt finden und man leicht zurück rutscht. Monoton geht es weiter nach oben. Auf den letzten 200 Höhenmetern steilt der Hang nochmal deutlich auf, mittlerweile ist die Spur auch etwas eisig und ich montiere vorsichtshalber die Harscheisen. Ein Sturz wäre hier nicht fatal, aber nichtsdesto trotz ärgerlich und man würde einige Meter hinunterutschen, bevor man stoppen könnte. Das muss nicht sein und ich gehöre definitiv nicht zur Gruppe der ach-so-pseudo-coolen Skitourengänger, die niemals Harscheisen brauchen (ist ja nur für Weicheier).

Etwas mühsam geht es nun weiter hinauf, man hat durch die Windstärke, die sich in dem Couloir noch in einem Düseneffekt sammelt, teilweise Probleme, sich auf den Beinen zu halten. Endlich, drei Stunden nach dem Aufbruch, stehe ich oben am Ruchchälenpass – mit voller Wucht haut sich hier der Sturm gegen mich. Der Föhn ist kein üblicher Wind, der mal stärker, mal schwächer weht, er bläst einfach ununterbrochen gleichmässig stark. Zermürbend und anstrengend, aber in einer kleinen Senke direkt vor mir nimmt man ihn zumindest nur noch in einer ertragbaren Windstärke wahr. Die beiden anderen vor mir haben nur kurz Pause gemacht und sind dann direkt weiter gegangen. Ich warte nun geschlagene 30 Minuten, bis Steph endlich auftaucht und nun natürlich auch erstmal noch eine Pause braucht. Mir ist mittlerweile ziemlich kalt, langsam machen wir uns auf für den Weiterweg. Am Chanzeli vorbei geht es weiter über den Ruchenfirn, Steph ist schon wieder einige Meter hinter mir. Und ununterbrochen weht der Wind … Ich bleibe nun bei meinem eigenen Tempo, eingepackt in die Goretex-Jacke und mit Kapuze lässt sich der Wind halbwegs aushalten. Der letzte Hang hinauf zum Skidepot zieht sich, auf dem harten Schnee bläst es mich teilweise fast um. Dafür ist die Fernsicht umso schöner, es ist keine Wolke am Himmel. Spitzkehre für Spitzkehre treibe ich mich weiter hinauf, die Länge der Tour wird langsam spürbar.

Am Skidepot angekommen, kommen mir die beiden anderen gerade vom Gipfel aus entgegen. Steph hingegen ist noch weit unten und ich beschliesse, den Rest alleine anzugehen. Vorher felle ich noch ab und mache alles bereit für die Abfahrt. Steigeisen anlegen, dann steige ich in der gut ausgetretenen Spur hinauf in Richtung Gipfel. Der Fussaufstieg ist nicht schwer, lediglich der Wind macht mir auch hier zu schaffen, auf dem schmalen Gipfelgrat hat man Mühe, nicht die Direttissima ins Tal anzutreten. Knapp sechs Stunden nach dem Aufbruch im Tal stehe, besser gesagt klammere ich mich oben fest.

Es hält mich nicht lange hier, nach ein paar Fotos geht es wieder hinab zu den Ski. Steph hat mittlerweile ca. 100 Meter unter dem Skidepot halt gemacht und abgefellt, er scheint nicht mehr weiter gehen zu wollen. Ich steige in die Ski (die heute übrigens prima gehalten haben, besser gesagt die Bindung ) und rutsche die ersten Meter zu ihm hinunter. Er sagt auch, dass für ihn aufgrund von Kopfschmerzen hier Schluss ist. Wir essen kurz noch etwas, bevor wir uns an die weitere Abfahrt machen. Windgepresster, harter Schnee und der Sturm machen die Abfahrt anstrengend, in einer kurzen Steilstufe ist es fast schon unerträglich. Dort kommen uns noch zwei andere Tourengeher entgegen, die sich Richtung Gipfel bewegen. Wir fahren an den Anfang der Ruch Chälen ab, ich muss kurz auf Steph warten und rutsche noch ein paar Meter in das Couloir hinein, weil es mich sonst quasi umweht. Der Schnee ist eisig, aber man kommt ganz gut vorwärts. Teilweise haben sich dünne Triebschneepakete gebildet, auf denen man recht gut abfahren kann. Sie sind im Moment noch zu dünn, um Schaden anrichten zu können.

Am Ende des Couloir löse ich beim Einfahren in eine kleine Mulde noch ein Minischneebrett aus, nicht gross genug, um gefährlich zu werden, aber doch eine kleine Erinnerung daran, dass auch bei geringer Lawinengefahr aufgepasst werden muss. Die kleine Mulde ist nur rund 15 Meter hoch und nicht übermässig steil, aber westseitig exponiert und genau unterhalb der Ruch Chälen, durch die der Wind seit heute Morgen bläst. Logisch, dass es da zu Triebschneeablagerungen kommt, die auf dem eher harten Altschnee leicht auslösbar sind. In den nächsten Tagen wird es hier sicherlich eher ungemütlich, wenn es mit dem Föhn so weitergeht …

Wir sind nun wieder an der Alp Brunni und rutschen/skaten die letzten Kilometer durch das Brunnital hinaus zurück zum Auto, wo wir um kurz vor 15 Uhr ankommen.

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