Piz Lucendro

#storySchnee

Heute geht es wieder mal hinauf nach Andermatt. Markus und Christoph sind für drei Tage in Hospental in der Jugendherberge und wir haben ausgemacht, die ein oder andere Skitour zusammen zu machen. Mit ein paar Ideen im Gepäck fahre ich also rauf, durch mässiges Wetter und teilweise dichten Schneefall. Das kann ja heiter werden … Aber es scheinen immer nur kleine Schlechtwetterzellen zu sein, als ich nach Andermatt raufkomme, schaut schon teilweise die Sonne aus dem gar nichgt mehr so dichten Wolkenmeer.

Ich finde die beiden in der Herberge, noch gemütlich am Frühstücken. Wir besprechen verschiedene Ideen, schlussendlich fällt die Wahl dann auf den Piz Lucendro, wo wir von Realp aus starten. Ich bin für mich etwas skeptisch, denn der Anstieg ist passagenweise sehr steil und bei der momentanen Lawinensituation mit starkem Wind in den vergangenen Tagen und heute sehe ich da gute Chancen für kleinere und grössere Triebschneeprobleme. Abgesehen davon war ich vor einigen Jahren schon mal auf dem Lucendro, etwas Neues wäre mir lieber. Aber wir werden uns die Sache nun mal anschauen und fahren noch die wenigen Kilometer nach Realp am Fuss des Furkapasses.

Bereits beim Aussteigen empfängt uns der saukalte und unangenehme Nordwind. Obwohl hier mittlerweile die Sonne scheint und das Wetter insgesamt gar nicht so übel ist, macht der Wind nicht gerade Lust auf langes Herumstehen. So packen wir es dann auch recht zügig und marschieren ins Witenwasserental hinein, durch welches es nun erstmal einige Kilometer recht flach hinter geht (noch ein Grund, weswegen ich nicht so scharf auf die Route war … ). Bereits hier sind viele Triebschneefelder zu sehen, die im Flachen kein Problem darstellen, aber ein deutlicher Hinweis auf die starke Windaktivität sind. Dazwischen wechselnd dann wieder völlig abgeblasene und somit eisige Passagen, die im Aufstieg immer etwas unangenehm sind. Zumindest ist der Wind hier im Tal jetzt nicht mehr so stark, in der Sonne ist es dann sogar immer mal wieder richtig schön warm.

Weiter hinten machen wir dann eine kurze Pause, Christoph braucht ein Blasenpflaster und wir essen nochmal etwas, bevor es nun steil hinauf zum Lucendro geht. Ich gehe voraus und lege die Spur, aufgrund meiner Angewohnheit, lieber selber zu merken, wie die Verhältnisse sind als da auf jemand anderen zu vertrauen. Das mag egoistisch oder eingebildet sein, mir ist es aber letzten Endes lieber, denn nur zu oft habe ich Situationen völlig anders eingeschätzt als andere.

Anfangs geht es nun in rund 25 – 30 ° steilem Gelände nach oben. Der Schnee ist auch hier mehr oder weniger durchgängig gebunden (heisst vom Wind verfrachtet) und hat damit eine brettartige Konsistenz. Im Moment ist die Steilheit allerdings im Rahmen, ich gehe ein recht hohes Tempo, so dass automatisch grosse Entlastungsabstände zwischen uns entstehen. Die anfängliche Kuppierung des Geländes lassen grosse zusammenhängende Hänge hier nicht zu. Langsam wird es aber etwas steiler, ich ziehe die Spur nun immer in die flachsten Hangbereiche. Mittlerweile sind es gemessene gute 30°, die der Hang hier hat. Es gibt teilweise einen Spurkeil (zwischen den Ski bleibt dieser bei gebundenem Schnee stehen) und immer mal wieder tiefere Triebschneeseen. Die Schicht ist im Moment aber nur rund 15 cm mächtig. Ich erreiche nun nach einem letzten Stück mit griessigem Schnee, den ich nicht genauer beschreiben kann, der mir aber überhaupt nicht taugt, eine flache Stelle, bevor der Hang nochmal aufsteilt und mit bis zu knapp 40° hinaufführt auf ein grosses flaches Plateau.

Hier mache ich nun eine Pause und warte auf Markus, der als nächster zu mir aufschliesst. Wir beratschlagen, wie wir weiter vorgehen möchten – er möchte sich den weiteren Hang gerne anschauen, während ich nicht davon überzeugt bin, dass das sinnvoll ist. Zumal ich mittlerweile ohnehin keine Chance sehe, nach dem Plateau den letzten Steilhang mit bis zu 45° heute angehen zu können.

Markus geht jetzt vorne, ich folge mit einigem Abstand. Christoph ist sowieso noch ein ganzes Stück weiter zurück. Bewusst laufe ich ein Stück zwei Meter oberhalb von Markus‘ Spur – die Fläche dazwischen rutscht einfach ab in seine Spur hinein. Kein sehr gutes Zeichen, auch die Steilheit (Markus schätzt sie auf 30°, effektiv sind es aber wohl eher 35° + …) passt mir nicht mehr. Ich rufe Markus nochmal zu, dass er sich das überlegen soll und ich es zu riskant finde – hilft nur leider nichts, wenn der Vordermann zwar kurz stehen bleibt, dann aber doch wieder vorsichtig weitergeht- Wobei es dem Hang ziemlich wurscht ist, ob ich vorsichtig weitergehe, wenn es kracht, kracht es. Das tut es dann auch prompt:

Ich stehe gerade am Rand und mache ein Spitzkehre, als Markus von oben ruft. Innerhalb einer leichten Rinne hat sich auf eine Breite von 30 – 40 Metern die obere Triebschneeschicht gelöst und kommt nun als Schneebrett nach unten! Da ich gerade am äusseren Lawinenkegelrand stehe, rauscht der ganze Kram an mir vorbei, Christoph weiter unten im Hang steht aber mitten drin und gibt nun Vollgas und rennt an den Rand. Markus selber wird ein Stück weit mitgezogen, da es aber „nur“ relativ wenig Schnee ist, kann er sich dann irgendwie rausmanövrieren. Auch Christoph hat es gerade so geschafft und steht nun etwas konsterniert am Rand.

Markus und er rutschen mit den Fellen an den Ski nun erstmal wieder ab zu dem flachen Platz von vorhin, ich felle direkt noch ab und fahre dann zu den beiden hinunter.
Die Lawine ist insgesamt rund 200 – 300 Meter lang, so wie wir das von hier abschätzen können. Die obere abgeglittene Schicht war nicht sehr mächtig, die nun folgende Frage, ob es für eine Verschüttung ausgereicht hätte oder nicht finde ich allerdings reichlich daneben – der Scheiss hätte gar nicht erst passieren müssen.

Wir unterhalten uns ein wenig darüber, es zeigt sich, dass Markus die Lage doch noch deutlich anders eingeschätzt hatte und den Hang für stabil gehalten hat. Was mich schon wundert, denn die Zeichen für „grenzwertig“ standen schon eine ganze Weile auf rot. Durchgängig gebundener Schnee kombiniert mit einer über 35° zu steilen Hangneigung, abrutschende Spurkeile – meiner Meinung nach genug, um die Bremse zu ziehen. Wahrscheinlich hätte ich es noch deutlicher sagen müssen. Ich wundere mich oft darüber, wie mit einer erstaunlichen Laissez-faire-Haltung an solche Hänge rangegangen wird und die störenden Faktoren schöngeredet werden. Mancher mag das bewusst machen, Markus sicher eher unbewusst, ein übermässig risikofreudiger Draufgänger ist er sicherlich nicht. Unterm Strich war es trotzdem falsch, die Hangneigung lässt sich zweifelsfrei im Gelände messen und Fehlschätzungen, die mal vorkommen können, lassen sich damit eliminieren. Auf das Gefühl „mir kam der Hang stabil vor“ gebe ich ohnehin keinen Rappen – es gibt letzten Endes harte Faktoren, anhand von denen ich einschätzen kann, wie die Lage ist. Und die sprachen hier sicherlich nicht für „go“.

Wir fahren nun komplett ab, einzeln und immer wie in meiner Aufstiegsspur die flachsten Hangbereiche ausnutzend. Der Schnee ist hier noch schön zu fahren, zumindest ein Vorteil, den wir aus dem Triebschnee ziehen können. Von etwas weiter unten fällt mir dann noch auf, dass ich insgesamt bei meiner Spuranlage durch mein Anliegen, immer im flachsten Teil zu bleiben, zu weit nach rechts gekommen bin und wir damit eine Geländeterasse zu weit oben herausgekommen wären. Das ist nicht grundsätzlich wahnsinnig schlimm, ärgert mich aber heute noch zusätzlich, denn auch wenn das Gelände unübersichtlich ist, sollte sowas nicht passieren und bei richtiger Wegfindung hätte ich uns den Lawinenhanghang auch ersparen können.

Wieder im Talgrund angekommen geht es nun mit äusserst sparsamer Hangneigung das Witenwasserental raus. Der Schnee ist hier nicht mehr der Rede wert, Christoph kämpft entsprechend auch und wir müssen immer mal wieder auf ihn warten. Aber für ihn ist es auch die erste Skitour in der Saison, da bleiben dann schon mal ein paar Körnchen liegen und man braucht längere Pausen.
Einige Zeit später sind wir dann wieder zurück in Realp, eine Erfahrung reicher. Hoffe ich.

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