Ein wenig Erfolg versprechender Versuch am Piz Linard

#storySchnee

Erhebliche Lawinengefahr, stark variierende Neuschneemengen und Windeinfluss: unsere geplante Skitour via Westwand-Couloir auf den Piz Linard startet nicht unter guten Vorbedingungen. 

Die Wettervorhersage lässt in den kommenden Tagen eine grössere Aktion leider wieder mal nicht zu. Stabile Schönwetterperioden sind im Winter 2013 wirklich sehr rar gesät.

Sagliains ist ein Umsteigebahnhof!

Fabian und ich wollen trotzdem einen Versuch am Piz Linard unternehmen, wo wir durch das Westwandcouloir auf den Gipfel aufsteigen möchten. Mit der verbundenen Lawinenlage „erheblich“ und einer gewissen Menge Neuschnee ist uns allerdings bewusst, dass wir auch durchaus scheitern könnten und ohne Gipfel wieder heim fahren.

Wir starten sehr früh und fahren mit de Auto nach Klosters, wo wir auf die Rhätische Bahn umsatteln und quasi gerade noch bei Abfahrt des Zuges in einen Wagen springen. Nun geht es für zwanzig Minuten durch den Vereina-Tunnel. Kurz darauf steigen wir an der Station Sagliains aus. Dumm nur, dass es hier an dem Bahnhof keinen Ausgang gibt… Wir wollen aber direkt hier starten und steigen also einfach über die Gleise aus.

Ein paar Minuten später, nach der Diskussion mit einem Mitarbeiter der Rhätischen Bahn darüber, was man alles so machen darf und was nicht, können wir starten. Warum gibt es denn auch nicht einfach einen Ausgang aus diesem rein als „Umsteigebahnhof“ (wie wir nun erfahren haben) konzipierten Ding? Statt noch eine Minute mit einem anderen Zug bis Lavin zu fahren und von dort aus in zwanzig Minuten wieder zurück laufen zu müssen, können wir also nun doch von hier aus losgehen.

Aufstieg durch das Val Sagliains

Zuerst tragen wir die Ski ein wenig. Der Schnee ist hier unten auf rund 1500 m schon rar. Bei einer Bank deponieren wir unsere Laufschuhe und gehen mit den Skischuhen weiter, bis wir ein paar Meter weiter auf die Ski umsteigen können. Nun geht es erst noch kurz auf einem Fahrweg bis über eine kleine Brücke, dann ungefähr auf dem Verlauf des Wanderwegs das Val Sagliains hinter. Es ist recht mühsam und teilweise sehr steil und buschig. Streckenweise müssen wir aufpassen, dass wir nicht durch die Schneedecke in das Bachbett einbrechen. Weiter oben wird es flacher und wir laufen unter aufkommendem Wind (irgendwie geht es zur Zeit einfach nicht ohne ) weiter in Richtung Talschluss.

Auf ungefähr 2360 m Höhe können wir uns nach rechts halten, um nun auf das markante Couloir, welches die Piz Linard-Westwand durchzieht, zuzuhalten. Durch dieses soll der Anstieg dann bis auf den Gipfel gehen. Es sind rund 600 Höhenmeter zwischen 40-45° Neigung. Dafür sollten die Verhältnisse dann schon stimmen.

Mehr Neuschnee als erwartet

Im Moment gräbt Fabian aber erstmal eine Spur durch den Hang. Teilweise recht verblasen, aber immer maximal 30° steil geht es hinauf. Insgesamt haben wir hier rund 25-30 cm Neuschnee. Die Windverblasungen sorgen allerdings für eine gewisse Spannung in den Hängen, ich habe langsam Zweifel, ob wir bei den Bedingungen eine Chance haben, den Gipfel zu erreichen.

In einer flachen, rinnenartigen Hangstruktur mit Neuschnee rummst es dann plötzlich. Wir vergrössern die Abstände nochmal, Fabian geht vorsichtig weiter an eine flache Kuppe, wo ich dann nachfolge. Dieses Wumm-Geräusch bestätigt nochmal meine Vermutung und den Lawinenlagebericht, der in Graubünden auch ein Altschneeproblem prognostiziert hat. In diesem Fall war an dieser Stelle nicht der Triebschnee das Problem, sondern offenbar eine ältere Schwachschicht. Weiter unten hat man diese mit dem Stocktest auch schon bemerkt. Nach rund 20 – 30 cm kam eine kurze harte Schicht, unter der es wieder weicher war.

Wir beratschlagen, wie wir vorgehen wollen, für mich ist aber die Sache klar. Ab hier steilt der Hang jetzt entgültig auf und geht in das Couloir über, bei gleicher Exposition und sichtbaren Verwehungen. Da muss man nicht weiter schauen, sonst können wir gleich die REGA mit zwei schwarzen Säcken bestellen. Fabian ist etwas hin- und hergerissen und möchte noch ein Stück weiter schauen. Mir ist zwar nicht klar, was er sich erhofft, die Schneebeschaffenheit wird sich sicher nicht urplötzlich ändern und alles perfekt werden. Da aber die nächsten 50 m noch ein leichter Rücken in den Hang führt, können wir wegen mir die Entscheidung auch da oben treffen – die Entscheidung, das hier abzublasen. Zwei, drei Spitzkehren mache ich noch auf dem Rücken, der gepackte Triebschnee ist unübersehbar. Dann besprechen wir uns kurz und kommen überein, dass es sinnlos ist, weiter aufsteigen zu wollen.

Eine Alternative muss her

An diesem Punkt bin ich (wieder einmal) überrascht, dass es offensichtlich manchmal nicht ausreicht, wenn die üblichen Warnzeichen absolut eindeutig sind. Grossflächige Verwehungen, viel Neuschnee (mehr als erwartet und deutlich mehr als die Werte der Messstationen versprachen) und eine wirklich sehr grosse Steilheit über hunderte Meter. Dazu noch als letzter Schuss vor den Bug ein Wumm-Geräusch bei Lawinenwarnstufe erheblich. Die Zögerlichkeit für die Entscheidung bei Fabian irritiert mich momentan wirklich etwas, denn er ist durchaus in der Lage, diese Dinge realistisch zu sehen. Natürlich ist das jetzt ärgerlich, aber wir haben gestern am Telefon bereits darüber gesprochen, dass es unter Umständen knapp wird, bei erheblicher Lawinengefahr diesen Berg anzugehen. Sicherlich kann man einfach mal hinfahren und schauen, denn teilweise sind die Verhältnisse dann doch durchaus besser und die Routen sind machbar. In diesem Fall aber ganz eindeutig nicht.

Mit den Fellen rutschen wir wieder ein Stück ab zu dem Platz, wo wir im Aufstieg bereits eine Pause gemacht haben und überlegen uns, wie es weitergehen soll. Viele Alternativen hat man von hier aus leider nicht. Eine Möglichkeit wäre der Piz Zadrell, etwas nördlich von uns gelegen. Wir wollen es versuchen, über terrassenförmige Geländestrukturen queren wir flach hinüber. Bis auf ein relativ steiles Couloir zu einem Pass ist die Route objektiv sicher, aufgrund der anderen Exposition könnte das klappen.

Irgendwie soll es nicht sein

Waren wir vorhin noch in rund 20-30 cm Neuschnee unterwegs, plage ich mich jetzt beim Spuren gehörig ab. Hier liegen jetzt (sehr lokal) eher um die 50 cm, stellenweise noch mehr Neuschnee. Wir wechseln uns wieder ab und machen in guter Sichtweite vor der Rinne zum Pass nochmal Halt. Die Rinne ist ungefähr 100 Meter hoch, geschätzt allerdings auch bis 40° steil. Triebschneetechnisch könnte das hier gehen, allerdings liegt hier so unglaublich viel Neuschnee, dass das auch schon wieder äusserst kritisch wird. Diesmal scheint Fabian auch zögerlich, ich warte erstmal, was er meint. So richtig scheint es ihm nicht zu passen. Schlussendlich mache ich dann den Vorschlag, es für heute einfach hierbei beruhen zu lassen. Zu viele negative Faktoren kommen gerade zusammen. Abgesehen davon wäre der Weiterweg zu Fuss am Grat hinauf von Sattel bei dem vielen Neuschnee eine unsägliche Wühlerei und würde uns viel Zeit kosten. Zu spät sollte es aber bei der heutigen Erwärmung und der Abfahrt durch das enge Tal auch nicht werden.

Die Neuschneemengen variieren stark

Also machen wir eine Pause, essen und trinken etwas. Dann fellen wir ab und machen uns bereit für die Abfahrt. Jetzt ärgere ich mich ein bisschen, dass ich heute meine schmaleren Ski genommen habe. Bei dem hohen Schnee werde ich da ziemlich versaufen. Die ersten Meter fahren wir in unserer Aufstiegsspur, da es mit dem Neuschnee zusammen so flach ist, dass man sonst einfach steckenbleiben würde. Dann können wir ein paar schöne Schwünge machen, bevor wir weiter unten wieder den flachen Talboden erreichen.

Mit ein wenig Schiebearbeit geht es hier wieder im Bereich der Aufstiegsspur hinaus. Mittlerweile ist der Schnee durch die warmen Temperaturen und die Sonneneinstrahlung extrem pappig geworden. Interessant: ungefähr ab der Höhe wo wir im Aufstieg das Tal verlassen haben, geht die Neuschneemenge stark zurück. Hier scheint es eine sehr lokale Schlechtwetterzelle gehabt zu haben, denn nun sind die Hänge bis weit hinauf aper.

Mittlerweile ist das Wetter richtig schön geworden, während es heute Morgen noch wolkenverhangen war. Jetzt haben wir blauen Himmel. Rechts von uns liegen einige Eisfälle, die ein fast schon unwirkliches Blau haben. Das wäre eigentlich noch schön zum Eisklettern. Im unteren Teil des Val Sagliains wird es wieder ruppiger, erneut müssen wir nun die Stauden umkurven und alte Lawinenkegel queren, die mit eisig-harten Brocken im Weg liegen.

Wenig später erreichen wir wieder den Weg, wo wir auf den letzten Schneeresten zurück zu der Bank fahren, an der wir heute früh unsere Schuhe deponiert haben. Hier machen wir jetzt ausgiebig Rast und geniessen die Sonne, bevor wir nach Lavin laufen, damit der alte Grattler vom Umsteigebahnhof uns nicht noch zum Teufel jagt, wenn wir wieder in Sagliains auftauchen.

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