Piz Grevasalvas

#storySchnee

Mit Fabian zusammen starte ich heute um sechs Uhr in Richtung Engadin. Anfänglich geht es durch trübes Regenwetter ins Rheintal, wo sich dann bereits blauer Himmel zeigt. Bis nach Bivio hinauf, wo unser Startpunkt ist, herrscht dann wir herrliches Wetter und es verspricht ein schöner Tag zu werden.

Um acht Uhr sind wir startklar und gehen gemütlich los ins breite und unaussprechliche Val Tgavretga hinein. Das ist ein Hochtal, welches sich von Bivio am Julierpass aus in südwestlicher Richtung zum Septimerpass zieht. Einige Alpen, die aber noch unbewartet sind, säumen den Weg. Die Schneedecke ist im Moment noch ziemlich hart, was sich aber angesichts der zu erwartenden Temperaturen schnell ändern wird.

Die erste Stunde geht es sehr entspannt unterhalb der Rocabella entlang, einem weiteren bekannten Skitourenberg direkt oberhalb von Bivio. Dann umgehen wir diverse kleine Hügel und gelangen so in ein kleines Tälchen, welches später in einem Linksknick auf den Nordostrücken des Piz Grevasalvas führen wird. Ab hier sind wir alleine unterwegs, drei weitere Tourengänger sind in Richtung Rocabella abgebogen.

An der letzten sonnigen Stelle machen wir nochmal eine Pause, bevor wir in den Schatten eintauchen und unsere Spur das Tälchen hinauf legen. Der Schnee ist unten hart, mit einer dünnen Neuschneeschicht von wenigen Zentimetern und lässt sich recht gut und angenehm gehen. Östlich von P. 2623 wende ich mich nach Südosten und lege die Spur in eine rund 200 m lange, im Schnitt rund 35° steile Rampe. Auch hier habe ich kein ungutes Gefühl, es liegen rund 10 cm pulvriger Neuschnee auf einer harten Altschneedecke und wir gehen mit grossen Entlastungsabständen. Immer die flachsten Stellen ausnutzend, gelangen wir so wenig später in die Sonne zurück und können den letzten Teil unseres Aufstieges den Rücken entlang einsehen. Ein paar andere Tourengänger, die von der anderen Seite aus gestartet sind, sind noch unterwegs, insgesamt hält sich der Andrang aber in Grenzen. Alle tragen sie schicke Rennoutfits, sind also höchstwahrscheinlich Italiener. Das sollte sich dann auch als richtig herausstellen.

Kurz vor elf Uhr stehen wir dann auf den Gipfel und geniessen die Rundumsicht in alle Richtungen. Wir machen eine ausgiebige Pause, die nur von dem leicht kalten Wind etwas gestört wird. Kurz vor zwölf machen wir uns dann bereit für die Abfahrt, wir wollen nicht zu spät sein, um noch einen schönen Firn erwischen zu können. Wir rutschen ein paar Schwünge vom Gipfel zurück zu der Stelle, wo unser Aufstiegshang endet und beschliessen nach kurzem Überlegen etwas weiter links einzufahren, wo der Hang ein bisschen steiler ist. Wir sind jetzt ungefähr 50 m weiter links von unserer Aufstiegsspur und können nun direkt die gesamte schöne Rampe hinunter fahren.

Einzeln fahren ist Pflicht, das machen wir sowieso ab einer gewissen Steilheit immer. Wir vereinbaren, im Falle des Falles nach rechts auf den Rand der flachen Rinne auszufahren, wo man einen sicheren Standpunkt hat. Dann fährt er als Erster los und legt eine schöne Abfahrt in herrlich zu fahrendem Schnee hin. Nach rund hundert Metern stoppt er dann rechts am Rand auf einer kleinen Kuppe, um ein paar Fotos von mir machen zu können. Der oberflächliche Neuschnee ist bei ihm an einer Stelle als winziger, oberflächlicher lockerer Rutsch etwas nachgekommen, das ist aber bei Neuschnee normal und auch kein Problem. Sieht alles tiptop aus. Ich packe den Fotoapparat weg, da ich auch ein paar Bilder von Fabian gemacht habe und fahre nun auch in den Hang ein.

Der Schnee ist richtig toll zu fahren, ich ziehe ein, zwei grosse Bögen rechts neben Fabians Spur. Das dumpfe Knallen, das Fabian in dem Moment für einen Lawinenabgang irgendwo in der Umgebung hält, weil er gerade durch die Kamera schaut, höre ich beim Fahren nicht. Das sich um mich herum der ganze Hang in Bewegung setzt, nehme ich irgendwie aus den Augenwinkeln war, knallhart kommt die Realität dann in Form eines sich Sekundenbruchteilen ausbreitenden Anrisses direkt rechts von mir, der sich in Falllinie fortsetzt. Ein, zwei, drei Meter lange und breite dicke Schollen bilden sich in Sekundenbruchteilen, alles rauscht mit enormer Geschwindigkeit nach unten. Aus dem Affekt heraus fahre ich jetzt Schuss, Falllinie nach unten um gleich schnell wie der Schnee zu werden, ziehe dann so stark wie es nur irgendwie möglich ist nach rechts, die Schneeschollen sind zum Glück nicht so hart, dass ich die Ski verliere, ich schaffe es in einem weiten Bogen an den rechten Rand der Rinne auszufahren, stoppen, Luft holen, zurückschauen.

Scheisse. Vor meinen Augen ist alles noch in Bewegung, aber schon sehr weit unten. Unsere Aufstiegsroute, die gesamte Rinne/Rampe ist weg.

Ich rutsche zu Fabian ab, der an seinem Standplatz zum Glück nicht gefährdet war und auch ziemlich perplex da steht. Von hier haben wir einen guten Überblick zu dem Ablagerungskegel, der sich weit hinunter und noch in einer Rechtskurve in das Tälchen hinzieht. Am Scheitelpunkt der Kurve gab es durch die Wucht des Abgangs ein kleines Sekundärschneebrett. Über uns ist nun alles leergeräumt, teilweise sind Felsen zu sehen, die nun freigelegt sind. Ein enormer Anriss, wie mit dem Lineal geschnitten zieht sich am orographisch linken Rand des Abgangs in die angrenzende Flanke hinein. Die Anrisshöhe bis zu einem halben Meter, meist um die 30 cm. Ganz oben wurde ein felsiger Bereich freigelegt, hier ist teilweise die Altschneedecke mit angerissen und hat eine sicher einen Meter hohe Stufe hinterlassen.

Wie konnte das passieren?

Wir queren in das Lawinenbett hinüber und schauen uns den Untergrund an. Die Sache wird ziemlich schnell klar: griesiger Schwimmschnee bildet die Basis, die Gleitschicht, auf der alles abgeglitten ist. Schwimmschnee hat eine Konsistenz wie Sand und rieselt auch dementsprechend durch die Finger. Darüber, das wird unser Schneeprofil später weiter unten im Hang zeigen, ein dünner Harschdeckel, auf dem wiederum leicht gebundener Schnee liegt. Das alles überdeckt von den rund 10 cm Neuschnee vom Freitag. Schwimmschnee entsteht in so einem Fall durch aufbauende Umwandlung unterhalb des Harschdeckels, die Schneeoberfläche von vor längerer Zeit, die dann später überschneit wurde. Ein Harschdeckel, hart und fast schon eisig, mit einigen Zusatzgewicht drauf, auf einer Schicht mit der Konsistenz von Zucker oder Sand. Eine heimtückische, gespannte Falle. Schön, dass sie nicht im Aufstieg zugeschnappt ist. Wir beide wären ziemlich wahrscheinlich ohne Chance drin gewesen.

Wäre das vorhersehbar gewesen? Ich denke ja. Die Exposition von Nordwest sowie die Steilheit von mindestens 35° begünstigen (durch die schattige Lage) eine solchen Schwimmschneeschicht. Im Aufstieg ein Griff in den Schnee hätte ziemlich sicher die Schwimmschneeschicht zutage gefördert, die sandige Konsistenz ist eigentlich nicht zu verwechseln. Hätten wir das da bereits gemerkt, wären wir sicher nicht im noch steileren Bereich (der geschätzte 40-45° haben dürfte) eingefahren, sondern im wesentlich flacheren Bereich der Aufstiegsspur, und mit der Tendenz, uns eher am orographisch rechten Rand der Rinne zu halten und erst ganz am Schluss nach links zu ziehen, wo das Tälchen einen Rechtsknick macht und links eher flaches Gelände vorherrscht.

„Falls es knallt, schau dass Du nach rechts rausfährst, da wo diese Kuppe ist.“ Ein Bauchgefühl war wohl offensichtlich da. Aber es war scheinbar nicht deutlich genug, als ich das zu Fabian gesagt hab. Auch für ihn war es ein riesiges Glück, im selben Hang und noch etwas weiter in der Mitte des Lawinenkegels als ich. Den Hotspot habe dann ich erwischt, ob er noch so gut rausgekommen wäre, darüber kann man nur spekulieren, da er nicht so nah am Rand der Lawine war, sondern noch mal einige Meter weiter in der Mitte.

Die Aufstiegsspur habe ich gelegt. Ich hatte das Gefühl, auf einer soliden Altschneedecke mit wenig und ungefährlichem Neuschnee unterwegs zu sein. Daher habe ich auf das „in-den-Schnee-gucken“ verzichtet. Auf diesem guten Gefühl aufbauend dann der klassische Fehler – es hat gepasst, wir können noch ein bissschen steiler fahren. Lawinenbulletin Stufe 2 (mässig), kein oder gut gesetzter Triebschnee.  Warum hab ich nicht trotzdem in den Schnee geschaut, wie ich es eigentlich fast immer (und sei es noch so flach und rein aus Interesse) mache? Ich weiss es nicht. Möglicherweise hat mich der erste gute (und falsche) Eindruck so überzeugt. Möglicherweise spielte auch eine Rolle, dass ich mit gefreut habe, dass es diesmal gut passt, nachdem ich vergangenes Jahr schon einmal weiter unten abbrechen musste, weil Nebel hereingezogen ist.

Auch wenn die gesamte Situation sehr heimtückisch und schwer erkennbar gewesen ist, sie hätte erkannt werden können, insbesondere da ich selber weiss, was ich hätte machen müssen. Unterm Strich kann man nur sagen: grosses Glück gehabt. Mir trotz gutem Gefühl nicht ein möglichst genaues Bild vom Schneedeckenaufbau machen zu wollen wird mir (hoffentlich) nie mehr passieren.

Wir fahren an den unteren Rand des Kegels ab und schauen uns noch die Anrissfläche des kleinen Sekundärschneebretts an. Hier war nicht Schwimmschnee der Übeltäter, sondern eine alte, glatte Harschschicht, die mit Rauhreif bedeckt war. Der ist jetzt, im Sonnenlicht glitzernd, noch gut erkennbar. Am Fuss der Ablagerung, die eine stolze Höhe von über eineinhalb Metern hat und mit teilweise riesigen Schollen bedeckt ist, graben wir noch ein Schneeprofil, um uns den Aufbau nochmal genauer anzuschauen. Hier entdecken wir dann auch die Harschschicht, die über dem an dieser Stelle schon nicht mehr vorhandenen Schwimmschee lag. Wahrscheinlich war die Schwimmschneeschicht extrem lokal, vielleicht sogar nur an diesem Hang. An einer anderen Stelle, wo mehr Schnee liegt und eine andere, direktere Sonneneinstrahlung vorliegt ist sie gar nicht da.

  • Anriss: bis zu 50 cm auf ca. 2850 m (771863/143972)
  • Ablagerung: ca. 2600 m (771590/144097)
  • Höhe Ablagerung: ca. 1,5 m
  • Breite: ca. 50 m
  • Länge: ca. 400 m
  • Exposition: Nordwest
  • Zeit: ca. 11:55 Uhr

Mittlerweile ist es viertel vor eins und wir machen uns nun auf die restliche Abfahrt zurück nach Bivio. Hier gibt es nun keine kritischen Hänge mehr und wir können trotz allem noch ein paar herrliche Firnhänge befahren, bevor es dann am Schluss wieder flach das Tal hinaus geht und mit einer kleinen Skatingeinlage unser Ausgangspunkt wieder erreicht wird.

Wir packen die Ski und unsere Sachen wieder ins Auto und fahren über St. Moritz und Pontresina auf den Berninapass, von wo aus wir mit der Seilbahn auf die Diavolezza hochgondeln, wo es morgen auf den Piz Zupò gehen soll.

Menü