Piz Zupò

Nach einer schlechten Nacht geht es via Fortezza in anregender Mixed-Kletterei auf den Piz Zupò im Bernina-Massiv. Die folgende Abfahrt über den legendären Buuch hält nochmal einige spannende Momente für uns bereit. 

Festmahl auf der Diavolezza

Nach einem wie üblich auf der Diavolezza feudalen Abendessen (Abendmahl passt wohl fast besser ) und einer bei mir wieder mal unruhigen Nacht im Doppelzimmer schmeisst uns pünktlich um vier Uhr Fabians Wecker aus dem Bett. Ich hatte aus irgendeinem Grund die ganze Nacht Magenprobleme und in der Nacht auch schon mehrere Male die Toilette traktiert. Trotzdem stehen wir mal auf und frühstücken etwas. Anschliessend legen wir direkt die Gurte an und machen uns bereit für eine kurze Abfahrt hinab auf den Gletscher.

Um 5:15 Uhr sind wir dann startklar und fahren im Dunkeln mit den Stirnlampen los. Zuerst geht es auf den Gletscher hinunter, auf der markierten und abgesteckten Gletscherabfahrt. Buckelpistenfahren im Dunkeln und müde. Wir überqueren nun den Vadret Pers, in einer guten Spur können wir südwestlich zum Fuss des Rifugio dals Chamuotschs (Gemsfreiheit) queren. Hier gehen wir ohne Seil, der Gletscher ist gut verschneit und dank der Spur und der hier ohnehin wenig vorhandenen Spalten ist das vertretbar. Nach der Querung verlassen wir den Gletscher und es geht hinauf zu P. 3122 direkt hinter dem Rifugio dals Chamuotschs. Ich bin die ganze Zeit vorne gegangen und mein eigenes Tempo vor mich hingetrottet. Es scheint aber mit meinem Bauchproblemen im wahrsten Sinn des Wortes bergauf zu gehen.

Im Moment sieht das Wetter noch nicht so wahnsinnig nach Freudensprüngen aus. Eine hohe Wolkendecke hat für eine bedeckte Nacht gesorgt (was für die Verfestigung des Schnees eher ungünstig ist), andererseits müssen wir uns nun nicht so sputen, da es eher etwas später warm werden wird und im Moment noch keine Sonne scheint.
Von der Bovalhütte aus kommen noch einige weitere Tourengänger, die durch den Buuch, eine gewaltige Spaltenzone unterhalb des Piz Bernina, Richtung Marco-e-Rosa-Hütte aufsteigen. Wir sind im Moment noch alleine, alle anderen sind heute morgen von der Diavolezza zum Piz Palü aufgebrochen.

Mixed-Kletterei am Fortezza-Grat

Über den hier noch flachen Rücken geht es an den Fuss der Fortezza, einem felsigen Aufschwung, der oben am Fuss der Bellavista-Terassen endet. Bis hier können wir mit den Ski aufsteigen. Dann kommen die Bretter an den Rucksack, die Steigeisen an die Skistiefel und es geht zu Fuss weiter.

Anfangs über einfache Felsen und auf der östlichen Seite in einem Schneehang querend, kommen wir gut vorwärts.  Nun steilt der Fels aber auf. Ich tausche die Skistöcke gegen den Eispickel. Dann geht es in nicht allzu schwerer, aber ausgesetzter Mixed-Kletterei weiter hinauf bis an den Fuss eines Aufschwungs, wo wir dann gesichert weiter klettern. Fabian übernimmt die erste Passage und quert ausgesetzt über verschneite Felsen, bis er wieder nach oben steigen kann. Hier kann er Stand machen und mich nachsichern.

Dann geht es einige Seillängen weiter, meistens durch nicht allzuschweres Gelände. Die letzten beiden Längen steige ich vor. Recht steil geht es nach oben. Zwischensicherungen gibt es keine, wir haben auch kein Material mitgenommen. Also nichts falsch machen, sonst gibt es einen 30 Meter Freiflug ins Gemüse. Standplatz an einem eingerichteten Platz, Fabian kommt nach, dann gehe ich die letzte, leicht aussehende Länge an.

Mit Steigeisen an den Schuhen, Skistiefeln und einem nicht gerade leichten Rucksack, an dem ja noch die Ski dran sind, wird auch eine im Sommer nicht allzu heftige IIer Kletterei mit Schnee und Eis versetzt dann schnell mal interessant. Die Erfahrung kann ich jetzt auch mal wieder machen. Diese letzten Länge hat es auf rund fünf Metern nochmal ganz schön in sich. Zumindest hab ich zwei Meter unter mir noch eine Zwischensicherung. Allerdings will ich hier trotzdem nicht den Abflug machen. Die stotzige Stelle verlangt mir ziemlich was ab. Aber ein paar Minuten später kann ich dann in leichtes Gelände aussteigen und Fabian nachsichern. Der verklemmt sich allerdings auch mit Skispitzen, Füssen und Pickel derartig, dass er kaum wieder aus der Position herauskommt.

Ein paar Meter gehen wir nun noch am laufenden Seil, bis wir den Fortezza-Grat hinter uns haben und in der nun auch hervorkommenden Sonne am Fuss der Bellavista eine Pause einlegen.

Kleiner Spaltensturz

Danach überlasse ich Fabian erstmal die Führung. Irgendwie ist heute nicht so mein Tag. Nach der schlechten Nacht bin ich ziemlich müde. Also trotte ich erstmal nur hinterher. Angeseilt steigen wir über den hier sehr harten, teilweise schon eisigen Schnee auf. Wir machen nochmal einen kurzen Stopp und montieren die Harscheisen. Ein Abrutschen hätte hier recht fatale Folgen. Einige grosse, aber gut sichtbare Spalten können wir gut umgehen. Fabian testet einmal die Haltbarkeit einer leicht eingewehten Spaltenbrücke. Er zieht aber, nachdem er mit dem linken Bein im Nirwana hängt, die sichere Variante aussen herum vor.

Langsam beginnen wir nun nach Südwesten zu ziehen und queren unter den teilweise riesigen Abbrüchen des Bellavista-Mittelgipfels in Richtung Crast d’Agüzza, dem felsigen schwarzen Zahn zwischen Piz Bernina und Piz Zupò. Fabian legt eine gute Spur. Später müssen wir noch etwas mühsam einige Meter abrutschen, um um den felsigen Sporn des Hauptgipfels der Bellavista herum queren zu können. Dann geht es flach ins grosse Becken zwischen Piz Zupò und Piz Argient. Hier legen wir nochmal eine kurze Trinkpause ein.

Und noch ein bisschen grösserer Spaltensturz…

Nun gehe ich wieder vorne und übernehme den letzten Part bis hinauf zur Fuorcla dal Zupò, wo wir das Skidepot einrichten wollen. Der manchmal übliche Anstieg auf den Gipfel über die Westflanke ist heute mit Ski kaum möglich, da alles ziemlich blank und eisig ist. Es geht nun recht flach und gemütlich den Gletscher hinauf. Jeder stapft vor sich hin, bis hinter mir ein lautes “Hey!” ertönt. Fabian ist nur noch zur Hälfte sichtbar, mit beiden Ski ist er in eine recht grosse überwehte Spalte eingebrochen. Ich spanne das Seil und gebe ihm Zug, so dass er sich nach einigem Kämpfen, um die Ski wieder herauszubringen, aus dem Loch hieven kann. Nichts dramatisches, das passiert halt auf einem Gletscher. Deswegen geht man ja auch angeseilt. Da er sich selber noch am Rand hatte halten können, habe ich den Sturz auch erstmal gar nicht gemerkt, weil kein Zug auf das Seil kam.

Gipfelanstieg im griesigen Schnee

Die letzten Meter zum Skidepot verlaufen ohne Zwischenfälle, wir legen das Depot kurz oberhalb des Bergschrundes an. Drei weitere Skitourengänger sind auch hier, die durch den Buuch aufgestiegen sind. Nochmal satteln wir um auf Steigeisen, das Seil nehmen wir als Rucksackpuppe aufgeschnürt vorsichtshalber mal mit. Dank der drei vor uns haben wir eine ganz gute Spur. Anfangs geht es durch ein kleines Couloir in gutem Trittschnee, der allerdings schnell einem griessigen Zeugs weicht, welches nicht sehr angenehm ist.

Weiter oben erreichen wir den Südwestgrat, der zwar felsig ist, aber von der Qualität mehr mit einer senkrechten Kiesgrube vergleichbar ist. Immer wieder hält man eine Granitplatte, die einen schönen Griff ergeben hätte, in der Hand. Hier müssen wir nochmal höllisch aufpassen. Ein, zwei Passagen sind recht heikel. Auch der griessige Schnee trägt nicht zur Entspannung bei, sorgt er doch dafür, dass man nicht einfach seinen Fuss in den Schnee stellen kann, sondern alles weg rieselt.

Kurz vor dem Schluss fluche ich dann ziemlich an einer dummen, ausgesetzten Stelle, der einzige Tritt wackelt wie ein Milchzahn kurz vor dem Ausfallen, Griffe sind eher rar. Mit einem in einen Riss geklemmten Pickel schaffen wir aber auch diese Hürde, dann geht es leichter die letzten Meter auf dem Grat hinauf zum Gipfel des Piz Zupò, wo wir wenig später recht ausser Atem ankommen. Langsam merke ich nun auch die Höhe.. Hier auf nahezu 4000 Meter, in Kombination mit der Müdigkeit ist das nicht so angenehm.

Wir fackeln dementsprechend auch nicht lange herum und machen ein paar Fotos. Da mittlerweile endlich blauer Himmel herrscht und sich die Sonne durchgesetzt hat, haben wir eine herrliche Sicht auf den direkt gegenüber liegenden, ein paar Meter niedrigeren Piz Argient und auf Piz Bernina, Piz Roseg und Piz Scerscen.

Östlich von uns liegen die Bellavista und der Piz Palü. Die haben allerdings ihre ganze ästhetische Qualität auf der nördlichen Seite verpulvert. So schön sie auch von dieser klassischen Ansicht aus anzusehen sind, so hässliche und unscheinbare Schutthügel sind es von der italienischen Seite. Im Süden reicht die Sicht bis weit nach Italien hinein, unter uns der weitläufige Altipiano di Fellaria und der Sasso Rosso.

Abfahrt zum Beginn des Buuch

Wir steigen wieder ab, vorsichtig überwinden wir die wunderhübschen Bruchpassagen ein zweites Mal, bevor wir wieder die Ski erreichen und abfellen. Wir essen noch etwas, bevor es dann im Bereich der Aufstiegsspur zurück geht in Richtung Buuch, dem letzten grösseren Kapitel auf dieser Tour heute. Ich bekomme noch einen kleinen Adrenalinschub, als ich direkt nach dem Skidepot auf dem völlig flachen und glatten Gletscher auf Fabian warte.. Beim Losfahren sehe ich dann neben mir ein rund zehn Zentimeter breites Loch im vielleicht einen halben Meter dicken Schnee. Darunter tiefstes schwarz. Oftmal möchte man gar nicht wissen, wo man da heute schon alles drüber gelaufen/gefahren ist.

Bis auf ca. 3700 m fahren wir nun seilfrei ab und queren dann unter einigen grossen Abbrüchen unter dem Crast d’Agüzza in Richtung Marco-e-Rosa-Hütte, bevor wir durch eine herrliche aufgefirnte Gletschermulde östlich unterhalb des Piz Bernina hindurch nach unten pfeifen. Nach einer Abflachung bricht der Vadret Morteratsch hier steil ab. Wir halten an und holen das Seil wieder heraus. Abfahren am Seil, eine ganz tolle Beschäftigung, vor allem für den hinteren, aber es muss hier einfach sein. Der Buuch ist ein riesiges Gewirr aus Gletscherspalten, Abbrüchen und Seracs, der im Sommer quasi nicht passierbar ist und nur noch im Winter mit Ski bei entsprechenden Bedingungen gemacht wird.

Der Buuch – Konsistenz wie ein Sieb

Langsam rutschen wir nun nach Osten querend ab. Dauernd müssen mehr oder weniger stabile Spaltenbrücken überquert werden oder unter teilweise monströsen Seractürmen hindurch gequert werden. Ein wenig später müssen wir nochmal die Felle aufziehen und rund hundert Meter aufsteigen, um direkt in den Buuch zu kommen. Wir können uns glücklicherweise an einigen Aufstiegsspuren orientieren. Hat man keine Spuren, ist man hier wirklich sehr lange unterwegs und muss mit einigen Fehlschlägen rechnen.

Die Sonne brennt hier im Kessel erbarmungslos und es ist unangenehm heiss. Auch wenn der nochmalige Aufstieg nicht allzu lang ist, sind wir froh, als wir die Felle wieder ablegen können und weiterhin angeseilt die nächste löchrige Passage in Angriff nehmen können. Für mich hinten heisst das ohne Stöcke zu fahren und das Seil in einer Hand zu halten, um nicht selber darüber zu fahren. Ziemlich nervig, ausserdem hoffe ich durchaus, dass Fabian nicht irgendwo reinfliegt, da dann alle Gesetze der Schwerkraft gegen meine Halteversuche sprechen würden.

Aber es geht alles glatt. Wir passieren diverse Riesenlöcher und überqueren weitere Brücken, unter denen gähnende Leere und tiefstes Schwarz lauern und erreichen – ein Zelt. Ein Zelt??? Ja, zwei Bayern haben hier zum Testen ihres Material eine Nacht verbracht und sind hinter uns abgefahren. Jetzt packen sie zusammen und werden später auch nach Morteratsch abfahren. Von ihnen erfahren wir noch, dass es wohl heute morgen bei den hier aufsteigenden Gruppen einen Spaltensturz gegeben hat. Daraufhin sind viele umgedreht respektive haben eine Querung hin zur Fortezza versucht, was wir heute Morgen auch gesehen haben und uns gewundert hatten.

Die letzten Kilometer bis hinab nach Morteratsch

Wir queren nun noch einige hundert Meter angeseilt leicht abfallend unter die westlichen Felsen der Fortezza. Dann legen wir das Seil ab, da hier die Hauptschwierigkeiten der Abfahrt und die grössten Gefahren vorbei sind. Nun geht es noch in wesentlich angenehmerer Fahrt ohne den lästigen Strick hinunter, bis wir flach auf den grossen Strom des Vadret Morteratsch gelangen. Nun dürfen wir in recht sulzigem, nassen Schnee weiter rutschen, bis von rechts die Gletscherabfahrt von der Diavolezza einmündet.

Auf ihr geht es nun in einem Rutsch, später den nun doch etwas brennenden Oberschenkeln zum Trotz auf einer charmanten Buckelpiste bis an den Fuss des Gletschers. Dann rutschen wir auf der Skatingspur der Loipe etwas schneller als im Sommer die letzten Kilometer hinaus zur Bahnstation Morteratsch, wo wir um halb vier Nachmittags ankommen.

Viertel ab vier können wir dann den Zug nehmen, der uns zurück an die Talstation der Diavolezza-Bahn bringt. Hier können wir dann endlich aus den Skistiefeln raus und eine sehr schöne Tour beenden.

Details zur Tour

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