Traumhafte Schneebedingungen am Piz Palü

#storySchnee

Einsam ist man am Piz Palü selten. Wenn man einen dieser raren Tage erwischt und zusätzlich noch allerfeinsten Schnee auf der Route hat, reicht es zu einer unvergesslichen Skitour vollkommen aus. 

Die vergessene Stirnlampe

Es ist fünf Uhr, der Wecker klingelt. Nach einer guten Nacht auf der Diavolezza folgt ein ebensolches Frühstück mit frischen Croissants. Dann geht es los, Gurt und Ski anlegen, bereit machen für die kurze Abfahrt auf den Gletscher hinunter. Steph ist eine alte Trödeltante, die Stirnlampe hat er auch vergessen. Nicht so gut bei einer Skihochtour… Deswegen hab ich mittlerweile im Auto immer einen halben Bergsport-Laden mit dabei, inklusive Stirnlampe, Schaufel, Sonde und LVS-Gerät. Also hat er jetzt eine alte Lampe von mir. Auf die Beschwerde hin, dass das ja ein altes Ding ohne LED’s sei, habe ich ihm nur eine Ladung Schnee in den Kragen gestopft.

Nun stehe ich also hier draussen herum und friere, während er noch auf umständlichste Art und Weise sein Zeugs herrichtet. Um kurz nach sechs sind wir dann aber startklar und können die nicht ganz gefrorene Abfahrt hinab auf den Gletscher in Abgriff nehmen. Dieses Mal ist es keine Buckelpiste, dafür Bruchharsch. Auch nicht gerade das, was man morgens im halb verschlafenen Zustand unbedingt haben möchte.

Hinauf zum „Schnapsboden“

Unten auf dem Gletscher seilen wir uns an und machen uns in einer vorhandenen Spur durch die stille, morgendliche Stimmung auf den Weg zum Piz Palü. Steph läuft vorneweg, er geht ein sehr langsames Tempo, immer mal wieder unterbrochen von irgendwelchen „Handlungen“ à la Nase putzen respektive in den Schnee rotzen, gucken links, gucken rechts… Es ist ein wenig mühsam, das Seil straff zu halten und für mich einen Rhythmus zu finden. Aber das ist halt Steph und passt schon so.

Wir queren am Piz Trovat vorbei und wenden uns langsam in Richtung der grossen Brüche des Vadret Pers unterhalb des Piz Cambrena. Langsam geht die Sonne auf. Die hohen Gipfel um uns herum sind in ein goldenes Licht getaucht. Nach und nach geht es nun steiler in die Bruchzone hinein. Im Zickzack winden wir uns um die teilweise überdimensional grossen Eisblöcke nach oben. Mitten drin endet die Spur, ab hier müssen wir nun also selber spuren.

Mit einigen kleinen Verhauern, bei denen man nie weiss, ob es nun weitergeht oder die geplante Route durch eine grosse Spalte gestoppt wird, erreichen wir den Schnapsboden. Der Name kommt nicht von ungefähr: dieses flache Gletscherbecken nach den Brüchen bietet sich als Frühstücksplatz hervorragend an. Wir verzichten aber auf Doping und queren den Kessel bis zu einem grossen Hang, der hinauf führt bis kurz vor das Skidepot.

Erinnerungen kommen hoch

Ungespurt, bis knapp 40° steil, nordost- nordseitige Exposition. Gedanken kommen auf an den Piz Grevasalvas. Steph legt eine gute Spur, nichtsdestrotrotz seilen wir uns hier nun los, da die Spaltengefahr deutlich geringer als die Lawinengefahr ist. Es macht jetzt keinen Sinn, an jedem steileren Hang ein mulmiges Gefühl zu haben. Ich gehe nochmal alle Checkpunkte für mich durch. Wir haben keine Bruchausbreitung, auch nicht bei den bisherigen Spitzkehren. Die maximale gemessene Steilheit liegt bei ungefähr 36° Grad. Zwar ist der Schnee vom Wind gebunden, hat sich aber seit dem Neuschneefall am Samstag gut gesetzt. Und ich überzeuge mich an zwei Stellen: es gibt keine ausgeprägte Schwachschicht mit Schwimmschnee. Dazu weiss ich vom letzten Besuch, dass der Untergrund, da er auf der Hauptroute liegt, extrem stark zerfahren ist und teilweise ein alter Lawinenkegel vom 13. April darunter liegt. Also ist es insgesamt eine sehr raue Schneebasis, auf der der nun gesetzte Neuschnee liegt.

Immer die flachsten Bereiche ausnutzend steigen wir hinauf. Unterhalb eines riesiges Seracs machen wir eine kurze Pause, schauen uns den weiteren Verlauf an und seilen uns wieder an, da es nun erneut durch spaltiges Gelände geht. Steph führt auf eine riesige Querspalte zu, die häufig den Schlüssel zum oberen Teil darstellt. Kurz darauf müssen wir aber feststellen, dass der Weg nicht funktioniert, die rund 10 – 15 Meter breite Spalte ist nur an genau einer Stelle mit einer Brücke überdeckt. Wir gehen bis dorthin zurück. Ich gehe nun voraus und zügig über die Schneebrücke. Da möchte man besser gar nicht wissen, wie dick das Ding ist. Bei der momentanen Schneesituation scheint es aber vertretbar, sie zu benutzen. Ein Alleingänger, der uns nun eingeholt hat, ist sogar so freundlich/dumm, die Brücke zuerst zu queren. Idiotisch, aber nicht unser Bier.

Über den Ostgipfel auf den Hauptgipfel

Ein letzter flacher Hang leitet uns auf die Schulter auf ungefähr 3730 m Höhe. Meine ursprüngliche Idee, die Palü-Traversierung mit anschliessender Abfahrt nach Italien und zur Alp Grüm scheint nicht durchführbar . Während wir hier auf der Schweizer Seite bestes Wetter haben, hängt drüben weiter unten ein dichter Wolkengürtel. Für die anspruchsvolle Abfahrt über den Gletscher sollte man allerdings gute Sichtverhältnisse haben, insbesondere wenn man sie nicht kennt.

Wir lassen daher die Ski hier zurück, ziehen die Steigeisen an und stapfen den steilen Osthang, der sich bald in einen Grat verliert, hinauf zum Ostgipfel des Piz Palü. Da wir zeitlich gut dran sind lassen wir uns den 18 m höheren Hauptgipfel nicht nehmen und steigen einige Meter ab, um anschliessend den luftigen Verbindungsgrat auf den mittleren Hauptgipfel in Angriff zu nehmen. Der hohe Neuschnee macht uns hier zu schaffen, es ist bisher nur die Spur des Alleingängers drin. Dementsprechend ist es eine rechte Wühlerei. Rechts geht es 800 Meter die Nordwand ins Loch runter, links sind es nur 300 Meter. Nur …

Ohne Freiflug-Einlage erreichen wir wenig später die flache Gipfelkuppe und stehen dann kurz darauf auf dem 3900 m hohen Hauptgipfel des Piz Palü. Es ist 11 Uhr, bis auf die Wolken in Italien herrscht bestes Wetter.

Gegenverkehr am Ostgrat

In einer kleinen windgeschützten Mulde machen wir eine kurze Pause, bevor es den Grat wieder zurückgeht zum Ostgipfel. Nochmal ist höchste Konzentration angesagt. Im Abstieg geht es allerdings deutlich besser als im Aufstieg, zumal wir nun schon drei Spuren drin haben. Wieder zurück am Ostgipfel warten wir kurz, bis zwei weitere Seilschaften heraufgekommen sind. Ein Bergführer mit seinen drei Gästen hat es ebenso gemacht wie wir. Auch sie wollten ursprünglich zur Alp Grüm abfahren, haben es aber aufgrund der Wetterbedingungen ebenso unterlassen. Wir unterhalten uns kurz mit ihnen, dann geht es im Laufschritt den Osthang wieder hinunter zum Skidepot.

Es pfeift hier mittlerweile recht und wir sind froh, dass wir jetzt nicht mehr oben unterwegs sind. Wieder mal Steph: er läuft erstmal mit seinen Ski auf dem ganzen Plateau herum und sucht einen windgeschützten Platz, den es hier sicherlich nicht geben wird. Also warte ich mal wieder einige Minuten auf ihn, nachdem ich zumindest aber schon einmal ein paar Meter abgefahren und über den Bergschrund hinüber bin, wo es windgeschützter ist.

Brückentänze auf dem Gletscher

Wir fahren nun die ersten Meter bis zur grossen Spalte ab. Seilfrei – wir kennen die Aufstiegsroute und können die Abfahrt aufgrund der guten Schneelage ohne Seil angehen. Aufgrund der Ski und der entsprechenden Geschwindigkeit ist die Wahrscheinlichkeit, ein Loch zu treffen, ohnehin sehr minimiert.

Da ich das Seil im Rucksack habe, fahre ich als Zweiter. Über die Brücke der grossen Querspalte fahren wir einzeln und in einem Rutsch ohne Schwünge, passt alles. Danach folgt eine Querung unter den grossen Serac, bevor es die beste Abfahrt in dieser Saison hinab geht auf den Schnapsboden. Pulver pur, massig Platz und nur eine Spur. Da kommt wirklich Freude auf! Einzeln lassen wir es krachen, bevor es den flachen Boden hinausgeht an den Anfang der Bruchzone, wo wir wieder in bestem Schnee zwischen den Seracs im Bereich der Aufstiegsspur hinunter kurven. Hier auf den nördlichen Seite und im Schatten des Piz Cambrena hat sich der Schnee bisher gut gehalten und wir können noch die letzten steileren Passagen geniessen, bevor es mit Schwung auf den flachen Gletscher geht und wir so weit es geht den Schwung mitnehmen.

Aufstieg zum Rifugio dals Chamuotschs

Wir fellen nun nochmal auf. In der mittlerweile brennenden Hitze steigen wir nochmal auf zum Rifugio dals Chamuotschs (Gemsfreiheit), um von dort aus noch ein paar schöne Hänge hinunter zum Vadret Morteratsch geniessen zu können. Den Aufstieg geniesst keiner von uns. Nach einer flachen Gletscherquerung geht es rund 150 Höhenmeter hinauf. Die Sonne brennt unbarmherzig in diesem Kessel und ich müsste mal was essen.

Gerade ist es wirklich zäh. Ich wende meinen alten Trick an und zähle die Schritte, immer bis 100 und wieder von vorne. Das funktioniert ganz gut, man hat etwas zu tun und denkt nicht alle fünf Meter, dass man ja nun schon wirklich fast oben sein müsste – um dann umso enttäuschter zu sein. Einige 100 Schritte später komme ich oben an, Steph folgt kurz darauf.

Wir machen nun erstmal eine kurze Esspause, bevor wir abfellen und – warten. Steph ist noch am wasweissichwas  machen. Also mache ich noch ein paar Fotos. Als er dann endlich kommt, rauschen wir in einem Stück den herrlichen Hang hinunter zum Isla Persa – 300 Höhenmeter bester Schnee.

Wasserskifahren im Val Morteratsch

Das ändert sich jetzt allerdings gewaltig. Hier hat nun mit der Sonneneinstrahlung schon eine ziemliche Durchfeuchtung des Schnees stattgefunden und es wird immer mühsamer. Die letzten Meter von einem kleinen See hinunter zum Gletscher sind dann zu allem Übel noch nordseitiger Kreuzbandrissschnee vom Feinsten. Unten treffen wir dann auf die Route der Gletscherabfahrt von der Diavolezza, die nun aber schon geschlossen und nicht mehr abgesteckt ist. Das ist aber nicht so schlimm, die Route ist ohnehin kaum zu verfehlen. Wieder mit angezogener Bremse rutschen wir auf dem Gletscher bis vor an die Gletscherzunge. Die alten Buckel von letzter Woche sind noch zu sehen. Also müssen wir nochmal durch die Buckelpistenwüste kurven.

Durch elenden Pflotsch geht es nun wieder auf dem Gletscherlehrpfad das Val Morteratsch hinaus. Skaten ist nicht mehr möglich, dafür kann man den ein oder anderen Bachlauf zu Fuss queren. Wie letzte Woche verpassen wir den 18-nach Zug um fünf Minuten, das Restaurant hat auch zu. Dammsiechii! Egal, wir sind wieder unten, es war eine super Tour und es hat alles bestens geklappt. 45 Minuten später fahren wir zusammen mit dem Bergführer, der mit seinem Trupp mittlerweile auch hier angekommen ist, wieder hinauf auf den Berninapass, quatschen noch ein bisschen und schmeissen dann den ganzen Kram ins Auto, bevor es wieder heimwärts geht.

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