Bassa di Pertüs

Endlich schaffen wir es mal wieder gemeinsam los zu ziehen. Diesmal wollen wir etwas Neues ausprobieren: ein Ausflug ins Tessin zum Klettern. Aber nicht nur einfach so Klettern, sondern mit einer Übernachtung auf einer kleinen Selbstversorgerhütte und einer Route zum Pizzo dei Chent, die völlig “clean” ist, also keine gebohrten Haken aufweist. Ich bin recht (an-)gespannt

Am Samstag Vormittag gönnen wir uns erst einmal ein gemütliches Frühstück, fangen in aller Ruhe an zu packen und werfen unser ganzes Geraffel, das wir brauchen ins Auto – gar nicht so wenig. Gegen Mittag geht es los und nach einem kurzen Versorgungsstop bei Coop fahren wir Richtung Gotthardpass. Wir wollen erst morgen, am Sonntag im Tessin ankommen, um die Chance zu erhöhen, dass wir in der Hütte auch einen Schlafplatz bekommen bzw. sogar alleine sind. Also stoppen wir auf dem Gotthard, der übrigens noch wunderbar auf der alten Kopfsteinpflaster-Passstrasse befahrbar ist, suchen uns ein ruhiges Plätzchen für die Nacht und parken unser Auto.

Klettern im Tessin habe ich bisher in meiner Vorstellung immer mit Hitze und viel Sonne verbunden – im Moment sitzen wir aber fröstelnd im Auto bei nasskalten 6 °C und hoffen, dass es aufhört zu regnen, damit wir später einigermassen auf unseren Gaskochern etwas leckeres zaubern können. Den restlichen Nachmittag vertreiben wir uns aber vorerst gut eingepackt in Wind dichten Kleidern mit Erkundungsspaziergängen im Nebel und Stein-Wurf-Spielchen. Der Regen liess dann doch noch nach, damit wir uns ein Abendessen zubereiten konnten. Später wird noch am Bach zähne geputzt und mit der Dunkelheit verkriechen wir uns in unsere warmen Schlafsäcke im Auto.

7.30 Uhr und immer noch bewölkt. Ein wenig gerädert schäle ich mich aus dem Schlafsack, während Falko schon fit ist. Gemeinsam kochen wir Wasser, schmieren Brötchen und müssen feststellen, dass unsere Mitnehm-Marmeladentöpfchen verdorben sind. Zum Glück gibts noch ein paar Ersatz-Nutella, die das windige Frühstück retten. In dicken Jacken eingepackt und mit Mützen auf den Köpfen, denn es ist immer noch sehr kalt und windig, erledigen wir also das nötige Übel – abspülen und Brote schmieren für kommenden zwei Tage. Nach einer halben Stunde haben wir 12 kleine belegte Brote und ich Eisfinger. Dafür lacht mittlerweile die Sonne und als wir auf der anderen Seite des Gotthardpasses endlich ins Tessin hinunter fahren strahlt die Sonne schon mit uns um die Wette.

In Airolo erreichen wir die Autobahn, die uns geradewegs nach Bellinzona und von dort nach Locarno führt. Mittlerweile hat es unglaubliche 28 °C. Bei einer Tankstelle füllen wir unsere Marmeladenvorräte wieder auf und biegen ab ins Valle Maggia. Immer das Tal entlang freuen wir uns über die schöne Landschaft, bis wir schliesslich nach einer endlos langen Talfahrt in Broglio ankommen. Broglio liegt auf ca. 700 hm, unsere Hütte für die Nacht auf über 1700. Somit liegt ein 3 stündiger Aufstieg vor uns mit schwerem Gepäck im Rucksack. Falkos Last hat um die 15 kg, ich darf zum Glück “nur” um die 11 kg tragen.

Nachdem das Auto an einem wunderbaren Schattenplatz geparkt ist müssen wir an der Strasse ein Stück zurück laufen, um auf den Wanderweg und über die Maggia zu kommen. Der grösste Teil unseres Weges liegt zum Glück im Schatten der Bäume und somit ist es nicht ganz so unerträglich heiss. Wir queren ein Stück Richtung Norden und biegen dann ab auf den Wanderweg, der Richtung Rifugio Tomeo führt – unser heutiges Ziel. Der Weg schlägelt sich den Berg hinauf, nicht wahnsinnig steil aber doch durchgehend ansteigend. Etwas später wird der Wald etwas lichter und immer wieder laufen wir über sonnige Wiesenfleckchen und durch lückige Baumbestände. Die Sonne in Kombination mit meiner Kondition, die etwas zu wünschen übrig lässt und dem Rucksack auf den Rücken machen mir zu schaffen. Immer öfters muss ich anhalten, um mich kurz auszuruhen und wieder mal etwas zu trinken. Mir ist so heiss und der Anblick der vielen schönen kleinen und grösseren Wasserfälle, die sich am Ri di Tome das Tal hinunter werfen, machen es nicht gerade einfacher nach einem Päuschen doch weiter zu laufen.

Wir kommen an alten, verfallenen Ruinen vorbei, sehen unglaublich viele Schmetterlinge und besonders ich freue mich über die Blütenpracht, die gerade aus jeder Ritze am Wegrand auftaucht. Warum sind wir nur vorher noch nie gemeinsam ins Tessin gefahren? Wir beschliessen, dass wir diese Tatsache auf jeden Fall ändern müssen und sicherlich bald die nächste Tour hier planen.

Gegen 15.30 Uhr erreichen wir das Rifugio. Beim ersten Anblick sind wir uns nicht sicher, ob wir wirklich richtig sind, denn neben zwei älteren Gebäuden steht eine nagelneue Hütte, aber doch, wir sind hier richtig! Obwohl es eine unbewartete Hütte ist, treffen wir zufällig auf den Hüttenwart, der am Neubau herumwerkelt. Leider können wir uns nur sehr sporadisch verständigen, da er kein Wort Englisch oder Deutsch kann und wir kein Italienisch sprechen. Wir laden erst mal unser schweres Gepäck ab und schauen um die Hütte, um den Lago die Tomè zu betrachten und unsere Tour für Morgen in Augenschein zu nehmen.

Und da wird es uns recht schnell klar: Im Zu- und Abstieg liegt einfach noch zu viel Schnee und die Tour wird so wohl kaum möglich sein, da wir keine Steigeisen dabei haben, um auf dem abschüssigen Gelände die Schneefelder zu queren. Nachdem wir bald alleine an der Hütte sind und wir uns mit unseren Broten gestärkt haben macht Falko sich noch mal auf den Weg, um unsere Tour nochmal besser mit dem Fernglas einsehen zu können, während ich mir ein Tässchen Kaffee kochen und es mir vor der Hütte in der Sonne gut gehen lasse.

Später kochen wir gemeinsam Spaghetti Bolognese und geniessen unser z`Nacht vor der Hütte, während die Sonne langsam unter geht. Sogar eine Gemse besucht uns während des Abendessens und frisst ein paar Kräuter, die rund um die Hütte wachsen. Hier ist es so still und friedlich, dass der Alltag, dem wir erst gestern entflohen sind unendlich weit weg scheint. Als die Sonne hinter den Bergen verschwindet wird es schnell frisch und wir verkriechen uns in das Rifugio, wo wir den Ofen einheizen und nach einem gemütlichen Abend bald unter den Decken verschwinden.

Am nächsten Morgen geht es nach einem Outdoorfrühstück um 8.00 Uhr los. Die Klettertour wollen wir nicht wagen, aber rein der Abstieg zurück nach Broglio ist auch nicht sehr spannend, also haben wir uns dazu entschlossen noch 400 hm aufzusteigen und über den Basso di Pertüs ins Valle di Pertüs abzusteigen und im Valle Prato zurück ins Tal zu wandern.

Bei leicht bedecktem Himmel machen wir uns auf den Weg und nach ca. 1 Stunde treffen wir auf ein altes verfallenes Alpgebäuden, einen kleinen Schafstall und der dazugehörigen Herde, die sich ihr Frühstück auf den Alpmatten sucht. Kurz darauf erreichen wir den Pass, wo wir eine kleine z`Nüni Pause einlegen. Danach geht es nur noch bergab. Kurz nachdem wir auf den Wanderweg gelangen, der vom Passo di Redorta herunter kommt folgen wir dem Weg durch dichtes Erlengebüsch und es wird immer steiler. Mit den schweren Rucksäcken ist das bergab laufen kein wirklicher Spass, aber die wunderschöne Landschaft entschädigt für die schwere Last

400 hm sehr steiles Gelände das dicht mit Kräutern und Büschen bewachsen ist sind hier zu überwinden, bevor wir endlich den Ri di Pertüs (mit einem grossen Sprung über das rauschende Wasser) überwinden können. Mittlerweile ist schon Mittag, die Wolken haben sich verzogen und in der Sonne wird es richtig heiss. Ab jetzt folgen wir allerdings einem angenehmen Wanderweg, der meist im Schatten der Bäume liegt und sich gemächlich aus dem Tal schlängelt. Als wir kurz vor Predee die Fahrstrasse erreichen bekomme ich langsam Hunger und wir beschliessen uns irgendwo ein schönes Plätzchen fürs Mittagessen zu suchen. Hätte ich geahnt, wie lange es sich noch hinziehen wird, bis wir zum Essen kommen, hätte ich sofort eine Pause gemacht.

Wir laufen durch Predee und beschliessen bei Presa, wo wir wieder auf den Wanderweg wechseln wollen Mittagspause zu machen. Also laufen und laufen wir, aber in Presa kommen wir nicht an. Nachdem wir an einem kleinen Hang mit Reben vorbei kommen wird uns bei einem Blick auf die Karte bewusst, dass wir den Wanderweg bei Presa (wo auch immer das war?) verpasst haben. Der Versuch auf einer kleiner Forststrasse wieder auf dem kürzesten Weg den richtigen Wanderweg zu erreichen scheitert an einer 2m hohen Zaunabsperrung mitten auf der Strasse. So bleibt uns nichts anderes übrig, als uns einen halben Kilometer auf einem anderen Wanderweg zurück zu schleppen, um endlich wieder auf den richtigen Weg zu kommen.

Auf der Brücke, die den Prato überquert und uns zu unserer letzten Etappe unserer Wandeurng bringt machen wir dann endlich Mittagspause – mittlerweile ist es 14 Uhr und der Magen knurrt. Es ist aber ein schönes Fleckchen an dem wir hier rasten. Unter der aus Steinen gebauten Bogen-Brücke geht es weit nach unten in eine schmale Schlucht, durch die sich in einem Türkis Blau der Prato seinen Weg gesucht hat.

Nach langem Geradeaus, vorbei an kleinen Tessiner Häusern und einer kleinen Kapelle kommen wir am Nachmittag dann wieder in Broglio und kurz darauf auch bei unserem Auto an. Müde, erschöpft aber glücklich und zufrieden so eine tolle Zweitageswanderung in einer unglaublich schönen Natur erlebt zu haben.

Auf dem Rückweg halten wir noch an einem Grotto um uns ein Eis zu genehmigen, bevor es diesmal durch den Gotthard-Tunnel zurück nach Hause geht. Aber wir kommen bestimmt bald wieder ins Tessin.

Details zur Tour

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Pizzo Centrale

Wir machen eine alpine Wanderung vom Gotthardpass aus entlang des Lago di Sella zum Pizzo Centrale. Von diesem knapp 3000 m hohen Gipfel aus geht es entlang einer Steinbockkolonie wieder zurück zum Pass.

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