Sentiero Alpino Calanca

Für dieses Wochenende habe ich mich für eine dreitägige Wanderung mit Annatina verabredet. Wir haben uns über eine “Berg-Frauengruppe” aus dem Internet kennen gelernt und wollen nun das erste mal etwas zusammen unternehmen. Annatina wohnt zurzeit in Chur und arbeitet als Assistenzärztin im Spital und für ein halbes Jahr bei der Rega. Medizinisch gesehen befinde ich mich für diese drei Tage also in besten Händen.

Wir möchten zusammen den Sentiero Alpino Calanca laufen, einen ca. 45 km langen Höhenweg, der von San Bernardino Dorf auf die Seite des Calancatals führt und dort Richtung Süden bis nach St. Maria führt. Auf dem Weg liegen insgesamt 3 Selbstversorgerhütten und eine private bewirtschaftete Hütte. Um den Weg jedoch an einem Wochenende zu schaffen haben wir den Weg in 3 Etappen aufgeteilt.

1. Etappe: San Bernardino Dorf – Rifugio Pian Grand

Wir treffen uns um kurz vor 9 Uhr in Chur und fahren mit Annatina’s Auto durch den Tunnel bis nach San Bernardino Dorf. Dort finden wir schnell einen Parkplatz und starten in unser Abenteuer. Der Weg ist zwar auf der ganzen Strecke Rot-Weiss markiert, aber es soll so einige ausgesetzte Stellen haben. Wir sind also gespannt.

Zu Beginn ist es aber eher gemütlich. Wir laufen einer Forststrasse entlang, bis wir auf den Wanderweg abzweigen und es langsam bergauf geht. Erst gemütlich, dann etwas steiler, bis wir Confin Basso, ein Alpgebäude oder Überreste aus dem ehemaligen Skigebiet erreichen. Von dort queren wir den Osthang Richtung Süden und steigen auf, bis wir an die Seen am Pass di Passit gelangen. Etwas oberhalb legen wir erst mal eine gemütliche und sehr aussichtsreiche Mittagspause ein, quatschen und lernen uns besser kennen.

Nach ca. einer Stunde treten wir den Weitermarsch Richtung Pass de la Cruseta an. Zwischen Felsblöcken, Wiesen und ein paar Schafen geht es hinauf bis wir ein Geröllfeld kurz unterhalb des Passes erreichen. Nachdem es überwunden wurde, können wir das erste mal ins Calancatal hinab schauen. Hier befindet sich auch der erste Abstieg, der mit Ketten versichert ist. Nach etwas Gewöhnung kommen wir aber gut voran. Wir queren, nun auf der Westseite, unterhalb des Piz d’Arbeola und erreichen die Bocca de Rogna mit einem eindrücklichen Steinmanndli. Nach geringem Abstieg spitzen wir schon um die Ausläufer des Ostgrates des Piz Pian Grand herum und haben den für heute letzten Aufstieg im Blickfeld. Über einen gemütlichen Aufstieg erreichen wir die kleinen Seen und kurz darauf unsere Unterkunft für die Nacht, das Rifugio Pian Grand mit seinen zwei Dreieckshüttchen.

Nach einer Verschnaufpause nehmen wir erst mal unsere Unterkunft unter die Lupe. In der grossen Hütte gibt es im ersten Raum eine Kochstelle mit zwei Gaskochern und alles, was es zum Kochen braucht, inklusive Kanister für Wasser. Ein gemütlicher Tisch bietet Platz am Abend. Im hinteren Teil des Hüttchens sind noch zehn Schlafplätze untergebracht. Im kleineren Hüttchen befindet sich nur ein Matratzenlager mit insgesamt 7 Plätzen + 1 Notbett. Decken gibt es auch genügend. Wir entscheiden uns, in der kleineren Hütte zu übernachten und schnappen uns die zwei oberen Schlafplätze, damit wir nicht neben Fremden liegen müssen. Hehe.

Im Lauf des Nachmittags bekommen wir aber immer mehr Gesellschaft. Neben der vierköpfigen Familie, die schon bei unserer Ankunft hier war, kommen noch drei Pärchen an, die alle die gleiche Route haben wie wir. Trotz der Enge können wir uns aber alle gut organisieren. Beim Kochen kommen wir alle gut aneinander vorbei und am Abend ist das eine sehr gesellige Runde.

Um 22 Uhr verschwinden wir dann in unserer Hütte, insgesamt sind wir hier nun zu sechst, also zu eng ist es nicht, aber kalt. Gerade einmal 10 °C haben wir die ganze Nacht hindurch. Aber dank drei Wolldecken und meinem Hüttenschlafsack kann ich mich gut warm halten und schlafe bald ein.

2. Etappe: Rifugio Pian Grand – Capanna Buffalora

Um 6 Uhr klingelt uns der Wecker aus dem Schlaf und wir müssen unser wohliges Nest verlassen. Ich mache mich direkt daran, Wasser für Frühstück und Tee zu kochen und pünktlich um 7 Uhr laufen wir vom Rifugio los. Zuerst geht es 100 Höhenmeter hinauf zum ersten kleinen Passübergang. Von dort aus blicken wir hinunter auf die Alp und den Lagh de Trescolmen. Beides liegt noch im Schatten der aufgehenden Sonne. Wir steigen über einen steilen, brüchigen Weg dorthin ab und am See gibt’s erst mal eine kurze Trinkpause.

Anschliessend steigen wir ein Stück zwischen Alpenrosenhängen auf und queren an der nördlichen Flanke des Piz del Large bis zur Botte des Büscenel und weiter hinauf bis zum Punkt 2346. Als wir dort um die “Ecke” biegen, erwartet uns ein wahnsinniger Ausblick in die darunter liegenden Täler. Ein kurzes Stück müssen wir in steilen Gelände queren, aber auch hier ist wieder alles gut mit Ketten gesichert und dann geht’s erst mal gemütlich Richtung Rifugio Ganan.

Dort kommen wir gegen Mittag an, inspizieren diese winzig kleine Notunterkunft und gönnen uns ein gemütliches Mittagessen. Das Rifugio Ganan bietet gerade einmal Platz für sieben Personen, wobei die siebte Person im Vorraum auf der eigentlichen Kochstelle nächtigen muss – sicherlich kalt und etwas unbequem. Dafür hat das WC hier sogar eine richtige Tür und ist nicht so eine luftige Angelegenheit wie am Rifugio Pian Grand. Wir können von unserem Platz aus den Wanderweg weiter verfolgen und sehen auf einem kleinen Vorsprung immer wieder Wanderer und grosse Steinmanndli stehen.

Wir marschieren weiter und nach gut einer halben Stunde stehen wir selbst bei diesen Steinmanndli und können die wieder atemberaubende Aussicht geniessen. Wir stehen hier auf dem Piz Ganan auf 2412 m ü. M., von dem es dann wieder einmal steil hinunter geht. Aber nicht lange und wir gelangen auf einen kleinen Übergang und blicken plötzlich auf den Lag de Calvaresc hinab. Er wird auch Herzlsee genannt, da er die Form eines Herz hat, wenn man von oben auf ihn hinunter blickt. Ein paar einheimische Angler haben es sicher hier gemütlich eingerichtet mit Zelt & Co. und sind fleissig am Fischen.

Von nun an haben wir keine Höhenmeter mehr im Aufstieg zu überwinden und darüber sind wir auch froh. Mittlerweile sind wir über sechs Stunden unterwegs und die Beine werden langsam müde. Der Weg ist, auch wenn er einfach gerade aus führt, anstrengend, da man immer gut aufpassen muss, wo man den Fuss als nächstes hinstellt. Die Konzentration lässt nun etwas nach, die Motivation auch und die Buffalorahütte, die mittlerweile in Sicht ist, will und will einfach nicht näher kommen.

Wir laufen aber tapfer weiter und nachdem wir an der Alp de Calvaresc vorbei sind, kommen wir nach einer weiteren Stunde Marsch nach acht Stunden endlich an unserem Tagesziel an. Dort werden wir freundlich begrüsst und bekommen gleich mal etwas zu Trinken in die Hand gedrückt. Wir treffen wieder unsere Mitwanderer aus dem Rifugio Pian Grand vom letzten Abend/heute Morgen und nach eine Stärkung (Milchkaffee und Brownies) geht’s nochmal ein wenig in die Umgebung.

Wir steigen einen kleinen Pfad hinab zum Laghet, einem kleinen Tümpel in der Nähe der Hütte und machen es uns dort in der Sonne gemütlich. Annatina ist nach ein paar Minuten schon eingeschlafen. Ich ruhe mich einfach aus und beobachte grosse und kleine Tierchen um mich herum. Ameisen untersuchen meine Schuhe, grosse Libellen surren hier durch die Lüfte. Ein lustiges Hin und Her, das mir schnell die Zeit vertreibt.

Zum Abendessen sind wir aber wieder an der Hütte und verbringen mit der Truppe vom letzten Abend wieder ein paar lustige Stunden. Kurz vor 22 Uhr sind wir aber froh endlich in den Betten zu liegen. Hier brauchen wir uns auch nicht so einzumummeln. Mit freundlichen 18 °C lässt es sich perfekt schlafen, sodass wir wieder gut gelaunt um 6 Uhr aufstehen können.

3. Etappe: Capanna Buffalora – St. Maria

Wieder starten wir um ca. 7 Uhr, diesmal steht die letzte Etappe auf dem Programm. Wir wollen bis nach St. Maria in Calanca absteigen und von dort mit dem Bus die Heimreise antreten. Bevor es aber soweit ist, müssen wir noch ein ganzes Stück an Wegstrecke überwinden.

Von der Hütte geht es direkt bergauf zum Pass de Buffalora, ein Mix aus Wanderweg und Blockgelände und von dort queren wir hinüber zur Flanke des Cima de Nomnom. Hier soll uns angeblich das heikelste Stück der ganzen Tour erwarten. Wir sind schon gespannt. Hinter einem Felsvorsprung stehen wir dann vor der Treppe, die ein steiles Stück vereinfacht. Von oben sieht es gewagt aus, jedoch ist es leichter, als wir denken, dieses Stückchen zu überwinden. Der Teil dananch ist schon etwas anspruchsvoller. In steilem Zickzack, mit hohen Stufen und sandigen Abbrüchen geht es in der Flanke des Nomnom 100 hm hinunter. Wir sind froh, dass über uns gerade keine anderer Wanderer sind, die eventuell Steine lostreten könnten. Wir gehen zügig voran, um aus der Schussbahn zu kommen und befinden uns bald wieder in freundlicherem Gelände.

Oberhalb der Alp d’Aion queren wir schier endlose Hänge, bis wir an der Motta del Perdül ankommen und das erste mal wieder in den Lärchenwald eintauchen. Unterhalb eines Ausläufers des Piz de Groven queren wir, bevor es nochmal einen 200-Höhenmeter Anstieg zu überwinden gibt. Am Ende des Aufstieges müssen wir eine steile Felsrinne queren. Um dort hinab zu steigen, wurde über 3-4 m eine Leiter installiert, die in die Rinne hinab führt. Auf der anderen Seite können wir mit ein bisschen Anpacken ganz gut über die Felsblöcke wieder zum Wandeweg aufsteigen und schon geht’s weiter Richtung Süden.

Abwechselnd laufen wir nun in freiem Gelände oder lichtem Lärchenwald bis es steil bergab geht. Dies bedeutet für uns, dass wir bald das Rifugio Alp die Fora ankommen. Dort legen wir eine gemütliche Mittagspause ein und sind beeindruckt vom Luxus in diesem Rifugio. Viele Schlafplätze auf kleine 3er und 4er Zimmer verteilt, ein grosser Aufenthaltsraum mit Holz- und Gasherd, ein Ofen mit Holzsesseln drum herum zum Wärmen am Abend und ein gemütlicher Aussensitzplatz – den wir direkt für uns nutzen. Aber auch diese Pause nimmt ein Ende, denn der letzte Anstieg wartet noch auf uns.

Aber es ist ein lässiger Anstieg. Über 1 km steigen wir sagenhafte 70 hm auf den Pian di Renten, dem letzten Übergang, der uns wieder auf die Ostseite der “überschrittenen” Bergkette und somit ins Misox zurück bringt. Hier beginnt der 1000 Höhenmeter Abstieg nach St. Maria. Nun immer durch Wald geht es erst einen sehr steilen und brüchigen Weg hinab. Nicht schön zu laufen, aber so verlieren wir immerhin schnell an Höhe. Bald wird es aber etwas gemütlicher und wir kommen im schattigen Wald gut voran. Nach fast 600 Höhenmeter Abstieg erreichen wir Nadi. Ein kleines Alpgebäude auf einer Lichtung mittem im Wald. Kurz danach queren wir eine Forststrasse, tauchen auf der anderen Seite wieder in den Wald ein und kommen bald darauf in Dasga, einer kleinen Siedlung oberhalb von St. Maria wieder heraus.

Von dort können wir unser Ziel nun endlich sehen. Den Wehrturm und die Kirche von St. Maria winken uns förmlich entgegen. Das letzte Stück laufen wir auf einer kleinen geteerten Strasse und nach wenigen Minuten stehen wir schon am Ziel.

Da wir noch ca. eine Stunde Zeit haben, bis der Bus Richtung Zivilisation kommt, beschliessen wir, doch noch einen Aufstieg in Angriff zu nehmen und steigen auf den Wehrturm, um von dort die Aussicht über St. Maria und das Misox zu geniessen. Gesagt, getan. Im Anschluss genönnen wir uns aber noch einen wunderbaren Latte Macchiatto in einem kleinen Restaurant, bevor eine spannende Busfahrt auf den engen Strassen nach Grono beginnt.

Dort trennen sich unsere Wege. Annatina nimmt den Bus Richtung San Bernardino Dorf, ich steige Richtung Bellinzona um.

Fazit: eine wunderschöne und recht “unbekannte” Drei-Tagestour, müde Beine, qualmende Socken und eine neue, bergbegeisterte Freundin!

Details zur Tour

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