Giftige Steigungen und ein atemberaubendes Panorama am Sighignola

Ich mag den Winter wirklich sehr und in den letzten Monaten sind wir in den Schweizer Voralpen durchaus mit ausgiebigen Schneefällen verwöhnt worden. Mit den steigenden Temperaturen im März erwacht bei mir aber die Lust auf Frühling – und damit das Bedürfnis wieder auf dem Rennvelo zu sitzen. Um nicht noch länger in den letzten kümmerlichen Schneeresten ausharren zu müssen, beschliessen wir dem Frühling ein bisschen entgegen zu kommen. Mit den Rennräder im Gepäck düsen wir für ein Wochenende ins Tessin. Die Gegend um Lugano – Sonne, Palmen und Panorama – steht schon länger auf unserer Liste der Wunschziele und jetzt ist der perfekte Zeitpunkt für ein erstes Kennenlernen. Ziel ist der Aussichtsberg Sighignola.

Von unserem Sütztpunkt, dem Casa Bellavista, gibt es zwar einige Varianten für Rennradtouren, allerdings solltet ihr bei der Routenwahl stets den Rückweg mit einplanen. Denn die atemberaubende Lage der gemütlichen Ferienwohnung hoch über dem Luganer See müsst ihr euch mit dem Rad schwer verdienen. Die Route für unsere Fahrt auf den Aussichtsberg Sighignola führt auf engen Strassen entlang und durch die ein oder andere Haarnadelkurve. Seid unserem letztjährigen Tessinausflug, zum Beispiel ins Val Malvaglia, weiss ich also, was mich erwartet.

Start- und Endpunkt mit Panoramablick über Lugano

Um die Region besser kennenzulernen, hat Falko den markanten Gipfel des Sighinola vorgeschlagen. Der Berg ragt direkt hinter der Ferienwohnung und somit gegenüber von Lugano in die Höhe. Für die Tour können wir direkt vom Casa Bellavista starten und das Auto stehen lassen. Das sind doch die besten Touren!

Nach dem Frühstück gehen wir unser Vorhaben mit einem Kaltstart an. Mit noch überhaupt nicht aufgewärmten Muskeln müssen wir auf dem Weg von Pügèrna nach Arogno gleich die ersten 200 Höhenmeter überwinden, um auf den Mini-Pass San Vitale zu kommen. Hier wartet direkt die ein oder andere haarnadelige Kurve auf uns. Bergauf sind sie technisch auch für mich kein Problem, steil sind sie trotzdem und mir ist auf jeden Fall gut warm, als wir den kleinen Übergang hinter uns lassen. Vorbei an der kleinen Kirche rollen wir in das Bergdörfchen Arogno hinunter, wo wir auf dem schmalen Hauptsträsschen links ein noch engeres Strässchen anpeilen. Dieses bringt uns über eine – natürlich steile – Rampe in Richtung Italien hinauf.

Eng und steil sind die Strassen hier fast überall. Da die Dörfer an die Hänge gebaut sind, lassen die dicht stehenden Häusern eben nicht mehr viel Platz für Strassen.

Jeder von uns beiden fährt ab Arogno wieder sein eigenes Tempo, und es dauert keine fünf Minuten bis ich Falko aus den Augen verloren habe. Die Rampe am Abzweig war nämlich erst der Anfang der Steigung die sich bis zum Ortsausgang zieht. Bis zur Tankstelle, kurz bevor ich den Ort verlasse, muss ich ordentlich in die Pedale drücken, um das kurze, aber giftige Stück mit bis zu 15 % Steigung zu überwinden.

Kirche und Staat – Grenzkapelle und Zollstation im Val Mara

Durch das Val Mara führt mich die Strasse jetzt durch lichten Wald und mit wenig bis keiner Steigung kann ich meine Beine ein bisschen entspannen. Das versuche ich ganz bewusst, denn ich weiss genau, was hinter der kleinen Kirche und dem Grenzposten Madonna di Valmara auf mich wartet. Mehrere enge Serpentinen und bis zu 18 % Steigung. Nicht gerade meine Traumstrecke, um sie mit dem Rennrad zu fahren. Aber jetzt bin ich schon mal hier und will auch wissen, ob ich das schaffe. Ein bisschen weich sind meine Knie aber schon, nicht vor Anstrengung sondern, naja – nennen wir es Respekt.

Kurz nach der Zollstation Ponte di Mara taucht das Monstrum vor mir auf und ist nicht zu übersehen. Eine Wand aus kleinmaschigen Serpentinen, die sich im lichten Frühlingswald in die Höhe schlängeln. Zum Glück sind gerade nicht sehr viele Autos unterwegs, denn dass Strässchen ist teilweise wirklich eng und absteigen möchte ich auf diesem steilen Abschnitt auf gar keinen Fall. Tapfer fahre ich also auf diesen Haufen an Serpentinen zu, grüsse die Horde recht schnell abwärts fahrender italiensicher Rennradfahrer und konzentriere mich dann auf meinen zwar extrem langsamen, aber gleichmässigen Rhythmus.

Während ich mich Kurve für Kurve weiter nach oben schraube, bemerke ich zwei Autos, die hinter mir her schleichen. Vor mir liegt noch eine kritische Serpentine, dann würde die Strasse nach einer kurzen Engstelle wieder breiter werden und den Autos genügend Platz lassen, um mich ohne Probleme zu überholen. Ich fahren also ein wenig in die Strassenmitte und versuche, die Autos hinter mir zu halten, da ich keine Lust habe, dass sie sich bei diesen engen Verhältnissen am mir vorbei drücken. Manche Autofahrer können aber einfach nicht warten, also werde ich auf biegen und brechen irgendwie in der nächsten Serpentine überholt – man will es mir halt schwer machen. Und zu allem Überfluss muss der liebe Fahrer an der folgenden, bereits erwähnten Engstelle anhalten, da ein anderes Auto entgegenkommt. Dieses Manöver zwingt mich bei unbarmherzigen 15 % Steigung anzuhalten und abzusteigen, da ich mich genau hinter dem Schlaumeier befinde. Tja, hier anfahren ist nicht drin. Wütend und genervt klicke ich also auch meinen anderen Fuss aus dem Pedal aus, “bedanke” mich bei dem netten Fahrer und watschele zurück in die Serpentine. Hier ist es flacher und in der nächsten Autofreien Phase steige ich wieder auf mein Rad. Ein paar schwere Tritte, dann habe ich die Engstelle und damit die Serpentinen hinter mich gebracht.

Als ein Schild vor mir auftaucht, das mich auf die kommenden 18 % Steigung hinweist, wird mir erst bewusst, dass der härteste Teil noch vor mir liegt. Ich bin fast am verzweifeln. Mit kaum mehr 5 km/h schleiche ich die Strasse entlang und verfluche bei jeder zeitlupenähnlichen Pedalumdrehung dieses Vorhaben.

Ein bisschen Spass gegen die 18 % Steigung

Nach einigen Kurven kommt mir plötzlich Falko entgegen und ich vermute im ersten Moment, dass irgendetwas mit seinem Velo nicht stimmt und er nicht weiterfahren kann, denn oben am Sighignola kann er noch nicht gewesen sein. Er klärt mich aber schnell auf, dass er diesen steilen Abschnitt, genau wie ich gerade, extrem anstrengend fand und sich ein bisschen Gedanken gemacht hat, ob ich das Miststück an Steigung fahren kann und will. Wie lieb von ihm!

Aufgeben will ich aber nicht, also kriechen wir gemeinsam weiter und Falko versucht mich mit seinen Spässen etwas aufzumuntern und abzulenken. Zu zweit erreichen wir dann tatsächlich die lange “Zielgerade” von Lanzo d’Intelvi und den Kreisverkehr an deren Ende. Aufgrund unserer mangelnden Ortskenntnisse geniessen wir nun eine kleine, aber immerhin flache und somit entspannte, Rundfahrt durch den Ort. Nach dem Abzweig hinauf Richtung Sighignola folgen wir kleinen Strässchen und engen Gassen, bevor wir in der Nähe des Friedhofs das Dorf wieder verlassen.

Ist Sighignola die Bezeichnung für schlechte Strassen?

Ab jetzt ist die Schonfrist wieder abgelaufen und die Steigungsprozent nehmen definitiv zu. Falko zieht wieder in seinem eigenen Tempo davon, während ich versuche, irgendwie hoch zu kommen. Die ersten Serpentinen sind knackig und zusätzlich ist die Strasse in einem extrem schlechten Zustand. Aber langsam wie ich bin habe ich bergauf kein Problem den Schlaglöchern auszuweichen. Die nächsten 200 Höhenmeter ziehen sich zwar weniger steil, aber schier endlos den Hang entlang, bis ich beim Restaurant La Baita Lanzo in den “Schlusspurt” zum Sighignola gehe. In der letzten Kurve vor der Zielgeraden wartet Falko wieder auf mich – nachdem er jetzt wirklich einmal oben am Ziel war.

Die letzten Höhenmeter zum 1302 m hohen Sighignola fahren wir wieder gemeinsam. Und oben bin ich dann einfach überwältigt. Der Ausblick vom Gipfelplateau des Sighignola ist einfach unglaublich. Die Gipfel des Tessin und der Lago di Lugano bieten einen herrlichen Anblick und Lugano liegt uns direkt zu Füssen. Weiter in der Ferne sehen wir die Walliser Alpen – Matterhorn, Dufourspitze und Weissmies strecken ihre schneebedeckten Gipfel der Frühlingssonne entgegen. Ich könnte hier ewig stehen bleiben, die Weite geniessen oder dem wie auf einer Modellbahn wirkenden Gewusel im Tal zusehen.

Geschüttelt – nicht gerührt.

Aber irgendwann müssen wir uns vom Anblick losreissen und die Abfahrt in Angriff nehmen. Bereits im Aufstieg hat mich der Gedanke an den schlechte Strassenzustand gewurmt und mir schaudert es vor dieser Abfahrt. Aber es hilft nichts, also fahren wir einfach mal langsam los. Im Bergab-Schneckentempo weichen wir den grössten Schlaglöchern aus und ertragen die restlichen stoisch. Trotzdem schüttelt es uns auf unseren Rennrädern durch, als wären wir ein gut gemixter Cocktail. Ich halte ab und zu einmal an, weil ich und vor allem meine Finger und Arme eine kurze Pause brauchen, um sie vom anstrengenden Bremsen wieder etwas zu lockern. Falko hat es da mit seinen Scheibenbremsen etwas einfacher. Ich bin heilfroh, als wir endlich am Friedhof von Lanzo vorbei rollen und die Abfahrts-Mixtour geschafft ist.

Einmal quer durchs Dorf und am Schluss die lange Gerade wieder in Richtung Schweiz unterwegs können wir gemütlich vor uns hin rollen und wieder sortieren. Anschliessend wartet das 18 % Monster nun in der Abfahrt auf uns. Zu Beginn sind die Kurven nicht so eng, einfach zu fahren und ich kann es trotz der Steilheit ein bisschen laufen lassen. Je näher wir den Serpentinen kommen, in welchen ich im Aufstieg zum Abstieg gezwungen wurde, desto enger werden die Kurvenradien und umso mehr muss ich nochmals kräftig bremsen. Meine Unterarme sind schon fast taub, so sehr strengt das an. Für mich ist das fast schlimmer als bergauf fahren. Nach dem engen Zick Zack ist es endlich geschafft und wir rollen die restlichen Höhenmeter hinunter, an der Zollstation vorbei und die Stráda da Valmára bis Arogno zurück.

Noch ein paar Höhenmeter sammeln

Kurzentschlossen biegen wir in Arogno aber nicht in Richtung unserer Ferienwohnung ab, sondern nehmen die Stráda da Röv. Mit nur wenigen Metern Höhenverlust queren wir am Hang entlang, kommen an kleinen Häuseransammlungen vorbei und geniessen die Aussicht über den Lago di Lugano. Erst nach Rovio beginnt die eigentliche Abfahrt bis nach Melano zum See hinunter. Dort stossen wir auf die vielbefahrene Kantonsstrasse, der wir zum Glück nur für zwei Kilometer bis Maroggia folgen müssen.

Ab hier beginnt wieder unser Aufstieg – satte 400 Höhenmeter bringt uns die Spontanentscheidung von der Kreuzung in Arogno jetzt ein. Mittlerweile ist es Mittag und die Strasse ist an den allermeisten Passagen nach Süden ausgerichtet und nicht so schön schattig wie vorher durch das Val Mara. Folglich wir es ein recht hitziger Aufstieg und zu all dem ist uns auch noch das Wasser ausgegangen und einen Brunnen haben wir bisher nicht gefunden. Also heisst es jetzt – Augen zu und durch.

Falko zieht in seinem Tempo davon, während ich weit entfernt bin von einer auch nur ansatzweise ambitionierten Fahrweise. Gefühlt wäre ich zu Fuss gerade schneller als auf dem Velo. Aber das spielt ja keine Rolle, mein primäres Ziel lautet schliesslich “Ankommen”. Stur pedaliere ich vor mich hin und beobachte, wie die Zahl auf meinem Höhenmesser gaaaanz langsam wieder steigt. Die letzten Meter kurz vor dem Ortsschild vor Arogno verhöhnen mich zum Abschluss mit einer fiesen Rampe, dann bin ich endlich im Dorf. Aber geschafft ist es immer noch nicht. Zu allerletzte habe ich die noch die gemeinen 100 Höhenmeter zum Übergang bei San Vitale vor mir. Aber auch das ist mit Geduld und ziemlich schweren Beinen irgendwann geschafft. Und ich freu mich sehr, denn an der kleinen Kirche hat Falko auf mich gewartet. So können wir die letzten Meter gemeinsam zurück fahren.

Schwere Beine, coole Tour!

Auch wenn ich jetzt wirklich ziemlich geschafft bin, sich meine Beine ziemlich schwer anfühlen, die Tour auf den Sighignola hat sich mit der Aussicht über den Luganersee und der engen Schlucht im Val Mara definitiv gelohnt. Der Schlussanstieg von Maroggia zurück nach Arogno hinauf ist zwar kein Highlight und ziemlich Kräfte raubend gewesen, aber das sehe ich einfach mal als Trainingseinheit an. Fazit: coole Landschaft, coole Aussicht, coole Tour! Marina = Happy!

Details zur Route

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