Hoch-Ybrig-Durchquerung mit Abstecher zum Roggenstock

Unverhofft kommt oft. Unsicheres Wetter und eine spontane Planänderung führen mich von Weglosen einmal quer durchs Ybrig und auf den Roggenstock.

Für heute habe ich eine Wanderung im Hoch-Ybrig Gebiet geplant – der Forstberg steht nämlich schon länger auf meiner Liste der umliegenden Voralpengipfel.

Da Falko bereits andere Pläne hat, nehme ich die Tour alleine in Angriff. Auf seinem Weg ins  Engadin setzt er mich in Einsiedeln am Bahnhof ab, von dort geht es für mich mit dem öV weiter. Mit dem Postbus erreiche ich gute 40 Minuten später die Talstation der Seilbahn in Weglosen, wo ich mit einer Horde Wanderer aussteige. Da ich mich für den Weg über Leiteren entschieden habe bin ich keine fünf Minuten später komplett alleine unterwegs. Die motivierte Horde hat sich nämlich in einer geschlossen Traube zur Gondelstation begeben, um auf diese Weise die Berge im Ybrig zu “bezwingen”.

Hohe Stufen und eine Leiter

Ich tauche also ein in “meine” Wanderung, geniesse die Stille und steige steil bergauf. Hier unten ist der Wald dicht und schattig. Darüber bin ich aber erst mal froh, denn die hohen Stufen bringen mich doch ganz schön ins Schwitzen. Nach einer halben Stunde wartet zum Abschluss noch eine 3–4 m hohe Leiter auf mich (daher auch der einfallsreiche Name).  Anschliessend flacht das Gelände schnell ab und kurz darauf spuckt mit der kleine Pfad bereits auf den Forstweg aus, den wir im Winter das ein oder andere mal schon mit Ski aufgestiegen sind. Über Weiden schlängelt sich der weitere Verlauf des Wegs bis zur Druesberghütte hinauf. Ich verzichte allerdings auf eine Einkehr und setze meine Tour Richtung Drues- und Forstberg fort.

Jeder, der in den Bergen unterwegs ist, sollte wissen und daran denken, dass sich das Wetter hier oben schneller ändern kann, als man annimmt. Im Moment herrscht gutes Wetter – ein Mix aus Sonne und Wolken. Aber um mich herum türmen sich nach und nach grosse Quellwolken auf und an den Gipfeln von Drues- und Forstberg hängen dicke Wolken. Sieht nicht so einladend aus, sondern eher nach Regen oder Gewitter? Ich bin mir nicht sicher. Aber da ich eher der vorsichtige Typ bin, was Wetter und Wanderungen angeht, beschliesse ich (zwar etwas genervt und enttäuscht, aber sicher) nicht bis zum Forstberg auf dem blau-weissen Weg aufzusteigen. Stattdessen nehme ich den darunter liegenden weiss-rot-weissen Weg Richtung Sternen unter die Füsse.

Alpine Spielwiesen im Ybrig

Während ich mich weiter in Richtung Chüeband bewege, tauche ich ins  Hoch Ybrig ein. Unterhalb des Gross Stärnen quere ich die letzten Meter zur Bergstation des Sternen Lifts. Hier ist auch im Sommer so einiges los.

Von Seebli kommt man mit dem Sternenlift schnell in die Höhe, viele Touristen wandern auf den breiten Alpstrassen oder Wanderwegen durchs Gebiet, Gleitschirmflieger laufen zum rund 20 Minuten entfernten Startplatz, Down-Hill Biker steigen aus dem Lift und düsen auf der abgesteckten Bikestrecke Richtung Talstation, um von dort gleich nochmal zu starten. Ein weiterer Besuchermagnet ist der Sternensauser – eine Seilbahnrutsche, die von der Bergstation über einen Umlenker an der Fuederegg bis zur Talstation des Sternenlifts führt.

Im Winter ist das Hoch Ybrig ein bekanntes und beliebtes Skigebiet. Die gute Erreichbarkeit von Zürich und die breiten Pisten machen es zu einem perfekten Familienskigebiet. Im Sommer wird die vorhandene Infrastruktur dann für die diversen Angebote genutzt. Das Gebiet ist – wie so viele andere Skigebiete – im Sommer ein alpiner Spielplatz.

Persönlich bin ich kein Fan solcher Angebote. Was nicht heisst, dass ich diese Entwicklung nicht verstehen kann. Der Betrieb und die Instandhaltung der Lift-Anlagen kostet viel Geld und muss gewinnbringend genutzt werden. Und was liegt da näher, als den Betrieb durch die Ergänzung von Sommerangeboten zu erweitern und so zusätzliche Besucher in die Region zu locken. Schliesslich profitieren auch weitere Dienstleister im Gebiet von dieser Absicht – Gastronomie, Hotellerie und  Tourismusbetriebe sind froh über mehr Gäste.

Was mir persönlich an dieser Entwicklung nicht gefällt ist, dass die Berge zu einem Spielplatz für jeden werden. Ohne grosse Anstrengung kommen viele Menschen in einen eigentlich empfindlichen Lebensraum, der diese “Überbevölkerung” vielleicht nicht verkraftet. Denn ohne Gondeln, Lifte oder Akkus an den Bikes, würden viele Menschen diese Orte erst gar nicht erreichen. Ich kann nicht mit 100%iger Sicherheit sagen, welche Interessen hier überwiegen sollten – Umwelt oder regionale Wertschöpfung. Aber ein kritischer Umgang mit der Entwicklung und dem Ausbau unseres Freizeitverhaltens und dem Tourismus (nicht nur in der Schweiz) würde sicherlich allen Interessensgruppen helfen – denn ohne schöne Landschaft kann es auch keinen reizvollen Tourismus geben.

Flucht nach vorne

Ich entscheide mich für den – zu Fuss – schnellsten Weg, um diese Tummelwiese zu verlassen und komme bald darauf am Seebli, einem kleinen See bei der Bergstation der Weglosen Gondelbahn, an. Von dort winkt ein Mini-Gegenanstieg zu einer kleinen Siedlung am Fuederegg. Nach den letzten Bungalows lasse ich den Rummel im Rücken und bin wieder alleine unterwegs – hier sind kein Liftgeräusche oder jauchzende Sternensauer-Aspiranten mehr zu hören.

Die Quellwolken hängen immer noch an den Bergspitzen, aber es werden weniger und das Wetter scheint besser zu werden. Meine Zurückhaltung, bei der Entscheidung, nicht auf den Forstberg zu steigen, hat sich somit als etwas überzogen herausgestellt. Dennoch kann ich zu meinem Entschluss stehen.

Spontane Planänderung

Um auf meiner Tour doch noch ein Gipfelerlebnis zu haben, entscheide ich mich dafür noch auf den Roggenstock zu steigen. Einfach erreiche ich die Roggenhütte, um dann auf einem Wanderweg Richtung Ober Roggen weiterzulaufen. Ein paar Rinder schauen mich neugierig an, stören sich aber heute nicht weiter an mir. Schon gleich erreiche ich die Abzweigung zum Gipfelgrat des Roggenstocks. Nach weiteren zehn Minuten stehe ich auch schon am Gipfel, und zwar ganz alleine. Keine Seilrutschen oder Down-Hiller.

Leider kann ich den Rundumblick auf den letzten Zipfel des Sihlsees, über die gesamte die Ybrig Region, hinüber zur Ibergeregg und hinunter nach Oberiberg am Gipfel des Roggenstocks nur kurz geniessen. Wenn ich mir zu viel Zeit lasse, wird der Postbus nach Einsiedeln später ohne mich abfahren. Ein kurzer Eintrag ins Gipfelbuch, dann starte ich schon zum Abstieg. Ich halte mich an den Wanderweg Richtung Jäntli, dort muss ich allerdings vorsichtig sein, denn der Weg ist hier eher eine Mischung aus glitschigen Lehmflecken und tiefen Kuhtritten die Randvoll mit Wasser gefüllt sind. Von Grasbüschel zu Grasbüschel hüpfend setze ich also meinen Weg fort und erreiche die Alpstrasse tatsächlich ohne grössere Zwischenfälle.

Die letzten Höhenmeter kann ich also auf einem kleinen Strässchen hinunter nach Oberiberg laufen. Langsam mach sich Müdigkeit breit. Die letzten Stunden zügigen Wanderns sind doch nicht ganz spurlos an mir vorbeigegangen. Meine Füsse schmerzen und wollen aus den Wanderschuhen … Aber der schnelle Schritt und mein Timing ist perfekt, denn nach nur fünf Minuten an der Bushaltestelle kann ich schon in den Postbus steigen, der mich zurück nach Einsiedeln bringt.

Auch wenn der Forstberg noch auf seine Besteigung wartet (was ich übrigens ein andern Mal mit Falko zusammen abhaken könnte), hat sich der Ausflug ins Ybrig gelohnt. Die Rundwanderung über die Druesberghütte und der Streifzug durchs Hoch Ybrig ist eine tolle Wanderung mit vielen schönen Ausblicken.

Details zur Tour

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