Ortler Hintergrat

Aktivitäten, Hochtouren

Das Wetter scheint zu passen, die Bedingungen auch – am Freitag Mittag sammle ich Anna in Pfäffikon ein und wir machen uns auf die recht lange Fahrt nach Sulden in Italien. Das Ziel ist morgen die Ortler-Überschreitung über den Hintergrat mit Abstieg über den Normalweg. Es wird eine sehr zynische Tour, mit einer ebensolchen Beschreibung hier. Aufgrund einiger Infos möchte ich diese Tour absolut nicht direkt am Wochenende unternehmen, Stau und nervige Warterei ist da wohl schon vorprogrammiert.

Den Stau haben wir heute auch schon, aber eher bedingt durch Baustellen, Traktoren und Belgier auf den Strassen. Das führt dazu, dass wir um zehn vor fünf am Parkplatz des Langenstein-Liftes sind, wo wir noch rund 500 Hm mit dem Sessellift verkürzen können. Von der Bergstation geht es dann in rund einer Stunde gemütlich zur Hintergrathütte auf 2661 m. Wir bekommen unser Lager und vertreiben uns noch die Zeit, bis es um sieben ein z’Nacht gibt. Wie meistens auf deutschen, österreichischen oder italienischen Hütten kann man auch hier sein Abendessen à la Carte wählen. Ausser uns sind noch einige andere Besucher auf der Hütte, irgendwie ein Grossteil ziemlich komische Zeitgenossen. Das hat hier alles so was von Alpenvereinssektion Bochum auf Jahresausflug, so etwas wie Routine sieht man eher selten.

Das bestätigt sich dann auch, wenn die letzten um 22 Uhr in die Schlafräume kommen und erst einmal die Deckenlampe anschalten (obwohl es auch schon Leute gibt, die da schlafen), mit der Stirnlampe in die Betten funzeln, ihre Rucksäcke jetzt packen (könnte man auch mal ein paar Stunden früher machen) und natürlich auch die berühmten und verfluchten Plastiktüten zum Rascheln bringen, in die diese “Bergsteiger” alle ihre Sachen einpacken müssen. Nach ein paar deutlichen Worten ist dann Ruhe und wir können wieder schlafen.

Um kurz vor vier stehen wir auf, essen ein kurzes Frühstück mit wirklich widerwärtigem Kümmelbrot und machen uns dann zügig auf den Weg. Im Licht der Lampe steigen wir den hier gut sichtbaren Pfad in Richtung der grossen Schuttflanke, die leider einen Grossteil des Anstieges darstellt. Wir sind recht gut weggekommen, vor uns sind noch zwei weitere Seilschaften, aber so sollten wir grösseren Stau an den Schlüsselstellen umgehen können.

Die nächste Stunde geht es nun wirklich eher mässig interessant über Blockhalden und Schutt auf Pfadspuren hinauf. Wir kommen gut voran, eine Gruppe von fünf permanent quatschenden Tirolern oder was auch immer (die haben ja einen Dialekt, als hätten sie alle Schnupfen …) muss auf Teufel komm raus uns ein- und überholen. Kurze Zeit später haben wir sie wieder eingeholt, als sie irgendetwas in ihren Rucksäcken richten, mit einem hörbarem “Shit” packen sie schnell wieder ihre Rucksäcke, um ja vor uns wieder los zu kommen. Lieber ohne Helm hier in dieser senkrechten Kiesgrube, aber dafür an vorderster Front. Naja. Solange sie dann nicht an der Schlüsselstelle rumhampeln, können wir uns darüber amüsieren.

Kurz bevor wir auf den Grat gelangen, erwischen wir ein bisschen eine blöde Wegführung und müssen uns durch eine ziemlich heikle, schuttige und steile Rinne empormühen – hier wären wir gescheiter etwas weiter rechts auf dem Grat gegangen. Die zwei von den Spezln, die es vorher nicht mehr geschafft haben, vor uns loszurennen, sind die ganze Zeit hinter uns und keuchen so laut, dass es wirklich zum schiessen ist. Wahrscheinlich befürchten sie Ärger vom Obertiroler, weil sie nun hinter uns sind. Das ist natürlich ein Problem und weil wir so nett sind, machen wir nun am Beginn des Firnfeldes eine kurze Pause, um Steigeisen anzuziehen. Die nutzen sie natürlich und haben nun wieder die Pole-Position inne. Steigeisen haben sie zwar nicht an, aber das ist auf einem morgendlich hartgefrorenen Firnfeld mit Absturzgefahr in beide Flanken ja auch nicht so wichtig. Die Position zählt!

Einige Minuten geht es für uns nun in Ruhe über diesen Firnrücken, die Sonne geht gerade langsam auf und hinter uns stehen markant Monte Cevedale, Königsspitze und Monte Zébru, während im Tal noch Schatten liegen. Ein schöner Moment. Wir gelangen wieder auf den Felsgrat, der hier eher als Rücken mit Wegspuren hinaufzieht. Wir legen die Steigeisen wieder ab, denn nun wird es für einige Zeit auf dem Fels weitergehen. Etwas weiter oben geht der Grat dann in leichte Blockkletterei über, bis wir an den Fuss des Signalturms kommen, ein markanter Spitz, der westseitig umgangen wird. Das steht auch in jedem Topo und jeder Routenbeschreibung, trotzdem kommen vom Gipfel gerade ein paar der Flitzer wieder herabgewuselt. Sie werden doch nicht etwa die falsche Route genommen haben?

Bei einer markanten Holzstange queren wir nun links auf ein Band. Wir seilen uns an, von hier an gehen wir nun angeseilt bis auf den Gipfel. Ein paar Bohrhaken ermöglichen das Gehen am laufenden Seil (mit eingehängten Zwischensicherungen, so dass ein Totalabsturz verhindert wird). Das Gelände ist nicht schwer und schnell gelangen wir wieder auf den Grat – und in einen Stau. Ah ja. Das ist die berüchtigte Schlüsselstelle, eine rund 4-5 m hohe, glatte und nach links abdrängende Rissverschneidung im 4. Grad. Rund acht Personen tummeln sich da vor uns, das scheinen die Tiroler und noch eine Seilschaft zu sein, die gerade semiprofessionelle Seiltechniken anwendet, um den zweiten und dritten über diese Stelle zu hieven.

Für uns heisst das nun, Jacken an, Mütze auf und ein wenig warten. Essen, trinken, Fotos machen und natürlich zuschauen. Die vordersten drei sind wohl eine italienische Seilschaft, sie machen nicht gerade einen routinierten Eindruck, sind aber langsam fertig mit dieser Stelle. Nach der Verschneidung muss man noch rund 10-15 m Kletterei im 3. Grad hinter sich bringen, bevor man wieder in leichteres Gelände gelangt. Der erste ist bis ganz auf den kleinen “Gipfelkopf” gestiegen und sichert nun seine zwei Kameraden bis da hinauf nach. Wenn er sie über die Verschneidung und dann in einer zweiten Stufe hinauf gesichert hätte, ginge das alles schneller.

Die fünf Tiroler haben drei Seile, von denen zwei nun in abenteuerlicher Manier alle fünf Personen verbinden. Der letzte hat noch einige Meter Schlappseil, weiss nicht wohin, also trägt er sie in der Hand spazieren. Zumindest sichert der Vorsteiger nun alle direkt nach 5 Metern die Verschneidung hinauf, wenigstens so gescheit sind sie. Trotzdem kommt der letzte nicht hinauf. Mit vereinten Kräften und Zug von oben wird das wild um sich schlagende Bündel nach oben gehievt. Das alles hat die Eleganz von einer dieser blauen Regentonnen mit Armen und Beinen und einem Mundwerk (quasseln kann er trotzdem noch pausenlos).

Gut, der Weg ist frei, hinter uns stehen schon einige weitere Seilschaften, die mittlerweile aufgeschlossen haben. Wir sind dran, die Verschneidung ist speckig und etwas mühsam, drei, viermal kräftig anziehen und man ist oben. Ich sichere Anna direkt nach, dann müssen wir wieder warten, bis die Tiroler vor uns ihre Seile wieder verstaut haben und weitergehen. Es folgen ein paar Meter Kletterei bis an den Fuss eines zweiten Firngrates. Wieder warten. Es ist wirklich ein Witz, erst machen sie Tempo und dann stehen wir die ganze Zeit hinter ihnen. Steigeisen anziehen und dann geht es für uns am kurzen Seil hinauf. Ich mache jetzt extra langsam, weil oben die nächste Schlüsselstelle ist und wir da ohnehin nur wieder rumsitzen und warten werden. Der Firn ist gut, es gibt eine gute Spur und so können wir diese Passage geniessen, bis wir an den Fuss des nächsten Felsaufbaus gelangen.

Hier lassen wir die Steigeisen nun an den Füssen, oben gibt es noch ein paar Mixedpassagen und ab dem nun nahen Gipfel geht es dann ohnehin die ganze Zeit über den Gletscher. Einige Meter Kletterei bis an einen plattigen, dann minimalst überhängenden kurzen Wandbereich mit ein paar Haken, nochmal irgendwo im 4. Grad angesiedelt. Und die drei Italiener sind jetzt hier am Werkeln. Zwei sind eingebunden, der dritte steht einfach so herum. Aha … Was wird das dann später für ein Seilmanöver??? Der Vorsteiger müht sich ab, versucht einen Friend in den Fels hinein zu drücken (geht nicht, wen wunderts?) und kommt auch nach Minuten nicht vom Fleck. Wir warten, warten und warten noch ein paar Minuten, bis es mir zu bunt wird. Ich steige nun die Länge durch, sie ist wirklich nicht schwer und es gibt gute Griffe. Sogar mit den Steigeisen lässt sich das alles gut klettern. Der Italiener schimpft munter vor sich hin, was mich wenig interessiert. Anna kommt zügig nach und wir können nun noch in Ruhe die letzten Klettermeter auf dem jetzt einfacheren Grat hinter uns bringen, bis man direkt auf dem Gipfel aussteigt. 4:15 Std, das ist okay gegenüber den 6-7 Stunden, die in der Literatur angegeben werden. Trotz kleinerer Staus.

Insgesamt muss man nun sagen ist die Route oben heraus schön, allerdings wohl wirklich eine Arena von überforderten und den Anforderungen nicht gewachsenen Bergsteigern. Warum ist das hier an diesem Berg so schlimm? Ich weiss es nicht, aber es fällt einem wirklich auf.

Wir machen eine Pause, geniessen die Rundumsicht in die Bernina und Richtung Osten nach Österreich und Anna’s Schokoladenkuchen. Am Gipfel ist einiges los, die Tiroler feiern lautstark ihren Gipfelsieg und auch einige Seilschaften vom Normalweg sind hier. Die sind aber zum grössten Teil mit Bergführer da.

Nach einigen Minuten machen wir uns auf den Abstieg über den Normalweg. Die Tiroler wieder knapp vor uns. The show must go on. Als Fünferseilschaft mit den Abständen 5 m, 8 m, 3 m und ungefähr 20 m steigen sie ab. Wir lassen sie etwas absteigen, dann machen auch wir uns auf den Weg. Kurze Zeit später machen wir auf dem spaltenreichen Ortlerplatt zwei Einzelgängern Platz, die das Seil gleich gar nicht verwenden. Hilfe!
In der guten Spur geht es nun hinunter, der Grossteil ist sehr einfaches Gehgelände. Ein Steilstufe gehen wir wieder am kurzen Seil, im Gegensatz zu unseren Freunden vor uns, die gehen am langen Seil. Der letzte hat übrigens mittlerweile offenbar gemerkt, dass er etwas zu viel Seil hat und es einfach in Schlaufen in die Hand genommen. Das kann er dann im Falle eines Spaltensturzes loslassen und erreicht so nie geahnte Falltiefen. Tirol-Crevasse-Jumping nennt sich das wohl.

Wir erreichen nun das Lombardi-Biwak, eine kleine Blechschachtel auf einer kleinen Felskanzel. Hier machen wir eine kleine Pause mit schönem Blick auf die kurvenreiche Stilfserjochstrasse. Dann geht es über eine kurze steilere Stufe in das sogenannte Bärenloch hinunter. Bei wenig Firn und Blankeis muss diese Stelle über eine kleine Felsstufe umgangen werden, aber im Moment haben wir dieses Problem nicht. Unten dann noch einige hundert Meter über den spaltenreichen Gletscher (vor uns gehen sie nun alle ohne Seil ) bis um eine Felskante herum, wo wir die Steigeisen ablegen. Eine etwas mühsame schuttige Querung bringt uns an die obligatorischen Staustellen des Normalwegs (Jaaa! Auch hier gibt es die! ). Ich habe jetzt keine Lust mehr, wir warten ziemlich lange, haben es mit lärmenden Menschen, haar sträubenden Abseilmanövern und einer entgegenkommenden Seilschaf aus drei auf allen vieren kriechenden Osteuropäern zu tun, das Spektakel dauert ungefähr 20 Minuten.

Anna klettert gesichert ab, ich steige dann nach zu ihr hinunter. Gelände im 2. Grad, das Übliche. An den Anfang des Tschierfleckwandls, eine rund 50 m hohe Steilstufe, die mit Ketten versichert ist. Hier ist zum Glück niemand direkt vor uns und wir können zügig absteigen. Dann geht es noch den Felsenweg entlang, bis wir nach rund zweieinhalb stündigem Abstieg die Payerhütte erreichen. Es ist 11 Uhr und ich habe die Nase ziemlich voll. Ein Stückchen Kuchen bringt die Welt aber wieder in Ordnung und nach einer längeren Pause steigen wir dann noch gemütlich den sich etwas ziehenden Abstieg nach Sulden hinab.

Fazit: die Ortler-Überschreitung ist nett, aber nicht irgendwie der Wahnsinns-Hit. Man steigt die ersten 1000 von 1300 Hm mehr oder weniger im Schutt empor, lediglich die letzten 300 Hm bieten an sich schöne Kletterei mit kurzen, schwereren Stellen. Die sind dann aber entsprechend belagert und machen alles nicht gerade zu einem Vergnügen. Schade eigentlich. Da würde eine ehrlichere Selbsteinschätzung bei einigen Anwärtern schon sehr helfen.

Details zur Tour

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