Trailrunning auf einsamen Wegen hoch über dem Valle Maggia

Manchmal läuft es einfach nicht rund: Wir haben festgestellt, dass die Vorstellung von Ruhe und Entspannung auf abgeschiedenen Tessiner Trails nicht immer der Realität entspricht. Warum mir unsere Trailrunning-Runde oberhalb des Valle Maggia auf den Wecker geht.

Es ist ein windiges Wochenende im Mai 2019. Das Wetter auf der Alpen-Nordseite lässt stark zu wünschen übrig und wir entscheiden uns recht spontan ein paar Tage im Tessin zu verbringen und dort die Sonne zu geniessen.

Madonna di Monte bei Heli-Lärm

Nach unserem Start von der Ferienwohnung in Cavergno joggen wir bei starkem Nordwind (dem Tessiner Pendant zum Föhn auf der Alpen-Nordseite) in wenigen Minuten nach Bigansco. In der vorherrschenden Dorfidylle sind rennende Menschen offenbar nicht allzu oft Teil des Landschaftsbildes. Dementsprechend begleiten uns skeptische bis misstrauische Blicke, während wir durch die menschenleeren Strassen der kleinen Ortschaften laufen.

In Bignasco überqueren wir das markante steinerne Viadukt hinter der Kirche, um über die Maggia auf die andere Talseite zu kommen. Der Fluss glitzert in einem sehr farbenprächtigen Türkis-Grün und sucht sich seinen Weg durch die glattgeschliffenen Tessiner Steine im Bachbett. Ein sehr cooler Anblick.

Auf der anderen Seite geht es direkt mit einem steilen Anstieg los. Wir folgen dem weiss-rot-weiss markierten Wanderweg hinauf in Richtung Madonna di Monte, einer kleinen Bergkirche rund 300 Höhenmeter weiter oben. Der Weg wechselt zwischen einem typischen Bergweg und Teilen auf der hier noch vorhandenen kleinen Asphaltstrasse. Wir gewinnen stetig an Höhe, die Steigung ist nicht zu krass und durch den Wind bekommen wir auch keinen Hitzekoller.

An der kleinen Kirche angekommen machen wir wenige Minuten einen Stopp, um ein paar Fotos zu schiessen und etwas zu essen einzuwerfen. Dann geht’s weiter, auf einer Forststrasse ohne nennenswerte Steigung, um kurz darauf den Ri Grande zu überqueren. Der hat mit seinem grossen amerikanischen Bruder, dem Rio Grande, nicht allzu viel gemeinsam. Es beschränkt sich grösstenteils auf die Tatsache, dass sie beide Wasser führen. Unserem Exemplar hier fehlt aber nicht nur ein “o”, sondern auch jede Menge Wasser. Der Ri Grande ist lediglich ein kleines Rinnsal, das wir auf einer Metallbrücke überqueren, um danach rechterhand in Richtung Inscign abzubiegen.

Steigung, Steigung und noch mehr Steigung

Irgendwo müssen die rund 1100 Höhenmeter Anstieg herkommen, denen wir auf unserer Runde begegnen werden. Der allergrösste Teil versteckt sich hier zwischen kleinen Serpentinen, Erlen und Laubwäldern. In einem zügigen Gehtempo schrauben wir uns Meter um Meter den steilen Hang hinauf. Ab einem gewissen Punkt macht es meistens keinen Sinn mehr, mit Pseudo-Jogging-Bewegungen Energie zu verschwenden, wenn wir mit einem schnellen Gehtempo effizienter unterwegs sind.

Manchmal gibt es Tage, da geht mir ziemlich viel auf den Wecker. Heute ist definitiv einer dieser Tage und dementsprechend ist meine Laune eher überschaubar. Die Gründe dafür sind recht vielfältig und ich bin durchaus begabt darin, mich über alle möglichen Gegebenheiten aufzuregen. Zum einen wäre da der Wind. Ich hasse Wind. Das habe ich schon immer getan und das wird sich höchstwahrscheinlich auch nicht ändern. Wind ist ein mieser Gegner – laut, unsichtbar und er gewinnt immer. Sowas kann ich nicht leiden. Was mich auch zur Weissglut bringt sind beschissen markierte Wanderwege. Wenn doch alle Regionen so tolle Wandernetze bieten, sollen diese doch bitte auch entsprechend markiert sein. Auf dieser Tour müssen wir aber immer wieder stehen bleiben und wie depperte Touristen auf die Karte glotzen. Failed!
So, was gibt’s noch? Ach ja, an der Bergflanke arbeitet ein emsiger Helikopter, der den Arbeitern hilft, die gefällten Bäume abzutransportieren. Klar ist das wichtig, macht aber einen ununterbrochenen höllischen Lärm – dazu kommen wir gefühlt nur im Schneckentempo davon weg. Und last but not least ist es Frühling. Das Laub von Herbst und Winter liegt teilweise einen halben Meter hoch auf den Wanderwegen und wir watscheln mitten hindurch. Ein Eldorado für Zecken! Ist doch alles toll, oder?

Wie immer ist mir Marina in solchen Situationen – egal wie viel Mühe sie sich gibt – gefühlt viel zu langsam und so entwickelt sich eine Stimmung zwischen uns beiden, die wiederum nicht gerade zur Besserung des Ganzen beiträgt.

Abgesehen von meiner selbstverständlich völlig objektiven Wahrnehmung dieser Tatsachen kommen wir aber eigentlich ganz gut voran und ein paar Rustico-Ruinen später erreichen wir den höchsten Punkt unserer Tour! Was für ein Highlight…

Wie Sie sehen, sehen Sie: nichts.

Normalerweise gibt’s am Scheitelpunkt einer Tour eine schöne Aussicht, vielleicht eine kleine Hütte oder ein Gipfelkreuz. Zumindest einen markanten Punkt, der zeigt, dass sich der Aufstieg gelohnt hat und es jetzt erst einmal wieder bergab geht. Aber hier ist einfach nichts. Wobei, dass stimmt nicht ganz. Vor uns liegt ein geschlossener Laubwald, von Aussicht keine Spur. Unser höchster Punkt ist so “einzigartig”, das wir diesen Anblick durchaus auch in einem Waldstück irgendwo in einem deutschen Mittelgebirge ergattern könnten. Reizvoll sieht anders aus.

Immerhin ist es flacher geworden und wir können für den Rest der Tour wieder in ein normales Lauftempo verfallen und kommen somit wieder etwas zügiger voran. Da wir uns nun hinter einer Geländekuppe befinden, lässt uns der Wind endlich in Ruhe, der Holz transportierende Helikopter ist ausser Hörweite und nach einiger Zeit öffnet sich der Laubwald an der ein oder anderen Stelle und wir können doch noch das Panorama geniessen.

Stetig verlieren wir an Höhe und durchqueren immer mal wieder (sofern wir den Wanderweg erahnen können…) kleine, verlassene Weiler mit teilweise extrem schön renovierten Rusticos, die offenbar als Sommerresidenzen genutzt werden. Irgendwo dazwischen entdeckt Marina dann eine kleine Zecke, die sich an ihrem Bein eingenistet hat – und natürlich haben wir unsere neuen Zeckenkarten nicht dabei. 😕 Zum Glück lernt man aus Fehlern – morgen werden wir es besser machen. Also bleibt der kleine Blutsauger vorerst wo er ist.

Wir laufen zügig weiter Richtung Tal, geniessen die geniale Aussicht über das Valle Maggia sowie die Sonne und die Wärme, bis wir einige Zeit später Someo erreichen, wo unser Run endet. An der Bushaltestelle warten wir auf den Bus, der uns wieder zurück nach Cavergno bringt.

Wieder in der Ferienwohnung beseitigen wir nach rund zwei Stunden zügig die Zecke und entspannen uns den restlichen Nachmittag bei einem gemütlichen Spaziergang durch den kleinen Ort.

Vielleicht war das nicht unsere entspannteste Trailrunning Tour, aber da wir beim Steinmanndli offen und ehrlich unsere Erfahrungen teilen wollen, gehören eben auch genau solche Erlebnisse dazu. Eine verkorkste Tour verspricht immerhin eines: Beim nächsten Mal wird’s bestimmt wieder besser. Und bei wem läuft es schon immer perfekt?

Details zur Tour

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