Nordwand-Feeling nach der Mäntliser Südost-Kante

Aktivitäten, Alpinklettern

Steph und ich wollen heute das schöne Wetter nutzen und wir beschliessen, die Südost-Kante auf den Mäntliser anzugehen, die wir schon mehrmals im Hinterkopf hatten. Angegeben mit rund 11 Seillängen bis 4a, das klingt recht entspannt und wir nehmen gar keine Kletterschuhe mit, sondern beschliessen in Bergschuhen zu gehen. Kurz nach halb neun starten wir mit der kleinen Seilbahn von Intschi hinauf zum Arnisee, von wo aus wir dann bei bestem Wetter und angenehmen Temperaturen Richtung Leutschachhütte aufsteigen.

An der Leutschach-Hütte gehen wir direkt vorbei, den Mäntliser nun direkt vor uns im Blickfeld. Weglos geht es nun über steile Wiesen und Geröllfelder zum Einstieg auf rund 2400 m, wo wir uns anseilen und nach einem kleinen Snack um kurz nach elf Uhr starten. Die ersten beiden Längen gehen wir am laufenden Seil (das heisst das immer mindestens ein bis zwei Fixpunkte eingehängt sind, wir klettern aber beide gleichzeitig, um Zeit zu sparen). Ein Grasband wird rasch überwunden und dann queren wir nach rechts auf die eigentliche Kante hinaus. Hier machen wir Stand und ich gehe die nächste Seillänge an, die wir nun normal von Stand zu Stand sichern, da sie nicht gerade einfach ausschaut. Laut Führer müsste das eine 4a sein, es fühlt sich allerdings eher nach mehr an, mit den Bergschuhe muss man teilweise bereits recht beherzt zulangen. Es hat zwar immer mal wieder einen (Bohr-)Haken, Friends und Keile leisten trotzdem gute Dienste. Die folgende Seillänge führt über einen kurzen, knackigen Überhang, der nun definitiv den angegebenen Schwierigkeitsgrad bei weitem überschreitet – wir schauen nochmal im Topo, ob wir auch wirklich auf der richtigen Route sind, aber daran gibt es wenig Zweifel.

Weiter gehts, immer über die Türme, es gibt zwar links in einer grasigen Rinne eine leichtere Variante, aber das sieht auch alles eher nach brüchigem und unschönem Gelände aus, da bleiben wir trotz der höheren Schwierigkeiten lieber auf dem Grat. Auch wenn man nun schon im Bereich 5a unterwegs ist und vom dem entspannten Montag gerade nicht mehr allzu viel übrig ist, geht es stetig weiter hinauf. Ein leichtere Gratpassage führt uns an den Gipfelaufschwung, der nun in nochmal rund 5 Seillängen auf den Gipfel führt. Gipfel? Nein, eher Vorgipfel. Das Topo und die Beschreibung im Führer sind ja wirklich unterirdisch schlecht. Aber wir sind nun endlich oben und sind einigermassen erstaunt, dass es bereits kurz vor halb fünf ist. Die Führerzeit von rund vier Stunden kommt uns ein wenig untertrieben vor, selbst mit den Kletterschuhen muss man sich dazu ganz schön schicken.

Die letzte Seilbahn fährt um viertel vor sieben, das wird wohl ziemlich eng werden. Aber der Abstieg führt ja gemäss Führer lapidar und einfach “über den Südwestgrat auf markiertem Weg absteigend” zurück. Ist der Südwestgrat etwa da drüben der teilweise vom letzten Schneefall völlig verschneite ausgesetzte Grat?

Ein kurzer Blick auf die Karte: ja, das sollte es sein. Wir fackeln nicht lange herum und machen uns an den Abstieg. Anfangs geht’s über brüchige, aber schneefreie Bänder, tatsächlich sind immer mal wieder Markierungen zu sehen. Dann eine erste Querung im Schnee, ausgesetzt, aber dank weichem Schnee noch gut machbar. Teilweise weichen wir nun auf den Grat selber aus, da hier zumindest die Felsen schneefrei sind, dafür aber brüchig. So können wir aber eine erste, ohne Steigeisen und Eispickel nicht mehr gehbare Passage überwinden, bis der “Weg” sich nach rechts auf die Nordseite des Grates wendet. Teilweise sieht es hier eher nach Eiger Nordwand aus als nach einem wenig bekannten Hügel in den Urner Alpen, der uns nun ganz gewaltig die Zähne zeigt: komplett verschneites, kombiniertes Gelände, absturzgefährdet und einfach – scheisse!

Offensichtlich gab es hier vor wenigen Tagen mal eine Begehung, schwache Spuren sind erkennbar, wir wählen den gleichen Weg. Etwas steiler könnte man das als klassische Eiswand durchgehen lassen. So wird es ein saugefährliches Balancieren mit den blossen Bergschuhen auf dem harten Schnee. Ich versuche mit jedem Tritt eine mehr oder weniger grosse Trittmulde zu machen, die Hände versuchen sich im Schnee oder an brüchigem Fels darüber festzuhalten – im Falle eines Rutschers wohl ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Steph ist hinter mir auch recht am Fluchen. An einer Stelle, wo es noch etwas steiler wird steigen wir nun wieder auf den Grat hinauf, obwohl wir uns damit vom “Weg” entfernen. Es ist aber flacher, die andere Möglichkeit wäre mit unserer Ausrüstung nicht machbar. Uns ist allerdings mittlerweile bewusst, dass wir hier feststecken, falls wir keinen Weg oben herum finden werden… Wieder Gratkletterei, wieder brüchiges Gelände, weit unten der eigentliche Weg beziehungsweise ein paar rote Markierungen. Wir sind weit entfernt davon, weit darüber, vor uns sieht es nach weiterem Mist aus. Wir finden ein Couloir, welches in Richtung Weg hinabführt und seilen uns an einem grossen Block hier hinab. Vorher haben wir uns noch besprochen und beschlossen, dass wir diese Möglichkeit noch ausprobieren werden. Falls wir erneut an eine dermassen heikle Schneequerung gelangen, werden wir wohl nicht mehr das Risiko eingehen. Empfang haben wir allerdings auch keinen, die REGA-Variante wird wohl nicht funktionieren. Abgesehen davon würde es mir auch gewaltig gegen den Strich gehen, denn die Schneebedingungen hätten wir wohl eventuell vorhersehen können.

Ich seile mich ab, Steph kommt hinterher, nachdem ich halbwegs aus der steinschlaggefährdeten Rinne heraus bin. Es sieht jetzt ganz gut aus, ein paar Meter weiter unten treffe ich nun wieder auf Markierungen, die Scharte, von der aus es einfacher Richtung Leutschach-Hütte geht, liegt nun nicht mehr weit entfernt vor uns. Trotzdem folgen nochmals ein paar dumme Passagen im Schnee/Eis und einer Art senkrechten Kiesgrube, bis wir endlich in der Scharte stehen und das Schlimmste hinter uns haben.

Über Schneefelder können wir nun hinabrutschen/-gehen und im flotten Tempo geht es nun Richtung Hütte, wo wir um 18:12 Uhr ankommen, eine halbe Stunde bevor 800 Höhenmeter weiter unten die letzte Bahn fährt … Wir finden aber heraus, dass wir auch nach Bahnschluss mit Jetons alleine fahren können. Steph wechselt auf der Hütte Geld, um sie kaufen zu können. Dann steigen wir weiter ab, mit Anbruch der Dämmerung sind wir an der Bahn, mittlerweile ziemlich k.o. Wenigstens die Fahrt hinab klappt dann problemlos, um 20:00 Uhr sind wir wieder unten am Auto und fahren zurück.

Details zur Tour

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