Forcarella di Lago – Weite Wege für weite Blicke

#storyHike'n'Trail

Nach über acht Stunden spüren wir zum ersten Mal wieder harten Asphalt unter unseren Wanderschuhen. „Oben oder unten lang?“ fragt mich Falko von der Seite, ohne seine Präferenz für unseren letzten Wegabschnitt durchschimmern zu lassen. „Unten“ fällt meine Antwort kurz und entschlossen aus. Denn oben würde bedeuten, dass wir nochmals 72 Höhenmeter aufsteigen müssten, nur um sie dann auf unserem restlichen Abstieg nach Biasca wieder abzusteigen. 72 Höhenmeter sind beim Wandern nicht wirklich viel. Aber nachdem wir seit heute Morgen über 2000 Meter im Auf- und Abstieg bewältigt haben, erscheint mir diese Zahl an Höhenmetern jetzt unüberwindbar. Wir gehen unten lang. 

Kurz darauf stehen wir neben unserem Auto in Biasca. Mit müden Beinen, heissen Füssen, steifem Rücken, dicken Waden und einem breiten Grinsen im Gesicht. Auf diesem Parkplatz, der mittlerweile von der Sonne aufgeheizt ist, haben wir unsere Wanderung am Morgen gestartet.

Was wird uns der heutige Tag bringen?

Am Morgen ist die Luft noch kühl und die Strassen liegen im Schatten des steil aufragenden Massivs des Pizo Magn. Auf dem Wanderschild, welches uns den Weg aus den Gassen von Biasca anzeigt, steht schwarz auf gelb „Capanna Cava: 5 Stunden 50 Minuten“. Ich überschlage im Kopf hektisch die Zeit für den Abstieg von der Hütte, die den am weitesten entfernten Punkt unserer Wanderung darstellt, und komme zum Schluss: Das wird ein langer Tag.

Natürlicher Balkon der Alpe Pianezza hoch über Biasca

Mit jedem Schritt und jedem Höhenmeter weitet sich der Blick über den Talkessel. Die Häuser werden kleiner, die Autos sehen mittlerweile aus wie Spielzeugautos, die ferngesteuert durch die Strassen kurven. Im Tal fädelt sich links die Autobahn aus dem Süden ins Valle Leventina Richtung Gotthard ein und rechts breitet sich das Sportzentrum mit Fussballplatz und Tartanbahn verschlafen im Schatten aus. 600 Höhenmeter steigen wir mit dieser Aussicht auf, die den Eindruck vermittelt, als würden wir endlos langsam aus dem Talkessel heraus zoomen. Der Lärm der Zivilisation, Motorengeräusche, Hupen, Glockenläuten, Baustellenlärm. Alles verliert sich in den leisen Geräuschen der Natur, die uns umgeben. Eidechsen rascheln nervös im Laub und Insekten zischen an unseren Ohren vorbei.

Wir gehen schweigend und in Gedanken versunken, fast schon meditativ. Bis wir die Alp Pianezza erreichen, ein wahres Kleinod hoch über Biasca. Unser monotones Wandern wird von dem kleinen, im Sommer bewirtschafteten Weiler durchbrochen und wir schauen uns neugierig zwischen den Gebäuden um. Anfang September sind leider weder Ziegen noch Menschen anzutreffen, aber alles vermittelt den Eindruck, dass die Rustici mit viel Liebe zum Detail hergerichtet sind. Die Wiesen sind vor nicht all zu langer Zeit gemäht worden, die Brunnen beschriftet. Einer davon führt Trinkwasser und wir nutzen die Gelegenheit und füllen unsere Reserven auf. Ein kleiner Schuppen war vielleicht einmal eine Schmiede. An der Wand neben dem restaurierten Tor hängen fein säuberlich in einer Reihe verschiedenste Werkzeuge, Hammer und Amboss stehen bereit. Alles erinnert an frühere Zeiten, wie in einem Freilichtmuseum. 

Wir könnten den ganzen Tag hier sitzen und unsere Blicke über die Talebene von Biasca schweifen lassen, aber es zieht uns weiter. Wir wollen höher hinaus. Ein paar Serpentinen später treffen wir auf Zeitzeugen, die ein anderes Schicksal erzählen. Nicht alle früheren Alpen werden heute noch bewirtschaftet und die Ruinen der eingefallenen Rustici zeigen die Aufgabe, den Verfall und die Abwanderung, welcher viele der abgelegenen Weiler ausgesetzt sind.

Lange Schatten, aber keine langen Gesichter.

An der Alpe di Compiett steigt aus den Schloten Rauch auf. Die Häuschen drängen sich an den Rand der kleinen Ebene. Auch hier begegnen wir keiner Menschenseele. Der kleine Wasserfall des Ri della Froda fesselt unseren Blick und kurz verlieren wir den Weg aus den Augen. Am Flusslauf suchen wir die Spuren, die uns zur Alpe di Lago führen sollen. Links? Rechts? Zurück! Die Erkenntnis: Wir haben uns von Wegspuren der Waldarbeiter verleiten lassen und den Abzweig zur Capanna Cava verpasst. 

Sonne, Wolken und rauschendes Wasser - das beste All-inclusive für mich!

Die steilen Trampelpfade hinauf zum Rifugio überqueren steinige Bachläufe und testen unserer Weitsprungtechnik. An meiner Grazie lässt sich wohl noch arbeiten. 🙈 Am Rifugio selbst entschädigt der Blick auf den kleinen Bergsee Lago für die Anstrengung, die nötig war, um bis hierher zu kommen. Lago, wie weiter? Der See hat tatsächlich keinen weiteren Namen erhalten und mehr als durch einen klangvollen Namen verzaubert er mit dem Spiegelbild der umliegenden Berge und vorbeiziehender Wolken. Direkt hinter dem Steingebäude baut sich eine Wand aus Fels und Gras auf. Auf einer klaren Linie schlängelt sich der Weg durch diesen auf den ersten Blick unüberwindbaren Felsriegel bis zur Forcarella di Lago. Was einen am Pass selbst erwartet, bleibt bis ganz zuletzt hinter massivem Fels verborgen. 

Ein letztes Zickzack zwischen Felsblöcken, dann ist der schmale Durchschlupf am höchsten Punkt erreicht. Nach 2000 Höhenmetern im Aufstieg treten die Felsen plötzlich zurück und machen Platz für ein umwerfendes Panorama. Unsere Blicke schweifen über die Hochebene der Alpe di Cava, die sich wie ein Fächer unter uns ausbreitet. Links stehen Alpgebäude, eine Herde Kühe weidet in der Nähe. Rechts liegen die Seen Laghetti die Cava und mitten drin sitzt die Capanna Cava mit ihrer verlockenden Terrasse. Gesäumt wird die Szenerie von einer Reihe Fast-Dreitausender, deren höchster Punkt im Torent Basso gipfelt. Weitblicke, die für den Aufstieg belohnen. Unsere Beinmuskeln sind dankbar für eine längere Pause, die wir hier einlegen. Nicht zuletzt, weil noch ein weiter Abstieg auf uns wartet.

Spiegelbild einer Wanderung. Wild, weit und einsam.

Die Capanna Cava lassen wir rechts liegen, bevor wir an der Nordost-Flanke des Pizzo Magn oberhalb des Val Pontirone den Weg Richtung Biasca einschlagen. Über die ersten Kilometer, die wir talauswärts laufen, verlieren wir nur wenig an Höhe. Ohne den Blick auf den Höhenmesser hätte ich durch die vielen winzigen Gegenanstiege das Gefühl, mehr an Höhe zu gewinnen, als zu verlieren. Kaum umrunden wir aber die letzte Geländeschulter, kann es kaum steil genug bergab führen. In engen Serpentinen sucht sich der Weg durch karg bewachsene Buchenwälder und lichte Haselstauden sein Ziel. 

So wie wir dem Tal entgegenfiebern, purzeln auch die Zahlen auf dem Display meiner GPS-Uhr. „Nur noch 400 Höhenmeter“ verkünde ich jedes Mal freudig, wenn wir wieder eine Hundertermarke unterschreiten. Falko will das allerdings gar nicht hören. Er will nur laufen, je zügiger, desto besser. Denn der lange Weg ins Tal gehört nicht gerade zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. 

Mit jedem Höhenmeter, den wir verlieren und unserem Ausgangspunkt wieder näher kommen, wird es in der Nachmittagssonne ein bisschen wärmer, unsere Beine noch ein bisschen schwerer, der Rücken ein bisschen steifer. Und unsere Laune? Wird mit jedem Schritt besser. Wir begegnen den ersten Spaziergängern, als Falko auffällt: „Ist dir eigentlich bewusst, dass wir den ganzen Tag lang bis auf zwei ältere Menschen an ihren Rustici keine Menschenseele getroffen haben?“. Er hat recht. Selten habe ich direkt aus einer Stadt startend so eine einsame Wanderung unternommen, wie hier. Wer auf der Suche nach einsamen Pfaden, abwechslungsreichen Aufstiegen, aussichtsreichen Gipfeln und ausgedehnten Routen ist, wird das Wandereldorado rund um Biasca und im Bleniotal lieben. 

Nach über acht Stunden stehen wir wenige Höhenmeter oberhalb von Biasca an einer Kreuzung. „Oben oder unten lang?“ Die Entscheidung ist einfach. Denn jetzt nochmals 72 Höhenmeter aufsteigen, bevor wir unseren Ausgangspunkt, unser Ziel endgültig erreichen, wäre dann doch etwas zu viel des Guten.

Letzte Hürde: überqueren des Schuttkegels am Crenone. So, jetzt is' fertig!
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