Schreckhorn

Dies ist die Geschichte von Zweien, die loszogen, um das Schreckhorn zu besteigen – und schlussendlich ohne im Nachhinein wirklich nachvollziehbaren Grund umgedreht haben.

Mit Steph treffe ich mich am Montag in Luzern und wir fahren ins Berner Oberland nach Grindelwald, wo wir in die Pfingstegg-Bahn steigen, um die ersten 350 Hm zur Schreckhornhütte zu “bescheissen”. Anschliessend geht es immer leicht ansteigend ins Tal des unteren Grindelwaldgletschers hinein – ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Bergwelt mit der zunehmenden Erwärmung verändert. Erste Station ist die neu erbaute Bäregg auf 1772 m, die die durch einen enormen Moränenrutsch verlorene Stieregg-Hütte ersetzt. Man hat wohl aus der leidigen Erfahrung gelernt und die neue Hütte nun auf einem stabilen Felsabsatz gebaut – hoch über dem durch die fortwährende Abschmelzung entstehenden Gletschersee am unteren Ende des Grindelwaldgletschers. Auch der weitere Hüttenweg zur Schreckhornhütte muss immer wieder neu angelegt werden, da weitere Teile des Hangs hinab rutschen.

Ein weiteres Feature des Hüttenwegs: er zieht sich. Und zwar ganz ordentlich. Das sind eben immer wieder die Berner Alpen, wo man nicht wie in einigen anderen Gebieten nach zwei Stunden die Hütte erreicht hat, sondern eher vier bis fünf Stunden für einen Zustieg einplanen muss. Grosser Rekordhalter hier ist die Baltschiederklause mit ihren 6.5 – 7 Stunden Zustieg…

Irgendwann erreichen wir wieder mal fünf vor zwölf in Bezug auf das einsetzende Gewitter die Hütte und schaffen es diesmal ohne Blitzschlag und trockenen Fusses ins Reich von Hans Balmer, der die Schreckhornhütte seit ihrer Einweihung 1981 als Ersatz für die von einer Lawine zerstörte Strahlegghütte führt. Der Mann ist ein ziemliches Original und man hört diverse Schreckensmeldungen über ihn. Kurz gesagt ist er aber wahrscheinlich einer der besten Hüttenwarte, die ich kenne – auch wenn er sicherlich eher ein Grantler ist, der seine Hütte mit einer gewissen Strenge führt. Dafür ist das Abendessen eines der besten, was wir auf einer Hütte bekommen haben. Und das Dessert gibt es natürlich nur für die, die ihren Tisch abgeräumt und sauber gemacht haben.

Nächster Morgen, 1:30 Uhr. Alle sechs Schreckhorn-Anwärter sind wach und schleichen um den Frühstücksraum herum – nur der Hans ist nicht da. Etwas verpennt erscheint er einige Minuten später – ein paar Mal Grummeln und Knurren und es gibt ein leckeres Frühstück mit Brot, Marmelade und hausgemachtes Bircher-Müsli. Eine halbe Stunde später starten Steph und ich zum Schreckhorn Normalweg. Unseren ursprünglichen Plan, die Überschreitung via Anderson-Grat und Normalroute haben wir am Vortag nach dem Anschauen des Schreckcouloirs verworfen, da dieses vollständig ausgeapert ist und damit mit der Eisschlaggefahr vom Schreckhorngletscher und der Steinschlaggefahr uns einfach zu riskant geworden wäre. Zumal es sich noch um eine extrem warme Nacht handelt und die Nullgrad-Grenze oberhalb von 4000 m liegt. Als Ausweichtour wollen wir nun den Normalweg nehmen.

Wir stiefeln im Licht der Lampen zum Gletscher hinunter und laufen an seinem Rand Richtung Strahlegg hinter. Die beiden geführten Seilschaften sind kurz vor uns (jeweils ein Bergführer mit Gast), sie haben das gleiche Ziel wie wir. Wir verlassen den Gletscher nach links und steigen einige hundert Höhenmeter über einen recht guten Pfad hinauf zum Gaag, wo wir anseilen und den Schreckhorngletscher betreten. Eine Seilschaft dreht hier um, wie wir später erfahren wegen Unwohlsein des Bergführers.

Der Schreckhorngletscher ist nicht schwierig, allerdings gilt es einige beeindruckende Löcher zu queren, um in einer Rechtsschleife den Einstieg des Südwestgrats zu erreichen. Wir sind noch bevor es dämmert dort, wo man einen geeigneten Übergang über die Randkluft und den Bergschrund zum Fels finden muss. Aber da es noch so dunkel ist, machen wir eine längere Pause, um später etwas mehr erkennen zu können. Mir ist das ganz recht, da ich bis hierher seit vier Stunden alles geführt habe und ich es eigentlich hasse, im Stockdunklen mehrere Stunden den Weg zu suchen und eine gute Route zu finden. Eine gewisse Müdigkeit lässt sich jetzt schon langsam an. Also essen wir etwas, trinken und beraten, wie es weitergehen soll – die Seilschaft vor uns scheint nämlich beim Überqueren des Bergschrunds auf keinen grünen Zweig zu kommen und dreht erstmal wieder ab. Sie steuern jetzt weiter links die Felsen an. Wir schauen uns den üblichen Übergang vom Gletscher zu Fels an. Es sieht aber recht miserabel aus. An einer Stelle ginge es sicherlich, aber ob man da später, wenn es noch wärmer geworden ist, wieder runter will, das sei mal dahingestellt. Es kracht sowieso schon die ganze Zeit um uns herum, ein Tribut an die hohen Temperaturen und die hohe Nullgrad-Grenze. Schlussendlich schauen wir uns auch die Stelle an, wo die geführte Seilschaft den Fels erreicht hat. Eine mittelstabile Schneebrücke leitet auf ein Felsband, von welchem aus man dann recht gut die eigentliche Route erreichen kann.

Ich klettere noch in die Felsen herüber, aber hier entscheiden wir nun, umzukehren. Wir haben es im Nachhinein gesehen einfach etwas überschätzt, wie viel Zeit es noch auf den Gipfel gebraucht hätte, es hätte uns wohl locker gereicht. So steigen wir wieder ab und bereits hier bin ich ziemlich genervt, dass ich Steph nicht etwas mehr motiviert habe, weiterzugehen. Ob wir nun noch eine Stunde weiter gegangen wären und dann wieder geschaut hätten, wie gut wir in der Zeit liegen, hätte absolut keinen Riss gemacht. Aber so ist es nun, und vielleicht war es auch für irgend etwas gut. Es ist allerdings bitter, die andere Seilschaft stetig an Höhe gewinnen zu sehen, sie kommen gut voran dank der trockenen Felsen und besten Bedingungen. Wir steigen alles wieder ab und zur Hütte zurück, wo wir unsere restlichen Sachen einpacken und uns auf den langen Rückweg zur Seilbahn machen. Auch hinunter kann man hier durchaus mit zweieinhalb bis drei Stunden rechnen. Am Pfingstegg gibt es dann noch ein leckeres Rösti, bevor wir die letzten Höhenmeter wieder schummeln und uns mit der Gondel ins Tal bringen lassen.

Und die Moral von der Geschichte? Umdrehen ist sicherlich nie verkehrt, allerdings sollten wir uns zukünftig besser überlegen, was dafür spricht und was dagegen und etwas mehr Biss zeigen. Sonst wird das wohl nichts mit der Bergführerausbildung… Allerdings haben Steph und ich es auch immer so gehalten, dass wir nichts mit der Brechstange versuchen. Und wenn es aus irgendeinem Grund an diesem Tag nicht hatte sein sollen, dann ist das so und für ein gegenseitiges Vertrauen ist das sicherlich auch enorm wichtig.

Details zur Tour

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