Winter-Spinne am Chli Chärpf

#storySchnee

Ich treffe mich heute um halb acht mit Patrick, Annika und Steph in Pfäffikon, von wo aus wir zusammen mit einem Auto weiter ins Glarnerland fahren. Ich hab eine Tour auf das Sunnenhöreli ausgesucht, wo wir ein Stück mit der Seilbahn hinauffahren können, dann auf der Sonnenseite rund 1000 Höhenmeter aufsteigen und danach nordseitig abfahren können. Wir kämen dann einen Ort weiter vorne wieder im Tal raus, von dort geht es dann mit dem Bus zurück nach Matt. Aber: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Als wir im Sernftal ankommen, beginnt schon leichtes Murren ob der geringen Schneemengen. Dummerweise muss ich zugeben, dass es wirklich nicht berauschend ausschaut. Ich kenne natürlich im Moment nur die Bedingungen bei uns daheim und habe mir die Hauptniederschlags-Gebiete angeschaut. Laut Lawinenlagebericht gehen diese von irgendwo im Westen bis in die Glarner Alpen. Also dachte ich mir, das könnte ja so gut passen. Es ist aber offensichtlich, dass da oben nur relativ geringe Schneemengen liegen.

Shit… Ich fahre an der Talstation vorbei noch ein paar hundert Meter das Tal weiter hinein, damit man von dort aus mal einen Blick auf unser Gipfelziel werfen kann. Was uns nicht weiter ermutigt, die geplante Tour in Angriff zu nehmen…

Gut, Plan B muss her. Jetzt nochmal ewig weit irgendwo hin zu kurven macht wohl kaum Sinn. Mir fällt noch der Chli Chärpf ein, der nur fünf Autominuten von hier entfernt startet. Interessanterweise reicht das schon. Denn nur ein paar Meter weiter war offensichtlich die Grenze des Hauptniederschlags und auf der anderen Talseite sieht das alles nach ein paar Höhenmetern weiter die Strasse hinauf schon ganz anders und viel weisser aus. Ich hatte den Chärpf schon mal im Visier gehabt und die Idee dann aber wieder verworfen, da ziemlich durchgängig südseitig exponiert, was üblen Bruchharsch bedeutet. Da es aber heute eher warm werden soll, denke ich mir jetzt, dass es heute Nachmittag, wenn die obere Schneeschicht etwas aufgefirnt hat, eigentlich vielleicht ganz gut werden könnte.

Wir parkieren und machen uns startklar. Über anfangs noch wenig Schnee geht es zusammen mit ein paar anderen Tourengehern (der Chärpf ist ein ziemlich beliebtes Ziel) in Richtung der Forststrasse, die die ersten paar hundert Höhenmeter überwindet. Wir verlassen sie recht bald, denn es gibt hier noch einen Wanderweg, der die Strasse abkürzt. Schon bald müssen wir allerdings die Ski tragen, denn im Wald ist die Schneemenge doch eher überschaubar. Also ein paar Meter die Ski gebuckelt, bis wir sie weiter oben wieder anlegen können. Gemütlich geht es weiter hinauf, bis die Forststrasse an einer Alphütte endet.

Hier beginnt nun (mittlerweile bei ausreichend Schnee) der eigentliche Anstieg, der sich in idealem, leicht kuppiertem Skigelände nach oben bewegt. Wir haben eine gute Spur, müssen uns also nicht noch mit der Wegfindung beschäftigen, obwohl sowohl Steph als auch Patrick und Annika diese Tour schon einmal gemacht haben. Bei einer kleinen Hütte machen wir eine Verpflegungspause, bevor es weitergeht. Steph hat Probleme mit seiner Bindung und kommt nicht mehr rein; bis wir zusammen das Ding wieder auf Vordermann gebracht haben, sind Patrick und Annika schon ein ganzes Stück weg. Also Vollgas und hinterher, kurze Zeit später haben wir sie wieder eingeholt.

Weiter geht es, durch ein kleines Tälchen hindurch zu einem kürzeren, etwas steileren Hang, der durch die Harschschicht eher hart ist. Die Spur ist aber trotzdem noch da, im Bereich einer Spitzkehre allerdings nicht so genial angelegt. Patrick vor mir ist dann auch prompt am Taumeln, es ist eine Art Zeitlupenspiel, wo ich immer wieder schwanke zwischen „Er schafft es noch“, „er fängt sich“ und „jetzt geht’s ins Tal abi“. Die letzte Variante passiert dann auch, und mit mehreren Purzelbäumen und einem Ski, der sich löst, macht er einige Höhenmeter wieder zunichte. Der Ski bleibt rund 20 m weiter unten liegen, es ist zum Glück eine Art Mulde, in die der Hang ausläuft. Für ihn heisst es also nun nochmals die ganze Prozedur in Angriff zu nehmen. Steph hat die Stelle komplett umgangen, Annika muss durch, weil ich sie auch in den Hang geschickt habe. Aber da sie gerne diesen Winter die Ausbildung zum Fachübungsleiter für Skitouren machen möchte, schadet ihr das sicherlich nicht. Übung macht den Meister.

Nach dieser „Schlüsselstelle“ gelangen wir auf eine kleine Kuppe, von der aus nun fast der Gipfel einsehbar ist. Bis dahin müssen wir aber doch noch ein paar Höhenmeter zurücklegen, über ein Geröllfeld geht es weiter in Richtung Skidepot. Ein paar andere kommen uns bereits wieder entgegen gefahren bzw. gefallen, aber wir haben es nicht eilig, denn die Sonne soll ruhig noch ein wenig die Hänge aufweichen. Annika und Patrick gehen mittlerweile ein wirklich sehr gemütliches Tempo, auch Steph lässt es gemächlich angehen. Ich laufe mein eigenes Tempo nun bis ins Skidepot, sonst ist es mir wirklich ein wenig zu langsam.

Am Skidepot werden kurz die Felle abgezogen und verstaut, eine Spinne begutachtet (was macht zu dieser Jahreszeit auf knapp 2700 m Höhe?) und dann geht es über eine kurze Felsstufe mit einer haarsträubenden Reepschnur und ein paar Fixseilen in wenigen Minuten auf den Gipfel hinauf.

Oben erwartet mich eine herrliche Aussicht über das Wolkenmeer, welches von der Linthebene hereinwabert. Direkt nebenan liegt der Gipfel des Gross Chärpf, der knapp 100 m höher ist und auch mit Ski erreichbar ist. Aber für heute ist diese Skitour wirklich genug, 1500 Hm sind auch kein Pappenstiel.

Annika und Patrick kommen einige Minuten später auch oben an, Steph ist beim Skidepot geblieben, da er wohl ziemliches Schädelweh hat. Wir machen noch ein paar Minuten Pause hier oben, dann geht es zügig wieder hinunter, um dort noch eine Pause mit Essen und Trinken zu machen. Anschliessend machen wir uns fertig für die Abfahrt und dann geht es wieder hinunter ins Tal.

Im schattigen Bereich ist der Schnee eine Mischung aus Pulver und leichtem Harschdeckel, der aber noch gut zu fahren ist. Annika kommt zweimal recht weiss wieder zum Vorschein, aber insgesamt muss man sagen, dass sich ihre Skitechnik doch stark verbessert hat im Gegensatz zu früheren Touren. Steph kommt ja eh gut runter und Patrick – nun ja. Dem brennen wohl ziemlich die Oberschenkel und wir warten häufig auf ihn.

Später kommen wir nun auf die Südseite und siehe da, die Rechnung geht voll auf. Die Hänge sind aufgefirnt und wir können (teilweise mit ein paar Pausen und Stürzen ) recht zügig hinunter pfeifen. Wir halten uns eher abseits von den anderen Spuren und haben so noch eine Menge unverspurter Hänge. Viel zu schnell (Annika und Patrick sehen das eventuell anders) sind wir wieder unten an der Hütte, von wo aus die Forststrasse startet. Das ist natürlich bei der geringen Schneemenge hier unten perfekt, denn nun können wir die plattgefahrene Strasse runterrutschen und sind so ziemlich schnell wieder am Auto unten. Perfekte Skitour Mitte November bei quasi Frühjahrsbedingungen.

In einer kleinen, gemütlichen Beiz lassen wir den Tag ausklingen und freuen uns auf den kommenden Winter.

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