Skitour auf den Rotsteinpass

#storySchnee

Die letzten Tage war ich, wenn überhaupt, nur auf der Piste unterwegs. Die geringen Schneemengen verderben einem doch etwas den Spass an der Sache. Heut gehts aber mal wieder auf eine Skitour, mit Annika verabrede ich mich in Alt St. Johann, von wo aus wir entweder auf den Selun oder den Brisi wollen. Sie möchte die Ausbildung zum Fachübungsleiter Skitouren beim Deutschen Alpenverein machen und will noch ein bisschen Praxistraining machen.

Als ich am Treffpunkt ankomme, bin ich bereits etwas skeptisch, denn die sieben Churfirsten (Brisi und Selun sind zwei dieser Gipfel) sind mit ihren nordseitig exponierten Rücken ziemlich blank geweht. Ich fahre kurz auf der gegenüberliegenden Talseite ein paar Meter mit dem Auto hinauf und schaue mir das durchs Fernglas an, welches hab ich extra deswegen mal mitgenommen, weil ich mir schon so etwas gedacht hatte. Den Brisi kann man schlicht und einfach vergessen, der Selun sieht auch sehr grasig aus.

Unten treffe ich dann Annika, Patrick ist auch mit einigen Studenten dabei, da er von der Uni Konstanz aus eine Schneeschuhtour auf den Selun führt. Er war letzte Woche oben und kann das Bild bestätigen, es liegt einfach kein Schnee mehr. Annika und ich einigen uns auf eine andere Idee und peilen nun den Rotsteinpass an. Der Zustieg startet bereits etwas höher und es handelt sich um ein geschützteres Hochtal, wo der Wind bei weitem nicht so wüten kann wie an den Churfirsten. Also fahren wir zu zweit zum Parkplatz Laui oberhalb von Alt St. Johann hinauf. Ski anlegen ist hier noch nicht sinnvoll und wir tragen sie noch ein paar hundert Meter die Forststrasse entlang, bis wir dann im etwas tieferen Schnee weiter können.

Die erste halbe Stunde können wir hier noch gemütlich quatschend nebeneinander herlaufen, denn es geht nur die Forststrasse das Tal weiter hinter. Der Schnee ist hier grausig, harschig und teilweise hat es auch mal ein paar braune Flecken, wo wir die Ski kurz tragen müssen. Ab Gerstein geht es dann im flachen Talboden weiter hinter zur Alp Langenbühl, wo wir eine kurze Pause machen.

Ab hier ist jetzt Annika gefragt, sie soll sich Gedanken machen, wo und wie sie die Spur durch den nun folgenden steileren Talkessel legen kann, damit wir zur knapp 300 Meter höher gelegenen Alp Flies-Schafboden gelangen können. Ich halte mich jetzt nur noch hinter ihr und sie beginnt mit dem Anstieg. Ihre Routenwahl deckt sich nicht mit meiner, die ich für mich getroffen habe, sie wählt den vermeintlich flacheren, in Wahrheit aber steileren Anstieg an der rechten Talseite entlang. Die Lawinengefahr ist im Moment bei gering und so können wir auch mal diese Variante probieren. Sie merkt aber schnell selber, dass es nicht so angenehm zu gehen ist Während wir uns hier nun mit Spitzkehren hinauf quälen, könnte man weiter links gemütlicher aufsteigen. Sie hatte unten die maximale Hangsteilheit hier auf 25° geschätzt, nun kann sie es selber vor Ort nachmessen und ist über die knapp 35° sehr erstaunt. Wir besprechen das kurz, dann bekommt sie noch ein paar Tipps, wie wir jetzt ab hier weiter aufsteigen könnten. Sie legt die Spur nun querend weiter den Talkessel nach hinten, wo wir dann in etwas flacheres Gelände kommen.

Ab hier geht es nun auf einem schwach ausgeprägten Rücken weiter hinauf, Spitzkehre um Spitzkehre. Wieder machen wir eine kleine Technik-Pause und ich erkläre ihr noch mal die Technik beim Spitzkehre machen. Sie kann das grundsätzlich schon ganz gut, aber macht es sich (wie sehr viele Tourengeher) oft selber schwer. Idealerweise steigt man schräg ansteigend auf, geht dann an der Stelle, wo man eine Kehre machen möchte, noch rund eine Skilänge horizontal weiter, um ein gutes und stabiles Plateau zu haben, auf dem man sicher stehen kann. Dann den bergseitigen Ski um nahezu 180° drehen, so dass man  mit dem Gesicht hangaufwärts blickt, Stöcke stabil setzen und den anderen talseitigen Ski mit einem Kick drehen und dazu setzen (deswegen auch Kickkehre). Klingt kompliziert, ist aber eigentlich nicht gar so schwer, wenn man die Technik beherrscht. Viele sparen sich aber das flache Plateau, stehen dann schräg mit dem Ski im Hang und wundern sich, dass sie beim Umsetzen  mit dem jeweiligen schräg liegenden Ski zurück rutschen und in völlig verkrampften Positionen im Hang stehen.

Das üben wir jetzt also mal zusammen, auch damit sie mehr Vertrauen in ihren Ski bekommt, denn sie trampelt erstmal mit jedem Ski fünfmal auf den Schnee ein, was auch nicht sein muss. Idealerweise geht das Ganze völlig im Rythmus des Aufsteigens vonstatten.

Oben geht es dann noch ein paar Meter steil durch ein kurzes Couloir, bis wir auf einen weiteren Talboden gelangen, wo eine weitere Alp steht. Wieder machen wir eine kurze Pause, besprechen noch mal, was sich bis hierher so ereignet hat. Interessant auch, dass sie sich häufig an eine (noch schwach erkennbare) alte Spur gehalten hat. Die ist aber nicht besonders gut angelegt: es gibt einem aber irgendwie das Vertrauen, dass da schon jemand wusste, was er tut. Die Frage ist, warum? Wir sind draussen in der freien Natur, wissen überhaupt nicht, was für ein Vogel die Spur gemacht hat – selber denken und machen ist da angesagt. Wenn einem die Spur nicht gefällt, sei es weil sie zu steil ist oder gefährlich im Lawineneinzugsgebiet angelegt ist oder was auch immer, ist es besser, lieber selber eine neue Spur machen. Die Spur ist die Visitenkarte eines Skitourengehers, wie es immer so schön heisst.

Nun geht es erstmal wieder einige Zeit weniger steil das Tal hinter. Der Talkessel öffnet sich hier ein wenig und es geht über die letzte Steilstufe hinauf zur Rotsteinpasshütte, die im gleichnamigen Pass liegt. Ein wenig Kartenstudium später hat sich Annika für eine Spuranlage entschieden und macht das auch recht gut, indem sie an der rechten Talseite über bis zu 30° steile Hänge und Rücken nach oben steigt. Die Spur macht sie jetzt auch etwas flacher, was speziell für eine geführte Gruppe deutlich angenehmer wäre.

Kurze Zeit später wird es dann etwas unangenehm, da der Wind hier den Schnee sehr hart gepresst hat und wir dadurch kaum Halt mit den Ski haben. Wir montieren die Harscheisen an die Ski und legen danch die Spur durch diese etwas doofe Passage. Links geht es recht steil das Loch runter, unten hat es noch eine Abbruchkante, stürzen sollte man hier besser nicht. Nach vielleicht 50 Meter ist es dann aber schon besser und wir gelangen auf das letzte Plateau kurz vor der Passhöhe des Rotsteinpass. Hier müssen wir dann auch bei der Abfahrt nochmal aufpassen, denn nach der glatten Passage war die Rinne noch ein paar Meter mit Triebschnee gefüllt. Wie jetzt auch im Aufstieg ist dann einzeln fahren angesagt.

Annika ist mittlerweile recht platt (wohl auch durch eine Erkältung) und so spure ich noch die letzten Meter links hinauf und in einem Bogen zurück zum Pass, wo wir dann endlich in die Sonne kommen. Kurze Zeit später haben wir dann die Hütte erreicht und können eine gemütliche Pause machen. Auf der anderen Seite in Richtung Bodensee liegt der Nebel, wir stehen aber gewissermassen über den Dingen und haben eine herrliche Aussicht.

Dann machen wir uns für die Abfahrt bereit und es gelingt uns recht gut, immer genau die Hänge zu finden, wo der Schnee teilweise sogar richtig gut zu fahren ist – eine harte Unterlage mit rund fünf Zentimetern Neuschnee drauf. Bis auf ein paar kurze Passagen mit Harschdeckel macht das richtig Freude. Die schon beschriebene Querung fahren wir einzeln, dann geht es erneut eine mit wenig Triebschnee gefüllte Mulde hinunter, wobei wir hier trotz der geringen Lawinengefahr immer einzeln fahren. Sicher ist sicher. Hang für Hang geht es nun hinunter, immer wieder unterbrochen durch die flacheren Talböden. Die Sonne ist mittlerweile auch da und so haben wir auch perfekte Sichtverhältnisse und es wird alles ein bisschen wärmer. Den letzten Hang pfeife ich dann in einem Stück hinunter, immer dem guten Schnee hinterher – einfach tiptop! Bis auf diesen einen Stein irgendwo knapp unter der Schneeoberfläche, den ich noch mit einem lauten Kratzen mitnehme. Naja, das gehört eben auch dazu.

Dann sind wir schon fast wieder unten, jetzt geht es noch recht stotzig den Forstweg zum Talsausgang vor. Hier hält sich das Fahrvergnügen dann eher in Grenzen. Aber es dauert nicht mehr lange, bis wir wieder den Parkplatz erreicht habe und die Ski ablegen können. Für die Verhältnisse haben wir das super erwischt, besser ginge es wohl kaum noch.

Wir wundern uns nun noch etwas, warum es hier am Parkplatz massiv nach Seetang riecht/stinkt – das Meer ist hier nun wirklich nicht gerade in der Nähe. Und ich hab nun auch eine tiefere Macke im Ski. Da ist wohl morgen mal ein Werkstattaufenthalt angesagt.

Unten in Starkenbach trinken wir noch gemütlich eine heisse Schoggi, bis Patrick mit seiner Truppe vom Selun zurückkommt und sich dann alle wieder nach Hause aufmachen.

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