Maighelshütte

#storySchnee

Gestern hat mich Juho angerufen, ob wir für seine Bergschule ein paar kurze Filmsequenzen drehen können, Skiabfahrten, Aufstiege und dergleichen. Ein Freund von ihm aus Berlin ist Kameramann und hätte die nächsten beiden Tage Zeit, fährt auch Ski und so bleibt noch die Wahl des geeigneten Gebiets beziehungsweise einer Hütte. Juho hat erst die Basodino-Hütte im Tessin im Hinterkopf, ist sich allerdings auch nicht sicher, ob der Aufstieg durch ein enges Tal im Moment so geeignet ist und ob es nicht für Till etwas zu lange ist. Wir gehen am Telefon verschiedene Möglichkeiten durch, entscheiden uns dann aber noch den neuen Lawinenlagebericht um 17 Uhr abzuwarten.

Als der dann draussen ist, hat sich auch die Lage rund um Andermatt verbessert und ist von erheblich auf mässig runter gegangen. Ich rufe auf der Maighelshütte an und da sie noch drei Plätze frei haben, reserviere ich direkt dort. Da haben wir es von der Anfahrt her nicht so weit und es ist auch ein moderater Aufstieg mit rund 500 Hm, wo wir dann auch entsprechend Zeit fürs Filmen haben.

Am Mittwoch morgen treffe ich die beiden dann am Bahnhof in Andermatt (mit 45 Minuten Verspätung, die ich mehr oder weniger fröstelnd gewartet hab ). Till macht auch einen sympatischen Eindruck und so verfrachten wir uns samt dem Material in den Zug in Richtung Oberalppass, von wo aus wir dann starten wollen.

Oben geht es dann nach dem Verstauen des ganzen Zeugs (Kamera(s), Stativ, Objektive) erstmal auf die Ski und wir rutschen entlang der Osthänge des Pazolastocks rund 150 Hm hinunter, bis wir auffellen können. Gemütlich geht es nun entlang des mit Stangen markierten Hüttenwegs in Richtung Hütte hinauf. Im Moment hat Juho das Stativ, welches laut Till das „Baby-Stativ“ ist – ein sperriges Klump, was sicherlich seine 10 kg wiegt. Verpackt in einen länglichen, rund 1 m langen Sack mit einem Trageriemen zum Umhängen.

Im Aufstieg haben wir schon ein paar coole Ideen, wo man etwas filmen könnte, aber wir beschliessen, erstmal zur Hütte aufzusteigen und dann zu entscheiden, wo und was wir machen. Der Aufstieg zieht sich etwas, Till plagt sich etwas, aber wir kommen gut voran. Nach ungefähr der Hälfte nehme ich dann das Stativ, leichtes Gepäck ist definitiv anders. Aber es geht irgendwie, mit schmerzenden Schultern kommen wir dann an der Maighelshütte auf 2314 m Höhe an. Spricht sich übrigens Maijelshütte aus und kommt aus dem rätoromanischen. Die Hütte liegt sehr schön im obersten Vorderrheintal, ein wenig oberhalb in Richtung Martschallücke liegt der kleine Lai da Tuma, die Quellen des Rheins. Eine winzige Pfütze, die mit ihren ganzen Zuflüssen später den riesigen Rhein hervorbringt.

Nachdem wir unser Lager bezogen haben und etwas zu Mittag gegessen haben gehen wir dann wieder hinaus und drehen an einem kleinen Hang direkt hinter der Hütte ein paar Abfahrtssequenzen. Einzeln oder gleichzeitig, je nach Hang, fahren Juho und ich dann (möglichst elegant ) ab, steigen wieder auf, nochmal, etwas anders und so weiter. Ein bisschen anstrengend, ich haben glaube ich noch nie dermassen oft an- und wieder abgefellt. Aber es macht durchaus Spass, auch wenn mittlerweile ein kalter Südwestwind aufgekommen ist und einen Vorgeschmack des schlechten Wetters bringt, welches heute Nacht aufziehen soll. Wir steigen nochmal in Richtung Piz Cavradi auf, zu einem kleinen Gratvorsprung, von wo aus wir dann starten sollen. Ein paar Deppen latschen uns prompt in unserer Spur hinterher, obwohl die nun ziemlich eindeutig nicht auf den Piz Cavradi führt. Hauptsache nicht selber die Birne anschalten.

Juho fährt als erster auf dem Rücken ab, so wie er fährt, scheint es auch nicht gerade bester Pulver zu sein. Dann bin ich dran, eine schöne grosse Mulde, die man elegant runterpfeifen könnte. Wenn nicht … sich das Ganze beim ersten Schwung hinein als grausiger Bruchharsch entpuppen würde! Hundsverreck ist das ein Müll! Entweder ich breche es jetzt ab oder ich fahre einfach mit Vollgas den Skiradius aus und hoffe, dass es etwas weiter unten wieder pulvriger wird. Die Rechnung geht auf, aber trotzdem schaut das halt nie so aus, wie wenn es guter Pulverschnee ist. Schade, wäre wohl eine schöne Aufnahme geworden.

Mittlerweile verschwindet die Sonne hinter den Bergen und wir sind im Schatten, ein letztes Anrennen gegen die untergehende Sonne den Berg hinauf, gerade noch so schaffen wir das. Nochmal eine letzte Abfahrt zusammen, wieder aufsteigen und dann geht es ab in die Hütte, wo Kuchen auf uns wartet. Bündner Nusstorte, mjampf.

Den Rest des Tages verbringen wir quatschend, essend und gegen halb zehn geht es dann ins Lager. Ich habe den ganzen Abend recht Spass an unseren Tischnachbarn, ein Pärchen um die 50, die sich in einer sehr stabilen Metallbox ein goldenes Gehänge mitgebracht haben, welches dann aufgebaut wird und sich als mit einem Teelicht betriebene Mini-Pyramide aus goldenen Teilchen entpuppt. Oben hängen dann lauter goldene filigrane Bäumchen dran und das Ding dreht sich nun munter den ganzen Abend lang. Sachen gibt’s.

Bereits in der Nacht heult der Wind, morgen gibt es wieder Lawinenwarnstufe erheblich. Da wird unser Plan, über die Martschallücke nach Andermatt abzufahren, wohl nichts werden. Morgens beim Frühstück dann schlechtes Wetter, wir lassen uns Zeit und hoffen auf eine kleine Wetterbesserung.

Später filmen wir dann hinter der Hütte noch ein paar Aufstiegssequenzen im heulenden Schneesturm (ich muss ein bisschen schauspielern und so tun, als käme ich komplett platt hinter Juho oben an ), dann fahren wir langsam ab. Wir werden bis nach Tschamut abfahren und dort in den Zug steigen, der uns zurück bringen wird.

Die Sicht ist bescheiden und mit dem schweren Zeugs abzufahren auch; zum Glück ist die Abfahrt eher flach. Wir finden noch einen schönen Hang, wo wir nochmal filmen können. Juho und ich steigen nochmal auf und fahren einzeln ab. Als ich unten bin, stellt Till fest, dass das Speichern nicht geklappt hat. Volià, encore une fois. Also nochmal hinauf, die gleiche Prozedur erneut.

Gerade ist auch ein bisschen Sonne und blauer Himmel zu sehen, das macht das Filmen (und Fahren) natürlich gleich einfacher. Wir entdecken noch einen weiteren Hang, stapfen wieder hinauf, als wir oben sind zieht es wieder zu. Also machen wir Mittagspause, essen etwas und warten ab, ob es nochmal aufreisst. Etwas entfernt stapft eine Gruppe Schneeschuhgänger herum, offensichtlich zum ersten Mal, denn permanent fällt jemand hin. Sehr lustig zum Zuschauen.

Dann fährt Juho seine Linie ab, in ein kleines Tälchen, aber da er bei der schlechten Sicht quasi nix sieht, sieht das eher bescheiden aus. Bei mir dann das gleiche, alles weiss in weiss, man erkennt beim Fahren nichts und rauscht da einfach quasi blind hinunter. Schade, wäre noch eine schöne Linie gewesen. Nun packen wir es entgültig und fahren bis nach Tschamut ab, dem letzten Ort im Vorderrheintal vor dem Oberalppass. Dort geht es nun noch ein paar Höhenmeter zu Fuss die Strasse hinauf bis zur Station, wo wir in den Zug steigen und uns in Richtung Andermatt auf den Rückweg machen.

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