Hochtourenkurs Steigletscher

Oft ist man auf einer Tour unterwegs und hat anschliessend einen oder mehrere Gipfel bestiegen, alles ist gut gegangen und es gab zum Glück keine Unfälle oder problematische Schwierigkeiten. Aber irgendwie bleibt bei mir oft ein mulmiges Gefühl, wenn man weiss, dass die Leute, mit denen man unterwegs war, eigentlich keine vernünftige Rettungstechnik beherrschen und somit im Falle des Falls die Situation schlagartig brisant werden kann. Leider habe ich auch das Gefühl, dass die Motivation, sich mit diesen eigentlich elementaren Techniken auseinanderzusetzen, recht überschaubar bleibt – obwohl ja schlussendlich auch das eigene Leben davon abhängt. Daraus entstand die Idee, wie bereits einmal vor einigen Jahren bei einem Lawinenkurs, mit Freunden ein Wochenende im Gletscher- und Hochtourengelände zu verbringen und die relevanten Sicherungs- und Rettungstechniken (wieder) einmal zu üben.

Nach dem Hin und Her, was solche “Kurse” unter Freunden leider immer mit sich bringen, treffen wir uns am Samstag auf dem Parkplatz “Umpol” am Steigletscher – zusammen mit Silvan, dem das auch für seine bevorstehende FÜL-Hochtourenausbildung etwas bringt, werden wir mit sieben Freunden und Bekannten die nächsten beiden Tage verbringen. Vier kommen aus Konstanz, drei aus dem Raum Zürich und von “schon ein paar Touren gemacht” bis zum kompletten Neuling ist alles dabei.

Nach einem Materialcheck starten wir zum Gletscher, wo wir mit Basisthemen wie dem korrekten Anseilen, Gurt-vor-den-Steigeisen-anlegen, Eisschrauben setzen anfangen und auch einige Zeit in das grundlegende Gehen mit Steigeisen investieren. Die Vertikalzackentechnik, bei dem man auch steilere Hänge im Auf- und Abstieg mit den Vertikalzacken begeht, ist nicht sehr beliebt, aber doch meist die praktischste und vor allem kraftsparendste Methode, um auf längeren Touren nicht gleich den Wadenbeisser zu bekommen. Viel Beliebtheit kommt aber für das Thema vorerst nicht auf. Später steigen wir noch in eine kleine begehbare Gletschermühle ab – schon beeindruckend, einen Gletscher “von innen” zu sehen. Nach einer Mittagspause kommt noch ein wenig Knotenkunde und anschliessend starten wir als Seilschaften (zu Übungszwecken, der Gletscher ist komplett aper) den Aufstieg über den Steigletscher zur Tierberglihütte. Hier gilt es dann für die Teilnehmer bereits, die Steigeisentechnik und den Pickel gut einzusetzen, um auch kürzere steilere Stücke kraftsparend zu überwinden. Auch die ein oder andere Sicherungstechnik muss bereits angewendet werden, um keine Mitreissunfälle zu provozieren. So erreichen wir die Tierberglihütte und den grossen Windkolk direkt unter der Hütte am Gletscher, wo man ein hervorragendes Übungsgelände für die Spaltenbergung hat.

Da ich mich bei einer vergangenen Tour am Nadelhorn über Anna’s und Michael’s grosse Rucksäcke lustig gemacht habe und offenbar irgendwas von “wohl eine Melone dabei” gebrabbelt habe, hat Michael nun wirklich eine Wassermelone mitgebracht – ein Lacher für alle, als er das riesige Ding da oben auspackt. Eigentlich sind die Teile gar nicht so übel, sie schmecken gut, haben viel Flüssigkeit. Nur das Packmass-/Gewichtsproblem ist noch nicht final gelöst …

Nach dem Zwischen-Snack üben wir noch ausgiebig den Österreichischen Flaschenzug (Lose Rolle) am Windkolk, erst mit Rucksackdummies, später mit “richtiger” Last unten dran. Jeder macht mal jede Position durch, damit auch alle Handgriffe möglichst routiniert sitzen.

Um sechs laufen wir dann in der Hütte ein und bekommen von Heiri ein eigenes Zimmerlager zugeteilt – das ist natürlich sehr angenehm. Das Abendessen ist Tierberglimässig sehr genau portioniert, für alle diejenigen, die gern und viel essen, natürlich keine so gute Konstellation. Aber es reicht für alle und jeder wird satt. Abends wird noch geplaudert und einiges vom Tag noch einmal besprochen.

In der Nacht herrscht draussen ein bisschen Apokalypse und auch für die Sustenhorn & Co.-Anwärter wird das Frühstück auf halb sieben verschoben. Für uns spielt das keine Rolle, da wir sowieso keine Tour planen, sondern nach dem Frühstück an der Rückseite der Hütte die Feuerleiter aufsuchen, um dort Selbstrettungstechniken wie das Prusiken und die Selbstseilrolle üben. Der kalte Wind macht das Ganze nicht gerade einladend, aber zumindest etwas realistischer. In einer Gletscherspalte ist es schliesslich auch nicht warm.

Danach geht es wieder herunter zum Gletscher, wo wir den Schweizer Flaschenzug üben, der in seinem Aufbau doch schon komplexer ist als die lose Rolle. Mittendrin kommt dann bereits das erste Frontgewitter, welches sich nach zweimal Grummeln bereits direkt über dem Steigletscher befindet und uns zu einem sehr zügigen Abgang zur Hütte zwingt. Die ausgesetzte Lage der Hütte und ein exponierter Grat kurz vor der Hütte sorgen dann fast noch für einen Unfall, als ich von einem Blitz oder irgendeiner Art von Entladung getroffen werde – ich hab aber Glück und ausser einem ziemlichen Stromschlag bekomme ich nichts weiter ab. Laut Anna hinter mir muss es aber mit einem Leuchten direkt über mir recht spektakulär ausgesehen haben – vielleicht war ja die Puschelmütze schuld. Wir geben jetzt nochmal Vollgas in die Hütte, das Metallzeug wie Steigeisen und Pickel wird erstmal einfach weggeworfen. Der Fahnenmast direkt vor der Hütte ist auch kräftig am surren, ein Indiz mehr, dass die Luft extrem spannungsgeladen ist. Drin erstmal Erleichterung, ich bin etwas benommen und habe leichte Kopfschmerzen, die aber nicht unbedingt von dem Blitz herrühren müssen. Bei einem warmen Getränk entspannen wir uns erstmal und warten ab, bis sich das Gewitter verzogen hat.

Als es wieder besser ist, gehen wir noch zu einem nahegelegenen Firnfeld und üben dort nochmal unter realistischeren Bedingungen das kontrollierte Abrutschen und Abbremsen im Schnee sowie diverse Spaltenbergungstechniken, wobei jetzt auch der Fixpunkt unter Realbedingungen gebaut werden muss. Es zeigt sich wieder, dass das je nach Umstand gar nicht so einfach bis sauschwierig ist – gut, wenn man zumindest die Handgriffe kennt und hier nicht mehr überlegen muss. In einer Zweierseilschaft im steilen Gelände ist aber auch so das Halten eines Sturzes in eine Spalte sehr schwierig und oft wohl nur Wunschdenken.

Da nun eine Kaltfront kommen soll und ich keine Lust auf das nächste Gewitter habe, beäuge ich jetzt ziemlich misstrauisch das Radar und als sich die nächste Front nähert, packen wir alles zusammen und machen uns auf den Rückweg, diesmal aber über den markierten Hüttenweg. Leider holt uns auch die zweite Front ein und um nichts zu riskieren, sitzen wir in einer Mulde den Durchzug aus – jetzt wurde jede Gore-Tex-Jacke mal auf Herzen und Nieren getestet. Der restliche Abstieg geht problemlos und unten scheint bereits nochmal kurz die Sonne, als wir den Parkplatz wieder erreichen.

Ein Check vom Arzt am kommenden Tag hat zum Glück nichts ergeben, es scheint wohl “nur” ein leichter Treffer gewesen zu sein. Nichts destotrotz war ich extrem überrascht, wie schnell sich dort das Gewitter genähert hat – und das nächste Mal werde ich wohl nicht erst noch ein oder zwei vermeintlich noch weit entfernte Donner abwarten, sondern direkt in die Hütte gehen. Und wohl auch nicht mehr über den Grat, sondern etwas weniger exponiert.

Details zur Tour

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