Sustenhorn

#storySchnee

3:11 Uhr, der Wecker klingelt. Ich stehe einfach sofort auf, ohne nochmal kurz nachdenken und oder gar kurz die Augen zu zu machen, denn dadurch wird es nur noch schlimmer. Nach einem kleinen Mini-Frühstück starte ich mit dem Auto und fahre hinauf zur Ibergeregg. Schon auf dem Weg dahin wird der Nebel immer dichter, es wird ein Getaste mit Nebelscheinwerfern an der Strassenmarkierung entlang. Auch hinunter nach Schwyz nur ein undurchdringliches Grau, die Fahrt ist recht mühsam. Hoffentlich wird das Wetter dahingehend besser, denn so brauchen Patrick und ich unsere geplante Tour auf’s Sustenhorn gar nicht erst zu starten.

In Schwyz treffe ich mich um 4:30 Uhr mit Patrick, wir laden sein Geraffel ins Auto und fahren dann am Vierwaldstättersee entlang bis nach Wassen, wo wir die Autobahn verlassen und nach einem kurzen Tankstop hinauf zum Sustenpass fahren. Kurz scheint es so, als ob die Sicht etwas besser werden würde, kurz vor dem Erreichen der Passhöhe versinken wir dann aber wieder in dichter Nebelsuppe. Na toll. Wir fahren durch den Scheiteltunnel oben auf dem Pass und als wir auf der Berner Seite wieder heraus fahren – siehe da – beste Sicht, blauer Himmel und unten im Gadmertal dichter Nebel! Perfekt, so sollte das doch noch was werden.

Wir fahren zum Parkplatz „Umpol“ hinauf (kurz oberhalb des Hotel Steigletscher) und parkieren das Auto bei einigen anderen Tourengängern, die auch schon startklar sind. Wir schlüpfen direkt in die Gurte, denn bis zum Gletscher sind wir jetzt nur rund eine Viertelstunde unterwegs. Dann machen wir uns auf den Weg, tragen kurz die Ski über einen kleinen Bach und steigen auf der anderen Seite in die Bindung. Es liegt noch exakt genug Schnee, dass man fast bis zum Parkplatz fahren kann, das ist doch perfekt. Bevor wir losrutschen, montieren wir direkt noch die Harscheisen, da wir bei dem harten Schnee sicherlich bald froh darüber sein werden.

Zwischen Chüöbärgli und Bockberg hindurch steigen wir in einer guten Spur auf und nähern uns so dem Steigletscher. Ungefähr auf gleicher Route wie im Sommer erreichen wir den Gletscher. Einige Tourengänger haben wir schon überholt, die in einem ersten Hang mit hartem Schnee ohne Harscheisen herumgeeiert sind. Nun geht es flach und unspektakulär den hier nach einer kurzen Stufe spaltenarmen Steigletscher hinter. Wir erreichen bald eine etwas steilere Rampe, die uns durch den grossen Eisbruch auf ungefähr 2500 m Höhe führt. Auch hier können wir noch auf einer guten Spur aufsteigen, einige kurze eisige Stellen lassen sich gut mit den Harscheisen gehen. Patrick hat mittlerweile angefangen zu zählen, wie viele Leute wir eingeholt haben – mal schauen, wie viele es bis zum Gipfel sind.

Wir haben nun das obere Gletscherbecken erreicht, welches sich bis zur Tierberglücke erstreckt. Am rechten Ufer liegt die Tierberglihütte, wo wir vor einigen Monaten mal einen Eiskurs gemacht haben. Die Hütte erreichen wir aber nicht, denn wir halten uns am südlichen Rand einer Rinne, die uns bis unter das Gwächtenhorn führt. Dort steigen wir dann in einem Bogen unterhalb der Gwächtenhorn NO-Wand weiter auf in Richtung Sustenlimi auf 3089 m Höhe. Wir erreichen so das grosse Gletscherplateau, welches sich zwischen Sustenhorn und Gwächtenhorn erstreckt. Ein weisser Husky wuselt immer mal wieder zwischen uns herum, er hat ein Geschirr um den Hals, aber wo er dazu gehört, ist nicht so ganz klar. Aber auf jeden Fall hat er seine Freude und rennt auf der weissen Fläche kreuz und quer herum.

Am Sustenlimi angekommen machen wir nun mal eine etwas längere Pause, um uns zu verpflegen. Ein Vater mit seinen beiden vielleicht 12, 13 Jahre alten Söhnen kommt an uns vorbei, der eine hat bereits offensichtlich keinen Bock mehr. Als wir weiterlaufen, haben wir die drei bald wieder eingeholt und dann geht es für uns in den letzten langen Hang, der uns vom 500 m weiter oben gelegenen Gipfel trennt.

Patrick hat mittlerweile etwas Probleme mit der Höhe und/oder der Kondition, wir müssen etwas Tempo rausnehmen und werden nun bald von einer älteren Dame überholt, die die Besitzerin des Huskys ist. Einen weiteren kleinen Hund hat sie auch noch mit dabei.
In wenigen sehr langen Querungen überwinden wir immer mehr an Höhe und nähern uns dem Gipfel. Patrick muss nun recht kämpfen, aber in einem langsamen und gleichmässigen Tempo erreichen wir schliesslich bei strahlendem Himmel den Gipfel, wo sich bereits einige andere Tüüreler tummeln. Laut Patrick haben wir seit dem Start damit 43 andere überholt – ich weiss es nicht, ich hab nicht mitgezählt. Aber wird schon stimmen und ist eigentlich auch recht egal.

Wir geniessen ein ausgiebige Pause und freuen uns auf die langen und gleichmässigen Hänge, die auf uns warten. Kurz queren wir hinüber in den Haupthang, dann geht es auf einer harten Unterlage mit rund 5 cm leicht aufgefirntem Neuschnee hinunter zur Sustenlimi. Jodel … So eine geniale Abfahrt hatte ich lange nicht mehr, ich rausche die 500 Hm einfach in einem Ritt durch und warte dann unten auf Patrick, der sich etwas mehr Zeit lässt. Einfach Wahnsinn … Leider ist es nun etwas flacher, aber wir können trotzdem in langen Schwüngen in das untere Gletscherbecken hinabschwingen. Viel zu schnell lassen wir die Tierberglihütte wieder links liegen und nähern uns dem Eisbruch auf rund 2500 m Höhe, wo nun der Schnee langsam etwas pappig wird.

Den Abbruch fahren wir etwas langsamer ab, die Spalten sind aber immer noch gut geschlossen und so brauchen wir das Seil nicht zu verwenden. Hier ist es nun durch alte Schmelzwasserrinnen etwas rumpelig zu fahren, bald sind wir aber unter der riesigen Wand zwischen Susten- und Chli Sustenhorn, wo es wieder flacher wird. Noch mal folgen ein paar Schwünge, bis wir den Gletscher linkerhand verlassen. Nun sind es nur noch wenige Höhenmeter hinunter zum Parkplatz, wo wir Punkt 11 Uhr wieder einlaufen, fünf Stunden nachdem wir aufgebrochen sind. Besser hätte es kaum laufen können!

Wir packen gemütlich unsere Sachen ein und fahren anschliessend den Sustenpass wieder hinunter ins Reusstal. Auf dem Weg machen wir noch einen kurzen Foto-Stopp auf der gegenüber dem Sustenhorn liegenden Talseite. Kurz darauf verläuft die Strasse durch einen vielleicht 50 m langen Tunnel durch einen Felsvorsprung, über den wiederum ein Bach fliesst und auf der Talseite in einem Wasserfall Richtung Talboden stürzt. Die Strassenverlegung hier am Pass ist landschaftlich wirklich einzigartig und sehr imposant.

Je näher wir dem Tal kommen, um so mehr verschwindet die Sonne und wir tauchen wieder in die Wolkendecke ein, die sich offenbar hier nicht aufgelöst hat. In Schwyz halten wir noch am Café und mampfen beide einen grossen Wurst-Käse-Salat, gefolgt von einem nicht kleineren Eisbecher. Dann setze ich Patrick wieder am Auto ab und fahre zurück nach Oberiberg.

Marina war den Tag über im Café arbeiten und kommt gegen halb vier heim. Da sie unbedingt noch was machen möchte, fahren wir noch zusammen nach Brunni und fügen unseren Mythen-Besteigungen noch eine weitere hinzu. Pünktlich zum Abendessen sind wir dann wieder zu Hause und nach 2300 Hm für heute gibts ein leckeres Rösti mit Spiegelei. Bon Appetit!

Menü