Leglerhütte

Am Samstag stand ich noch bis 19.00 Uhr im Café und war gar nicht so gut gelaunt. Bis mir Falko zu Hause sagt, dass Vanessa und Patrick am nächsten Tag zu einer Hütte laufen wollen und sich freuen würden, wenn wir zwei mitkommen. Eine super Idee. Kurze Zeit später machen wir unseren Treffpunkt aus und reservieren die zwei noch freien Betten im Viererzimmer auf der Hütte.

Mit Ausschlafen wird’s allerdings dann nichts. Um 8.37 Uhr fährt unser Zug in Biberbrugg, also klingelt uns der Wecker um 6 Uhr aus den Federn. Packen, Frühstück und ab zum Bahnhof. In Pfäffikon steigen wir dann in die neue S25 Linie, die von Zürich bis nach Linthal fährt – eine super Verbindung. Im ersten Wagen warten schon Vanessa und Patrick auf uns, damit ist unsere kleine Gruppe also komplett. Kurz vor unserem Zielbahnhof beginnt Vanessa ihre steigeisenfesten (!) Schuhe zu schnüren. „Die müssen ganz fest zugebunden sein“ ist ihre Aussage, da sie sonst nach vorne rutscht und mit den Zehen anstösst. Eine wage Vorahnung, dass diese Schuhe wohl nicht die geeignetsten sind, um zwei Tage Wandern (und nicht Bergsteigen) zu gehen und wohl nicht richtig passen, bahnt sich an …

Nach einer knappen Stunde erreichen wir also den kleinen Bahnhof von Diesbach-Betschwanden. Ich glaube, wir sind die einzgen Fahrgäste die hier aussteigen – aber hier stehen auch nur ein paar Häuser. Und dementsprechend schnell haben wir nach fünf Gehminuten die Zivilisation hinter uns gelassen.

Ab jetzt geht es erst einmal steil den Berg hinauf. Auf einem kleinen Pfad durch den verwachsenen Wald erklimmen wir die ersten Höhenmeter am Übelbach entlang. Ein schöner Wasserfall, dessen Rauschen uns einige Zeit begleitet, liegt neben uns. Nach dem Waldstück wird es ein wenig flacher und auf einer Fahrstrasse erreichen wir Alpeli. Hier treffen wir auf Kühe und neugierige Murmeltiere. Nun geht es am Diesbach entlang, bis der Weg nach links steil die Alpweide hinauf führt, wo wir kurz vor Bodmenberg unsere Mittagsrast einlegen. Bis jetzt haben wir noch nicht einmal die Hälfte der zu überwindenden Höhenmeter geschafft – aber es ist ja erst Mittag und wir haben Zeit.

Da Vanessa als waschechtes Nordlicht aus Hamburg nicht so regelmässig Wandern geht und in den Bergen unterwegs ist, sind wir mit einem sehr gemütlichen Tempo unterwegs. Wir lassen uns Zeit und geniessen die schöne Landschaft, begutachten die Blumen und halten Ausschau nach Murmeltieren. Von Bodmenberg, wo wir an einem sehr schönen alten Stall vorbei kommen, geht’s weiter hinauf zur Diestalstafel. Dort verläuft der Weg endlich etwas flacher durch ein Weidegebiet. Aber dieser gemütliche Teil dauert nicht sehr lange und schon wieder zieht uns der Weg in die Höhe – irgendwoher müssen die knapp 1700 Höhenmeter bis zur Leglerhütte ja kommen!

Unterhalb des Fätschenhorns geht’s also noch mal steil bis nach Ängi hinauf. Patrick schlägt ein sehr langsames Tempo an, da Vanessa die bisherigen 1100 hm doch schon merkt. Aber sie hat sich bisher tapfer geschlagen und auch jetzt geht sie langsam aber konstant weiter. Falko und ich wollen aber etwas zügiger laufen, denn die Nebeldecke hat sich heute nicht sehr gnädig gezeigt und die Sonne versteckt sich über dieser dicken Wolkenschickt. Da wir der Nebelgrenze immer näher und auch höher kommen wird es dementsprechend kälter und wir wollen uns einfach bewegen. Also laufen wir bis nach Ängi voran und warten dort auf die beiden. Nach einer Trink- und Gummibärenpause, Fotostopp, Pinkelpause und Lange-Hosen-Anzieh-Aktion kommen Patrick und Vanessa um die Kurve zu uns. Sie brauchen nun auch erst mal eine Pause. Da uns aber schon wieder kalt wird trennen wir uns nach ein paar Minuten wieder und vereinbaren, uns oben an der Hütte zu treffen. 400 Höhenmeter haben wir jetzt noch vor uns.

Über einen gerölligen Weg steigen wir zum Ängisee auf und folgen dem Wanderweg zwischen den beiden Seen hindurch Richtung Hütte. Hier wäre sicher ein wunderschöner Platz zum Sonnenbaden und Verweilen mit einer spitzen Aussicht. Wir stecken gerade aber vollends mit unseren Köpfen im Nebel. Es ist kalt, feucht und ungemütlich und zu all dem liegt hier sogar noch ein wenig Schnee – dreckiger Schnee, der den Weg verdeckt und uns über Schrofen klettern lässt, bis wir wieder auf dem Weg sind.

Die letzten Meter ziehen sich hin. Es geht eine Serpentine nach der anderen hinauf und scheint kein Ende zu nehmen. Die Hütte ist immer noch nicht in Sicht und langsam geht auch mir die Puste aus. Und dann – ganz plötzlich – sind wir da. Die Hütte taucht hinter der letzten Geländekuppe wie aus dem Nichts auf.

Ganz modern und fast wie ein Hotel sieht sie aus. Ein helles Holzgebäude mit grauem Eingangs-Anbau. Ganz schlicht und modern – und schön. Aber so lange wollen wir uns das drum herum nicht ansehen. Erst mal geht’s hinein – Schuhe aus, Zimmer erkunden und in der Gaststube aufwärmen. Herrlich.

Nach Rivella (für uns beide) und Wienerli mit Brot (für Falko) macht sich Falko auf den Weg um Patrick „seelisch zu unterstützen“, da der letzte Wegabschnitt für Vanessa sicherlich kein Zuckerschlecken mehr sein wird, in dieser unwirtlichen Umgebung und mit nachlassenden Kräften. Aber anscheinend hat sie die letzten Höhenmeter ganz gut gemeistert und der Wunsch ans Ziel zu kommen hat sie voran getrieben, denn fünf Minuten, nachdem er los gegangen ist, steht er mit Patrick und Vanessa im Schlepptau schon wieder an der Hütte

Und dann ist Entspannung angesagt – Kaffee trinken, Himbeerkuchen (mit Rahm) essen und Gequassel. Im Aufstieg hat die Puste gefehlt, um viel zu Reden und Vanessa haben wir schliesslich seit November, als wir an der Hundsteinhütte waren, nicht mehr gesehen.

Die Leglerhütte ist eine richtig schöne SAC-Hütte. 2007 wurde sie renoviert und glänzt seit dem wie ein kleines Berghotel. Neben dem Lager gibt es kleine 4-Bett-Zimmer, saubere Waschräume, WCs in der Hütte (inkl. Verwertungsanlage im Keller) und einem gemütlichen Gastraum, in dem alte Holzelemente der früheren Hütte erhalten sind. Ein richtiges Meisterwerk. Alt- und Neubau sind durch einen Glasflur verbunden, der alles schön hell macht und draussen vorm Fenster gibt es sogar ein Hütten eigenes Kräuterbeet.

Unterhalb der Hütte steht ein Hot-Pot. Das ist ein grosses Holzfass, das mit heissem Wasser gefüllt werden und als Whirlpool genutzt werden kann. Das Wasser wird aus Abwärme des Blockheizkraftwerkes der Hütte aufgeheizt und ist somit eine Abfallverwertung der sonst überflüssigen Wärme – top Ressourcennutzung also!

Um 18.30 Uhr gibts Abendessen. Wir schlagen uns die Bäuche voll und geniessen dann des Rest des Abends ziemlich faul. Kurz stecken wir die Nase noch in die kühle Abendluft, aber um 22 Uhr verschwinden wir dann in unseren Betten.

Nach einer ruhigen Nacht erwartet uns dann ein aussichtsreicher Morgen. Der Nebel hat sich in der Nacht verzogen und das Panorama ist überwältigend. Alle Gipfel um uns herum leuchten in der goldenen Morgensonne. Ein schöner Anblick um in den Tag zu starten. 7.30 Uhr – Zmorge mit frischem Brot, Zopf und Nutella.

Dann gehts wieder hinaus. Heut wartet der Abstieg nach Schwanden auf uns. Über die Sunnenbergfurggele gehts runter zum Niderenbach, neben dem wir gemütlich herlaufen, bis wir zur Chärpfbrugg kommen. Das ist eine riesige Naturbrücke, unter der der Niderbach tösend verschwindet, um ein Stückchen weiter unten wieder wie aus dem Nichts aufzutauchen. Zeit für ein Foto.

Über Ober Stafel gehts gemütlich weiter Richtung Garichti Stausee. Konditionell ist die Etappe heute nicht so anspruchsvoll. Durch das ständige Bergablaufen tun Vanessa aber jetzt schon die Füsse weh. Die Schuhe passen einfach nicht. Sie leidet wirklich, zieht die Sache bisher aber tapfer durch. Noch haben wir aber über 1000 Höhenmeter vor uns.

Am Stausee machen wir eine kleine Mittagsrast und vernichten unsere letzten Essensvorräte. Der Abstieg vom Stausee bis nach Chis, der Talstation der Mettmenbahn, ist steil und steinig. Hier leidet Vanessa nun wirklich. Sie wackelt bei jedem Schritt herum und weiss nicht mehr, wie sie ihre Füsse aufsetzten soll, damit es am wenigsten schmerzhaft ist. Sie tut uns richtig leid, aber helfen können wir ihr leider erst mal nicht.

An der Talstation gäbe es theoretisch die Möglichkeit mit dem Bus nach Stalden zu fahren. Allerdings haben wir den letzten um ca. 30 Minuten verpasst und der nächste kommt erst in zwei Stunden. Nach einem leckeren Eis gehts also zu Fuss weiter. Noch 500 Höhenmeter. Ab jetzt ist der Weg aber flacher, was vor allem Vanessa freut. Wieder am Niderenbach entlang geht es immer Tal auswärts Richtung Schwanden.

Unterwegs treffen wir noch eine einzelne Ziege, die hinter einem Weg-Gatter steht und uns wehmütig hinterher schaut. Patrick ist am überlegen, ob sie sich hinter den Zaun „verirrt“ hat und lässt sie kurzerhand mit durchschlüpfen. Also haben wir bis Niderenstafel einen unfreiwilligen Verfolger, denn vom Besitzer war das so bestimmt nicht gedacht. An der Alp gesellt sich die Ziege allerdings zu anderen Artgenossen und wir sind unseren Verfolger losgeworden.

Ab jetzt geht es kerzengerade das Tal hinab. Ein Stückchen Strasse, dann ein Schotterweg, der als Baustellenzufahrt für viele neue Strommasten dient. Das letzte Stück unseres Weges führt uns mit angenehmen Gefällte an einem schattigen Hang nach Schwanden.

Die Linth und den Bahnhof im Blick kann selbst Vanessa wieder lachen und mit ausgelassenen Geschichten steigen wir die letzten Höhenmeter bis ins Dorf ab.

Nach kurzer Wartezeit am Bahnhof – und Stinkangriffen aus Patricks Wanderschuhen – fährt schon wieder die S25 ein. Wir steigen ein und lassen uns gemütlich aus dem Glarnerland Richtung Zürich fahren. Heute Nacht werden wir sicherlich alle früh im Bett verschwinden und sicherlich gut schlafen.

Eine tolle Zweitageswanderung im Glarnerland.

 

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