Silberen

Am Sonntag Vormittag machen Marina, Conny, Roland und ich uns auf den Weg zu einer Wanderung auf den Silberen, eine riesige flache Erhebung zwischen den Kantonen Glarus und Schwyz. Wir holen meine Eltern am schön gelegenen, mittlerweile aber geschlossenen Hotel Hildegard oberhalb von Illgau ab und kurven über das kleine Strässchen ins Muotathal hinunter. Von da aus fahren wir via Pragelpassstrasse zur Passhöhe hinauf und parkieren dort das Auto am Strassenrand.

Während hinter uns an einer kleinen Bergkapelle auf der Passhöhe gerade eine Messe statt zu finden scheint, steigen wir gemütlich über eine Alpstrasse hinauf in Richtung Alp Butzen. Es wird gleich mal richtig matschig – durch den verregneten Sommer sind die Böden feucht und die Kühe tun ihr übriges, damit es auf vielen Wanderwegen ausschaut wie in einem Wildschweinparadies.

Kurze Zeit später erreichen wir dann mit dreckigen Schuhen die Alp Butzen, wo sich der Wanderweg teilt und wir weiter durch die Karstlandschaft in Richtung Silberen aufsteigen. Auf dem gut markierten, aber teilweise recht verwachsenenen Weg gewinnen wir an Höhe. Immer mal wieder legen wir kleine Pausen ein und geniessen die Aussicht ins Muotathal und auf die gegenüberliegende Talseite, die mit ihren steilen grasbewachsenen Flanken sehr imposant wirkt.

Das Gelände wird immer mehr von dem typischen wasserzerfressenen Kalkfels dominiert. Riesige Kalkfluchten liegen vor und neben uns, es wirkt wie ein versteinertes Gerippe mit seinen vielen Wasserrillen, Löchern und Strukturen. Immer wieder passieren wir mehr oder weniger tiefe Löcher, die auf viele Dolinen hinweisen, die sich in solchen Gebieten bilden. In der Nähe am Eingang des Muotathals liegt passend auch das Höllloch, eines der längsten Höhlensysteme der Welt.

Nach rund 800 Höhenmetern Aufstieg flacht das Gelände mehr und mehr ab und es kommt endlich nicht noch ein weiterer Rücken zum Vorschein, sondern wir erreichen den Gipfel, der aber mehr ein riesiges Plateau als eine klassische „Spitze“ darstellt. Vor uns tauchen nun imposant das Glärnischmassiv sowie der Bös Fulen auf – durch die Schneemengen, die dieses Jahr auch im Sommer auf den Bergen liegen, wirkt das nun alles noch etwas grösser.

Wir suchen uns ein windgeschütztes Plätzchen und essen unsere Brote, die Marina vorbereitet hat. Nach einer ausgedehnten Rast machen wir uns langsam auf den Rückweg, wobei wir nicht wieder den gleichen Weg absteigen, sondern über den Ruch Tritt eine alternative Route wählen. Nach einer kurzen Irrrunde um das Gipfelkreuz haben wir den Weg dann gefunden und es geht wieder durch eine grossartige Karstlandschaft mit kleinen „Klettereinlagen“ durch das undurchsichtige Felslabyrinth in Richtung Tal. Unterwegs passieren wir noch eine Art Riesengämse, bei der wir erst nicht wissen um was es sich handelt – es war wohl doch nicht der Yeti, sondern nur ein etwas gross geratenes Schaf.

Immer weiter verlieren wir an Höhe, machen immer mal wieder kleine Pausen und geniessen die schöne Tour. Bei Roland werden dann allerdings doch die Knieschmerzen immer mehr und die Unterhaltungen immer weniger – für ihn ist der weitere Abstieg eher eine Tortur und die Passstrasse kommt und kommt einfach nicht näher. An einem kleinen Abzweig gibt’s nochmal Gummibären als Stärkung, bevor Marina und Conny etwas zügiger vorauslaufen, während Roland und ich langsamer nachfolgen und plötzlich durch lautes Kuhgeläute und recht unentspannt wirkendes Muhen aus dem Konzept gebracht werden. Hinter uns, beziehungsweise oberhalb von uns kommt dann auf einmal eine ziemlich aufgebracht wirkende Kuh mit Volldampf den Hang heruntergeschossen – freundlicherweise nicht auf uns zu, sondern an uns vorbei und die Weide weiter hinunter. Gut so, denn 500 – 800 kg aufgebrachtes Rindvieh sind wohl nicht so einfach zu stoppen. Wir wissen zwar nicht, was sie so aufgebracht hat, setzen aber unseren Weg dann fort und treffen bald wieder auf Marina und Conny, die auf uns warten.

Mittlerweile taucht dann endlich die Passstrasse auf und wir machen uns an das letzte Stück Abstieg. Es dauert nun nicht mehr lange und wir überholen noch ein paar Pilzsucher mit Hunden, bei denen wir glauben dass die nicht angeleinten Hunde (es steht auch überhaupt kein grosses Schild am Parkplatz zum Thema Anleinpflicht …) die Kuh vorhin aufgeschreckt haben. Marina und ich erreichen die Strasse zeitgleich mit ihnen und ihren Kötern, wobei der eine direkt Jagd auf eine Ziege macht, die dort an der Strasse steht. Charmant mache ich sie darauf aufmerksam, dass die Ziege das eventuell nicht so toll findet – ob die dummen Ladies das mit ihrem offensichtlich nicht sehr ausgeprägten Denkorgan allerdings kapieren sei mal dahingestellt.

Wir warten nun noch kurz auf meine Eltern – nach ein paar letzten Abstiegsmetern ist auch für Roland der schmerzhafte Abstieg vorbei und wir müssen nur noch ein paar Meter zum Auto laufen, welches etwas weiter hinten am Strassenrand steht.

Recht spät kommen wir dann wieder daheim an und nach einem leckeren Abendessen mit Grillwürstli und einer erholsamen Nacht, bei der man die schönen Erlebnisse und die imposante Landschaft noch mal Revue passieren lassen konnte, sind dann auch am nächsten Tag die Gliedmassen wieder entspannt, schmerzen gar nicht so wie befürchtet.

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