Von Graubünden ins Tessin über den Passo Soreda

Schon am Vorabend sind wir fleissig am Packen und die Rucksäcke für unsere Tour über den Passo Soreda werden immer voller. Bei der Gewichtskontrolle sind wir mittlerweile bei circa 14-15 kg Gepäck für Falko und zwischen 11-12 kg für mich angekommen … Das wird eine “schwere” Wanderung. Aber unser Vorhaben ist ja auch kein Zuckerschlecken. Mit Zelt, Schlafsäcken, Kocher und allem, was man für drei Tage Outdoor eben so braucht, wollen wir vom Zervreila-Stausee bis nach Curaglia oberhalb von Disentis laufen.

Am nächsten Morgen geht’s dann los: mit dem Auto bis Biberbrugg und von dort mit dem Zug über Chur bis nach Ilanz. Nun geht es mit dem Postbus für eine Stunde das Valsertal hinein, bis wir am Zervreila-Stausee ankommen. Ab hier sind das einzige Verkehrsmittel unsere Füsse!

Zuerst führt uns ein kleines Strässchen auf die Höhe der Staumauer, über sie hinaus und dann am Zervreilasee entlang. Obwohl man diese Gegend mit dem ÖV oder Auto noch gut erreicht ist sehr wenig los. Wir vermuten schon, dass wir in den nächsten Tagen nicht sehr vielen Leuten begegnen werden und freuen uns.

Nachdem wir das Ende des Sees erreicht haben, machen wir eine kleine Mittagspause und geniessen in der Sonne Brot und Käse. Unser Weg führt uns erst einmal wenig ansteigend weiter den Valser Rhein entlang und an der Lampertsch Alp vorbei. Kurz danach begegnen wir noch ein paar Eseln, bevor wir den Weg Richtung Läntahütte verlassen und rechts bergauf abbiegen. Ab jetzt ist unser Weg von steilen Grasflanken geprägt. Er schlängelt sich für die nächsten 400 Höhenmeter über einen Abbruch hinauf – erst hier merken wir, wie schwer die Rucksäcke wirklich sind …

Aber dann ist es fast schon geschafft. Der restliche Weg ist nicht mehr ganz so steil und eröffnet uns wunderschöne Ausblicke auf die umliegenden Berge. Aber nicht nur die Berge ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ab jetzt begutachten wir das Gelände ganz genau, denn irgendwo zwischen unserem aktuellen Standpunkt und dem Passo Soreda wollen wir unser Nachtlager errichten, das Zelt aufstellen, kochen und den Abend geniessen. Also Augen auf!

Wir laufen bis zu einem kleinen See auf 2573 m, wo wir endlich die Rucksäcke absetzen. Ein kleines Fleckchen Paradies, nur für uns beide ganz alleine. Hier hat es einige flache Stellen, Frischwasserzuflüsse und es ist ein wunderbares Ambiente. Wir entschliessen uns hier die Nacht zu verbringen. Beim Umrunden des Sees  entdecken wir noch einen toten Steinbock, der anscheinend abgestürtzt und am Ausgang des Sees gelandet ist. Ich bin bei dem Anblick sehr erschrocken, aber zum Glück finden wir einen optimalen Platz für unser Zelt, von dem aus man das Tier nicht sehen kann.

Dann gehts ans Auspacken, Aufstellen des Zeltes und bald fangen wir auch schon an mit Kochen. Heute gibt’s Spaghetti Bolognese. Unsere “Essecke” ist ein schöner grosser, flacher Stein mit Blick über den See. Unser Spülbecken ist ein kleiner Wasserzufluss. Beim Abendessen und danach können wir mehrere Steinböcke beobachten, die ebenfalls nach Fressbarem suchen – einfach schön.

Nachdem wir noch ein bisschen rumgelaufen sind und es langsam dunkel wird, verziehen wir uns bald in unser Zelt. Hier sind wir endlich vor dem kalten Wind geschützt, der ein gemütliches Sitzen vor dem Zelt leider unmöglich macht. Aber in unseren dicken Schlafsäcken sind wir warm und gemütlich eingepackt und schlafen wie die Murmeltiere.

Am nächsten Morgen trifft uns die Kälte aber um so härter. So schön die Aussicht ist, so kalt ist jetzt der Wind! Unser (nicht gerade tolles) gefriergetrocknetes Trekkingfrühstück – mit Preiselbeeren, Erdbeeren, Pflaumen, Milchpulver und Cornflakes gemischt mit lauwarmen Wasser – essen wir in dicken Jacken, Mützen und mit Handschuhen. Zwei Wanderer laufen schon Richtung Pass – die sind wohl sehr früh aufgestanden. Wir bauen das Zelt ab und versuchen wieder alles in unsere Rucksäcke zu quetschen, dann geht’s auch für uns wieder los.

Noch ca. 200 Höhenmeter überwinden wir bis zum Passo Soreda auf 2759 m. Leider erfreut uns der Pass nicht mit einem tollen Ausblick in weitere Täler und auf neue Berge. Hier schlägt uns erneut ein sehr kalter Wind ins Gesicht und die Gipfel sind wolkenverhangen. Wir machen nur ganz kurz Pause, dann geht’s an den Abstieg – denn der Weg ist noch weit.

Direkt nach dem Pass ist es steil, bröselig und für mich eine echte Herausforderung. Die Tiefe zieht an den Nerven und von hinten drückt auch noch der schwere Rucksack ins Tal. An ein paar Stellen müssen wir mal anpacken und “abklettern”. Technisch nicht besonders schwer, aber mit dem schweren Rucksack macht das keinen grossen Spass. Ein paar Ketten und Eisenstangen machen es leichter und dann ist der schlimmste Teil zum Glück geschafft.

Über schöne Pfade erreichen wir eine Hochebene auf 2180 m, von wo aus man schon den ein oder anderen Blick auf den Lago di Luzzone erwischen kann. Hinter einem Felsvorsprung mit Blick auf das Rifugio Scaradra machen wir Mittagspause mit Brot und Käse. Wir machen uns Gedanken über das Wetter und unsere weitere Route. Eigentlich hatten wir geplant, an diesem Tag vom Lago di Luzzone noch bis in die Greina Ebene aufzusteigen und dort zu übernachten. Die Wetteraussichten sind für die Nacht und eventuell den nächsten Tag leider nicht sehr rosig und wir überlegen, am Lago di Luzzone direkt abzusteigen. Wohin, wissen wir allerdings nicht, da wir keine Karte und im Moment auch kein Datennetz für weitere Informationen haben. Also bleibt uns erst mal nichts anderes übrig, als weiter zu laufen.

Nach unserer Pause geht es von der Hochebene das Tal entlang bis zum Lago di Luzzone. Mittlerweile konnten wir das Wetter abrufen und uns entmutigen lassen. Morgen soll es den ganzen Tag regnen … So macht das keinen Sinn. Also beschliessen wir den Rückzug. Am See angelangt laufen wir die knappen drei Kilometer bis zur Staumauer. Jetzt ist auch klar: der nächste und einzige Bus fährt hier erst in zwei bis drei Stunden. So lange wollen wir eigentlich nicht warten und beschliessen, bis nach Olivone zu laufen, das auf knappen 900m liegt – ein weiter Weg und vor allem ein langer Abstieg.

Beim Überqueren der Staumauer können wir noch einen Blick auf die längste künstliche Kletterroute der Welt (165 m) werfen, die sich an der Staumauer nach oben zieht. Ein interessanter Anblick, vor allem von oben. Da wird einem sogar mit Geländer schon schwindelig … Über Campo Blenio geht es für uns Richtung Tal. Ein Stück müssen wir noch auf der Strasse laufen, dann taucht die Strasse in den Tunnel und wir können über den ehemaligen, in den Fels geschlagenen Weg Richtung Tal laufen. Mittlerweile hat sich unsere Stimmung etwas verschlechtert. Die Euphorie von gestern ist weichen Knien, verspannten Rücken und brennenden Fussohlen gewichen. Die 2000 Höhenmeter Abstieg zehren an unseren Nerven und Gemütern und wir haben keine Lust mehr. Die speziellen und wunderschönen Ausblicke in die Schlucht des Brenno della Greina kann da nur wenig ändern.

Aber dann ist es endlich geschafft – wir sind unten in Olivone und auch noch rechtzeitig für den 14.05 Uhr-Bus, der uns nach Biasca bringt, von wo aus wir mit dem Zug Richtung Heimat fahren können.

Hinterher haben wir herausgefunden, dass das Jagdbanngebiet ab dem Passo Soreda bis über die Greine Ebene auch ein Verbot fürs Biwakieren beinhaltet. So hatte unser Abbruch dennoch eine gute Seite, sonst hätten wir vielleicht eine saftige (und berechtigte) Strafe für wildes Campieren erhalten …

Zwei wunderschöne Tage, die nach einer Wiederholung verlangen – das nächste mal mit besseren Infos zu Biwakverboten und vorzeitigen Rückzugsmöglichkeiten, ohne 2000 Höhenmeter absteigen zu müssen.

Details zur Tour

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In feinster Manier auf den Lukmanier

Nach einem Schnellkurs im Wechseln von Veloreifen nehmen wir den Pass vor unserer Ferientür in Angriff. Von Lottigna fahren wir über Olivone auf den Lukmanierpass, geniessen den wenigen Verkehr und leiden in der Abfahrt über halsbrecherische Betonplatten zurück ins Valle di Blenio.

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