Piz Bernina Biancograt

Ich hatte mich vor einer Weile bereits mit Steph verabredet, um zusammen den Biancograt zu machen. Idealerweise als Führungstour, um uns auch in diesem anspruchsvolleren Gelände besser vorzubereiten zu können. Nach einer missglückten Nadelgrat-Aktion im Wallis mit Anna und Michi beschloss ich, sie zu fragen, ob sie Lust hätten, mitzukommen. Zeit haben beide und so stiefeln wir am Sonntag, 26. August 2012 von Morteratsch aus über den Hüttenweg zur Bovalhütte, wo wir uns ein kurzes z’Mittag gönnen. Steph und ich können nebenbei noch entdecken, wie gut sich Shortbreads als Tourensnack eignen. Annas Vorrat schrumpft dementsprechend schnell zusammen.

Anschliessend geht es hoch zur Fuorcla da Boval. Der Zustieg führt erst gut markiert mit Steinmanndli, später entlang von Steigspuren in das wenig ausgeprägte Tal hinter der Hütte. Im Geröll geht es nach einem flachen Boden linkshaltend auf die Moräne und über diese hinauf bis an den mit einem roten Kreis markierten Einstieg in die Felsen. Die ersten Meter sind eher hässliche, glatt geschliffene und schuttige Platten, später überwiegt dann aber gut markierter und meist fester Fels in bombigem Gneis. Wir gehen schon in der Seilschaftsfolge wie am nächsten Tag, Steph mit Anna und ich mit Michi am kurzen Seil beziehungsweise gestaffelt. Oben an der Fuorcla gibts eine kurze Pause, bevor wir auf den erschreckend ausgeaperten Gletscher absteigen und uns an den Abstieg zur Tschiervahütte machen, wo wir gegen 17 Uhr ankommen.

Steph und ich gehen direkt nochmal los zu einer kurzen Erkundigung des morgendlichen Zustiegs zur Fuorcla Prievlusa. Das entpuppt sich als gute Idee. Mit der Kaltfront vor einem Tag wurde an zwei Stellen der Weg komplett weggespült und es haben sich üble Moränen-Schuttrinnen mit teilweise senkrechten Wänden gebildet. Die erste Überlegung war daher,  am kommenden Morgen über den Gletscher an seinem in Flussrichtung rechten Rand aufzusteigen und zu hoffen, dass wir gut über eine  Bruchzone kämen. Glücklicherweise sprechen wir dann am Abend noch kurz mit einem Bergführer, der den selben Weg schon einmal versucht hatte und aufgrund der grossen Spalten nicht durchgekommen war. Also doch eher irgendwie der Originalzustieg. 

Montag morgens ist Start um 3:30 Uhr nach einem kurzen Frühstück. Bis zur ersten Abrutschstelle geht es einfach über den normalen Weg. Dort steigen wir einige Meter hinab. um den Bachlauf und die Rinne zu queren. Danach geht’s am anderen “Ufer” wieder im losen Geröll/Schutt hinauf, bis wir wieder auf den Weg treffen. Mühsam, aber halbwegs gut machbar. Die nächste Rinne ist dann etwas delikater und Absteigen kam hier aufgrund der Höhendistanz nicht mehr in Frage. Ein Stück weiter oben können wir aber auch diese (zu allem Überfluss auch noch vereiste) Rinne queren und dann recht entspannt weiter bis auf den Gletscher laufen. Hier legen wir Steigeisen und Gurte an und seilen uns an.

Der Zustieg zum Klettersteig im linken Bereich der Fuorcla-Felsen geht gut, auch die Randkluft ist gut passierbar. Der Klettersteig selber ist zwar stellenweise vereist, im gestaffelten Kletterstil kommen wir aber gut voran. Oben in der Fuorcla erreichen uns dann die ersten Sonnenstrahlen, bevor es weiter in die Felsen geht. Wieder gestaffelt durch nie allzu schwere Felsen klettern wir in Richtung Bianco-Grat. Den letzten Turm umgehen wir links auf einem guten Band und gelangen über einen ausgeaperten Firnhang hoch an den Fuss des letzten Gendarms vor dem berühmten Firngrat.

Hier haben wir im Nachhinein betrachtet den Fehler gemacht und sind wie üblich links daran vorbei gequert, was sich als ziemlicher Mist entpuppte, denn die Flanke ist äusserst steil und ausgeapert. Wir gehen am laufenden Seil mit je zwei Eisschrauben. Für Michi und Anna ist es leider sicherlich nicht besonders toll, so lange in einer Querung auf den Frontalzacken herumzuturnen.

Oben machen wir eine kurze Pause und unterhalten uns mit zwei Japanerinnen und ihren Bergführern, die kurz vorher im Helikopter am Grat gelandet waren. Es handelte sich dabei aber dann doch nicht wie schon befürchtet um eine neue Art von “Heli-Mountaineering”, sondern um ein japanisches Filmteam, die für einen Sender eine Dokumentation über den Biancograt drehten. Na gut. Also sind wir jetzt wahrscheinlich irgendwo in Japan zu sehen, wie wir den Grat hochwuseln.

Nach unserer Pause geht’s nun endgültig los: mit Michi am kurzen Seil auf den Firngrat, der leider auch komplett aper bis blank ist. Mit geruhsamem Stapfen in einer guten Spur ist also nichts, wir gehen einige Strecken sogar in Frontalzackentechnik, da mir das sicherer ist mit einer Person am Seil. Insgesamt läuft es aber sehr gut und auch Steph und Anna kommen gut voran.

Oben auf dem Piz Bianco (einem Vorgipfel direkt nach der Firnschneide) dürfen sich die Waden dann etwas entspannen, bevor der letzte, vermeintlich kurze Teil im Fels auf den Hauptgipfel folgt. Nirgends wirklich schwierig, aber permanent ausgesetzt, wie überhaupt der ganze Grat, geht es in IIer und IIIer Gelände und mit zwei Abseilstellen an den letzten Aufschwung vor dem Gipfel. Der sieht wüster aus als er ist und in einfacher kombinierter Kletterei geht es für Michi und mich dann nach rund neun Stunden hoch auf seinen ersten 4000er – Respekt! Und das Ganze dann noch mit einem grummelnden Magen/Darm, der nicht immer das gemacht hat, was er auf so einer Tour soll. Steph und Anna folgen kurze Zeit später, auch für Anna eine wirklich coole Tour, die sie super gemeistert hat!

Der Abstieg über den Spallagrat geht dann relativ zügig vonstatten, wobei auch das kein einfacher Weg ist. In keiner Weise ist er vergleichbar mit “einfachen” Normalwegen wie am Piz Palü oder Weissmies. Ausgesetzte Passagen und einfache Kletterei führen zu mehreren Abseilstellen. Ich frage mich, ob notwendig ist, dass es hier nicht eine Abseilstelle, sondern gleich drei oder vier direkt nebeneinander gibt. Aber gut. Wir schweben am Seil hinunter und nehmen die letzten Meter im Gletscher-/Schneepflotsch zur Marco-e-Rosa Hütte in Angriff. Nach mittlerweile knapp zwölf Stunden sind wir froh, erstmal aus dem absturzgefährdeten Gelände raus zu sein und auch bei Steph und mir kann sich die Konzentration nun mal etwas entspannen.

Nach einer ausgedehnten Pause machen wir uns (mittelmässig motiviert) wieder auf, um den Abstieg nach Morteratsch in Angriff zu nehmen. Es geht in einer guten Spur über die Bellavista-Terrassen am Crast d’Agüzza vorbei bis nahe der Fuorcla Bellavista, wo wir nach links auf den Fortezzagrat einschwenken. Diesen steigen wir hinunter bis an die Felsen und über gut eingerichtete Abseilstellen gelangen wir zügig hinunter, bis wir wieder auf den Gletscher kommen.

Hier erwischen wir leider nicht den besten (auch direkteren) Weg und brocken uns damit noch ein bisschen mehr Zeit ein. Das reisst es aber im Grunde genommen nun auch nicht mehr raus. Bis wir am Isla Persa sind, hat es bereits angefangen zu dämmern und wir holen nochmals die Stirnlampen aus dem Rucksack. Über den gut markierten Steig geht es hinab auf den Vadret Morteratsch, den wir gegenüber der Bovalhütte betreten. Ein letztes Mal gilt es, Steigeisen anzulegen und dann müssen wir den mittlerweile vor allem an der Zunge völlig veränderten Gletscher hinabgehen. Dabei möchten wir möglichst noch eine gangbare Stelle finden, was nicht ganz einfach ist. Im Tageslicht nicht allzu schwer, im Dunkeln brocken wir uns jetzt leider doch noch ein oder zwei Umdreher und Suchaktionen ein. Im Grossen und Ganzen geht es aber recht gut voran und wir sind ziemlich froh, als wir um 22:30 Uhr den Gletscherlehrpfad erreicht haben. Die letzten 40 Minuten geht es müde und im Mondlicht zurück nach Morteratsch und zum Auto, wo wir um kurz nach 23 Uhr ankommen.

Details zur Tour

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Firsthöreli

Mit Anna und Michael geht es ins Bisistal, von wo aus wir eine einfache Skitour auf das Firsthöreli unternehmen. Für beide der Saisonauftakt, für mich eine schöne Tour mit ein paar tollen Hängen und sehr gutem Schnee.

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