Brunnistock

#storySchnee

4:30 Uhr, der Wecker klingelt. Mistding! Ich muss aber aufstehen, denn um sechs treffe ich mich mit Fabian in Schwyz, von wo aus wir ins Isenthal nach St. Jakobs fahren wollen.
Am Vierwaldstättersee entlang geht es nach Altdorf und von dort die mehr als abenteuerliche Strasse nach Isenthal hinauf. In St. Jakobs stellen wir das Auto ab, es sind nur relativ wenige andere Tourengänger da, was sicherlich daran liegt, dass noch keiner dieses Jahr die Tour auf die üblichen Touren-Foren wie gipfelbuch.ch oder ähnliches gestellt hat. Zum Glück, so bleibt mehr Spass für uns.

Wir laufen los, vor uns liegen 2000 Hm Aufstieg, die ersten 1300 davon im totalen Schatten des riesigen Talkessels, der ziemlich erdrückend wirkt. Zuerst einmal laufen wir einige Zeit die verschneite Alpstrasse entlang, um in den hinteren Teil des Talkessels zu gelangen, den sogenannten Bösenboden. Das ist recht eintönig, aber immerhin legt man hier schon einmal rund 5 km Strecke zurück, ohne nennenswert an Höhe zu gewinnen. Gut zum Warmwerden.

Am Bösenboden machen wir dann eine kurze Trink- und Esspause, bevor es ab hier dann steiler im Gelände hinauf unter die riesige Mauer des Chli Schloss und Gross Schloss geht. Stetig in Spitzkehren schrauben wir uns höher und höher, überholen langsam einen Grossteil der vor uns laufenden Tourengänger und erreichen schliesslich die grosse Querung, die uns direkt unter den Uri Rotstock bringt. Hier steilt das Gelände noch einmal kräftig auf, mit knapp 40° Neigung nichts für heikle Lawinensituationen. Im Moment haben wir aber geringe Lawinengefahr und die Hänge machen auch einen stabilen Eindruck. So können wir nach 800 Hm zügigem Durchlaufen seit dem Bösenboden endlich ins Tageslicht wechseln, als wir über die Kante beim Gitschenhöreli (einer kleinen und unbewarteten Hütte) steigen und abrupt vom Schatten und aus den steilen Hängen in die Sonne und auf die weitläufige Landschaft des Blüemlisalpfirns gelangen.

Es gibt jetzt erst einmal eine Pause, wo wir uns aufwärmen und etwas zu Essen zu uns nehmen. Dann folgt eine kurze Abfahrt mit Fellen und offener Bindung (da schaut man immer besonders elegant aus … ) hinunter auf den Gletscher, der gefühlt auch jedes Jahr immer mehr an Höhe verliert. Wahrscheinlich nicht nur gefühlt … Dann folgen wir einer vorhandenen Spur in einem riesigen Rechtsbogen, um so auf die Gletscherterrasse unterhalb des Blackenstocks und Brunnistocks zu gelangen. Zwischendurch gibt’s noch einmal eine kleine Esspause, da ich merke, wie ich langsam in den Unterzucker reinlaufe und das möchte ich möglichst vermeiden.

Nun queren wir lange unterhalb des Blackenstocks hindurch, um zum Skidepot am Brunnistock zu gelangen. Man hat das Gefühl wie auf einer kleinen Mini-Haute-Route hier oben, weitläufiger Gletscher, steile Felsberge drumherum, richtig schön. Am Skidepot angekommen binden wir die Ski auf den Rucksack, wir wollen in der Abfahrt direkt vom Gipfel abfahren und nicht wieder zu Fuss absteigen. Dann folgen die letzten rund 150 Hm, die sich zu Fuss mit den Ski auf dem Buckel noch mal recht ziehen, aber irgendwann sind auch sie vorbei und wir erreichen nach 4:15 Stunden den Gipfel des Brunnistocks bei bestem Wetter.
Tiptop gelaufen, jetzt gibt es erst einmal einen Blick auf die beeindruckende Gipfelwächte, die beim Betreten das Abenteuer ganz schnell 900 Meter tiefer enden liesse. Anschliessend gibt’s noch was zu Essen, bevor wir unsere Felle abziehen und in die Bindungen steigen, um vom ziemlich kalten und zugigen Gipfel abzufahren.

Wir rutschen einige hundert Meter nach links querend ab, um so in die fahrbaren Hänge zu kommen. Hier geht’s für einige Meter recht steil hinunter, bis wir nach ein paar Schwüngen dann wieder auf dem Blüemlisalpfirn stehen. In einer langen Querung fahren wir nicht wie die anderen direkt wieder hinunter über den Gletscher, sondern versuchen es weiter westlich, wo ich im Aufstieg noch schöne, unverspurte Hänge gesehen hatte, die auch nach gutem Schnee aussahen. Gesagt, getan und sie entpuppen sich wirklich als schönes Gelände, wo wir schnell an Höhe verlieren und hinunter pfeifen auf den flacheren Bereich des Gletschers. Lustig sind unsere völlig unterschiedlichen Fahrweisen anzuschauen: wo ich mit drei oder vier grossen Turns eher den Freeride-Stil fahre, fährt Fabian mindestens zwölf kleine Bögelchen. Aber jeder wie er es möchte.

Am Gletscherende müssen wir die Ski noch einige Meter zu Fuss wieder hinauftragen, nochmals anfellen würde sich hier nicht wirklich lohnen. Dann geht es wieder in den Schatten hinunter, in den grossen Talkessel vom Isenthal. Davor legt sich Fabian allerdings noch an einer völlig harmlosen Stelle auf die Schnorre – nicht weiter schlimm. Nur beim Aufstehen stellt er fest, dass es im Schritt etwas kühl ist. Man könnte jetzt sagen, das hat der Falko doch letztens erst geschrieben. Richtig, hat er. Und was ist nun bei Fabian passiert? Richtig, seine Hose ist durch den Sturz im Schritt aufgerissen. Arggh! Zum Glück in seinem Fall „nur“ an der Naht, vielleicht kann da der Hersteller noch etwas machen.
Wir starten nun in den langen Teil der Abfahrt. Der erste Hang entpuppt sich als – naja. Bescheiden oder wie auch immer. Völlig zercharret, wie man hier sagt. Also schnell diesen Scheiss hinter uns lassen, weiter links wird es dann besser und wir finden auch noch den ein oder anderen Pulverschneehang, den wir hinunter schiessen können. Schnell sind wir wieder am Bösenboden, hier erwarten uns dann noch einige hundert Meter delikater Bruchharsch vom feinsten, bis wir wieder auf der Alpstrasse stehen, wo wir die letzten Höhenmeter und noch mal einige Kilometer zurück zum Parkplatz fahren können.

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