Chläbdächer und Rütistein

Die Natur bestimmt die Regeln. Die klare Botschaft an den Chläbdächern lautet: lass es. Gut, wenn man einen Plan B hat und die Skitour doch noch einen Gipfelerfolg bereit hält.

Für den heutigen Karfreitag gibt es wettertechnisch einen kleinen Lichtblick in der sonst seit Mitte der Woche doch eher durchwachsenen Wetterlage. In der letzten Nacht und am Donnerstag gab es noch einmal Neuschnee. Nicht richtig viel, aber eine gute Pulverauflage ist doch noch hinzu gekommen. Da heute sonst nicht viel auf dem Programm steht, entscheide ich mich für einen Versuch an den Chläbdächern. Das ist ein flacher Gratrücken zwischen dem Twäriberg und dem Druesberg. Im Winter steigt man hier meistens “nur” auf einen Punkt am Gratanfang und geht gar nicht bis zum eigentlichen Gipfel, da der weitere Aufstieg recht exponiert und im Winter heikel ist.

Start in Weglosen

Ich starte also wieder einmal ab dem Parkplatz in Weglosen und marschiere die ersten Meter auf der “Piste” der Talabfahrt entlang. Die ist aber bereits geschlossen, so dass hier keine Präparierung mehr stattfindet. Linker Hand geht es hinauf zum Schlittelweg zur Druesberghütte und dann auf diesem entlang, bis ich an einen Abzweig ungefähr auf der Hälfte der Strecke komme. Bis hierher konnte ich den vorhandenen Spuren folgen, hier heisst es nun aber wie erwartet selber Spuren.

Das wundert mich nicht, denn mit der aktuellen Lawinensituation fallen Twäriberg, Druesberg und Forstberg definitiv aus, und nur zu diesen muss man ebenfalls hier entlang. Und eben zu den Chläbdächern, so wie ich mir das heute einmal anschauen möchte. Die Betonung liegt allerdings auf anschauen, denn der letzte Hang hinauf auf den Grat ist stellenweise über 30° steil und liegt in einer grossen Mulde, die oft eingeblasen ist. Ich mache mir gar keine übermässig grosse Hoffnung, dass ich heute überhaupt dort hinauf komme, aber Anschauen kostet ja nichts.

Einsames Spurenlegen im glitzernden Schnee

Jetzt muss ich aber erst einmal noch einiges an Höhe gewinnen und spure mir meinen Weg durch das kupierte Gelände hinauf. Der Neuschnee glitzert herrlich in der Sonne. Es kommt mir gar nicht vor wie April, sondern eher wie tiefster Winter im Januar. Gleissende Hänge, keine Spuren… Am liebsten würde ich sofort wieder abfellen und die Hänge hinunter fahren.

Möglichst flach lege ich mir meine Spur immer weiter hinauf. Drüben am Rütistein sind noch einige Tourengänger unterwegs, sonst sehe ich kaum jemanden. Kein Wunder, die Jahreszeit für die klassischen Voralpentouren ist längst vorbei. Und das heisst auch, dass es zumindest am Rütistein eine Spur gäbe – meinem Plan B, falls es mit den Chläbdächern nicht klappen sollte.

Der Schnee ist zum Glück nicht grundlos tief, es hat insgesamt vielleicht 20 cm Neuschnee gegeben, mit der Höhe natürlich leicht zunehmend. Hier im unteren Teil war der Windeinfluss nicht so stark, weiter oben sehe ich allerdings schon deutliche Dünen in der Schneeoberfläche.

Nach rund 500 Höhenmetern Spurarbeit erreiche ich dann eine Kuppe am Chalberalpli auf rund 1821 m Höhe, von der aus ich den eigentlichen kritischen Schlussanstieg gut einsehen kann. Bei einem kleinen Snack begutachte ich die Sache, komme aber recht schnell zum Schluss, dass das eher ungemütlich werden könnte. Deutliche Windzeichen mit Triebschnee, den es in die grosse Hangmulde eingeblasen hat und keinerlei Spuren. Hinzu kommt, dass diese Tour ohnehin nicht so häufig begangen wird. In Kombination mit der Tatsache, dass ich alleine bin und der Hang hinter einer Kuppe in einer Mulde liegt, wo einen möglichen Lawinenabgang auch kein Mensch bemerken würde, blase ich den weiteren Aufstieg hier ab und wende mich meinem zweiten Plan zu, noch auf den Rütistein zu steigen.

Plan B: Rütistein

Dazu muss ich aber erst kurz abfellen und unterhalb des Twäribergs hinduch queren, um zur Aufstiegslinie auf den Rütistein zu gelangen. Es geht rund 150 – 200 Höhenmeter wieder hinunter in bestem Schnee, da freut man sich schon richtig auf die Abfahrt später. Unterhalb des riesigen Hanges, der zum Twäriberg hinaufführt, muss ich einen mächtigen Lawinenkegel queren. Die Lawine ist sicherlich bei den starken Regenfällen der vergangenen Tage runtergekommen und wirklich beeindruckend. Steinharte riesige Brocken versperren die direkte Durchfahrt und ich kurve einige Meter tiefer um den Kegel herum. In einigem Abstand zum Wandfuss der Twäriberg-Flanke rutsche ich nun so weit es geht in Richtung Druesberghütte. Dann mache ich einen Stopp, um die Felle wieder anzulegen und den Aufstieg zum Rütistein-Gipfel in Angriff zu nehmen.

Da ich nicht bis zur eigentlichen Aufstiegsspur gerutscht bin, spure ich nun erneut vor mich hin und halte mich dabei schräg nach links, um unterhalb der Steilstufe des Rütisteins wieder auf die “gemahde Wiesn” zu treffen. Mittlerweile kommen mir bereits einige Tourengänger wieder in der Abfahrt entgegen und jodeln fröhlich vor sich hin. Die Schneebedingungen machen heute natürlich jedem Freude und es gibt noch sehr viel unverspurtes Gelände.

Die kritische Lawinensituation bestätigt sich

Kurz vor der Steilstufe muss ich dann ein paar Meter queren. Und hier zeigt sich, dass die Entscheidung, an den Chläbdächern abzubrechen, wahrscheinlich goldrichtig war. In der ungefähr gleichen Exposition hat der Wind hier vor dem Neuschneefall die darunter liegende Schneeschicht glatt und eishart abgeblasen. Der Neuschnee liegt mit nur wenig Halt, aber gebunden darauf. Das ist für mich hier jetzt zwar mühsam, weil man immer mit der obersten Schicht wegrutscht, aber es ist zumindest nicht kritisch, da die Hangneigung flach ist. An den Chläbdächern wäre das aber sicherlich auch so gewesen. Und das bei einem grossen, ungegliederten Hang – das muss nicht sein.

Die Steilstufe hinauf ist es etwas mühsam, da ich auch zu faul bin die Harscheisen zu montieren, aber es geht so halbwegs. Nicht elegant, aber im Moment schaut keiner zu. Oben stoppe ich kurz und werfe ein paar Trockenfrüchte in den Tank. Seit einiger Zeit habe ich irgendwie relativ schnell Probleme mit einem beginnendem Hungerast und muss sehr aufpassen, dass ich immer genug zu Essen intus habe. Danach mache ich mich auf die letzten Höhenmeter hinauf auf den Gipfel, wo noch rund zehn andere Tourengänger zugegen sind.

Die Abfahrt wartet schon

Westlich beginnen bereits die ersten Wolken aufzuziehen und so halte ich mich nicht allzu lange auf, um nicht noch in den Nebel hinein zu kommen. Das wäre schade bei dem tollen Schnee, der mich weiter unten erwartet. Ausserdem sind hier noch ein paar Exemplare der Kategorie “Permanent-die-Klappe-offen” auf dem Gipfel. Eigentlich wäre es hier schön still und es darf natürlich auch gerne geredet werden, aber ob man hier in Stammkneipen-Lautstärke seine mässig intelligenten Phrasen in die Welt posaunen muss, das sei mal dahin gestellt.

Also abfellen, essen und trinken und ab in die Bindung. Dann stiebe ich los nach unten, rutsche die Steilstufe hinab und pfeife ziemlich zügig den Hang in Richtung Druesberghütte beziehungsweise Schlittelweg runter. Der Schnee ist wirklich noch sehr gut, auch wenn sich bereits wieder die Erwärmung bemerkbar macht und er mit sinkender Höhe immer schwerer wird. Aber auf dem Schlittelweg ist weniger das ein Problem, sondern eher der gute Mann, der plötzlich von links aus dem Dickicht auf den Weg geschossen kommt. Mit einem etwas gewagten Ausweichmanöver kann ich dem Waldschrat aber noch ausweichen und fahre die letzten Meter hinab nach Weglosen, das letzte Stück bereits in ziemlich nassem und schwerem Schnee. Am Auto angekommen erreichen der Schrat und seine Gruppe auch den Talboden und er entschuldigt sich zumindest noch für sein abruptes Auftauchen – immerhin.

Details zur Tour

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