Winterhorn

Nachdem der Ostersamstag dieses Jahr wettertechnisch eine einzige Katastrophe war, gehen wir davon aus, dass sich dies heute ändern wird. Der Wetterbericht lässt hoffen und so kam Annika schon am Samstag Abend zu uns nach Oberiberg, um sich am Sonntag morgen die Anfahrt aus Konstanz zu sparen.

Zudem kommt Patrick noch mit. Der war die letzten zwei Tage im Tessin wandern und klettern und übernachtet heute Nacht in seinem Camping-Bus direkt an unserem morgigen Startpunkt. Weiterhin wollen noch Anna und Micha mitkommen. Bei ihnen kommt es allerdings anders – Anna ist gerade ca. im dritten Monat schwanger und an diesem Morgen hatte sie ziemlich mit der typischen Morgenübelkeit zu kämpfen. So bleiben die beiden lieber daheim und lassen es gemütlich angehen. Damit schrumpft unser Grüppchen von sechs wieder auf vier Teilnehmer, aber das ist ja auch in Ordnung.

Treffpunkt ist an der Sperre zur Gotthardpassstrasse in Hospental kurz hinter Andermatt. Pünktlich auf die Minute treffen wir um 9:00 Uhr ein. Patrick wartet schon auf uns, wir sind aber etwas verwirrt. Während unserer Anfahrt hat er uns ein SMS geschrieben mit dem Hinweis, dass er gerade in der Sonne stehe. Als wir ankommen und aus dem Auto steigen ist es aber kein bisschen sonnig, sondern kalt, sehr windig, leichtes Schneegestöber und über uns hängt eine dicke Wolkendecke. Aber gut, er behauptet steif und fest vor zehn Minuten war hier Sonne – jaja.

Im kalten Wind machen wir uns also abmarschbereit. So warm wie heute war ich noch nie zu einer Skitour angezogen – langes Unterhemd, Wollshirt, Woll-Fleecejacke und darüber noch die Softshelljacke. Zudem die dicke Mütze, Sonnenbrille gegen den Wind und die dicksten Handschuhe die ich besitze. Es soll sich noch herausstellen, dass dies für heute eine gute Kombination ist, die ich während des kompletten Aufstiegs anbehalten werde.

Beim Loslaufen weht uns ein eisiger Wind um die Nase und wir frieren sichtlich. Das erste Stück der Route führt uns der Gotthard Passstrasse entlang, die im Winter geschlossen und eingeschneit ist. Gleich nach dem ersten Strassentunnel verlassen wir allerdings die Strasse und stechen nach rechts in den Hang Richtung Chämleten. Wir erklimmen in unglaublich schlechter Sicht einen kleinen Rücken, auf dem wir weiter aufsteigen.

Eigentlich war bis vor einigen Jahren an Winterhorn ein kleines Skigebiet mit zwei Liften in Betrieb. 2008 wurde dies aber stillgelegt und in Zusammenhang mit dem Ausbau der Andermatt-Oberalp-Sedrun Arena soll das Gebiet unter Landschaftsschutz gestellt werden (um die Umweltverbände zu besänftigen, die heftig protestiert haben gegen den Ausbau und den Zusammenschluss der Skigebiete Andermatt und Sedrun).  Jedenfalls wurde mit dem Rückbau der Anlagen in 2013/2014 begonnen. Die Sessel der Bahn wurden z. B. in Tschechien für einen “neuen” Lift wiederverwendet und im Moment stehen hier nur noch die Liftmasten mit den eingehängten Stahlseilen.

Von all dem sehen wir allerdings nicht all zu viel. Der Nebel ist mal dicht, mal sehr dicht und die Sicht schwankt zwischen 20 und ganz selten mal 100 Metern und dementsprechend schwierig ist die Orientierung. Falko hat aber zum Glück noch daran gedacht unser neues Spielzeug einzupacken und heute wird es gleich auf die Probe gestellt. Mit GPS in der Hand spurt Falko also voraus und wir drei stochern wie die blinden Hühner hinterher. Immer wieder tauchen die Stahlseile über uns aus dem Nebel und nach einiger Zeit erreichen wir die Bergstation des ersten Lifts. Hier war früher das Bergrestaurant Lückli. Leider hat es nicht mehr geöffnet, trotzdem machen wir einen kleine Pause in einem Windkolk, welcher sich am Haus gebildet hat. Wirklich viel Schutz vor dem bissigen Wind bietet er nicht, aber besser als nichts.

Nun kommen noch zwei weitere Skitourengeher zu uns, die wir weiter unten überholt haben. Sie sind im dichten Nebel wohl unseren Spuren gefolgt und stecken plötzlich ganz überraschen mit im Windkolk – blöd, wenn man selbst nicht weiss wo es lang geht und die “Führungstruppe” eine Pause macht. Als wir weitergehen, überholen wir die zwei kurz darauf natürlich wieder… So wird das bis zum Schluss gehen.

Wir stochern also weiter durch den Nebel, bis wir an der Bergstation des zweiten Liftes ankommen. Auch hier machen wir noch eine kurze Pause. Weiter geht es auf einem kleinen Rücken, der uns Richtung Gipfel führt. Für ein paar wenige Sekunden gewährt uns der Nebel freien Blick auf den Gipfel, dann ist es aber schon wieder vorbei – alles dicht, alles weiss – oben, unten, links, rechts. Wir hoffen allerdings, dass es vielleicht doch noch aufreisst – wie es im Wetterbericht angekündigt war. Also weiter bergauf!

Kurz bevor es an eine Querung unterhalt des Gipfelhangs geht, beraten wir allerdings nochmal. Die Hänge, unter welchen wir queren müssen, sind steil und die Lawinensituation nicht gerade entspannt. Wir können die Hänge durch die Wolken nicht sehen und die Situation somit nicht beurteilen. Wir warten rund zehn Minuten im eisigen Wind und hoffen, dass uns der Nebel noch einmal kurz die Chance gibt, einen Blick auf die Hänge zu werfen, aber leider wird uns dieser Wunsch nicht erfüllt – weiterhin völliges Whiteout! Unsere zwei Verfolger haben uns mittlerweile auch eingeholt, stehen in fünf Metern Entfernung und warten, wo es lang geht…

Für uns ist die Tour hier vorbei – und für unsere Verfolger damit auch. Wir beschliessen, nicht weiter zu gehen und hier umzukehren. Also fellen wir ab und los geht’s Richtung Tal. Der Schnee ist meist gut zu fahren und das Gelände ist herrlich. Wenn wir jetzt noch etwas sehen würden, wäre es eine traumhafte Abfahrt. So stochern wir runter und hoffen, den Vorausfahrenden nicht aus den Augen zu verlieren. Teilweise ist es wirklich schwierig nur nach Gefühl und ohne Sicht zu fahren. Manchmal bleibe ich plötzlich nach einer Kurve stehen, weil ich “bergauf fahre”, da ich keine Konturen erkenne und die Neigung nicht einschätzen kann. Ein sehr lustiger Fahrstil. Zudem fahre ich immer noch mit beiden Stöcken in der rechten Hand, da der linke Daumen immer noch schmerzt… Ein Gehampel, das seinesgleichen sucht.

So schrauben wir uns also an unserer Aufstiegroute entlang wieder Richtung Tal. Auf den letzten 200 Höhenmetern wird die Sicht dann besser und wir nutzen die Gelegenheit, um noch ein paar “Action”-Fotos zu schiessen, bevor der Nebel wieder alles dicht macht. Auf der Passstrasse angekommen, stöckeln wir durch den Tunnel und lassen uns die letzten Meter in Richtung der Autos gleiten. Hier angekommen scheint dann tatsächlich zumindest im Tal die Sonne.

Im Anschluss folgt noch der obligatorische Café/Bistrobesuch. Diesmal waren wir im Spycher, um uns mit Pizza beziehungsweise leckeren Schoggi-Kuchen zu versorgen. Danach nimmt Patrick mich in seinem VW-Bus nach Schwyz mit, wo der kleine Fiat auf mich wartet und ich nach Hause fahre. Annikas und Falkos Programm geht noch weiter. Die beiden fahren heute noch ins Wallis, um morgen das Brudelhorn zu besteigen.

Details zur Tour

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