Schöllenen Fieberwahn

#storyFels

Die Entscheidung, doch nicht ins Glarnerland zum Klettern zu fahren, treffen Steph und ich spontan an der Kreuzung am Bahnhof Pfäffikon und biegen in Richtung Gotthard ab. Hinter Göschenen geht es noch ein kurzes Stück die Strasse nach Andermatt hinauf, bis wir in der „Inox“-Kurve parkieren können. Von dort aus geht es in rund zehn Minuten durch eine Art Klein-Dschungel an den Fuss der Schöllenenwände.

Wir beschliessen, in die Route „Fieberwahn“ (6a) einzusteigen, item Plaisir-Führer eine schöne und „super“ abgesicherte Tour. Bei den glatten Granitplattenfluchten, wo man nicht unbedingt noch selber etwas legen kann, ist uns der ein oder andere Bohrhaken dann doch recht willkommen. Die erste Seillänge geht Steph vor, hier ist die Absicherung dann auch erstmal völlig in Ordnung. Es ist erst immer wieder eine kurze Eingewöhnungsphase, wenn man schlicht und ergreifend einfach nichts zum Greifen hat und sich immer nur auf seine in flachen Dellen stehenden Füsse verlassen muss, aber ein besseres Training für die Fusstechnik gibt es wahrscheinlich kaum. Das ist sicherlich auch der Grund, warum diese Art der Kletterei mittlerweile nicht mehr sehr in Mode ist, die Technik „Hinpacken und ziehen“ aus der Kletterhalle funktioniert so eben nur in steilen Klettergebieten.

Die zweite Länge ist auch noch recht gut zu machen, in der dritten müssen wir uns dann mit der ersten Schlüsselstelle auseinandersetzen, eine kurze und steile Platte, die frei 6b wäre. Steph versucht die Stelle, kommt dann aber wieder zurück. Ich bin dran: frei und ohne Hakenhilfe – kein Plan. Der Wortschatz an Flüchen wird arg strapaziert, so funktioniert es aber offensichtlich nicht. Technisch (mit einer Trittschlinge) komme ich dann drüber, so ist es ja laut Topo auch grundsätzlich gedacht. Trotzdem wäre es noch cool gewesen, die Stelle frei zu machen, aber auch im Nachstieg sieht Steph da wenig Land. Es ist wohl wirklich einfach: Man stelle seine Füsse auf eine rund 80° geneigte Granitplatte und vertraue ihnen. Hmpf …

Vierte Seillänge: Steph ist wieder dran, die ersten  Bohrhaken sind noch sichtbar, der Abstand zwischen erstem und zweiten aber schon mit der Kategorie „Grounder“ zu bewerten. Das Ganze auch wieder auf einer schweineglatten Platte. Super Sache. Dann kommt wieder ein Haken und dann sind die restlichen zwei oder drei Bohrhaken durch Steinschlag oder Lawinenabgänge aus dem Winter völlig unbrauchbar und umgeschlagen oder in einem Fall sogar komplett abgerissen. Wahnsinn, was da für Kräfte wirken. Steph findet es offensichtlich aber im Moment nicht so wahnsinnig toll und beschliesst, die Platte ablassend zu umgehen. Im Nachstieg sollte es dann ja für mich gehen. Für’s Erste ist Steph jetzt aber mal am Suchen, zehn Meter hierhin, zehn Meter dorthin und auf der Suche nach dem nächsten Stand. Das verdammte Ding ist aber einfach nicht zu finden und das Seil ist auch mittlerweile aus. Nach ewigem Gebastel baut er dann an einem einzelnen Zwischenhaken und einem mehr als windigen Friend (den er allerdings auch gleich hätte weglassen können ) einen Stand und holt mich nach. Dummerweise muss ich nun in dieser Platte noch einen Quergang machen, dadurch, dass der nächste Haken aber ewig weit links sitzt ist Stürzen hier genauso wenig angebracht wie im Vorstieg. So eine Scheisse. Völlig tritt- und grifflos schleiche ich mich über die Platte, der permanente Griff ins Magnesiabeutelchen ist etwas lächerlich, ich kann mich sowieso nirgendwo festhalten. Aber es scheint die Nerven etwas zu beruhigen und ich komme sturzfrei über diesen Schrott hinweg zu unserem bombastischen Standplatz.

Auch ich suche nun nochmal nach dem eigentlichen Stand, kann ihn aber nirgendwo finden. Steph ist praktischerweise auf seiner Suche schon etwas in die nächste Wandstelle eingestiegen und hat da schon zwei Expressschlingen geklinkt, die nun noch da hängen. Also steige ich die nächste Länge noch vor, klippe die zwei und noch eine dritte Schlinge, die ich gerade noch so in den auch völlig zerstörte Haken hängen kann – die restlichen 25 Meter kann ich dann ohne Zwischensicherung durchsteigen. Legen von Friends oder Klemmkeilen ist auch nicht, nochmal kräftiges Fluchen ist angesagt. Wenigstens finde ich den nächsten Stand und kann den Runout hier beenden. Steph kommt nach und wir beschliessen, das Event hier zu beenden – wenn es mit den Haken so weiter geht und man immer mitten in einer haltlosen Platte feststellt, dass man nicht mal Klippen kann, dann ist die Alternative meist nur „Augen zu und durch“ oder in uneleganter Form irgendwo aufzuschlagen. Das braucht’s dann doch nicht.

Das Abseilen geht nun recht flott vonstatten, unten angekommen, vespern wir etwas und beschliessen dann, auf der Rückfahrt noch im Klettergarten Chämiloch bei Seewen SZ einen Zwischenstopp einzulegen, um noch ein paar gemütliche Routen zu klettern. Inmitten des dort leider üblichen Piss-Geruchs können wir noch ein paar neue Touren klettern und machen uns danach auf den Heimweg.

Und die Moral von der Geschicht‘:
Eigentlich war es schön in der Schöllenenschlucht. Die Herangehensweise mancher Kletterführer-Autoren, sich nur die Infos vom Erstbegeher einzuholen und dann einfach mal die Absicherung als „super“ zu bezeichnen, ist allerdings schon etwas seltsam. Die eigentliche Kletterei dagegen ist wirklich schön, der Fels ist bombastisch und fest. Zwar ist der Strassenlärm etwas mühsam, aber das Ambiente in der Schlucht dafür schon toll. Vielleicht das nächste Mal doch den „Wädlichlimser“ daneben wählen – der scheint etwas häufiger begangen zu werden und ist wohl wirklich noch recht passabel abgesichert.

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