Rennrad-Feuertaufe an der Ibergeregg

#storyVelo

Eigentlich wollten wir heute nach Graubünden und eine lange und höhenmeterreiche Strecke fahren. Im Osten ist nun aber nicht so gutes Wetter angesagt und so entscheiden wir uns für eine Tour vor unserer Haustüre. Mit meinem neuen Rennvelo will ich das erste Mal die Ibergeregg bezwingen – und zwar von Schwyz her. Das habe ich zwar schon länger vor, aber noch nie gemacht, weil der Anstieg lang und steil ist und ich gehörigen Respekt vor dieser Tour habe.

Heute bin ich aber motiviert und so geht’s nach einem ausgiebigen Frühstück los. Zuerst rollen wir nach Unteriberg und fahren weiter Richtung Sihlsee und Euthal. Hier ist die Strasse schön flach und wir kommen gut voran. Direkt nach Euthal fahren wir nicht über das Viadukt nach Gross, sondern biegen erst mal in Richtung Willerzell ab. So können wir auf der weniger befahrenen Seite des Sihlsee fahren und haben nicht so viele nervige Autos um uns herum.

In Willerzell biegen wir dann auf das längere, dafür schmalere Viadukt nach Einsiedeln ab. Gleich am Ende winkt der erste kleine Anstieg durch Birchli zur Hauptstrasse zurück. Auf der Kantonsstrasse biegen wir dann nach Einsiedeln ab, rollen schnell die Steigung Richtung Friedhof und Kloster hinunter, um dann mitten durch Einsiedeln zu fahren. Seit meinem kleinen Velounfall vor zwei oder drei Jahren habe ich an dieser blöden, unübersichtlichen Kreuzung in Einsiedeln etwas Angst, dass mich ein Autofahrer übersieht. Aber es hilft nichts, wir müssen ja weiter.

Wir wuseln uns also durch die kleine Stadt, am Bahnhof vorbei Richtung Bennau. Bevor wir dort hin kommen, wartet allerdings noch der fiese Aufstieg von Schnabelsberg auf uns. Diesen Anstieg hab ich schon immer gehasst, als wir noch in Bennau gewohnt haben und jetzt muss ich ihn wieder fahren. Irgendwie komme ich da einfach nicht drum herum. Also strample ich im „Maria-Hilf-Gang“ – also dem einfachsten Gang, den meine Schaltung her gibt – dem Restaurant Berghof entgegen. Kurz darauf ist die Steigung überwunden und von nun an wieder gemeinsam (Falko wartet ja oben immer brav) geht’s in der Abfahrt nach Bennau.

Über Schwyzerbrugg erreichen wir dann die Kantonsstrasse, die nach Rothenthurm und Richtung Sattel führt. Leider gibt es hier erst mal keinen Velostreifen am Rand und wir müssen uns durch den Sonntagsverkehr schlagen. Die Strecke über die Altmatt bis nach Rothenthurm hat man mit dem Auto als recht flach im Kopf. So sieht es hier allerdings gar nicht aus. Die Steigungen sind langgezogen und der blöde Hügel direkt nach dem Bahnübergang ist richtig mies. Also wieder runter schalten und brav strampeln.

Dann kommen wir endlich nach Rothenthurm und ab hier ist es dann mit der Anstrengung erst mal vorbei. Nun fahren wir bis nach Sattel erst mal nur bergab und wir können es schön rollen lassen. Allerdings muss man auch hier aufmerksam sein. Der Velostreifen, den es hier endlich gibt, ist teilweise sehr schmal und man muss schon aufpassen, nicht zu weit nach rechts oder links zu kommen.

In Sattel geht’s dann kurz mal flach weiter bevor die Strasse wieder in Richtung Schwyz abfällt. Kilometerlang können wir hier nun bergab radeln, ohne uns gross anstrengen zu müssen. Und die Aussicht auf Lauerzersee und die umliegende Bergwelt ist einfach nur schön. Kurz nachdem wir Schwyz erreichen, machen wir noch eine kleine Versorgungspause. Ich kann meine Arm- und Beinlinge versorgen und mit Müsliriegel und Biberli (Lebkuchenteig mit Mandelfüllung) stärken wir uns für den anstehenden Aufstieg. Und dann geht’s weiter durch Schwyz.

Hier war ich noch nie mit dem Velo, aber den Weg kenne ich vom Autofahren mittlerweile ganz gut. Im Auto ist der Hauptplatz mit seinem Kopfsteinpflaster allerdings nie so holprig wie jetzt mit dem Rennvelo und wir werden erst mal kräftig durchgeschüttelt.

Und ein paar Strassen weiter fängt die Steigung dann auch schon an. Falko verabschiedet sich von mir und wir haben abgemacht, dass er mal ganz hoch fährt, dann umdreht und mir entgegenfährt, um den Rest dann noch mal mit mir gemeinsam zu fahren. Einerseits damit er nicht so lange warten muss, andererseits als mentale Stütze für mich.

Falko zieht also davon und bei mir ist gleich zu Beginn gefühlt der Ofen aus. Die Seitenstrasse, die zur Hauptstrasse Richtung Ibergeregg führt, hat es gleich mal in sich. Wieder auf „Maria-Hilf“ krieche ich also der Hauptstrasse entgegen. Dort geht es aber erst mal nicht viel weniger steil weiter. Nach ein paar Minuten ist dann aber für’s Erste das Schlimmste vorbei und ich komme an der Talstation der Rotenflue-Bahn vorbei und pedaliere weiter dem Ortsausgang von Rickenbach/Schwyz entgegen. Hier taucht die Strasse in den Wald ein und ist zumindest für den Moment gar nicht mal so steil. Das ändert sich aber nach der nächsten Kurve und die „Schonzeit“ ist definitiv vorbei. Hier zieht es richtig an und ich komme wirklich nur noch im Schneckentempo voran.

Natürlich werde ich auf dem Weg Richtung Passhöhe unzählige Male überholt. Manchmal mit einem netten Lächeln, einem motivierenden „Hey“ oder mit ebenfalls angespannten Gesichtszügen (vielleicht sind andere, die hier hoch fahren ja auch nicht so fit ). Mein Weg führt mich also durch den Wald an der Kehre, in der der Weg nach Aufiberg abzweigt, vorbei, zum Restaurant Windstock und zum Abzweig des Ferienhaus Kaisten. Immer schön bergauf, immer schön langsam. Aber es geht – irgendwie.

Im Anschluss folgen zwei Kehren, die wirklich steil sind. In der zweiten brennen mir so dermassen die Beine, das ich das Gefühl habe, gleich vom Rad zu kippen. Zudem ist der Innenradius der Kehre so steil, dass ich mich dazu entschliesse, kurzerhand auf die andere Strassenseite auf eine kleines flaches Stück zu fahren und mal eine Pause zu machen. Mann, tun mir die Beine weh.

Aber es hilft nichts, irgendwie muss ich über diesen blöden Pass, um wieder nach Hause zu kommen. Denn umkehren ist bei 50km Rückweg keine Alternative! Also weiter geht’s. Ab hier ist die Strasse wieder etwas flacher, führt durch Wald und wieder über freie Flächen bis zu den nächsten zwei Kurven. Die haben es wieder in sich und steilen doch wieder ordentlich auf. „Maria-Hilf“ und Wiegetritt begleiten mich also bei meiner Fahrt zur Ibergeregg. Wieder werde ich überholt, aber daran habe ich mich ja schon gewöhnt. Nach der zweiten Kurve erreiche ich die Talstation Handgruobi des Mythen-Skigebiets. Hier mache ich nochmals eine kurze Pause, esse Müsliriegel und trinke einen Schluck. Da ich nicht gleich wieder überholt werden will, lasse ich die zwei herannahenden Radler noch vorbei, bevor es dann auch für mich weiter geht.

Durch ein kleines Waldstück gehts um die Kurve über einen Bach. Dann folgt nochmal eine Kurve kurz vor dem Abzweig nach Illgau, und dann steht Falko plötzlich vor mir. Mein erster Gedanke ist: Mist, bis oben ist es noch ganz schön weit. Ich bin wirklich langsam, wenn er es bis hier runter zu mir geschafft hat. Falko war auch verwundert, wie langsam ich doch Velo fahren kann (vielleicht auch eine Kunst für sich) und dachte schon, ich sei wieder umgedreht, oder er hätte mich irgendwo weiter oben übersehen. Naja, jetzt geht’s also auch für ihn im Schneckentempo weiter.

Die nächste Herausforderung heisst: Unter Altberg. Einige Kehren, in welchen man viele Höhenmeter und steile Kurven zu überwinden hat… Langsam schraube ich mich hier Meter für Meter mühsam nach oben, werde – wie soll’s auch anders sein – wieder überholt. Dann kämpfe ich auch noch damit, bei leichter Steigung wieder auf mein Rad zu steigen und in die Klickpedale zu kommen, nachdem ich vor einem Kuhgatter im Boden erst mal abgestiegen bin. Langsam habe ich keine Lust mehr…

Aber es wartet noch der Eseltritt, die letzte richtig steile Kehre. Ganz langsam krieche ich hier hoch, nehme die nächste Kurve. Dann geht’s endlich leichter. Die Strasse wird flacher und ich kann sogar mal wieder in einen „normalen“ Gang schalten. Jetzt befinden wir uns also auf der Zielgeraden. Kurz vor dem Pass gibt es noch eine ganz steile Stelle, die ist aber so kurz, dass sogar ich sie meistern kann und dann ist es fast geschafft. Um die letzte Kurve – dann sind wir oben!!! JUHUUU!

Ich fahre direkt rechts raus und steige ab. Stehen, runter vom Sattel, nicht treten. Wir machen eine kurze Pause, ich ziehe mir noch eine Windjacke über, dann geht’s schon weiter. Jetzt aber etwas entspannter. Bergab rollen wir Richtung Oberiberg. Durch viele Kurven kommen wir unserem Dörfchen entgegen und auf der Geraden, die ins Dorf führt, können wir es richtig laufen lassen. Dann steht noch der kleine Gegenanstieg beim Volg an. Falko zieht an mir vorbei, ich strample die letzten Meter diesen doofen Berg hoch und bin froh, als ich an der Kreuzung beim Bäcker Richtung zu Hause abbiege. Ab jetzt muss ich nicht mehr treten!

Kurz darauf komme ich dann zu Hause in unserem Hof an. Sofort steige ich ab, will nicht mehr treten, nur noch sitzen, duschen, essen, schlafen. Mir tut alles weh -–Füsse, Waden, Oberschenkel, Hüfte, Rücken und Nacken… Ich freu mich auf eine heisse Dusche und ein gutes Essen. So viele Höhenmeter bin ich vorher noch nie mit dem Rennvelo gefahren – aber es hat (irgendwie) geklappt! Noch mehr als auf die Dusche und aufs Essen freue ich mich heute aber definitiv auf mein Bett.

Cool, ich hab’s geschafft!

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