Eigentlich wollte ich mal wieder etwas mit Annatina unternehmen, habe dann aber den Hochtourenkurs vom SAC Mythen gesehen, der genau am gleichen Wochenende stattfindet und mich dann dafür entschieden. Leider sind solche Kurse nur für Sektionsmitglieder und so muss ich also “alleine” teilnehmen. Für Falko ist das natürlich auch nichts und so habe ich mir als Wochenendziel nicht nur viel neues Wissen, sondern auch ein Stückchen mehr Selbständigkeit in der Tourenplanung gesetzt. Ich habe noch nie eine Aktion beim Schweizer AlpenClub mitgemacht und bin mal gespannt, was da für Leute teilnehmen und wie die so drauf sind.

Startpunkt ist am Samstag morgen um 7 Uhr in Schwyz am Bahnhof. Immer mehr Menschen in Bergsteigeroutfit versammeln sich vor dem Gebäude. Sehen eigentlich ganz nett aus und mein erster Eindruck ist ganz positiv – auch wenn die meisten “ein bisschen” älter als ich zu sein scheinen. Kurz nach 7 Uhr fahren wir auf mehrere Autos verteilt Richtung Andermatt. Ziel ist das Hotel Tiefenbach kurz unterhalb der Furkapasshöhe. Da die Strasse durch die Schöllenenschlucht nach einem Bergsturz immer noch geschlossen ist bleibt uns leider nichts anderes übrig, als den Umweg durch den Gotthard-Tunnel ins Tessin und dann zurück über den Gotthardpass nach Hospental und hinauf auf den Furka in Kauf zu nehmen…

Bei unserer Abfahrt in Schwyz regnet es. Ich sitze mit ein paar netten jungen Männern im Auto und die Fahrt ist soweit ganz lustig. Im Tessin scheint ein bisschen die Sonne, aber als es dann über den Gotthardpass geht, sehen wir nur noch viele, viele Wolken. Am Hotel angekommen versorgen wir uns erst mal mit Kaffee und die ersten brauchen nach so einer langen Fahrt erst mal noch ein zweites Frühstück. Dann geht’s im Seminarraum weiter mit Einführung, Gruppenaufteilung und Theorie.

All zu langweilig ist aber auch das nicht. Insgesamt gibt es drei Gruppen, Gruppe “Fels”, Gruppe “Eis” und ich bin in der Gruppe “Allrounder”, wir behandeln also alles ein bisschen und die meisten haben auch schon etwas eigene Erfahrungen im Touren gehen. Wir sind erst mal ganz froh, im Seminarraum Ausrüstungsgegenstände zu besprechen und ein wenig Knotenkunde zu betreiben, denn draussen schüttet es mittlerweile und es weht ein kalter Wind. Neblig ist es natürlich auch…

Dann aber wird es trotzdem Zeit, mal nach draussen zu gehen. Unsere Gruppe verteilt sich auf zwei Autos und wir fahren zum Belvedere, von wo aus wir zum Rhonegletscher gehen können. Der Anmarsch vom Aussichtspunkt mit Kiosk und Chinesen-Kitsch zum “ewigen Eis” dauert mittlerweile etwas länger. Die Gletscherzunge nimmt hier mit rasender Geschwindigkeit ab und die Felsen, die darunter zum Vorschein kommen, unterscheiden sich durch ihre helle Farbe deutlich vom verwitterten Gestein aussen herum. Hier kann man fast mit blossem Auge zusehen, wie der Gletscher verschwindet. Der Gletscherbach hat sich mittlerweile in einen richtig Fluss verwandelt.

Dabei kann man das gar nicht glauben – zumindest nicht den Temperaturen nach, die es jetzt hier gerade Ende Juni hat. Es regnet gerade nicht, aber es weht ein eisiger Wind über das Eis und für “Sommer” ist es hier gerade empfindlich kalt. Aber das ist eben der Unterschied zwischen Wetter und Klima. Zum Glück seilen wir uns gleich an und laufen ein paar Schritte los – bis plötzlich hinter uns eine Gestalt auftaucht. “Das ist doch Erwin” entfährt es Adi, unserem Bergführer. Erwin macht schon lange Touren und Kurse beim SAC mit – und geht halt auch öfters mal verloren. Eine richtige Eigenmarke, aber herzig.

Wir binden Erwin also noch mit in unsere Seilschaft und machen uns auf den Weg zu den Spalten, die gut für Eisklettern oder Spaltenbergung geeignet sind. Lange müssen wir hier nicht laufen, bis wir eine passende Stelle gefunden haben. Adi erklärt uns erst mal, wie man richtig mit Steigeisen läuft, wie man damit steile Flanken hoch und auch runter kommt und wie man den Pickel dafür richtig einsetzt. Danach versuchen wir uns am richtigen Setzen von Eisschrauben und anschliessend am Aufbau eines Flaschenzuges. Das zweite “Spaltenopfer” bin leider ich (da ich hier wohl eine der leichtesten Personen bin ). So hänge ich in meiner “Spalte” (ein kleiner Abbruch, auf dem ich gut stehen kann) und warte auf eine Rettung. Dabei wird mir erst mal so richtig kalt, der Wind pfeift mir um die Ohren und selbst Primaloft-Jacke und Gore-Shell helfen nicht so wirklich weiter. Sommer, wo bist du? Auf meine Rettung warte ich vergeblich und nach ca. 15 Minuten klettere ich selbst zurück ins Leben. Toll gemacht, Jungs!!!

Danach geht’s weiter zum Steileis-Klettern. Oberhalb einer tiefen, breiten Gletscherspalte hat Adi mit je zwei Eisschrauben zwei Stände gebaut, an denen jeweils einer von uns sichert und ein anderer mit zwei Eisgeräten in den Händen abgelassen wird. Von ein paar Metern unterhalb können wir so Teilnehmer für Teilnehmer im Toprope (also mit Sicherung von oben) erste Eiskletterversuche machen. Mir fällt das recht schwer und ich werde von Adi direkt als Negativ-Beispiel herangezogen “Habt ihr Marina gesehen? So geht’s nicht.” Hmmm, ja, man muss ja nicht alles können Eisklettern wollte ich schon mit Falko noch NIE ausprobieren – kalt, anstrengend und ich fühle mich unsicher…

Wieder mit stabilerem Eis unter den Füssen machen wir uns auf den Rückweg zum Kiosk. Wir üben dabei noch ein bisschen das Gehen mit den Steigeisen und hüpfen über kleine Spalten – so wird uns wenigsten wieder etwas warm nach den schier endlosen Stunden in diesem eiskalten Gletscherwind. Zumindest hat es nicht mehr geregnet wie am Morgen.

Mit den Autos und mit Erwin im Gepäck geht’s zurück zum Hotel. Wir beziehen unsere Lager und versammeln uns anschliessend im Gruppenraum, um die Tour für den nächsten Tag zu planen, bevor es dann Abendessen gibt. Die Aussichten für den nächsten Tag sind – genau wie das Wetter heute – nicht so rosig. Es soll Niederschlag geben – hier oben also Schneefall, Temperaturen um die null Grad. Kein Tag für eine Klettertour. Aber meine Team-Mitglieder sind ja so optimistisch und planen freudig vor sich hin. Ohne Rücksicht auf die Fähigkeiten aller Teammitglieder (ich werde keine Route mit einer 5a mit Leuten klettern, die ich nicht kenne und ob ich das kann, wage ich auch schwer zu bezweifeln), ohne das Wetter wirklich zu berücksichtigen (“Es könnte doch auch gut werden”), ohne die Länge der Tour zu überdenken (8 Seillängen, 4-5 Seilschaften, Rückkehr am Hotel um 15h – klar, geht alles)… Nach einer halben Stunde bin ich ziemlich genervt und halte mich aus allen weiteren wenig sinnvollen Planungen raus. Zum Glück sind ja hier Bergführer dabei, die das dann auch richtig einschätzen.

Beim Abendessen wird meine Stimmung dann ein bisschen besser und es wird ein ganz netter Abend. Um 22 Uhr bin ich aber so müde, dass ich froh bin endlich ins Bett zu kommen. Mein Lager ist allerdings fast noch leer und hell beleuchtet. Von Hüttenruhe oder sonstigem Anstand ist hier nix zu spüren. Licht an, Licht aus, Licht an, Tür offen, Trampel hin, Trampel her – und ich liege todmüde in meinem Bett und koche vor Wut. So lässt es sich natürlich perfekt einschlafen. Irgendwann um 0.30 Uhr fallen mir dann doch mal die Augen zu – schön, dass um 5 Uhr schon wieder der Wecker klingelt, damit wir zu unserer Klettertour aufzubrechen können.

Beim Frühstück will ich erst mal nicht gesprächig sein – dafür bin ich zu müde, meine Laune zu schlecht. Um 6 Uhr geht’s dann los. Mit den Autos fahren wir ca. 3 km in Richtung Passhöhe und stellen sie dann am Parkplatz der Sidelenhütte ab. Zu dieser steigen wir dann gemeinsam auf. Beim Loslaufen sieht es erst mal so aus, als würde sich das Wetter bessern. Kurzzeitig sehen wir sogar blauen Himmel und freuen uns, dass es doch noch ein schöner Tag werden könnte. Kurz vor der Hütte zerschlagen sich all unsere Hoffnungen aber in einsetzenden Schneefall. Bis wir oben ankommen sind wir dann doch recht demotiviert. Um uns herum ist alles weiss – man konnte fast meinen es sei nicht Juni, sondern März. Überall liegt Schnee und das nicht gerade wenig.

Wir beschliessen, erst mal in der Hütte unsere kalten Knochen aufzuwärmen und weiter zu beratschlagen. Bei einer heissen Tasse Kaffee und einem lustigen Navigationsspiel mit Karte und Kompass kehrt wieder gute Laune in die Gruppe. Nach einer kurzen Besprechung beschliessen wir, im Gelände um die Hütte herum das Gehen am kurzen und am langen Seil zu üben und Sturzübungen zu machen. Der Schneefall hat auch als wir die Hütte wieder verlassen nicht aufgehört und wir fühlen uns wie mitten im Winter. Die nächste Zeit verbringen wir also damit, uns anzuseilen, hinfallen zu lassen und Stürze in Seilschaften zu simulieren. Die Mitreissproblematik wird uns so allen gut veranschaulicht und es ist gut, so etwas mal in sicherem Gelände auszuprobieren.

Nach ca. 1.5 Stunden steigen wir Richtung Passstrasse ab. Über die grossen Schneefelder geht der Abstieg ziemlich schnell. Nur im unteren Teil wird der Schnee schon schwer und sulzig und wir brechen immer wieder bis zu den Knien oder tiefer ein. Hier wird der Wechsel auf den Wanderweg unerlässlich. Trotzdem hat’s Spass gemacht. Kurz bevor wir die Passstrasse erreichen, biegen wir noch zu einem Klettergarten ab. Hier zeigt uns Adi, wie man Friends und Keile richtig setzt und damit mobile Sicherungen bei Klettertouren einrichten kann. Hier unten regnet es mittlerweile ununterbrochen und während dem Zuschauen und selbst ausprobieren weichen wir alle durch bis auf die Knochen. Später wechseln wir zu einer anderen Stelle im Klettergarten, an der es möglich ist, von oben in eine Kletterroute einzusteigen. So können wir hier üben, wie man richtig abseilt. Adi zeigt es uns vorher genau und anschliessend kann jeder von uns ausprobieren, ob er es verstanden hat. Im strömenden Regen ist dies dann die letzte Übung für diesen Tag. Mittlerweile bin ich auch richtig ausgekühlt. Mir ist kalt, ich bin nass, müde und ich hab Hunger. Zeit für die Rückkehr.

Nachdem dann alle ihre Friends, Keile, Seile, Abseilgeräte, Pickel, Trinkflaschen, Brote und was sonst noch alles dabei ist im oder am Rucksack verstaut haben, hört der Regen auf. Auf dem Weg zur Strasse zurück haben wir also noch mal richtig gutes Wetter. Der restliche Weg zu den Autos ist entspannt und unten angekommen können wir sogar ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen geniessen.

Wir tuckern also alle zurück zum Hotel, wo wir endlich wieder im Trockenen sind und uns aufwärmen können. Wir lassen in den Kleingruppen die zwei Tage nochmals Revue passieren und überlegen, was wir so gelernt, erlebt und gemacht haben. Kurz darauf ist dann auch schon alles vorbei. Wir verteilen uns auf die Autos und los geht’s den langen Weg zurück nach Schwyz – Furka runter bis nach Hospental, über den Gotthardpass ins Tessin und durch den Tunnel zurück in den Kanton Uri. Auf der Axenstrasse in Richtung Brunnen und dann sind wir auch schon bald in Schwyz. Mein kleiner Fiat wartet schon auf mich und bringt mich über die Ibergeregg sicher heim, wo Falko schon auf mich wartet.

Hier bin ich wieder zurück im Sommer!

Details zur Tour

, , , ,
Vorheriger Beitrag
Raten und Sattelegg
Nächster Beitrag
Schaf-Eldorado am Fluebrig

Seetalhütte

Die Seetalhütte ist eine kleine gemütliche Selbstversorgerhütte, die alles bietet, was man am Berg so braucht und als Ausgangspunkt für Klettertouren oder Stützpunkt für Wanderungen dienen kann.

Weiterlesen

Hochtourenkurs Steigletscher

Silvan und ich veranstalten einen Hochtourenkurs für Freunde auf der Tierberglihütte, um die Kenntnisse der Spaltenbergetechniken und anderes mehr aufzufrischen. Zwei Tage auf der Hütte von Heiri und Helen Büchler zusammen mit einigen Wetterkapriolen.

Weiterlesen
Menü