Bootsausflug im Atlantik vor der norwegischen Küste

Wasser#story

Früher wollte Klein-Falko immer Kapitän werden. Grosse Schiffe haben irgendwie schon immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt, allerdings war neben meinem ohnehin nicht gerade maritimen Leben sicherlich auch eine gewisse Feinfühligkeit bei Seegang ausschlaggebend, den Kapitänsweg nicht weiter zu verfolgen.

Marina und ich sind nun auf unserer Reise durch Norwegen in Bud gestrandet, wo wir in einer Ferienhütte ein schönes Quartier bekommen haben. Der Campingplatz verleiht auch Boote in verschiedenen Grössen, da sich hier sehr viele Angler tummeln und die norwegische Küste offenbar ein reiches Betätigungsfeld für Fischer darstellt. Da wir hier nun schon einmal die Gelegenheit haben, ein Boot zu mieten nutzen wir diese Chance aus – für heute haben wir also ein kleines, gelbes Boot mit einem 10 PS-Motor zur Verfügung, mit dem wir nach Lust und Laune herumfahren können.

Nach einer kurzen Einweisung in das Boot und nachdem wir eine kleine Seekarte sowie Rettungswesten erhalten haben, machen wir uns auf den Weg zum Hafen und besteigen unser kleines Boot. Kurze Zeit später läuft der Motor (nach etwas Hilfe vom Vermieter) und wir lösen die Leinen und tuckern langsam aus der kleinen Bucht hinaus, machen eine scharfe Rechtskurve und steuern durch die Hafeneinfahrt hinaus – quasi auf den Atlantik.

Erst einmal machen wir uns ein wenig vertraut mit dem Boot und die Art und Weise, wie es auf Veränderungen der Geschwindigkeit und der Richtung reagiert. Aber das ist alles sehr einfach und problemlos und so geben wir Gas und fahren hinaus in Richtung der vielen kleinen Inseln, die vor der Küste liegen. Das ist noch sehr praktisch, denn wir können hier zwischen den kleinen Dingern herumkurven, viele sind kaum grösser als ein kleiner Garten eines Hauses. Ausser ein paar Möwen oder ab und an ein kleiner Leuchtturm oder sonstige Markierungen ist da nur blanker Granitfels und ein paar Flechten und Büsche.

Vor uns, rund fünf Kilometer entfernt, liegt die Inseln Bjørnsund, auf der es den gleichnamigen kleinen Ort gibt. Nach einer Weile des Herumkurvens nehmen wir Fahrt auf und steuern direkt auf die Inselgruppen zu. 10 PS klingt nicht nach viel, aber für so ein kleines Boot und mit uns als Greenhorns ist das völlig ausreichend und wir kommen gut (bei Vollgas mit ungefähr 20 km/h) vorwärts.  Die See ist sehr ruhig, wie überhaupt die letzten Tage hier an der Atlantikküste bereits, und wir kommen gut voran und nach rund einer halben Stunde sind wir dann direkt vor Bjørnsund. Hier machen wir erst einmal eine Pause auf unserem Boot und machen den Motor aus. Das ist auch angenehm, wenn es dann sehr ruhig ist. Ausser uns sind nicht sehr viele weitere Boote unterwegs, vereinzelt sieht man Leute beim Fischen, aber ansonsten ist es sehr ruhig.

Auch hier gibt es wieder diverse kleine Inselchen und wir erkunden einige von ihnen per Boot. So verbringen wir eine gewisse Zeit in der Nähe des Ortes und der Hafeneinfahrt, bis wir uns (es geht auf die Mittagszeit zu) dazu entschliessen, erst einmal wieder zurück nach Bud zu fahren. Mehr oder weniger auf einer ähnlichen Route machen wir uns auf den Rückweg, ein grösseres Fischerschiff lassen wir in gebührendem Abstand vorbeifahren und verstecken uns vor den Wellen hinter einer kleinen Insel.

Dann geht es wieder direkt zurück, über den offenen Meerbereich und in den Schutz der kleinen Bucht, wo auch die Hafeneinfahrt liegt. Auch das „Rangieren“ an unseren Bootsliegeplatz klappt hervorragend (vielleicht hätte ich doch Kapitän werden sollen) und wir checken jetzt, wo das Boot ruhig liegt, noch den Benzinstand im Kanister. Ein bisschen Stress hatten wir deswegen schon, obwohl uns die Vermieterin versichert hat, dass es mehr als genug ist, um den ganzen Tag herum zu kurven. Wie wir jetzt sehen, stimmt das auch – das Ding ist noch zu rund 80% voll, und das, obwohl wir vormittags schon eine gewisse Strecke zurückgelegt haben.

Nach einer Mittagspause machen wir uns erneut auf den Weg, dieses mal fahren wir aber direkt nach der Hafeneinfahrt zwischen zwei kleinen Inselchen hindurch nach Backbord (das ist links, für alle Landratten, hehe …). Allerdings bekommen wir gleich mal leichte Panik, als wir den Grund und die einzelnen Steine und Algen sehen können. Sehr nah. Also stoppen wir sofort und beschliessen lieber keine Titanic-Kollision zu erzeugen. Wir machen kehrt und fahren lieber um die Inselgruppe aussen herum. Wahrscheinlich hätte es im Nachhinein locker gelangt, so eine Nussschale hat ja auch quasi kaum Tiefgang, aber wir wollten das nicht riskieren. Sonst haben es dann wieder alle gewusst, „schau mal Bjørn, die beiden Touristen da, ich hab gleich gesagt, die sind noch völlig grün hinter den Ohren …“

In die nächste Bucht fahren wir wieder hinein und gelangen so in das Hafenbecken von Harøysundet, wo zwei grössere Schiffe liegen. Wir mogeln uns zwischen den Dingern hindurch und können so unter einer Brücke hindurch fahren und in die nächste Bucht gelangen, ohne aussen herum fahren zu müssen. Dann nehmen wir Kurs auf Nyhamna, rund drei Kilometer entfernt über einen grösseren Arm des Atlantiks (sofern man bei der Distanz und den Massstäben des Atlantiks von grösser sprechen kann ) und eine riesige Industrieanlage von Shell.

Hier bekommen wir dann aber schnell zu spüren, dass wir uns durchaus auf dem Meer befinden – die See ist mittlerweile durch den auffrischenden Wind etwas rauher geworden, die Wellen sind vielleicht rund einen Meter hoch und es schaukelt uns recht umher. Aber es geht ganz gut vorwärts, bis wir plötzlich offenbar in eine Art Rinne gelangen, wo sich die Wellen anfangen zu brechen und es uns in unserem Pott ziemlich hin und her schleudert. Ausserdem kommen wir so teilweise parallel zu den Wellen und wir bekommen doch recht Angst, dass es uns hier einfach umkippt. Ohne viel zu reden mache ich eine möglichst dezente 180°-Kurve und mit etwas Adrenalin steuern wir wieder mit Vollgas zurück in zumindest etwas ruhigere Gewässer. Aber auch hier ist es mittlerweile recht aufgefrischt und wir sind froh, als wir nach einer gefühlten Ewigkeit wieder in den Schutz einer Bucht gelangen und nicht mehr das Gefühl haben, am falschen Ort zu sein. Es ist schon durchaus beeindruckend, wie schnell „das Wetter umschlagen“ kann, wobei man hier eigentlich kaum von Umschlagen sprechen kann, es war lediglich etwas mehr Wind. Aber in so einem kleinen Ding spürt man das natürlich ganz gewaltig und da wir nicht abschätzen können, wie seetauglich das Teil ist, war es sicherlich besser, den geordneten Rückzug einzuschlagen.

Den Rest des Nachmittages verbringen wir dann in der Nähe der Küste und fahren alle möglichen kleinen Buchten ab, die wir auf dem Weg so finden. Trotzdem müssen wir immer mal wieder durch grössere Arme hindurch und auch hier merkt man einen deutlichen Unterschied zum Vormittag, wo alles sehr ruhig war. Aber mittlerweile haben wir auch etwas mehr Selbstvertrauen gefunden und lassen uns nicht mehr durch jede kleine brechende Welle aus der Ruhe bringen. Sobald sie dann aber etwas grösser werden schon und so machen wir uns dann gegen Nachmittag hin entgültig auf den Rückweg zurück nach Bud, wo wir kurze Zeit später wieder in den Hafen einlaufen.

Alles in allem war das ein sehr tolles Erlebnis (leider eines der wenigen wirklich schönen Erlebnisse auf unserer Reise) und es war vor allem auch mal interessant, so ein Ding selber zu fahren. Wenn wir mal wieder hier sind und die See ruhig ist, werden wir das sicherlich wiederholen.

Abends beim Essen schauen wir aus dem Fenster und was ist? Die See ist spiegelblank. Da möchte man doch sofort wieder losfahren.

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