Grosshorn

Seit Mittwoch war es ein einziges Hin und Her – was wollen wir am Wochenende machen, Skitour ja oder nein, wohin soll’s gehen, und so weiter und so fort. Am Freitag entscheidet sich dann endlich: Falko bleibt zu Hause und geht bei frühlingshaften 20° Celsius Rennvelo fahren und ich verbringe das Wochenende mit Patrick in Graubünden, um nochmal auf die Ski zu steigen.

Also muss ich am Freitag Abend noch meine sieben Sachen packen, bevor es am Samstag in aller Früh nach Pfäffikon zum Bahnhof geht, wo ich Patrick abholen werde. Ich bin meine obligatorischen fünf Minuten zu spät und er wartet schon am Parkplatz und dann ist erst mal Tetris spielen angesagt. Patrick ist recht gross und seine Ski somit auch. Ich bin aber nur meinem Fiat Panda unterwegs – aber mit Sitz nach vorne, Ski rein, Sitz wieder hinter bekommen wir doch alles unter und unsere Fahrt kann losgehen. Bis Bonaduz geht’s auf der normalen Autobahn, dann Richtung Thusis ist es nur noch eine “kleine” Autobahn, aber man kommt ganz gut voran. Hier fahren wir erst in Rofla ab und tauchen ein ins Val Ferrera. Schön ist es hier und wir haben gleich hohe Berge um uns herum. Stellenweise verläuft die Strasse nur wenige Meter neben der italienischen Grenze, bevor der Weg ins Averstal führt – unserem eigentlichen Ziel.

Das Tal besteht aus vielen kleinen Weilern, die alle irgendwas mit Avers heissen – bis auf’s hinterste Dorf im Tal, mit dem Namen Juf. Juf liegt auf 2126 m ü.M. und gilt damit als höchstgelegene ganzjährig bewohnte Gemeinde der Schweiz und ist gleichzeitig eine der höchstgelegenen Ortschaften in ganz Europa. Vorher kommen wir in Cresta Avers an unserem Hotel vorbei und in Avers Pürt haben wir unseren Startpunkt für die heutige Tour erreicht: wir wollen zum Grosshorn.

Am Parkplatz 300m nordwestlich vom “Dorf” (besser gesagt den fünf Häusern) parken wir auf dem Tourenparkplatz und machen uns für den Abmarsch bereit. Mit geschulterten Ski steigen wir ein paar Meter auf die nächste Schneefläche ab, schnallen an und laufen in Richtung Dorf. Dort überqueren wir den Aversrhein über eine schmale Brücke und dann geht’s richtig los. Über hart gefrorenen, zerfurchten Schnee geht es gleich steil bergauf. Die ersten Meter sind wirklich kein Zuckerschlecken – aber so sind wir wenigstens gleich warm bzw. am schwitzen. Der Föhn tut auch noch sein übriges dazu.

Die Route führt uns am Rand um das Schutzgebiet des Capettawaldes herum, dann wird das Gelände flacher. Der Schnee ist wirklich steinhart und etwas spärlich, aber immerhin haben wir eine geschlossene Schneedecke. Östlich des Cherlibaches steigen wir entlang der Pürter Alpa hinauf und gewinnen stetig an Höhe. Durch ein eingeschneites Bachbett kommen wir auf die andere Seite und nähern uns anschliessend unserem Gipfel. Der Schnee und die ganze Landschaft sieht gerade sehr speziell aus. In den letzten Tagen kam mit dem Föhn aus dem Süden Sahara-Sand in der Luft in die Schweiz und hier in den Bergen hat er sich dann niedergelassen. Durch die Windverfrachtungen sind wunderschöne, fleckige, orange-rötliche Bereiche im Schnee entstanden und abwechseln laufen wir also über weissen Schnee und dann wieder über Sahara-Sand.

Kurz vorm Gipfel wird es nochmals ein wenig steiler, dann ist es aber schon geschafft. Wirkliche Gipfelfreude kommt aber nicht auf. Kaum stehen wir oben, blässt uns ein eiskalter stürmischer Wind um die Ohren. Der Föhn schlägt hier mit voller Kraft zu. Wir ziehen schnell unsere Jacken über, verstauen die Felle im Rucksack und machen uns an die Abfahrt.

Der Schnee ist nicht gerade ein Traum, immer noch hart gefroren und zudem harschig. Wir müssen also gut aufpassen, wo wir hinfahren. Bald stellen wir fest, dass wir auf den bräunlichen Sahara-Sand Flecken besser fahren können, als auf weissem Schnee. Auf dem Sahara-Sand ist der Schnee leicht sulzig an der Oberfläche und der Untergrund stabil. Die weissen Flächen hingegen bieten nur Bruchharsch von der unfreundlichsten Sorte. Also machen wir Sahara-Sand-Hopping und geniessen die Abfahrt.

Kurz unterhalb von 2500 m entscheiden wir uns, weiter nach Osten zu queren, um an einem kleinen Hüttchen Mittagspause zu machen. Wir queren einen Bachlauf und erreichen wenige Minuten später das kleine Gebäude. Zur Sonne ausgerichtet erwartet uns hier eine gemütliche Bank und ein Tisch und wir lassen es uns erst mal richtig gut gehen. Nach der nötigen Stärkung beschliessen wir aufgrund der Tatsache, dass es noch nicht einmal Mittag ist, noch einmal aufzusteigen. Diesmal soll es von unserem jetzigen Ausgangspunkt auf 2470m zum Chlin Hüreli gehen. Der Rücken, den wir dazu besteigen müssen liegt, direkt vor uns.

Wir packen also wieder unsere sieben Sachen ein, ziehen noch einmal die Felle auf und stapfen los. Mittlerweile ist es richtig warm in der Sonne und wir kommen ganz schön ins Schwitzen. Bei mir lassen auch langsam die Kräfte nach und mein Rücken beziehungsweise meine Hüfte melden sich mal wieder mit Schmerzen. Jetzt weiss ich, dass es bei jedem Schritt nur noch schlimmer werden kann und meine Laune verschlechtert sich. Patrick ist schon ein ganzes Stück voraus und macht sich schon an den letzten Gipfelhang, bis er merkt, dass ich immer weiter zurück falle.

Nach einem kurzen Gespräch lasse ich mich dazu überreden weiter zu gehen. Patrick zieht wieder los und ich schleiche hinterher. Nach weiteren 20 Höhenmetern geht bei mir aber einfach nichts mehr. Patrick ist aber nicht mehr aufzuhalten und stapft die letzten rund 120 Hm zum Gipfel alleine hoch. Ich felle schon mal ab und fahre bis in eine Geländelücke ab, wo wir uns ein paar Minuten später wieder treffen. Ich bin natürlich genervt und enttäuscht, dass es (mal wieder) so gekommen ist, aber nun ist es eben so.

Wir machen uns an die Abfahrt und da in diesem Geländebereich ganz viel Sahara-Sand Flächen vor uns liegen und die Sonne die Oberfläche noch ein bisschen mehr aufgefirnt hat, haben wir jetzt richtig gute Bedingungen für die Abfahrt. Der Spass währt allerdings nicht all zu lange. Ab ca. 2200m wirds so richtig sulzig, zerfurcht und unglaublich schwer. Ich schaffe am Ende keine zwei Kurven mehr am Stück und kurz oberhalb der Brücke, die wir am Morgen überquert haben, bin ich fast nur noch am abrutschen, weil ich das Gefühl habe, dass meine Oberschenkel bei der kleinsten weiteren Belastung explodieren werden.

An der Brücke schultern wir dann die Ski, steigen wieder ins “Dorf” auf und laufen zurück zum Auto. Es ist gerade mal früher Nachmittag und da wir noch nicht ins Hotel wollen und Hunger haben, fahren wir erst mal noch ins Talende bis Juf. Hier entdecken wir noch, dass es im Tal sogar zwei Skilifte gibt, die auch jetzt noch in Betrieb sind, obwohl die eine Piste mehr braune als weisse Flecken hat. Auch eine klitzekleine Loipe gibt’s hier (wenn es Schnee hat). In Juf selbst gibt es nicht wirklich viel. Bis auf ein paar Mutterkuh-Betriebe und ein schäbig aussehendes Gasthaus können wir hier nicht viel finden. Nach unserer kurzen Erkundungstour fahren wir mit dem Auto ein paar Meter retour wieder in Richtung Talausgang und kehren im Hotel Bergalga ein. Die Speisekarte, die uns erwartet, haut uns erst mal vom Hocker und wir wissen gar nicht was wir bestellen sollen. Alle, aber wirklich alle Zutaten stammen aus der Region, teilweise sogar direkt aus dem Tal oder aus Juf. Wir sind schwer beeindruckt und würden uns am liebsten von vorne bis hinten durchfuttern. Letzten Endes entscheiden wir uns aber für einen Bio-Burger mit Salat sowie Zigerkäse (ähnlich wie Feta, nur tausendmal besser), leicht angebraten und mit Blüten bestreut und ebenfalls mit Salat. Herrlich – so gutes Essen findet man nicht oft und ich bin mir sicher, hier nicht zum letzten Mal in meinem Leben gegessen zu haben.

Nach einem gemütlichen Nachmittag fahren wir dann doch irgendwann mal in unser Hotel in Cresta Avers und beziehen unser kleines Zimmer. Ich geh erst mal Duschen und später verbringen wir die Zeit bis zum Abendessen ganz klassisch mit Faulenzen in den Betten.

Nach dem Mittagessen im Bergalga sehe ich dem Z’Nacht in unserem Hotel skeptisch entgegen. Aber auch das Abendessen aus dieser Küche ist ein Traum. Wenn sie eines können, im Averstal, dann ist es definitiv Kochen! Ich bin begeistert von meiner Spargelcremesuppe, dem Salat mit einem tollen Dressing, den Rinderspitzen auf Teigwaren mit Sprossen und dem warmen Schoggikuchen in Vanillesosse! Perfekt!

Und dann gibt’s nichts anderes als – SCHLAFEN.

Nach einer sehr ruhigen und erholsamen Nacht geniessen wir ein tolles Frühstück, bevor wir uns auf die Socken machen. Eigentlich wollen wir heute von Juf aus auf’s Juferhorn aufsteigen. Wir sind aber beide etwas nachlässig, gucken nicht (richtig) auf die Karte, versteigen uns und stehen dann in einem echt beschissenen Hang, von dem aus wir nicht mehr auf die ursprünglich ausgewählte Route kommen können. Es ist steil und der Schnee ist hart gefroren, wir hinterlassen kaum Spuren im Schnee. Ich fühle mich hier – trotz Harscheisen an den Skiern – sehr unwohl und nach einiger Überlegung entschliessen wir uns, die Tour hier abzubrechen. So viel Dummheit für’s “nicht auf die Karte schauen” muss eben auch bestraft werden. Aus Fehlern lernt man ja bekanntlich.

Da wir am Morgen zeitig los sind, sind wir nach dem verkorksten Aufstieg also auch schnell wieder am Auto. Gerade mal 10 Uhr ist es bei unserer Ankunft. Wir packen erst mal alles gemütlich ins Auto und fahren talauswärts. Bei einem Haus mache ich Patrick noch auf die Modelleisenbahn im Garten aufmerksam und wir halten kurz an. Der gehörlose Bruno hat hier in den letzten Jahren ein wahres Meisterwerk in seinem Garten aufgebaut und zeigt uns alles ganz genau, bevor nach 15 Minuten unsere Fahrt weiter geht.

Je weiter wir nach unten kommen, desto wärmer wird es draussen – und auch im Auto. Da wir den Tag nicht so verstreichen lassen wollen, machen wir am Walensee noch einen kurzen Abstecher an die Klettergalerie, um Freunde zu besuchen, die eigentlich immer hier anzutreffen sind. Auf dem Parkplatz sehen wir schon das Auto und so machen wir durch den Frühlingswald oberhalb vom Walensee noch einen kleine Spaziergang zu den Kletterplätzen und finden zumindest Menno an der Wand, Charlie ist heute leider nicht dabei. Anschliessen gehen wir noch eine kleine Runde spazieren und zum Abschluss genehmigen wir uns am Strandcafé am Walensee einen Eisbecher!

 

 

Details zur Tour

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