Saile (Nockspitze)

Heute starten wir von unserem „Baumhaus“ zu einer Wanderung im Gebiet der Axamer Lizum und wollen auf die Saile (Nockspitze) wandern. Wir fahren ein kurzes Stückchen mit dem Auto zur Talstation der Mutterer Alm-Bahn, da wir die ersten Höhenmeter „bescheissen“ wollen. Der Campingplatz am Natterersee liegt zwar mitten in den Bergen, aber durch die tiefe Lage des Inntals ist man doch schon eine Weile im Wald auf einem Forstweg unterwegs, bis man überhaupt erst einmal die höheren Lagen der Bergwege erreicht hat.

Nachdem wir an der Talstation unter lautem Lachen unsere Gästekarte vorgezeigt und den unglaublichen Rabatt von 2% auf den Fahrpreis bekommen haben (ich glaube wir haben dadurch statt 32 EUR nur 31.38 EUR gezahlt – wenn das so weitergeht und wir das jährlich einmal machen, können wir in hundert Jahren von dem Ersparten einmal ganz gross Essen gehen ) gleiten wir in der Seilbahn nach oben, zu unserem Startpunkt auf rund 1600 m. Die Mutterer Alm ist ziemlich ausgelegt auf Halligalli, es gibt eine Downhill-Strecke und jede Menge Events für Gross und Klein. Naja, wem es gefällt …

Uns gefällt auf jeden Fall unglaublich, dass man bereits zehn Meter nach der Seilbahnstation durch einen Zaun und auf eine Mutterkuh-Weide laufen darf. Leicht genervt nehmen wir diesen Weg, kommen aber wenigstens in Ruhe durch und können diese Weide schon bald wieder verlassen. Anschliessend geht es erst einmal noch auf einer Forststrasse weiter hinauf in Richtung Pfriemeskopf, auf dem eine weitere Seilbahn von einem anderen Talort aus endet. Ab hier beginnt nun der eigentliche Wanderweg, der uns schnell höher und unter der Pfriemeswand hindurch bringt. An einer Verzweigung halten wir uns links und erreichen damit den etwas ausgesetzteren Steig durch die nördliche Flanke der Nockspitze. Der Weg ist aber sehr gut zu gehen, ab und an gibt es sogar einige Ketten und trotz des uns umwabernden Nebels kommen wir rasch voran.

Nach rund einer Stunde Aufstieg erreichen wir den Grat zwischen Vorgipfel und Hauptgipfel der Nockspitze und nehmen die restlichen wenigen Höhenmeter in Angriff, die uns auf das flache Gipfelplateau bringen. Die Nockspitze ist ein Berg mit zwei Gesichtern: flach und hügelig von der einen Seite, schroff und felsig von der anderen Seite her. Nach einer Pause am Gipfel machen wir uns wieder an den Abstieg, dieses Mal nehmen wir aber die flachere Seite und den Wanderweg hinunter zum Birgitzköpflhaus.

Es geht zwischen einem beeindruckenden Wald aus Lawinenverbauungen hindurch und vor uns können wir bereits die Hütte und den Sessellift sehen. Direkt davor noch ein Weidezaun und direkt davor wiederum (genau vor unserem Ausgang) einige Mutterkühe samt Kälbern. Sautolle Situation. Wir nähern uns der Herde vorsichtig, die grundsätzlich erstmal nichts macht. Als wir aber nur noch wenige Schritte von den Kühen entfernt sind, gibt es plötzlich ein Durcheinander, als ein kleines Kind direkt hinter dem Zaun ein kleines Kalb streichelt und erschreckt. Das Kalb rennt dann erschrocken direkt auf uns zu, die anderen Kühe werden nun auch aufgeschreckt und nähern sich von rechts, die Mutterkuh direkt vor dem Gatter macht glücklicherweise einige Schritte von dem Durchlass weg und mit lauten Rufen können wir uns durch das Gewusel und das Gatter hindurch schlängeln, bevor es zu schlimmeren Situationen kommt.

Marina macht der (teilnahmslos auf ihr Smartphone starrenden) Mutter des Kindes erstmal deutlich klar, was von dieser Aktion zu halten war – in gewisser Weise muss ich wirklich sagen, dass ich es der „ach wie süss, die kleinen Kühe, kann man streicheln blablabla“-Generation wirklich gönnen würde, wenn sie mal in den Genuss eines Angriffs von Mutterkühen geraten würden. Ist es so schwer, seinem verdammten Kind mal klar zu machen, dass das Tiere sind, die ihre Ruhe haben möchten? Ist es andererseits so schwer für die Bauern und Mutterkuh-Verbände zu verstehen, dass ihre „Lösung“ dieses Problems mit ein paar Warntafeln voller sinnloser Hinweise (Herde umgehen – die Viecher stehen meistens auf einer Weide so gross wie ein ganzer Talkessel und man kann. die. Weide. manchmal. einfach. nicht. umgehen!) schon sehr einfach und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist? Wenn man sich über dieses Thema ein wenig informiert, bekommt man immer den Eindruck, dass es die dummen Wanderer sind, die keine Ahnung mehr von der ach so lieblichen und wilden Natur haben und nicht einmal mehr mit einer Kuh umgehen können. Teilweise stimmt das auch. Dass es aber völlig sinnlos ist, mit Abständen zu den Kühen und Umgehungen der Weiden zu argumentieren, weil das nur allzu häufig gar nicht möglich ist, scheint auch nicht in jeden Bauern-Schädel rein zu passen. „Im allergrössten Notfall der Kuh mit dem Stock einen gezielten Schlag auf die Nase versetzen.“ Lieber Schreiberling, nicht jeder hat immer seinen Hirtenstock mit dabei – wurde da vielleicht ausserdem vergessen, dass Kühe Herdentiere sind und recht gerne mal in der ganzen Herde angreifen? Vielleicht gibt es eine App, die mir dann sagt, welcher Kuh ich zuerst auf die Nase hauen soll?

Bei allem Verständnis für die sicherlich nicht immer leichte Lage der Bauern und der Bequemlichkeit der Mutterkuhhaltung – das vielgepriesene Miteinander mit den Tourismusverbänden und Wanderwegbetreuern findet entweder nicht statt oder ist eine reine Farce. Es ist keine Lösung, einfach alle Wege auszuzäunen, das ist klar. Es ist aber genauso wenig eine Lösung, einfach ein paar Schilder aufzustellen und eine Versicherung abzuschliessen, die den Bauern von jeglicher Haftung ausnimmt.

Ich bin extrem geladen nach dieser Aktion und lasse meine Wut über diese ganze Sch***-Situation an ein paar freundlich im Wege stehenden Krüppelkiefern aus. Wir machen nochmal eine kleine Pause und essen etwas, bevor wir dann wieder auf unseren Aufstiegsweg treffen und uns zurück zur Muttereralm machen – mit der dort stehenden Mutterkuhherde haben wir zumindest mal keinen Ärger. Dann schweben wir mit der Seilbahn wieder hinunter und machen uns auf den Weg zurück zum Campingplatz.

Es ist wirklich schade. Wir sind mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo wir verhältnismässig selten Wanderungen machen – obwohl uns das wirklich Spass macht und es viele schöne Touren gibt, die wir gerne unternehmen würden. Aber das (in unseren Augen nicht kalkulierbare) Risiko beim Aufeinandertreffen mit Mutterkuhherden (die teilweise auch noch Stiere mitführen) ist uns zu gross geworden. Fazit ist, dass wir weniger Wanderungen unternehmen und auf andere Sportarten ausweichen. Beinahe wöchentlich kann man irgendwelche Neuigkeiten zu diesem Thema in den Zeitungen lesen, meistens geht es um entsprechende Konflikte zwischen Wanderern/Bikern und Bergbauern. Das Engadin hat in unseren Augen dieses Jahr einen wichtigen Schritt gemacht und eine Online-Karte mit den Standorten von Kühen und Kuharten herausgebracht. Dadurch sind zwar nicht weniger Kühe auf den Wegen und es bleibt ein schaler Beigeschmack von „Minimum für Tourismus, Maximum für Bauern“, zumindest kann man aber in diesem Gebiet jetzt selber zuhause entscheiden, ob man das Risiko einer Begegnung auf sich nehmen möchte oder nicht. Trotzdem kann und darf das noch nicht alles gewesen sein und wir hoffen, dass sich in Bezug auf dieses Thema in den nächsten Jahren noch einiges tun wird. Hoffentlich bevor es weitere Verletzte oder sogar Todesopfer auf Alpweiden gibt.

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