Aus dem Puschlav über den Berninapass

#storyVelo

Nach unser gestrigen Rundfahrt via Livigno, Zernez und Samedan macht sich Marina heute bei etwas bescheidenerem Wetter auf den Weg auf den Malojapass, während ich mich direkt nach dem Frühstück aufs Rad schwinge und nach Morteratsch rolle. Ich hab mir schon am Campingplatz mit der SBB-App ein Velo-Ticket gekauft und möchte nun mit der Rhätischen Bahn über die landschaftlich schöne Strecke über den Berninapass nach Poschiavo fahren. Von dort aus geht’s anschliessend mit dem Velo wieder zurück zum Campingplatz Morteratsch.

Am Bahnhof vertrete ich mir noch ein wenig die Beine und warte auf den 10.16 Uhr Zug aus Richtung Pontresina. Als der pünktlich einfährt, verfrachte ich mich und meinen Draht- respektive Carbon-Esel in den Veloraum, der leider schon vollgepfercht mit Menschen ist. Also ist erst einmal Stehen angesagt. Der Zug dreht seine Runde über eine grosse S-Kurve am markanten Panorama auf die hohen Berge des Bernina-Massivs vorbei (was mit vielen „Ah’s“ und „Oh’s“ gebührend bewundert wird), bevor es dann auf der Hochebene des Bernina-Passes an der Station Bernina Suot entlang zur Talstation der Diavolezza-Seilbahn geht. Dort steigt dann ein Grossteil der Leute aus, leider nicht genug, dass ich einen Sitzplatz mit Blick auf mein Velo ergattern könnte. Also bleibe ich noch ein wenig stehen, auch auf dem Berninapass selber steigt niemand aus meinem Wagen aus. Ab hier bahnt sich der Zug nun recht spektakulär seinen Weg in vielen Schleifen ins Tal hinab, wo er kurze Zeit später die Alp Grüm erreicht.

Hier steigen nun endlich die meisten anderen Passagiere aus und ich kann einen schönen Platz am Fenster bekommen, von wo aus ich die restlichen 45 Minuten einen schönen Blick in die Landschaft geniessen kann. Kehre um Kehre schraubt sich der Zug tiefer hinab, die Streckenanlegung steht dem berühmten Albula-Karussel in nichts nach. Die Höhe fällt, der Luftdruck offensichtlich auch und hinter mir (was gleichzeitig da ist, wo ich bald wieder hinfahren werde) braut sich diverses überflüssiges Zeugs am Himmel zusammen. Marina’s Hinweis, dass sie auch gerade klatschnass am Malojapass steht, bestätigt die Vermutung: heute wird es wohl nicht bei Sonnenschein bleiben. Während ich über diesen Sachverhalt nachdenke, erinnere ich mich bei der vorbeiziehenden Landschaft gleichzeitig an die Mountainbike-Bernina-Pass-Tour vor einigen Jahren, bei der ich mich hier auf der „mittelschweren“ Strecke kräftig auf die Fresse gelegt habe. Mal schauen, ob das heute besser klappt.

Ich bleibe in Poschiavo noch im Zug sitzen und fahre zwei Stationen weiter bis nach La Prese, um zumindest ein paar wenige Kilometer zum Einrollen zu haben, da die Strasse direkt nach Poschiavo mit dem Anstieg zum Berninapass beginnt. Zusammen mit einem eifrig schnatternden Ehepaar älteren Semesters verlasse ich in dem kleinen Kaff also den Zug und mache mich bereit für die Abfahrt.

Via Sant Antonio fahre ich nun quasi wieder zurück, muss mich in der langen Autoschlange von konsumberauschten Livigno-Besuchern zurecht finden und erreiche so bald wieder Poschiavo. Hier verlässt die Bahnlinie angenehmerweise die Strasse, auf der sie die letzten Meter gleichzeitig mit den Autos verbracht hat (die dann natürlich von einer Barriere zurückgehalten werden). Das ist eigentlich ganz lustig anzuschauen, es ist nur mit dem Velo (speziell dem Rennvelo mit seinen dünnen Reifen) eine etwas spannende Sache, da man es tunlichst vermeiden sollte, in die Gleisrillen zu geraten.

Direkt nach Poschiavo geht es nun also zur Sache und ohne lange zu fackeln steigt die Strasse sofort mit einer durchschnittlichen Steigung von 7-10 % an – ein Wert, der so bis zur Passhöhe fast nicht mehr unterschritten wird. Die gut ausgebaute Strasse windet sich am rechten Hang des Puschlav entlang hinauf in die Höhe, man fährt eigentlich meistens im Wald und hat bis Pozzaulasc (einem kleinem Restaurant an der Strasse mit einem kurzen, begrüssenswerten Flachstück) eigentlich nichts weiter zu tun, ausser zu treten. Das tue ich auch, in meinem Rhythmus fahre ich vor mich hin, es ginge zwar noch ein wenig schneller, aber da der Anstieg noch lang ist und ich ihn auch nicht kenne, hebe ich mir lieber ein paar Reserven für später auf. Ausserdem beginnt es leicht zu regnen und bei Regen strengt man sich nicht an. Hab‘ ich beschlossen.

Eine kleine Gruppe anderer Fahrer, die ich kurz nach La Prese überholt hatte, ist nicht mehr hinter mir zu sehen und nur ein anderer Fahrer ist vor mir. Da der aber etwas schneller unterwegs ist, habe ich lange Zeit meine Ruhe. Erst auf knapp 1880 m Höhe überhole ich zwei weitere italienische Fahrer. Ab hier merkt man teilweise (je nach Richtung der Strasse) auch den Gegenwind, der mir kalt von oben entgegen bläst. Durch die bewaldete Umgebung ist das aber meistens erträglich und nachdem ich einen weiteren Fahrer überholt habe und mir in einer etwas waghalsigen Aktion freihändig meine Weste angezogen habe (bloss nicht anhalten, es könnte ja jemand schneller sein! ) erreiche ich einige Kilometer später den Abzweig in Richtung Livigno. Hier sind Marina und ich gestern abgebogen, das Gleiche tun jetzt zum Glück die meisten der Autos mit italienischem Kennzeichen und meine Überlebenschancen vervielfachen sich daraufhin sofort.

Nur noch wenige Kehren sind jetzt zu fahren, was gut ist, denn der kalte Wind ist momentan nicht wirklich angenehm. Kurz vor der Passhöhe überhole ich noch zwei unglaublich dreckige Mountainbiker (wo die sich wohl rumgetrieben haben) und anschliessend stehe ich auf der 2329 m hohen Passhöhe des Berninapasses – zum vierten Mal innerhalb der letzten Tage, aber dieses Mal von der Seite für die ganz harten Kerle. Ha! Dass ich heute nur eine sehr kurze „Runde“ fahre (von Start bis Ziel sind es nur gute 30 km, dafür aber zumindest rund 1300 Hm), blende ich mal kurz aus.

Wenn ich schon nicht aus dem letzten Loch pfeife, dann tut das zumindest der Wind und ich lege das einzige Kleidungsstück an, welches ich noch nicht trage: meine Knielinge. Anschliessend verlasse ich diesen windigen und mutterkuhverseuchten Ort und mache mich an die Abfahrt, die heute aber durch den Gegenwind noch einiges an Treten verlangt. Es ist schweinekalt im Fahrtwind, die Gischt, die mir dank der regennassen Strasse permanent die Visage besprüht, macht die Sache nicht angenehmer. Zumindest geht’s grösstenteils bergab und nach einer kurzen Fahrt passiere ich die Diavolezza-Talstation und überquere kurz darauf die Gleise der Bahn, bevor es dann die letzten Kilometer hinab in Richtung Morteratsch geht. Pünktlich und genau vor dem einsetzenden Regen erreiche ich unseren Zeltplatz, werfe das Rad ins Auto und blockiere für eine unverschämt lange Zeit eine Dusche. Tschuldigung, liebe Mitcamper.

Marina ist auch schon wieder zurück von ihrer Malojapass-Fahrt (dank der etwas eigenartigen Höhenunterschieds-Messung von Strava ist sie auch die Hälfte der Höhenmeter von mir gefahren ) und kurze Zeit später findet man uns im Café Grond in Pontresina sitzend wieder, in meinem Fall mit einem vor mir stehenden, grossen Teller Wurst-Käse-Salat (garniert, versteht sich).

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